Die General-Versammlung der Jüdischen Bundes-Verbände von
Nord-Amerika ist in jedem Jahr ein beeindruckender Ausdruck der
jüdischen Solidarität – und in diesem Jahr mehr als je zuvor. Die etwa
3500 Repräsentanten der Jüdischen Gemeinden begannen ihre Diskussionen
mit einem gefühlsbetonten Gruß und Beileidsausdruck für die Opfer des
11. September. Obwohl nur etwa 70 % von jenen teilnahmen, die eingeladen
worden waren, stellten sie angesichts der gegenwärtigen Umstände doch
eine beeindruckende Teilnehmerzahl dar.
Die Amerikanischen Juden erlitten, wie alle Amerikaner, am 11.
September eine nur schwer zu bewältigende traumatische Erfahrung. Sie
sind immer noch damit beschäftigt, diese zu verarbeiten, sich an die
neue Realität zu gewöhnen, die sich wiederum permanent und schnell
verändert – und bei der Eröffnung der Versammlung schien es erneut so zu
sein, als hätte diese neue Realität mit voller Wucht zugeschlagen.
Wenn man nach den Ergebnissen einer kürzlichen Umfrage des jüdischen
Wochenmagazins "Vorwärts" geht – und was auch bei der Eröffnung der
Versammlung deutlich wurde – so sehen sich amerikanische Juden in ihrer
Trauer, ihrem Schock und ihrer emotionellen Unterstützung für ihr
kürzlich angegriffenes Land als ein integrierter Teil des riesigen,
pluristischen menschlichen Mosaiks, das die Gesellschaft der USA
kennzeichnet und bestimmt. Etwa 74 Prozent der Befragten sagten, daß sie
sich "der amerikanischen Identität näher fühlen" als Folge des Angriffe
vom 11. September.
Neben dem Anstieg der patriotischen Gefühle zeigte die Umfrage auch,
daß unter den amerikanischen Juden ein verstärktes jüdisches
Identifikationsgefühl zu verzeichnen ist. Diese beiden Gefühle scheinen
einander zu unterstützen, dies geht sogar soweit, daß über 90 Prozent
der Befragten antworteten, daß ihre amerikanische und jüdische Identität
vereinbar seien und keinen Konflikt verursachen würden. "Amerikanische
Juden reagierten auf den Angriff vom 11. September mehr als Amerikaner
denn als Juden," lautet die Schlußfolgerung von Professor Steven M.
Cohen, der diese Umfrage durchführte. "Dies sind Juden, die sich in
ihrer amerikanischen Art zuhause fühlen," sagte Cohen, der dies als
Zeichen von Reife und Selbstvertrauen wertet.
Die Umfrage zeigte auch, daß die Unterstützung der amerikanischen
Juden für Israel als Folge der schrecklichen Erfahrung, die sie
durchmachen mußten, gestärkt wurde. Und dies trotz des Argumentes, nach
dem viele Amerikaner meinten, daß die Unterstützung der USA für Israel
das Motiv für die Terror-Angriffe auf New York und Washington war. Was
die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern
betrifft, so zeigt sich – und das ist nicht überraschend -, daß die
Meinungen der amerikanischen Juden ebenso verschieden sind wie die ihrer
Brüder und Schwestern in Israel.
Dennoch: Neben ihrem Selbstvertrauen, das fest eingebettet ist in
einer Haltung von Solidarität und Zugehörigkeit, gibt es eine zunehmende
Wachsamkeit unter vielen amerikanischen Juden, die noch verstärkt wird
durch die Betroffenheit über den Ausbruch von ethnischen, religiösen und
politischen Empfindlichkeiten und Spannungen, die in der amerikanischen
Gesellschaft nach dem Terror-Angriff und dem Beginn des Gegen-Angriffes
der US-Regierung gegen Osama bin Laden und seinen Komplizen deutlich
wurden. Diese Wachsamkeit ist angebracht, genauso wie eine höchst
wachsame jüdische Führungs-Persönlichkeit von Rang nötig ist, um der
jüdischen Gemeinschaft der USA den richtigen Weg zu weisen.