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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Eine unserer Kolleginnen beim Keren Hayesod , Talia Sapir, hielt sich im Moment Café in Jerusalem auf, als dort im letzten März ein Terror-Anschlag verübt wurde. Hier ist ihre Geschichte.

Den Bombenanschlag
jeden Tag erneut überleben

Wie sich das Leben einer israelischen Mutter nach einem Anschlag veränderte

Von Cameron W. Barr
“The Christian Science Monitor”, 06.06.02

JERUSALEM - Talia Sapir hatte immer geglaubt, dass der Terror sie nicht treffen würde. Aber an einem Abend im letzten März betrat ein palästinensischer Selbstmordattentäter ein Café in Jerusalem, wo sie gerade sass. Er tötete 11 Israelis und sich selbst. Frau Sapir war von Blut bedeckt, aber es war nicht ihres. Sie blieb körperlich unverletzt.

Mit einem neugeborenen Baby und einer Vollzeit-Beschäftigung, so sagt Sapir, kann sie es sich zeitlich nicht leisten, sich um psychologische Betreuung zu kümmern, die ihr helfen soll, ihre Erfahrung zu bewältigen. Mit einer sanften Stimme und einem rundlichen Gesicht geht sie weiter ihrem Leben nach, irritiert aber unerschrocken: „Es darf mich nicht zerbrechen.“

Ihre Erfahrung ist von extremer Art. Aber ihre von Bomben beeinflußte Entschlossenheit spiegelt die Einstellung von Israels Gesellschaft als Ganzes wider – eine Einstellung, die zunehmend nach einer Antwort sucht, wie es weitergehen soll. Meinungsumfragen ergeben immer wieder eine starke Unterstützung für sich widersprechende Strategien, wie man dem Konflikt mit den Palästinensern begegnen soll.

Gegen 8.30 Uhr in der Nacht zum 9. März entschliesst sich Sapir dazu, ihr fünfeinhalb Monate altes Baby bei ihren Eltern zu lassen und mit ihrem Ehemann in ein Cafe zu gehen. Sie waren seit Urzeiten nicht mehr aus gewesen. Sapirs Eltern kommen herüber, um auf das Baby aufzupassen, als sie Maayan gerade ins Bett bringt. Sapir sieht im Fernsehen, dass zwei palästinensische Bewaffnete ein Hotel in der Küstenstadt Netanya angegriffen und dabei zwei Israelis getötet haben. „Geh nicht aus,“ sagt ihre Mutter. Aber Sapir fühlt sich durch die Nachrichten auf merkwürdige Weise gestärkt in ihrem Entschluß. „Sie haben das Ihre (den Terror) für den Tag gemacht,“ denkt sie sich. „Es wird keinen weiteren geben.“

Sie zieht ihre blaßgrüne Lieblingsjacke über ihren Pullover und die schwarzen Hosen und sie und ihr Mann fahren zu einem Cafe, das Moment heißt. Es liegt etwa 100 Meter vom Sitz des Ministerpräsidenten entfernt, Moment ist ein Treffpunkt für weltlich eingestellte Israelis, ein Info-Klub für die Yuppies von Jerusalem.

Sapir, sie ist ein Projekt-Koordinator für die Spendenorganisation Keren Hayesod – Vereinigte Israel Aktion, und ihr Mann, ein Computer-Spezialist, gehen schon seit Jahren ins Moment. Wie üblich an einem Samstag abend ist das Cafe brechend voll.

Sapir versucht, innen einen Sitzplatz zu bekommen. Ihr Mann zieht es vor, draußen im Innenhof zu sitzen, weil er rauchen will. Es ist keine große Sache und sie ist einverstanden. Ihr Tisch befindet sich nahe am Eingang zur Bar, gleich bei einem Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und den Innenbereich zum Innenhof abteilt. In einigen Metern Abstand überprüft ein Sicherheits-Mann die Personen, bevor sie den Bereich der Bar betreten. Etwa eine halbe Stunde lang trinkt das Paar ihr Bier in der kühlen Abendluft. Gegen 10.30 Uhr gelingt es dem Bomber irgendwie um die Wache herum und in die Bar zu gelangen. 

Sapir hört und fühlt die Explosion im gleichen Augenblick. Dann ist da die Stille, die dem betäubenden Krach folgt. Dann die ersten Sirenen. Sapir rappelt sich vom Boden auf und beginnt die Szene wahrzunehmen. Das Fenster ist verschwunden. Das Innere des Cafes ist ein zerstörtes Durcheinander. Die Menschen sind aus dem Innenhof-Bereich geflohen und plötzlich ist er leer. Sie sieht einige Körperteile. „Diese Eindrücke – das vergißt man nicht.“ Sie weiß, dass sie voller Blut ist, aber sie weiß auch, dass sie nicht ernsthaft verletzt ist. Ihr Ehemann sieht unverletzt aus. Notfall-Fahrzeuge kommen an, aber sie wartet nicht auf Hilfe. Sie will nachhause, sie will ihr Baby sehen, „um alles so schnell wie möglich los zu werden.“

Sie sind so verwirrt, dass sie ihre Autoschlüssel nicht finden können und das Paar nimmt ein Taxi. Nachdem sie aus dem Taxi gestiegen sind, reißt sich Sapir die grüne Lieblingsjacke vom Leib, ein Andenken an eine Reise nach Frankreich, und ihr Mann drückt diese in einen Abfalleimer, bevor sie ihre Wohnung erreichen.

Viele Juden gehen sehr sorgfältig vor, wenn es um das Begräbnis von menschlichen Überresten nach den religiösen Vorschriften geht, aber Sapir fühlt keine Schuld, dass sie ihre Kleidung weggeworfen hat. Sie ist sich sicher, dass die Haut und das Blut auf ihrer Kleidung nicht jüdisch waren. Sie waren die des Attentäters. Wie sie am Boden des Cafes lag, sah sie seinen Kopf  in ihrer Nähe. Zuhause reißt sie sich die Kleidung von Leib und wirft sie in den Abfall-Eimer. Sie duscht eineinhalb Stunden und braucht zwei Flaschen Shampoo, um ihr schulterlanges braunes Haar zu waschen.

Sie fühlt sich, wie sie sagt, „verletzt“.

Der nächste Tag ist ein Sonntag, ein Arbeitstag in Israel und Sapir nimmt diesen Tag frei, um ein Krankenhaus aufzusuchen und sich untersuchen zu lassen. Die Ärzte bestätigen ihr, dass sie körperlich unversehrt ist. Ihr Mann ist ebenfalls unverletzt, aber über 50 Menschen sind verletzt worden, meist durch Stichwunden, hervorgerufen durch Nägel und andere scharfe Gegenstände, die um den Sprengstoff des Attentäters gewickelt waren. Am Montag ist Sapir wieder zurück im Büro. Die ersten wenigen Tage weint sie hin und wieder, aber sie zwingt sich dazu, sich auf die Tagesroutine zu konzentrieren: Das heißt, Maayan in den Kindergarten zu bringen und sich selbst zur Arbeit.

Manchmal dringt die Panik durch.

Mehrere Wochen nach dem Anschlag, als sie und Mayann das Wohnungsgebäude von Sapirs Eltern verlassen, bemerkt sie einen schmutzigen Pullover unter ihrem Auto. Sie fragt sich, wer einen schmutzigen Pullover hier zurücklassen würde und sofort ist sie davon überzeugt, dass jemand sich unter ihrem Auto zu schaffen gemacht hat. Jemand hat dort eine Bombe angebracht. Sie sieht sich, wie sie den Zündschlüssel umdreht und damit die Explosion auslöst.

Sie klingelt nach ihrem Vater in der Gegensprechanlage des Gebäudes und bittet ihn, die Polizei zu rufen. Als sie kommen, sind sie alle sehr nett zu ihr. Ein Beamter fährt den Wagen am Haus auf und ab, um ihr zu beweisen, dass er nicht explodiert.

An einem Nachmittag eines Wochendes passen ihre Eltern auf Mayaan auf und Sapir ruft ihren Vater über sein Mobile an, um sich versichern zu lassen, dass alles in Ordnung ist. Alles ist in Ordnung, sagt er ihr. Er sitzt mit Sapirs Mutter und Maayan in einem Cafe.

Sapir erstarrt. Vor ihren Augen sieht sie eine Explosion, die Bilder aus dem Moment-Cafe. Sie geht sofort in das Cafe und besteht darauf, dass sie nach Hause gehen. Aus Angst um ihre dunkelhaarige und rundäugige Maayan spielt Sapir mit einer radikalen Lösung, um sich ihrer Ängste zu entledigen. Sie will, dass ihr Kind normal aufwächst, und deshalb denkt Sapir zum ersten Mal in ihrem Leben daran, Israel zu verlassen.

Das Problem liegt darin, dass ihr dies nicht möglich ist, wenigstens nicht auf Dauer. Einerseits hat sie keine zweite Staatsbürgerschaft oder eine Familie im Ausland, was eine leichte Übersiedlung in ein anderes Land ausschließt. Sapir ist Israelin, hier geboren und aufgewachsen. Das gilt auch für ihre Eltern. Die Familie ihres Vaters, mütterlicherseits, ist bereits seit sieben oder acht Generationen im Land.

Und der Arbeitgeber von Sapir, der Keren Hayesod – Vereinigte Israel Aktion, ist eine der Gründerorganisationen des jüdischen Staates. Ihr Büro befindet sich in einem Gebäude in Jerusalem, wo David Ben-Gurion, der erste Ministerpräsident des Landes, einmal sein Büro hatte.

Jeden Arbeitstag betritt sie eine Eingangshalle, die mit gerahmten Reproduktionen der Poster aus den Anfängen des Zionismus geschmückt ist. Man erkennt einen Mann, der auf einem Feld arbeitet und mit entschlossenem Gesicht in eine Richtung schaut, die nur als Zukunft gedeutet werden kann. „Palästina – helfen Sie ihm dabei, es aufzubauen,“ steht auf dem Druck. Wenn die Ausreise nicht zur Diskussion steht – „ich würde es nicht wirklich tun,“ sagt sie, auch wenn diese Idee ihrem Mutterinstinkt positiv erscheint – dann verlangt ihr das Bleiben zwei Kompromisse ab. Einer davon heißt, die politische Führung in der Person von Ministerpräsident Ariel Sharon zu akzeptieren, den sie vor fünf Jahren niemals unterstützt hätte.

Der andere heißt, ihr Leben einzuschränken.

„Nein“ heißt das Leitmotiv von Sapirs Nach-Moment-Lebenstil. Keine Cafes, keine Restaurants. “Das ist vorbei für mich,” sagt sie. Keine Parks, keine Kinobesuche, keine Fußgängerzonen. Keine Fahrten nach Jerusalem hinein. Keine überfüllten Plätze. Kein Zoobesuch für Maayan. 

Wenn sie in der Entfernung Sirenen hört oder mitbekommt, wie jemand über einen Bombenanschlag redet, dann schaltet Sapir weder den Fernseher noch das Radio ein, eine Art von Gotteslästerung in einer Nation, die den stündlichen Nachrichten ergeben ist. „Ich versuche die Nachrichten zu vermeiden, um weitermachen zu können. Es ist lähmend,“ gesteht sie ein. 

Eine ihrer Kolleginnen führt eine derartige beschränkte Existenz bereits seit langem, sie schränkt den Freiraum ihrer Kinder auf ihre Wohnung, ihre Schule und die Wohnungen der Freunde ein. „Ich hielt sie für verrückt,“ sagt Sapir. „Ich dachte, dass sie überreagiert. Aber jetzt weiß ich, dass dies nicht der Fall ist.“

Sapir ist dem Tode schon einige Male entronnen. Vor zehn Jahren, auf einer Reise nach Indien, trat sie in der Dunkelheit ins Leere und sie fiel eine Klippe hinunter. Sie kroch wieder hoch und hatte sich nur den Rücken verstaucht. Nach einem Autounfall in Israel war sie zwar geschockt, aber sonst unverletzt geblieben. Sie kam auch beim Moment-Cafe-Anschlag mit dem Leben davon, aber jegliches Gefühl der Unverwundbarkeit ist verschwunden.

„Ich habe drei Mal eine Situation überstanden, wo du glaubst, du stirbst, aber du überlebst,“ sagt sie. Die Erfahrung im Moment ist anders, weil der Anschlag Sapir mit „purem Hass, purer Bösartigkeit“ konfrontierte. „Die Vorstellung, dass jemand bereit ist zu sterben, um dich zu töten – das ist furchtbar.“ Zur Zeit kann sie sich keine Lösung vorstellen. Für Sapir bedeutet es den Terror zu überleben, indem sie versucht, nie „die kleinen Entscheidungen zu versäumen, die Dein ganzes Leben verändern können,“ wie zum Beispiel damit einverstanden gewesen zu sein, draußen vor dem Moment zu sitzen. 

Sie hat den Beifahrer-Airbag in ihrem kleinen Fiat ausgeschaltet, so dass Maayan in ihrem Kindersitz neben Sapir fahren kann. Auf diese Weise kann sie das Baby schnell aus den Gurten befreien oder ihren Körper als Schutzschild für Mayaan einsetzen, falls sie in Gefahr geraten sollten. „Man denkt an Dinge, an die normale Menschen nicht denken,“ sagt Sapir. „Es klingt verrückt, aber das ist es nicht. Es ist die Wirklichkeit.“

Am 11. Juni wurde das Moment Cafe nach einer Renovierungszeit von drei Monaten wieder eröffnet.


Keren Hayesod 21.04.2012

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem