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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Zum Yom Hashoa:
28. Oktober 1943 -  Die Hölle auf Erden im Krakauer Ghetto

Es war fast Mittag des Tages als eine Gruppe von Menschen das Haus betrat. Alle trugen Stiefel. Es gab keinen Zweifel – Es waren Deutsche. Sie schrien: "Verdammte Juden, raus!" Ihre Schritte hallten durch das ganze Gebäude. Sie sind in allen Wohnungen unter uns. Wir können die Geräusche hören, wie Türen und Küchenschränke aufgerissen werden, wie Möbel verrückt werden und wie Gegenstände herumgeworfen werden. Waren sie wegen der Besichtigung des Mannes vom OD (Ordnungsdienst - Polizei) gekommen oder hatte dieses Eindringen nichts damit zu tun?

"Wo versteckt ihr euch, ihr verdammten Hunde?" Aus jeder Ecke des Gebäudes war Fluchen  zu hören. Ich schätze, dass es wenigstens sechs oder sieben Deutsche waren. Wir halten den Atem an, wenn bellende Hunde im Hof zu hören waren. Brachten sie die Hunde, um uns herauszuwittern? Wenn ja, dann ist alles verloren. Sie wissen, dass wir uns verstecken und dass wir nicht weggehen von hier, falls sie uns nicht finden. Dieser Gedanke jagt mir einen Schauer die Haut hinunter. Wir sitzen alle still, verfroren und halten den Atem an.  

Plötzlich, wahrscheinlich wegen des Bellens der Hunde, fängt ein Baby zu weinen an. Ja, wir sind hier! Hemeks Sohn weint! Manyak, die neben ihm sitzt, hält dem Baby ein Federkissen vor dessen Gesicht, um die Schreie zu ersticken. Haben die Deutschen es gehört? … Wir atmen durch unsere Lippen, atmen still ein und aus. Die Mutter will das Kissen vom Gesicht des Babies entfernen, aber Manyak erlaubt es nicht. Er schaut zu Hemek hinüber – dem Vater des Babys – der, mit einem verfrorenen Ausdruck im Gesicht, nicht reagiert. Er zieht lediglich seine Frau an sich heran, umarmt sie mit aller Kraft und beide sitzen da wie zwei Holzstücke. Was denken sie? Wir wissen alle, dass wenn die Schreie des Babies unten gehört werden, alles verloren ist. Auch Sie wissen es. Denken sie auch, dass es besser ist, ihr Baby zu opfern, um ihren anderen Sohn zu retten und sich selbst? … Vielleicht denken sie auch an uns, zwanzig Menschen, deren Leben von diesem Opfer abhängt? Manyak hebt das Kissen für eine Sekunde an und ermöglicht es dem Baby zu atmen. Das Weinen hört nicht auf – und er hält das Kissen wieder vor das Gesicht des Kindes und drückt es an. Das Kind hört auf zu weinen…

Die Deutschen verlassen das Haus. Die Mutter des Kindes hält es in ihren Armen. Das Kind beginnt zu husten. "Es lebt, es lebt"! flüstert die Mutter und wir lächeln alle voller Freude. Das Baby lebt und auch wir sind gerettet! Aber die Aktion geht weiter und wir hören alle Geräusche, die damit zusammenhängen.

"Etwas stimmt mit dem Jungen nicht", sagt Hemek, und schaukelt das Baby von einer Seite zur anderen. Seine Mutter bedeckt ihn, streichelt ihn und sagt, "Bald, bald wird alles vorüber sein. Bleib bei uns, verlasse uns nicht! Schau, wie sehr wir alle dich lieben, wie glücklich wir sind, dass du am Leben bist. Jetzt ist es genug, schau Deine Mutter an."

"Er lebt, aber er atmet nicht richtig", sagt Hemek.

Weitere Geräusche sind von draußen zu hören, ein Durcheinander und Schreien: "Schnell, beeilt euch, schnell einsteigen!" Das Brummen von Automotoren wird lauter. Es scheint so zu sein, als würden sie alle zum Transport fahren. "Vielleicht ist die Aktion vorüber und wir können einen Arzt finden", flüstert Hemek. Noch nicht.

Wieder ist das Geknatter von Maschinengewehr-Feuer zu hören, wieder das Geräusch von Menschen, die zum Platz laufen. Offenbar machen sie mit ihrem Sammeln von Menschen weiter und lassen die Menschen zum Platz laufen. Es gibt nur wenige Augenblicke der Stille, jene zwischen einem Durcheinander und dem nächsten.

Jetzt scheint alles vorbei zu sein. Der Abend bricht herein und der Speicher füllt sich mit Dunkelheit.

Auf dem Platz bleibt alles still. Was ist geschehen, haben sie alle umgebracht? Nein. Nach einigen Augenblicken hören wir verschiedene Stimme. Keine Schüsse, keine schreienden Deutschen und keine deutschen Stiefel. Alles, was wir jetzt hören, ist Weinen. Juden, die sich laut unterhalten, was bedeutet, dass sie alleine sind und sich keine Deutschen in ihrer Nähe befinden.

"Die Aktion ist vorüber," sagt Scholkind. Wir sitzen und warten. Wir haben uns noch nicht entschieden, ob wir hinunter gehen sollen, um zu sehen, was da unten vor sich geht. Im Speicher beginnen sich alle etwas zu regen, sich zu strecken und ihre Körper gerade zu richten. Aber niemand steht auf. "Wie geht es dem Kind"? fragt jemand.

"Es lebt, aber es atmet nicht richtig", antwortet Hemek. "Wir rufen den Arzt sobald wir nach unten gehen können".

Wir beschließen, nach unten zu gehen. "Zuerst sollte jemand nach unten gehen und schauen, was dort vor sich geht und dann werden wir entscheiden, was die anderen machen", sagt Vater. Manyak und ich gehen zuerst. Ich werde ohne eine Leiter hinabsteigen und über das Fenster hineinsteigen, das dem Platz zugewendet ist. Nur wenn ich sehe, dass die Deutschen den Platz bereits verlassen haben, werde ich Manyak rufen.

Ich seile mich mit einem Seil ab und der Eingang zu unserem Versteck bleibt offen. Ich gehe zum Fenster ohne das Licht einzuschalten und blicke nach draußen. Menschen gehen auf der Strasse und auf dem Platz, und dort gehen sie mit gebeugten Köpfen, so als würden sie nach etwas suchen. Ja, ich sehe Menschen, die über dem Platz verstreut sind, sie liegen alle. Keiner von ihnen sitzt oder bewegt sich. Offenbar tote Körper. Opfer der Aktion. Jene, die dem Platz auf und ab gehen, suchen nach ihren Verwandten und Freunden… Ich kann es jetzt deutlich sehen – Dutzende, hunderte von Körpern, einige zu Haufen aufgetürmt, andere, die verstreut auf dem Platz herumliegen.  Ich sehe auch einige auf den Bürgersteigen liegen.

Menschen gehen vorsichtig, um nicht auf einen davon zu treten. Es sieht so aus, als wären sie bisher nicht dazu in der Lage gewesen, sie alle aufzusammeln. Ich vergaß, dass ich Manyak rufen sollte. Ich möchte gehen, aber ich glaube, dass es da jemanden auf der Strasse gibt, der zu der Wohnung hinaufstarrt. Ich weiß, dass er mich nicht sehen kann, weil die Wohnung im Dunkeln liegt. Er geht auf den Eingang zu und betritt das Haus. Ich laufe zum Versteck und warne sie, "schließt die Türe schnell, es kommt jemand." Sie schließen die Klapptüre. Ich verstecke mich hinter der offenen Türe in der abgedunkelten Wohnung.   

Der Mann betritt in die Wohnung und ruft die Namen meiner Eltern, "Leibel! Salla!" Ich erkenne die Stimme von Samek Berl. Ich trete ihm gegenüber und sage ihm, dass sie bald kommen würden.

"Wo seid ihr alle geblieben, was ist mit euch geschehen, wo ist Annetta? Sag mir alles und verstecke nichts vor mir!"

Er wartet meine Antwort nicht ab und bricht in Tränen aus, fällt in meine Arme und umarmt mich." Was ist geschehen"? fragt er erneut.

"Annetta geht es gut Sie ist hier bei uns. Du wirst sie bald sehen. Wir sind alle hier. Du wirst sie in einer Minute sehen." Ich zeige in die Richtung des Versteckes und er begreift, dass wir uns gerettet haben und dass seine Tochter Annette wohlauf ist.  

"Annetta!..." ruft er. "Vater! …" antwortet sie. Ich bitte sie die Klapptüre zu öffnen und sie sollen Samek herunterschicken, damit er Wache steht, um sicherzustellen, dass wir keine unerwünschten Besucher bekommen. Ich brachte die Leiter und Manyak stieg zuerst hinunter. Ich sagte ihm, was ich gesehen hatte und informierte ihn, dass Samek bereits von Janówa Wola angekommen war. Er sagte auch, dass die Aktion vorüber war. Wir beschlossen dennoch, dass nur die Männer herunterkommen sollten. Die Männer stiegen herab. Hemek und seine Frau kamen mit dem Baby herunter. Auch Annetta. Samek umarmte sie und weinte vor Freude, wie ein Kind. Er küsste sie und mich, er küsste jeden um sich herum  - und weinte dabei die ganze Zeit. Ich denke wie viele verschiedene Arten von Weinen ich heute gehört habe…

Die übrigen Kinder sind noch im Speicher. Samek geht mit Annetta. Hemek hält das Kind und sagt, dass es ganz blau angelaufen sei. Er geht, um nach einem Arzt zu suchen, aber er findet keinen, der Zeit hat zu kommen. Schließlich findet er einen, der lediglich bestätigt, was wir alle bereits angenommen hatten – das Baby war tot.     

   Wir sind gerettet. Niemand lässt ein Wort darüber fallen, wie das Baby gestorben ist und auch am nächsten Tag spricht niemand darüber. Jeder lebt mit seinem eigenen Leid.

Wir sehen in der ganzen Wohnung, wie nach uns gesucht wurde. Die Schränke sind offen, Schubladen liegen auf dem Boden und darauf sind alle möglichen Dinge verstreut. Dies erinnert mich an die Wohnung von Onkel Israel Zucker, nachdem jemand bei ihm noch in der Zeit vor dem Krieg in der Paulinska Strasse eingebrochen war.

Was machen wir jetzt? Niemand kann schlafen, obwohl wir die ganze vorige Nacht nicht geschlafen haben. Alle stehen am Fenster und schauen auf den Platz hinunter. Auf was warten sie? Niemand weiß es und niemand schert sich auch darum. Sie wollen wissen, was mit ihren Verwandten geschehen ist, aber sie ziehen es vor, vorerst im Haus zu bleiben.

So saßen wir fast die ganze Nacht über. Wir nickten beim Sitzen ein und ab und zu sagte jemand etwas, stellte eine Frage, dachte laut über etwas nach oder ließ etwas Dampf ab. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, dieser wunderte sich über etwas und jener sprach zu sich selbst.

Am Morgen erfuhren wir, was während der Aktion geschehen war. Wir hörten einige Geschichten von überlebenden Familienmitgliedern und hörten andere Dinge von Bekannten und Menschen, die wir nicht näher kannten. Die Nacht des 27. Oktober war eine schlaflose Nacht für die Mitglieder des OD gewesen. Alle Dienstmitglieder mussten daran teilnehmen und am frühen Abend (gemäß den vorbereiteten Listen) waren sie voll damit beschäftigt, Juden aus ihren Wohnungen heraus zu treiben und sie zum Sammelpunkt auf dem Zgoda-Platz zu bringen. Die Liste beinhaltete alle, die ohne Arbeit waren, oder jene, deren Arbeitgeber ihre Firmen bald schließen und Arbeiter entlassen würden. Aber als die OD-Mitarbeiter kamen, um sie einzusammeln, nahmen sie in vielen Fällen auch Familienmitglieder mit, die das Schicksal ihrer Verwandten teilen sollten. Im Laufe der Nacht drangen SS-Soldaten in den Platz ein und umringten ihn mit Maschinengewehren. Die Sammlungs-Aktionen hielten die ganze Nacht über an, aber die SS-Soldaten waren mit den Zahlen nicht zufrieden.

Am Morgen des 28. Oktober wurden alle, die auf dem Weg zur Arbeit waren, verhaftet und vor das Arbeitsamt (job center) gebracht, wo die SS-Soldaten sie in zwei Gruppen aufteilten: Eine Gruppe, die starken und gesunden Männer – die sich sofort wieder auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen machen konnten; die zweite Gruppe beinhaltete jene, die dem Verantwortlichen nicht gefielen, aus welchem Grund auch immer. Nur einfach so, eine einfache Fingerbewegung zeigte an, dass jemand zur zweiten Gruppe eingeteilt werden sollte, die Gruppe, die auf den Zgoda Platz geführt wurde. Unter ihnen war mein Freund Romek Hoenig, ein gut aussehender Junge, 16 Jahre alt, der seinen guten Anzug trug  (viele Leute, die mit der Aktion konfrontiert waren, trugen ihre beste Kleidung falls sie zu den Transporten geschickt wurden und dann nichts weiter mitnehmen durften; wenigstens würden sie dann ihre beste Kleidung tragen…). Als er an der Reihe war, schaute ihn der SS-Mann an und sagte, "du siehst zu gut aus, um zu arbeiten. Geht, rüber zur anderen Seite." So war sein Schicksal besiegelt und er wurde an jenen Ort geschickt, von dem bis dahin noch niemand zurückgekehrt war.

Hunderte von Menschen wurden auf den Platz gebracht, aber die SS-Soldaten waren immer noch nicht zufrieden. Offenbar hatte die Zahl der Menschen, die während der Aktion aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren, die Quote nicht erfüllt, und der Transport der Deportierten sollte eine neue Rekordzahl erreichen. Die Soldaten selbst begannen von Haus zu Haus zu gehen und brachten einzelne Personen und Familien hinaus, es gab kein Muster oder einen Plan, es wurden keine Fragen gestellt, sie entschieden einfach in dem Augenblick, so wie es ihnen passte. Und diesen war es nicht gestattet, irgendetwas mit zu nehmen. Sie wurden aus ihren Häusern geführt, egal ob sie gerade standen, saßen oder sich schlafen gelegt hatten, in der Kleidung, die sie gerade am Leibe hatten. Und jeder, der darum bat, einige persönliche Dinge einpacken zu dürfen, wurde auf der Stelle erschossen, in seinem Haus, in seinem Hof oder in den Strassen des Ghettos während er sich auf dem Weg zum Sammelplatz machte. Dies waren die Schüsse gewesen, die wir in unserem Versteck stundenlang gehört hatten, aus allen Teilen des Ghettos.  

Als sie die benötigte Quote immer noch nicht erreicht hatten, brachten die SS-Soldaten das Gerücht über den OD in Umlauf, dass das gesamte Ghetto evakuiert und zerstört werden sollte. Auf diese Weise wollten sie die Juden dazu bringen, ihre Verstecke zu verlassen und sich zu stellen, denn wozu sollte man sich weiter verstecken, wenn niemand im Ghetto zurück bleiben und niemand da sein würde, zu dem nach nachher gehen könnte?  Glücklicherweise erreichte uns dieses Gerücht nie, weil wir uns versteckt hatten und keinen Kontakt mit der Außenwelt hatten. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, wäre es zweifelhaft gewesen, ob wir überlebt hätten. Viele andere, Familien mit Kindern, die das Gerücht gehört hatten, beschlossen sofort, ihre Verstecke zu verlassen und fielen diesem Betrug zum Opfer. Sie schlossen sich dem Transport an oder wurden in ihren Wohnungen erschossen. Einige Juden hatten von dem Gerücht der totalen Zerstörung des Ghettos gehört,  bereits bevor wir uns versteckt hatten – und beschlossen, die Verstecke, die sie für diesen Zweck vorbereitet hatten, nicht zu benützen die sie vielleicht vor der Deportation und dem Tod bewahrt hätten.

Die schrecklichste Grausamkeit an diesem Tag geschah im Waisenhaus in der Jozefinska-Strasse. Kinder aus dem Waisenhaus der Stadt waren hierher bereits vor der Gründung des Ghettos gebracht worden; Kinder, deren Eltern bei einer früheren Aktion deportiert worden und ohne eine Familie zurückgeblieben waren und niemanden hatten, der sich um sie kümmerte, wie auch Kinder, die aufgegriffen wurden, als sie außerhalb der Mauern herumwanderten und nach einem Dach über dem Kopf suchten, in ihrem Bemühen, dem Schicksal zu entkommen, das auf sie innerhalb dieses Ghettos wartete.

An diesem Tag befanden sich hunderte von Kindern in diesem Haus. Die SS-Soldaten kamen am Waisenhaus in Lastwagen an und trieben alle Kinder in die Fahrzeuge, die Kinder lagen übereinander. Die Jüngeren und die Babies wurden in die Lastwagen durch die Fenster geworfen, auf die Kinder, die sich bereits in ihnen befanden. Ihre Schreie waren in alle Richtungen und bis weit in alle Strassen zu hören, sie waren herzerweichend,  aber offenbar erreichten diese Schreie niemals den Himmel.

Auszüge aus:
Would God It Were Night: The Ordeal of a Jewish Boy from Cracow-Through Auschwitz, Mauthausen, and Gusen, von Zvi Barlev-Bleicher.

"In the morning thou shalt say: 'Would it were even!' and at even thou shalt say: 'Would it were morning!' for the fear of thy heart which thou shalt fear, and for the sight of thine eyes which thou shalt see"
(Deuteronomy,28,67)

Moreshet and Sifriat Poalim eds., 1981, pp. 63-67 (in Hebrew)

Der Autor wurde in Krakau (Polen) im Jahre 1926 geboren. Nach dem Überleben der Shoa wanderte er 1946 nach Israel aus und begann eine langjährige Laufbahn im Sicherheitsbereich und als Diplomat.

Keren Hayesod 21-04-2006

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem