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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Französische Juden und ihre besondere Form der wirtschaftlichen Wanderschaft:
Die "Boeing Aliyah"

Von Delphine Matthieussent, The Jerusalem Post, 9.12.2004

Die zunehmende Einwanderung aus dem wohlhabenden Frankreich hat zu einer merkwürdigen Art von Pendlern geführt, die ihre Familie in Israel haben und ihren Job in Frankreich behalten.

Während er zwischen seiner Mutter und seinem Onkel steht, gießt der 17jährige Alexis Haddad Wein in den Kiddusch-Becher und beginnt zögerlich Kiddusch zu sagen, das Gebet, das zu Beginn des Shabbat und des Festessens gesagt wird und das für gewöhnlich vom Familienältesten rezitiert wird.

Doch seit über einem Jahr hat der Teenager den Kiddusch selbst gesagt, außer an jedem vierten Wochenende im Monat, wenn sein Vater, Patrick, aus Frankreich nach Hause zurückkehrt, wo er nach wie vor arbeitet, auch nachdem seine Familie nach Israel gezogen ist. Er ist Teil eines sich breitflächig entwickelnden Phänomens, das sich hier im Land nach der Zunahme der Einwanderung aus Frankreich in den letzten Jahren entwickelt hat.

Über 10 Personen sind in Haddads hell erleuchtetem Appartement in der Jerusalemer Har Homa-Wohngegend zum abendlichen Freitag-Essen zusammengekommen. "Lächle", sagt William Khalifa erheiternd zu seinem Neffen. "Es ist sehr wichtig zu lächeln." Der großgewachsene aber noch mit einem jugendlichen Gesicht versehene Teenager sagt die Gebete und die Gesänge auf, wobei er von Khalifas aufheiternden Bemerkungen einige Male unterbrochen wird.

"Wenn ich hier keinen vernünftigen Job finde, dann werde ich auch nach Paris zurückgehen, wie Patrick. Ihr werdet hier wie zwei Witwen leben", sagt Khalifa mit einem Lächeln und sieht dabei seine Frau Carole und seine Schwägerin Sylvie Haddad an.

Patrick Haddad arbeitet als Radiologe in Frankreich und besucht seine Frau einmal im Monat für etwa vier oder fünf Tage. Die Haddads zogen aus Frankreich mit ihren beiden Kindern, Alexis und Lorraine, sie ist 20 Jahre alt, im August 2003 nach Israel, denen die Khalifas im August dieses Jahres folgten. Nach einigen Monaten erschöpfender wöchentlicher Reisen nach Israel, in denen er am Freitagmorgen ankam und Sonntagabend wieder abreiste, hat Patrick die Zahl seiner Besuche eingeschränkt.

Der Fall Haddad ist nicht allein: Viele französische Olim, fast alle von ihnen sind Männer, behalten ihre Jobs in Frankreich und pendeln nach Israel, manche von ihnen bis zu einmal in der Woche. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage in Israel und den Hürden, die bis zur vollen Integration zu überwinden sind, haben diese Olim einen modernen Kompromiss geschlossen, der sie zu einer weiteren Gruppe von "globalen Nomaden" werden ließ. Aber wegen des oft schmerzlichen emotionellen Preises, den ihre Familien dafür bezahlen müssen, betrachten sie ihre Situation lediglich als zeitlich begrenzte Lösung.

"Sie haben eine postmoderne Lösung angesichts der herrschenden wirtschaftlichen Krise in Israel gefunden, die durch den gegenwärtigen Kriegszustand und den Niedergang in der High-Tech-Industrie verursacht wurde", erklärt Erik Cohen, ein Experte für Juden aus Frankreich an der Bar-Ilan Universität für Erziehung. "Es ist heute leichter und billiger von Paris nach Tel Aviv zu fliegen als vor 20 Jahren, wo es teurer war, von Paris nach Nizza zu reisen."

Nach Angaben der Jewish Agency und Unifan, der Fördergruppe für Olim aus Frankreich, stellen diese Einwanderer, die ihre Arbeitsplätze in Frankreich behalten haben, eine "nicht vernachlässigbare Zahl" aller französischen Olim dar. Arie Azoulay, Vorsitzender des Aliyah-Komitees der Jewish Agency, schätzt, dass 10 Prozent aller französischen Olim nach wie vor in Frankreich arbeiten. Andere Quellen nennen höhere Zahlen. Sylvie Zouari, die ein Programm des Eingliederungsministeriums für neue französische Familien in Netanya leitet, sagt, dass die Ehemänner von mindestens 30 % dieser Familien ihren Arbeitsplatz in Frankreich behalten haben.

Für Dr. Israel Feldman, ein Psychoanalyst, der die französischen Olim im Rahmen des gleichen Programms psychologisch betreut, trifft auf bis zu 50% von ihnen der Begriff "Boeing Aliyah" zu – eine Bezeichnung, die sich entwickelte, um jene Familie zu beschreiben, in denen er Ehemann ein Pendler nach Frankreich ist.

"Es ist eine Qualitäts-Aliyah: Sie kommen aus einem reichen Land und es fällt ihnen schwer, ihren gewohnten Lebensstandard aufzugeben", erklärt Feldman. Die Ehemänner lassen ihre Familien in Israel zurück und arbeiten nach wie vor in Frankreich bis sie in Israel einen Arbeitsplatz finden, der es ihnen erlaubt hier so zu leben, wie sie früher in Frankreich gelebt haben.

Haddad sagt, dass er eine traumatische Erinnerung an die Informations-Reise hat, die er und seine Frau einige Monate vor ihrer Aliyah mit seinen drei Kindern im August 2003 unternahmen. Ein mit ihm befreundeter französischer Arzt sagte Haddad, dass wenn ihn sein Sohn in Frankreich um 100 Francs (etwa 15 NIS) gebeten hat, so hat er darüber früher kein Wort verloren. Aber seit er nach Israel ausgewandert ist, war er nicht immer so einfach in der Lage, seinem Sohn NIS 100 zu geben.

Als er nach Frankreich zurückkehrte, beschloss er, den Aliyah-Prozess zu stoppen, den er mit der Jewish Agency eingeleitet hatte. Er hat sich nicht erneut darum beworben, auch wenn seine Frau und seine Kinder jetzt bereits israelische Bürger sind.

"Ich erkannte, dass wenn ich mich dazu entschließen würde, Aliyah zu machen, es für mich zu lange dauern würde, die Sprache zu erlernen, meine entsprechenden beruflichen Zulassungen zu erhalten und genügend Geld zu verdienen. Ich möchte nicht, dass unsere Aliyah aus wirtschaftlichen Gründen scheitert", erklärt Haddad.

Aber es gibt einen emotionellen Preis, den er für den Wohlerhalt seiner Familie bezahlen muss: Haddad sagt, dass er sich leer fühlt wenn er nicht bei seiner Familie in Israel ist. "In Paris wache ich am Morgen auf und ich bin alleine, ich gehe abends ins Bett und ich bin wieder alleine. Ich lebe in einer Art von ständiger Bereitschaft – mein wirkliches Leben ist in Israel."

In Fall von Jean-Luc Benzimra, 48, der in Frankreich als Bereitschaftsarzt zwei Wochen im Monat arbeitet, wird die Härte, von der Familie entfernt zu leben, durch seine intensive Arbeitswoche etwas aufgefangen: Er arbeitet täglich zwischen 12 bis 18 Stunden, sechs Tage in der Woche, um den restlichen Monat bei seiner Familie bleiben zu können. Seine Frau Daniel ist ebenfalls Ärztin, sagt, dass es für ihn nicht immer leicht ist, bei ihren Eltern in Paris leben zu müssen.

"Vor wenigen Jahren konnte ich mir nicht einmal im Traum vorstellen, dass es meinem Mann möglich sein würde, 15 Tage im Monat im Haus meiner Eltern in Paris zu wohnen", sagt die 42jährige elegante Frau. "Wenn man sich das einmal wirklich vorstellt, dann ist es eine verrückte Situation. Wir haben die Dinge akzeptiert, weil anders unser gesamtes Leben in Israel zusammenbrechen würde."

Die Benzimras, die in einer schönen Wohnung in Ra'anana leben, machten von Nizza im Jahre 1997 mit ihren drei Kindern Aliyah. Daniel fand als Ernährungsspezialistin recht schnell eine Arbeit, aber Jean-Luc wollte statt Medizin in den Finanzsektor wechseln. Nachdem er in einer Bank gearbeitet und sogar seine eigene Firma gegründet hatte, entschloss er sich letzten Endes dazu, wieder in Frankreich zu arbeiten.

Diese Männer, die in Frankreich arbeiten und ihre Familie in Israel haben, leben in einem "Zwischenzustand" – zwischen Frankreich und Israel, zwischen Arbeit und Familie, erklärt Cohen.

Doch, fügt er hinzu, seinem Partner treu zu bleiben, ist oft das häufigste unausgesprochene Problem.

Sie sind oft Doktoren, Rechtsanwälte, gut verdienende Freiberufler. Sie leben meist in großen, anonymen Städten, sie sind oft wochenlang alleine. "Sie können treffen, wen immer sie wollen", sagt Cohen. "Heute ist es einfach. Wenn sie ihren Ehefrauen treu sind, dann müssen sie Wege finden, sich vor der Versuchung zu schützen. Deshalb verwandeln einige von ihnen ihre Wohnung in Frankreich zu einem gigantischen Büro und sie werden zu Workaholics. Sie stehen vor einer riesigen soziologischen und psychologischen Herausforderung."

Daniel erinnert sich daran, wie einige ihrer Freunde, als Jean-Luc begann, in Frankreich zu arbeiten, ihr dazu rieten, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Einige von ihnen sagten sogar, dass seine Gründe zu gehen, anderer als nur wirtschaftlicher Natur seien.

"Es ist wahr, dass diese Zeit oft Ehepaare auf die Probe stellt. Wenn die Beziehung bereits auf dem Prüfstand steht, dann fügt die Trennung weitere Spannung hinzu", sagt sie.

"Aber wenn die Ehepaar stark ist, kann es durch die Herausforderung gestärkt werden. Nicht immer zusammen zu sein, ist die beste Medizin gegen die alltägliche Routine. In unserem Fall funktioniert es: Wenn Jean-Luc nach Hause kommt, dann ist das eine große Party für die ganze Familie."

Die Abwesenheit des Vaters ist besonders für die Kinder schwer zu ertragen, wie Daniel eingesteht, wie für die fünfeinhalbjährige Lisa. Das lebhafte dunkelgelockte Mädchen zeigt stolz auf ihr "Papa-Lisa", ein graues T-shirt, das ihrem Vater gehört und das sie die ganze Zeit bei sich behält. Vor einigen Monaten litt ein kleines Mädchen unter psychosomatischen Störungen und hatte diese Beschwerden immer dann, wenn ihr Vater weg war, sagt Daniel.

Aus psychologischer Sicht kann die Abwesenheit eines Vaters die ganze Familie zerstören, besonders Jungen im Teenager-Alter können sehr aggressiv werden, sagt Feldman.

"Väter fühlen sich oft schuldig, wenn sie ihre Familien alleine lassen müssen; Kinder werden aggressiv und setzen ihre Mütter unter Druck, die sich wiederum gegen ihre Ehemänner wenden, weil diese nicht da sind, um ihnen beim Aufziehen der Kinder zu helfen. Diese psychologischen Störungen können zur Scheidung führen, wenn sie nicht behandelt werden", sagt er.

Sylvie Haddad sagt, dass das Glücksgefühl, die sie und ihre beiden Kinder haben, wenn Patrick bei ihnen in Jerusalem ist, ist auch immer etwas getrübt.

"Wenn er zurückkommt, für gewöhnlich am Freitag gegen fünf Uhr morgens, dann sind wir alle wach für ihn. Und dann versuchen wir, so viel wie möglich bei ihm zu sein, aber die Zeit rinnt schnell dahin. Wenn er ankommt, dann denken wir bereits daran, wie es ist, wenn er wieder abreisen wird", erklärt Sylvie, eine zarte 42jährige Frau mit sanfter Stimme.

"Am Samstagabend beginnen wir uns traurig zu fühlen. Am Sonntagnachmittag fahre ich ihn zum Flughafen und er steigt aus während ich im Auto bleibe. Anders schaffe ich das nicht. Und auf der Rückfahrt versuche ich nicht zu sehr zu weinen, damit ich die Strasse noch sehen kann", sagt sie.

Doch viele von jenen, die ein solch getrenntes Leben führen, sagen, dass sie diese Entscheidung zugunsten der Zukunft ihrer Kinder getroffen haben.

"Es gibt für junge Juden keine Zukunft in Frankreich. Sie stecken zwischen dem jüdischen Ghetto und den öffentlichen Schulen", erklärt Jacques Benhamou, 43, ein Zahnchirurg.

Benhamous Frau und ihre drei Kinder machten im Oktober 2002 Aliyah. Er behielt seine Praxis in einer kleinen Stadt in der Normandy und zweimal im Monat verbringt er drei bis vier Tage mit seiner Familie in Ra'anana.

Brigitte Guedj erklärt, dass sie und ihr Mann, Claude, fühlten, dass sie keine andere Wahl hatten, als nach Israel zu ziehen, wenn sie ihr jüdisches Erbe an ihre Kinder vermitteln wollten.

Sie lebten in Limoges, eine kleine Stadt in der Mitte von Frankreich mit einer abnehmenden jüdischen Bevölkerung. Brigitte erinnert sich daran, dass manchmal nicht genügend Männer für einen Minjan in der Synagoge vorhanden waren. Sie und ihr Mann machten im August 1998 Aliyah, aber, so sagt sie, wenn es nur nach ihr und Claude gegangen wäre, dann wären sie in Frankreich geblieben.

"Wir waren realistisch als wir gingen. Mein Mann sah sich nicht einmal nach einem Job in Israel um. Wie hätte er auch? Er hat keine akademische Ausbildung. Er konnte weder Hebräisch noch Englisch. Wir taten es nur für unsere Kinder; aber ich sehe es nicht als ein Opfer an. Sie haben die Möglichkeit, ihren Platz in Israel zu finden und für uns wird dies die größte Belohnung sein."

Doch, so sagt sie, die Aussicht, in einigen Jahren, wenn er pensioniert wird, wieder mit ihrem Mann zusammen zu leben, veranlasst sie, durchzuhalten.

Wie Brigitte sehen viele französische Einwanderer das Leben als "Boeing Aliyah" als einen notwendigen, aber zeitlich begrenzten Schritt an.

"Dies ist keine Art eine Familie zu gründen, die meiste Zeit voneinander getrennt zu sein", sagt Daniel Benzimra. "Wenn es nicht die Hoffnung gäbe, dass Jean-Luc eines Tages ein erfolgreiches Unternehmen in Israel beginnen kann, dann wären wir bereits nach Frankreich zurückgegangen."

Ya'acov Am-Shalem, Direktor des französischen Aliyah-Programmes für das Eingliederungsministerium, glaubt, dass als Folge der wirtschaftlichen Erholung im Land die französischen Einwanderer sich allmählich auf dem israelischen Arbeitsmarkt zurechtfinden werden. "Die wirtschaftliche Krise liegt hinter uns. Es wird nicht lange dauern, bevor sie hier ihre Unternehmen gründen werden. Es ist einfach eine Zeitfrage", sagt er.

Sylvie Haddad hofft, dass dieser Zeitpunkt so schnell wie möglich eintreten möge. "Ich weiß nicht, wie lange dies noch so weitergeht", sagt sie. "Aber ich weiß, dass wir nicht unser ganzes Leben so weiterleben können – getrennt voneinander."

Keren Hayesod 11-12-2004

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem