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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

27. Januar 1945 – Vor 60 Jahren wurde Auschwitz befreit:
Die persönliche Erinnerung eines Augenzeugen

 

Befreiung

Er stand alleine und blickte auf: Eine kalte, weite Landschaft lag um ihn

herum –

Leer.

Das Tor steht offen. Niemand kommt hindurch. Es gibt hier niemanden.

Leer.

Planet Auschwitz – Der Feuerball, in den er eingetaucht wurde – er liegt jetzt verloschen, kalt, und er steht darauf – allein. Nur er alleine – ein Überrest.

Der Boden erstreckt sich vor ihm, als wäre er mit erkalteter Lava bedeckt – tot. Es gibt hier keine lebende, atmende Seele mehr. Gott hat dieses Land verflucht; sogar der Teufel hat sich davongemacht.

Weit und breit reihen sich die Blöcke aneinander – tote steinerne Terrassen. Inmitten der Blöcke, unter den Haufen der Skelette, die sich über dem Boden türmen, bewegt sich hin und wieder ein vergessenes Opfer; langsam, taub und sprachlos, es bewegt seinen Oberkörper, rutscht zwischen den Leichen umher – ein lebendiger Überrest einer Welt, die hier in vergangenen Tagen existiert hat.

Eine ruhelose Welt!

Jetzt bedeckt eine leblose Leere diesen Ort, so als ob das Meer mitten in seinem Wüten gefroren wäre.

Alle Tore, alle Lager in Auschwitz stehen weit geöffnet. Niemand tritt durch sie hinein; niemand tritt durch sie hinaus. Es gibt hier niemanden mehr. Die weiße Landschaft liegt verängstigt in den offenen Durchgangstoren.

Er wünschte, er könnte es hinausschreien: Befreiung! Wir sind befreit worden...

Wo ist die Befreiung?

Wie die Reste einer Arche eines ausgegrabenen Tores, wo man nicht weiß, welche ihrer beiden Seiten als Eingang und als Ausgang diente –

genauso ist es auch hier, man weiß nicht, auf welcher Seite des offenen Tores die Befreiung liegt. Hier bist du, stehst hier, am Fuße des Berges aus Asche, als ob du zum Ursprung deiner Liebsten und Nächsten zurückgekehrt wärst. Hinter dir liegt Auschwitz – tot, verängstigt, verlassen.

Versuche erst gar nicht, hier jemanden zu finden, weil du hier niemanden finden wirst. Ganz sicher nicht. Sie alle, sie sind alle hier! Hier, auf dem Berg von Asche! Hier hast du sie gefunden. Tag und Nacht ging deine Seele hinaus zu ihnen; sie waren deine einzige Hoffnung. Sie wurden dir entrissen – und hier, wieder einmal, stehst du an ihrer Seite. Du stehst ihnen in Augenhöhe gegenüber – hier sind sie alle, jeder einzelne von ihnen. Du hast sie gefunden, weil du befreit wurdest.

Wo ist diese Befreiung? – Auf welcher Seite des offenen Tores?

Das Krematorium ist zerstört. Beängstigend. Die eisernen Tore des Ofens stehen weit offen und sie sind kalt. Die lange Schaufel lehnt verträumt an der Ecke des schwarzen Loches des Krematoriums. Vor nicht langer Zeit wütete alles hier in der kochenden Brühe von Auschwitz. Wie ein Ozean, der sich zu gigantischen sturmumtobten Höhen auftürmt, so brachen über dich Tag und Nacht turmhohe Wellen der Angst herein. Jetzt liegt alles still. Die lange eiserne Ofen-Schaufel, die wie die eines Bäckers verwendet wurde, lehnt idyllisch an der Ecke des Ofens. Die Tore des Ofens und des Krematoriums – sie sind nichts weiter als stilles, erkaltetes Eisen.

Die Böen des Windes verfangen sich in den Reihen des Stacheldrahtes. Die gleichen Reihen von Draht, die elektrisch geladen waren. Jetzt berührst du sie mit deinen Händen – auf beiden Seiten. Sie halten nicht länger jemanden gefangen oder befreien jemanden. Es gibt weder ein Innen noch ein Außen. Sie sind jetzt alle hier – inmitten des Berges aus Asche.

-          Meine Geliebten! Wir sind befreit worden! - -

Er warf sich auf sie. Er umarmte sie. Er drückte sie an sein Herz. Er lag ausgestreckt auf dem Berg und seine Arme versanken tief in der Asche.

Meine Geliebten! Wir sind befreit worden! -

Hinter ihm lag Auschwitz – so still wie ein Stein. Er schrie. Er hörte eine Stimme und schreckte davor zurück, sich umzudrehen: Es war seine eigene Stimme, die ihr Echo aus weit abgelegenen Lagern zurück warf.

Er erhob sich von der Asche; seine Augen blickten umher: Er war die einzige einsame Person an diesem Ort, der seine Stimme so erheben konnte, dass sie ein Echo warf. Er wusste: Der Planet Auschwitz war innerhalb seiner Augen erfroren, bevor er sich in Stein verwandelt hatte. Und er war der einzige an diesem gesamten Ort, dem es gestattet war, jene Augen mit sich hinaus zu nehmen.

Die Tore des Lagers standen offen.

Er verließ diesen Ort.

--- und mit ihm gingen die stillen Blöcke von Auschwitz und die Haufen der Skelette, die sie enthielten, gemeinsam mit den herunter gekommenen Appellplätzen und den diese umgebenden mit Stacheldraht bewehrten Mauern -

Und der Berg aus Asche geht vor ihm und zeigt ihm seinen Weg.

Er ging - -

Und mit ihm ging das Umland von Auschwitz und das Echo seines Schwures schallte von allen Seiten zurück:

- Auf Deiner Asche, die ich mit meinen Armen umschließe, schwöre ich, Deine Stimme zu sein – Deine wie auch die des stillen untergegangenen Lagers. Ich werde nicht ruhen, Deine Geschichte zu erzählen, bis der letzte Atem meinen Körper verlassen hat, so helfe mir Gott. Amen.

Er verließ diesen Ort-

Alleine.

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Der Schriftsteller Yehiel Dinur (1917-2001), der unter dem Pseudonym K. Zetnik ("Konzentrationslager-Insasse") schrieb, und ein Überlebender von Auschwitz war, war auch einer der ersten israelischen Autoren, der über den Holocaust schrieb. Er glaubte daran, dass seine Aufgabe nach dem Krieg darin bestand, zukünftigen Generationen über die Schrecken zu berichten, die er miterlebte und eine Stimme für die Millionen von Opfern zu sein.

Er wanderte nach Israel aus und sagte als Zeuge beim Eichmann-Prozess im Jahre 1961 aus. Eine ganze Generation von Israelis erfuhr praktisch aus seinen Büchern vom Holocaust: "Salamandra" (1946); "Haus der Puppen" (1953); "Die Uhr: Geschichten aus der Zeit des Holocaust" (1960); "Piepel" (1961); "Stern der Asche" (1966); sowie "Phoenix über dem Gallil" (1966).

Aus : "Kochav ha-efer" ("Stern der Asche"), Tarmil, Verteidigungsministerium, 1966 (in Hebräisch), Seiten 102-106.

Keren Hayesod 26-01-2005

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem