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Terroranschläge fordern hohen Blutzoll:
Doch das Gefühl der Verbundenheit mit Israel stärkt
die Einwanderer
Von Aryeh Bonner - Ma’ariv 22.11.2002
Die Megiddo-Kreuzung, der
Netanya-Markt, das Park-Hotel, der Bus auf der Allenby-Strasse, das
Dolphinarium, Hadera und nun Ir Ganim. Wie blutige Nadeln, die in der
Einwanderer-Eingliederungslandkarte stecken, stellen sie Stationen des Todes
dar, die für immer Hoffnungen von Menschen auf ein neues Leben in der neuen
Heimat zunichte gemacht haben.
Die Intifada hat der Eingliederung einen
hohen Preis abverlangt: 88 neue Einwanderer sind innerhalb der vergangenen
zwei Jahre ermordet worden, und am Donnerstag, dem 21. November, waren von
den elf ermordeten Opfern (die sich im Bus 20 in Jerusalem bei dem
Selbstmord-Terroranschlag befanden) sieben Einwanderer. Eine Mutter und ihr
Sohn, eine Großmutter und ihr Enkel, Alla und Misha, Kira, Marina und Sima.
Sie hatten sich noch nicht einmal an ihr neues Land gewöhnen können; sie
hatten nicht einmal die Gelegenheit gehabt, sich einzufügen. Sie waren
alleine – Fremde in ihrem eigenen Land.
Sie sind die Ärmsten; sie reisen mit dem
Bus; sie leben in Nachbarschaften, von denen eingesessene Israelis – nicht
immer mit Erfolg – versuchen, wegzuziehen. Sie lesen russische Zeitungen,
kaufen russisches Brot und Wurst, und sie sparen sich ihre Pfennige ab, um
ihre Töchter in Piano-Stunden schicken zu können und ihre Söhne in die
Schachausbildung – genauso wie in ihrer alten Heimat.
Und in der Nacht, in ihren kleinen
überfüllten Einwanderer-Wohnungen, schauen sie sich russische Fernsehkanäle
an, sehnen sich nach und träumen sogar von Rußland, und, wenn die
schreckliche Explosion ihren Leben ein Ende bereitet, und sich die Metall-
und Glassplitter in ihre Körper bohren, stoßen sie ohne Zweifel auch ihre
letzten Worte in Russisch aus.
"Nennen Sie uns nicht Russen. Wir sind
Israelis, wie Sie alle hier. Wir hatten einfach noch nicht genug Zeit,"
bittet Zeev Geyzel, der frühere Berater des Ministerpräsidenten für
Einwanderer-Fragen. "Sagen Sie wenigstens jetzt nicht ‚du und wir’, sagen
Sie wenigstens ‚wir’."
Boris Maftzir, ein eingesessener
Einwanderer, war der Generaldirektor des Eingliederungs-Ministeriums. Heute
gestaltet er eine wöchentliche Sendung über israelische Russen in Israels
Reshet Bet-Radiostation. "Als ich sie von Ir Ganum sprechen hörte und die
schwarzen Säcke aufgereiht liegen sah, wußte ich, dass die Opfer darin neue
Einwanderer waren. Wer sonst lebt heutzutage noch in heruntergekommenen
Wohngegenden? Wer sonst nimmt noch die Busse?"
Niemand will dies. Niemand will eine
derartige Situation. Aber Maftzir, wie auch so viele eingesessene wie
kürzlich angekommene russische Einwanderer, weiß, dass dieses Blutvergießen
der Preis ist, den die Einwanderer für das Bewußtsein zu zahlen haben, dass
sie "dazugehören." "Es mag schrecklich klingen, aber die Intifada und dieser
schreckliche Blutzoll sind die Eintrittskarte für die Einwanderer in die
Gesellschaft Israels. Je höher der Preis, um so kürzer ist der Weg in das
Herz der Sozialstruktur der Gesellschaft Israels."
Sara Cohen, die Direktorin der
Sozialabteilung des Eingliederungsministeriums, erzählt von Tausenden von
Anrufen von neuen Einwanderern am 21. November bei der Notfall-Stelle des
Sozialministeriums, die das Ministerium nach dem Terroranschlag eingerichtet
hatte. "Sie wollten Informationen; sie wollten herausfinden, was mit
ihren Verwandten und den Personen geschehen war, die sie kannten. Aber, vor
allem, sie suchten nach jemandem, zu dem sie in ihrer Sprache sprechen
konnten, jemanden, der ihnen einige nette Worte in Russisch sagen konnte,
der sie trösten und sie aufmuntern konnte."
Einwanderer haben nicht den Vorteil
langer Freundschaften, die manchmal bis in die Zeit vor der Staatsgründung
zurückreichen. Sie erhalten keine Unterstützung von den Pfadfindern, der
Armee oder aus ihrer Nachbarschaft. In den meisten Fällen kennen sie kaum
den Nachbarn aus der Nachbarwohnung. Geyzel sagt, dass die meisten von ihnen
nicht einmal wissen, wie sie sich in ihrer siebentägigen Trauerzeit zu
verhalten haben. "Jemand muß sie trösten, sagt Sara Cohen, "man darf sich
diesen Menschen nicht selbst überlassen." Trotz allem blickt Geyzel auch mit
etwas Optimismus in die Zukunft. "Der Vorhang der Unterschiede tritt in
Zeiten wie diesen beiseite. Jetzt sind wir alle – für diesen kurzen
Augenblick – nicht ‚du und wir’. Wenn dieses Gefühl der Einheit auch nur
einen Tag nach dem Terroranschlag anhält, dann hat der Zionismus gesiegt –
indem er einen Funken Hoffnung durch den Schleier der Tränen hervorbringt."
Keren Hayesod 26-11-2002
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