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Die erfolgreiche Eingliederung
äthiopischer Einwanderer in Israel am Beispiel von Yardena Fanta:
"Mir wurde
nichts geschenkt"
Zwischen dem 21.
November 1984 und dem 5. Januar 1985 wurden im Rahmen der Operation Moses
etwa 8,000 äthiopische Juden in einer wagemutigen Luftbrücke nach Israel
gebracht. Diesem Unternehmen folgte im Jahre 1991 die Operation Solomon,
mit der weitere 14 000 jüdische Menschen ins Land kamen. Viele dieser
Einwanderer mussten den gewaltigen Sprung von ihrer traditionellen
Agrar-Gesellschaft in die moderne technologische und demokratische Welt
bewältigen.
In den vergangenen
Jahren hat der Keren Hayesod – United Israel Appeal eine ganze Reihe
von Eingliederungsprogrammen für äthiopische Einwanderer unterstützt. Heute
beläuft sich die Zahl der äthiopischen Gemeindemitglieder in Israel auf etwa
85000. Viele von ihnen können von ihrer Erfolgsgeschichte berichten. Aber es
bleibt noch viel Arbeit zu tun.
Anlässlich des 20.
Jahrestages dieser Luftbrücke - Operation Moses – stellt Ihnen, liebe
Freunde, die Keren Hayesod Website eine Reihe von äthiopischen Einwanderern
vor.
Bis zum Alter von
13 Jahren hatte Yardena Fanta niemals eine Schule besucht. Heute studiert
sie für ihren Doktortitel in Erziehung an der Tel Aviv Universität und
stellt die Einstellung jener in frage, die nicht lesen und schreiben können.
"Alles, was ich heute bin, ist das Ergebnis meiner eigenen Arbeit", sagt
sie.
"Ich habe nichts
gegen einfache Arbeiten und schäme mich auch nicht, jede nur mögliche Arbeit
anzunehmen", sagt Yardena Fanta. "Ich habe jede Arbeit als einen Beruf
angesehen, der Lernen und Ausbildung erfordert und da beziehe ich die Arbeit
einer Putzfrau mit ein."
Sie fügt hinzu, "dass
man nichts zustande bringt, wenn man die Grundlagen nicht beherrscht. Es
gibt keinen Erfolg, ohne dass man vorher selbst etwas einbringt – dieses
Motto war meine treibende Kraft. Gute Dinge zeichnen sich immer auch dadurch
aus, dass sie ein gewisses Risiko in sich tragen."
Sie studiert
gegenwärtig für ihren Doktortitel in Erziehung an der Tel Aviv Universität.
Nach ihren Worten ist die Erziehung in der Tat das wichtigste, um wirklich
einen Beitrag zu leisten und dies macht auch den Unterschied aus, wenn es
darum geht zu verhindern, dass Schüler versagen und dazu beizutragen, dass
die Entwicklung menschlicher Qualitäten und von Führungseigenschaften
gefördert wird.
Yardena war zu einer
Repräsentantin jener Studenten gewählt worden, die ihr MA-Diplom mit
Auszeichnung erworben hatten, um bei einer Versammlung zu ihren Ehren zu
sprechen. Prof. David Chen, der damalige Leiter der Erziehungsfakultät,
wurde auf sie aufmerksam, war von ihr beeindruckt und bot ihr an, sein
Forschungs- und Lehrassistent zu werden. Seitdem arbeitet sie an der
Universität.
Yardena: "Er stellte
mich nicht an, weil ich äthiopischer Herkunft bin, sondern wegen meiner
Leistungen. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man Hindernisse als
Gleichberechtigte überwinden kann. Alles was ich heute bin, ist das Ergebnis
meiner eigenen Arbeit."
Wir trafen Yardena, um
mehr über den Inhalt ihrer Doktor-Arbeit zu erfahren und auch zu verstehen,
wie sie es geschafft hat, innerhalb von nur viereinhalb Jahren Hebräisch zu
lernen und ihr Abitur mit guten Noten zu machen, ohne jemals zuvor in
Äthiopien eine Schule besucht zu haben.
"Ich kam im Januar
1985 in Israel an, damals war ich 13 Jahre alt. Zuerst zogen wir oft um und
für mich war dies eine schwierige Zeit, was die Schulausbildung
betrifft. Nach etwa sechs Monaten wurde ich in die 9. Klasse der Mikve
Yisrael aufgenommen und ich begann ernsthaft zu lernen."
"Es war ein Kampf
gegen viele Widerstände, da ich Tag und Nacht lernte. Ich hatte keine
Freunde und keine soziale Umgebung. Zuerst verstand ich überhaupt nichts.
Vier oder fünf Stunden Hebräisch-Unterricht pro Woche sind nicht genug und
ich musste nachholen, was ich in all den Jahren versäumt hatte. Ich lernte
in einer 9. Klasse, ohne jemals zuvor in einer Schule gewesen zu sein."
"Die größte
Schwierigkeit bestand darin, mit der hebräischen Sprache fertig zu werden
und so zu schreiben wie ein Israeli, damit ich aufschreiben konnte, was der
Lehrer sagte. Es war nicht leicht. In der Nacht borgte ich mir für
gewöhnlich Hefte von meinen israelischen Freunden, schrieb den Inhalt ab und
lernte daraus, was ich nicht verstanden hatte. Dafür hatte ich keine Zeit
für Freunde, aber das war es mir wert. Als ich an Wochenenden nach Hause
kam, brachte mir mein Bruder Rechnen und Mathematik bei – das hatte er
bereits in Äthiopien gelernt. Ich saß bei ihm und machte eine Übung nach der
anderen und wir beide mussten dabei viel Geduld aufbringen."
"Erfolg bedeutet,
fortwährend etwas zu investieren. Es bedeutet, immer zu arbeiten und alles
was man tut, gut zu tun. Ich legte an der Mikve-Schule nach viereinhalb
Jahren das vollständige Abitur in allen Fächern – mit fünf Studieneinheiten
in Biologie und in landwirtschaftlichen Studien und einer ausgezeichneten
Note in Literatur."
"Wie kam es, dass
Sie an der Universität studieren konnten?"
"Mein Freund und ich
wollten an der Universität studieren, aber zu jener Zeit gab es das
Fördersystem von heute noch nicht. Es war wie das Betreten einer Wüste ohne
Strassen. Wir wussten nicht, wie oder wo wir uns einschreiben sollten. Ein
Berater an einer der Universitäten schlug vor, dass wir einen
Vorbereitungskurs belegen sollten, trotz der Tatsache, dass ich ein volles
Abitur mit guten Noten vorweisen konnte. Ich sagte zu ihr: "Lassen Sie es
mich versuchen. Verschließen Sie mir nicht die Türen, nur weil ich
Äthiopierin bin."
"Ich wollte
Kriminologie und Soziologie studieren, um zu verstehen, warum Teenager
kriminell werden. Während des ersten Jahres schrieb ich mich als
Teilzeitstudent ein, weil ich sehen wollte, was es hieß, einen Artikel zu
lesen, die wichtigsten Punkte daraus herauszuarbeiten und Arbeiten darüber
zu schreiben. Im zweiten Jahr entwickelte ich meinen eigenen Lernstil, der
mir dabei half, wissenschaftliche Artikel zu verstehen und zusammenzufassen
und die Information auch zu bewahren."
"Wie sind Sie
finanziell über die Runden gekommen?"
An Freitagen
arbeitete ich als Haushaltsgehilfin. Im zweiten Jahr hatte ich mehr
Selbstvertrauen und arbeitete im 'Perach'-Programm mit (ein
Ausbildungsprogramm, bei dem Studenten Schüler unterrichten und dafür
geringere Studiengebühren bezahlen müssen) wie auch als Bedienung, neben
meinen Jobs als Putzfrau. All das verlangte viel Hingabe und Konzentration
und wenn ich arbeite, konzentriere ich mich voll auf das, was ich gerade
tue."
"Auf dieses Weise
koordinierte ich meine Studien und meine Arbeit. Meine Studiengebühren
wurden durch Beihilfen bezahlt, ich sparte mir das Geld für ein Auto durch
den Verdienst aus meiner Putztätigkeit zusammen und mit dem Geld, das ich
durch das Perach-Programm verdiente, finanzierte ich mir meine
Englisch-Stunden. Ich verwendete das Geld, das ich durch die Arbeit als
Bedienung verdiente, für Lebensmittel, Kleidung und Reisen. Ich widmete die
Wochenenden den Studien und dafür, auf dem Laufenden zu bleiben. Nach vier
Jahren war es mir möglich, ein Auto zu kaufen, indem ich dafür das Geld
aufbrauchte, dass ich durch Putzen verdient und mir gespart hatte."
Ging das Studieren
nicht zu Lasten der Gründung einer Familie?
"Ich wollte nie vor
dem Alter von 30 Jahren heiraten. Ich wollte mir erst einen Beruf
verschaffen und die Welt bereisen. Ich hatte nie das Gefühl, dass mich
jemand zur Ehe gezwungen hätte und in der Tat ist es so, dass ich im Alter
von 31 Jahren geheiratet habe. Auch als verheiratete Frau ist es wichtig,
unabhängig zu sein – zusammenzuleben und dennoch seinen persönlichen
Freiraum zu bewahren und eine gute Beziehung zu haben. Ich bin jetzt seit
einem Jahr verheiratet und wir haben eine gute Grundlage. Ich hoffe, dass
dies auch in Zukunft so sein wird."
Was ist das
Geheimnis Ihres Erfolges?
Man muss über innere
Stärke verfügen und Ziele haben, über sein eigenes Leben
bestimmen zu wollen und nicht andere darüber bestimmen lassen. Eine Karriere
und ein eigenes Leben kommen nicht von alleine. Erfolg im Leben verlangt
eine große Menge an Willenstärke, Begeisterung, Handlungsfähigkeit, eine
Menge Mut, Hingabe und Durchsetzungsvermögen. Ich glaube, dass jeder nach
seinen eigenen Prinzipien leben und seine Träume verwirklichen sollte."
"Ich habe sowohl
Prinzipien und Träume – Ich habe diese nie aufgegeben und sie haben sich
erfüllt. Man muss darauf vorbereitet sein, sich anzustrengen, die Härten des
Lebens zu überwinden, und das zu erreichen, was man erreichen will. Wenn
dies gelingt, so hat man das Gefühl, dass man die ganze Welt erobern kann,
weil man sein Leben unter Kontrolle hat."
"Ich habe nichts
umsonst bekommen; alles beinhaltete viel harte Arbeit, Durchsetzungsvermögen
und Beharren auf meine Ziele. Sogar heute, wo ich für meinen Doktortitel
arbeite, gibt es viele schwierige Augenblicke der Krise. Aber ich gebe nicht
auf."
"Mein Bruder war mein
Vorbild. Er studierte Elektroingenieur und schloss das Studium mit
Auszeichnung ab. Meine Eltern und Geschwister können mir finanziell nicht
helfen, aber sie bieten mir viel Liebe, Akzeptanz und Unterstützung. Sie
ermutigen mich immer dazu, dass ich mich weiter entwickeln soll ohne Druck
auf mich auszuüben oder mich zu beurteilen."
"Mein Vater sagt
immer, 'Gott bietet zwei Wege, den guten und den schlechten Weg. Dies ist
dein Leben und du musst den richtigen Weg wählen.' Meine Eltern haben zehn
Kinder und mein Vater hat immer für uns gearbeitet. Sowohl in Äthiopien wie
in Israel hat er sich niemals beklagt. Ich bin sehr von der Umgebung in
meiner Familie geprägt, die aus Liebe, Akzeptanz und Vertrauen besteht. Dies
ist eine Grundlage, auf der man viele Dinge im Leben aufbauen kann."
Das Thema ihrer
Master-Diplomarbeit hieß "Ausbildungserfolge auf den Gebieten der
Wissenschaft und Technologie unter Schülern äthiopischer Herkunft". Was
waren Ihre Ergebnisse?
"Ich wollte verstehen
und begreifen, warum die Leistungen der Schüler aus Äthiopien in den
Bereichen der Wissenschaft und Technologie so niedrig lagen. Ich fand
heraus, dass es, obwohl es auch einige Gründe gab, über die wir keine
Kontrolle hatten, andere Ursachen vorliegen, die wir verändern können, wie
zum Beispiel das Verhalten in den Familien und in den Schulen."
"Die Ergebnisse der
Untersuchung machten deutlich, dass Kinder von arbeitenden Eltern, die ihre
Kinder unterstützen und ermutigen, auch wenn es ihnen selbst an Ausbildung
mangelt, als Vorbilder dienen und in den Kindern hohe Selbsterwartung und
ein Gefühl der Selbstsicherheit entstehen lassen. Sogar in Schulen in sozial
benachteiligten Wohngegenden kommt es auf die Lehrer an, dass sie an die
Fähigkeiten ihrer Schüler glauben erfolgreich sein zu können. Dies verstärkt
deren Aussichten, in wissenschaftlichen und technologischen Fächern
erfolgreich zu sein."
"Andererseits haben
Kinder, die von ihren Familien nicht unterstützt und gefördert werden,
geringere Aussichten, erfolgreich zu sein. Der Grund, dass nur eine kleine
und isolierte Zahl von äthiopischen Gemeindemitgliedern in
wissenschaftlichen und technologischen Fächern erfolgreich ist, liegt nicht
an deren Mangel an Fähigkeiten oder niedriger Bereitschaft, sondern mehr an
den Bedingungen ihrer Umgebung. Sowohl Eltern wie die Schule wirken sich
ernorm auf die Lernbereitschaft und auf das aus, was man von sich erwartet."
Worauf bezieht sich
Ihre Doktorarbeit?
"Ich
untersuche die technische Denkfähigkeit von Menschen aus verschiedenen
Kulturen, die weder lesen noch schreiben können. Die Studie basiert auf
einem Vergleich zwischen bestehender wissenschaftlicher Literatur über
verschiedene Kulturen aus der ganze Welt und Studien, die in Israel unter
der äthiopischen Gemeinschaft durchgeführt wurden."
"Die Untersuchung
basiert auf Gesprächen, Tests und Aufgaben, die 50 Männern und Frauen im
Alter zwischen 40 und 60 Jahren gestellt wurden. Ich bin mit der
Untersuchung noch nicht fertig, aber es scheint so zu sein, dass es auch
unter den Analphabeten einige Personen gibt, die eine hohe Lern- und
Denkbereitschaft aufweisen. Dies ist ein weltweites Problem."
"Es scheint so zu
sein, dass das Leben in ländlichen Dörfern komplexe Fähigkeiten wie
Initiative, Kreativität, und die Fähigkeit verlangt, unter schwierigen
Bedingungen zu planen und Probleme zu lösen. Die Entscheidungen müssen über
den Zustand des Bodens und der Ernte, die richtigen Vorgehensweisen,
Zeitabläufe etc. gefällt werden. Hier wiederum arbeiten die Menschen in
Fabriken und erhalten ein monatliches Gehalt. In ländlichen Gebieten wird
von dem Bauern verlangt, voraus und weitsichtig zu planen."
"Die Früchte seiner
Arbeit werden zu einem späteren Zeitpunkt geerntet und hängen sehr von
seinen Fähigkeiten ab. In der modernen Welt, und besonders in Israel, gibt
es eine Tendenz, Analphabeten als Menschen ohne Fähigkeiten und Grundlagen
zu betrachten, als ob sie eine blanke Tafel wären."
"Erste Ergebnisse
verweisen darauf, dass wir den Anfangspunkt der Begegnung anders ansetzen
müssen und auch die Einstellung der Eingliederer gegenüber der jenen, die in
die israelische Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Es sollte
ein besonderes Ausbildungsprogramm entwickelt werden, das auf ihren
vorhandenen Kenntnisstand aufbaut und auf ihre Fähigkeiten, die sie in ihren
Dörfern entwickelt haben, um diese Menschen zu produktiven Arbeitskräften zu
machen und sie auf diese Weise zu persönlichen Vorbildern für ihre Kinder zu
machen."
Keren Hayesod 03-11-2004
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