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Israel Update

Arafats Krieg

Von Fouad Ajami Wall Street Journal, 29. März, 2002

Die arabischen Teilnehmer des Gipfeltreffens in Beirut waren gerade auf ihrem Weg zum Abendessen, als ein junger Mann aus der Stadt Tulkarm in der West Bank den schrecklichen Anschlag in Netanya verübte, der als „Pessach-Massaker“ bekannt wurde. In einem Land, in dem schon viel  Blut geflossen ist, war dies eine Tat, an die man sich noch in vielen Jahren erinnern wird.

Der Mann aus Tulkarm schlug innerhalb des israelischen „Kernlandes“ zu, hinter der „Grünen Grenze“, weit weg von den israelischen Siedlungen auf der West Bank und den künstlichen Grenzlinien in Jerusalem. Aber in diesem Land ohne klare Front-Linien, ist das ganze Land ein umkämpftes Land: Dies waren zionistische „Eindringlinge“ gewesen, die der Terrorist aus Tulkarm ermorden wollte. Er hatte den „Märtyrertod“ gewählt, und die Ethik seiner Welt, die Kultur seiner nationalen Bewegung hatte ihm die Rechtfertigung für diese schrecklichste aller Taten geliefert.

Kultur der Aufhetzung

Der Mann aus Tulkarm war nicht aus dem Himmel herab gestiegen: Er kam direkt aus der Kultur der Aufhetzung heraus, die auf das Land losgelassen worden war, eine Gefahr, die über Israel schwebt, die große palästinensische und arabische Ablehnung, das Land in Ruhe zu lassen und es ihm zu ermöglichen, seinen Platz unter den Nationen einzunehmen. Er war Teil der Kultur um ihn herum – die Freude, die solche brutalen Terror-Anschläge hervorrufen, der Kult, der um die Märtyrer und ihre Familien entsteht.

Umm al-shahid (die Mutter des Märtyrers), so wird seine Mutter von jetzt an genannt. Abu al-shahid, so wird nun der Vater genannt. Ehrliche Männer und Frauen werden nach ihm rufen und ihn als einen der ihren behandeln, klügere Menschen werden sich ausweichend äußern, aber dann sagen, dass der gute Junge aus Tulkarm zu seiner Tat bis hierher, den ganzen Weg nach Netanya, durch die israelische Besetzung der West Bank und Gaza verleitet wurde.

Die Führer der palästinensischen Autorität, vor allem Yasser Arafat, die Gestalt im Zentrum dieses grausamen Wirbelwinds, werden eine lauwarme Verurteilung herausgeben und dann die Welt wissen lassen, dass der „bewaffnete Kampf“ und die Shahids, die Märtyrer, glorreiche Kapitel in den Analen der Geschichte der nationalen Bewegung schreiben würden. Blut ruft schreckliches Leid hervor, und eine nationale Bewegung, die sich ihrer eigenen Vergiftung unterwirft, wird in ihrer eigenen Radikalität untergehen.

Durch Unterlassung und als Auftraggeber nährt Arafat diesen Kult des Terrors, diese Seuche. In dieser Zeit des Tötens zeigt sich bei Arafat eine merkwürdige und beunruhigende Eigenschaft: Er ist in seinem Element, er liebt die „Belagerung von Ramallah“, er blüht auf angesichts all der berühmten Menschen und den Vertretern der Medien und der Diplomatie, die mit ihm sprechen wollen, er sieht den Krieg, den er damals im September 2000 entfachte, als seinen besten Moment an.

Er hatte nie vor zu regieren oder etwas aufzubauen; er hat diese Qualitäten nie in sich gehabt. Er liebt die Tat des Brandstifters, es ist eine Fähigkeit, die er in Jordanien und im Libanon vor Jahren perfektionierte, eine Einstellung, die er mit nach Israel und in die palästinensischen Gebiete brachte, als ihn die Israelis 1993 vor dem Bankrott und der Schande bewahrten und ihm seinen Boden bereiteten, eine „Partnerschaft“ gewährten, um die Probleme zu beenden.

Die erste Intifada im Dezember 1987 war wie ein Ausbruch über das Land gekommen. Er war damals in Tunesien gewesen, bereits abgeschrieben als eine Figur der Vergangenheit und im Exil. Der zweite Krieg war sein eigener gewesen: Er beansprucht diesen für sich. Und durch all die schrecklichen Taten, trotz Arafats Täuschungen, konnte man seine Methode und seine Absicht erkennen: Er hatte sich genau entlang Israels eine recht wirkungsvolle Kriegs-Maschinerie aufgebaut. Arafat führt einen grausamen Krieg; er zielt auf Israels Seele, er will sie niederringen.

Er hat Ehud Barak zu Fall gebracht, einen vorbildlichen Soldaten, der Arafat im September 2000 alles angeboten hatte, was die israelische Politik zu bieten hatte und darüber einiges mehr. Arafat führt jetzt einen ähnlichen Krieg gegen Ariel Sharon. Es erfüllt ihn mit einer merkwürdigen Befriedigung, dass er zum Schiedsrichter des politischen Lebens Israels aufgestiegen ist, ihm wurde eine Machtstellung über die grossen politischen Entscheidungen Israels eingeräumt.

„Wenn ich nach Beirut gehe, werde ich ein König sein, wenn ich bei meinem Volk bleibe, werde ich ein Herrscher sein,“ rief der größenwahnsinnige Arafat gegenüber einer Menge aus, die an seinen Lippen hing. Er zeigt keine Gnade gegenüber sich selbst, er bietet ihnen eine alte verfehlte Geschichte an, eine Ernte voller Selbstmitleid. Aber in einer merkwürdigen Demonstration, wie eng die Grenzen der Vernunft in der menschlichen Geschichte sind, schart sich sein Volk um ihn herum. „Mit unserem Blut und unseren Seelen erlösen wir dich, oh Arafat,“ singt die Menge, und stellt ihn damit außerhalb jeglicher Verantwortung für Gewinne oder den Ruin.

Ihm wurde der eigene Staat vor etwa 18 Monaten angeboten. Er lehnte dies ab und setzte damit Geister von uneinschätzbaren Kräften frei: Das Recht auf Rückkehr, den Anspruch nicht nur auf die West Bank und Gaza, sondern auch auf Jaffa und Haifa und Galiläa, und dies in einer Art, die darauf hinauslief, was von seinem Volk und von den Arabern über die eigenen Grenzen hinaus verstanden wurde: als Angriff auf Israels Existenzrecht und Bestand als Staat.

Ein alter und ebenso radikaler Weggefährte in Arafats Umgebung, Farouk Kaddoumi, ein Mann, der sich gerne mit Titeln schmückt und sich als Außenminister von Arafat vorstellt, brachte in den letzten Tagen die Sache auf den Punkt: „Das Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge von Haifa bis Jaffa,“ sagte er am Abend des arabischen Gipfels als er sich mit dem Führer der Hisbollah (der Gottes-Partei) im Libanon traf, „ist wichtiger als die Ausrufung eines Staates.“ Damit ist die Logik der Dinge klargestellt worden: Was immer die Teilnehmer des Gipfels auch wünschten und sagten, eine fauliger Wind bläst durch die arabischen Länder, die Überzeugung, die in der breiten arabischen Vorstellung Fuß gefaßt hat, nach der Israel auf der Flucht ist, dass vielleicht das Ergebnis des Krieges von 1948 (nicht das Ergebnis des Sechs-Tage-Krieges von 1967) aus der Welt geschafft werden könnte.

Es ist schwer zu sagen, wann diese Logik entstanden ist. Es gibt eine Übereinstimmung darin, dass diese neue Meinung nach dem Rückzug Israels aus dem Libanon im Mai 2000 entstanden ist. Darin liegt auch etwas Wahrheit: Israel hat das libanesische Unternehmen eingestellt, weil es keine territorialen Ansprüche gegenüber dem Libanon hat. Aber in den „arabischen Strassen“ wurde dies als der Beginn eines breiteren Rückzuges angesehen, vielleicht als Erfüllung zum Jahrtausend, dass der jüdische Staat nicht dazu ausersehen war, zu bestehen.

Königreich der Kreuzfahrer

Araber von heute erinnern sich an die Geschichte des Königreiches der Kreuzfahrer, das im Levant entstanden war, fast 200 Jahre (1099 – 1291) bestand, dann zusammenbrach und auf der Erde seine Burgen und Brücken und Ruinen zurückließ. Für zahllose Araber spielt sich in bezug auf Israel dieses geschichtliche Drama erneut ab – die örtlichen Aufstände, das Gewicht der Zahl der Bevölkerung, die Wellen der Anschläge, der religiös-politische Kult des Märtyrertums und die heilige Rache, die über den Außenseiter hereinbricht. Es ist eine Besonderheit in der arabischen politischen Realität, dass viele der Herrscher und der Geschlechter gemäßigter sind als das gemeine Volk auf der Strasse. Die Herrscher mögen die Logik der Dinge begreifen, aber das Volk wird mit seinen dunkelsten Instinkten alleine gelassen.

Die Woche, von der die Gipfel-Teilnehmer annahmen, dass sie ihnen gehören würde, wurde von dem Mann aus Tulkarm an sich gerissen, wie Abdel-Basset Odeh, ein Mitglied des „militärischen Flügels der Hamas“ in der üblichen Art dieser Mitteilungen verkündete. Er wußte den Weg nach Netanya, er würde dort ankommen; er hatte in den dortigen Hotels gearbeitet. Er kam zurück, um es jenen, die ihn beschäftigt hatten und deren Nachbarn heimzuzahlen, in der Währung aus Blut und Undankbarkeit.

Anm. d. Red.: Der Autor ist Professor an der Johns Hopkins Universität für Fortgeschrittene Internationale Beziehungen und der Autor von „Der arabische Palast der Träume“ (Vintage 1999).

keren-hayessod.de / 05-04-02