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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Zum Holocaust-Märtyrer und Heldengedenktag:
Augenzeugen berichten von der Auslöschung des Warschauer Ghettos

Am Holocaust-Märtyrer und Heldengedenktag erinnern wir uns an die Katastrophe, deren sich unser Volk bis auf den heutigen Tag bewusst ist. Der Begriff "Heldentum" trifft nicht nur auf jene zu, die Waffen tragen. In der Tat ist es so, dass jeder, der um sein Leben kämpfte, um das Leben seiner Liebsten und Nächsten, um seine eigene Menschlichkeit, unter den unvorstellbaren Bedingungen, die zu jener Zeit herrschten, als Held in jedem Sinne dieses  Wortes betrachtet werden kann. Wir stellen Ihnen nachfolgend einen Auszug aus den Memoiren von Zvia Lubetkin vor, eine der Führungspersönlichkeiten des Aufstandes des Warschauer Ghettos (April 1943). Nach dem Krieg wanderte sie mit anderen Überlebenden in Israel ein und im Juni 1946 gab sie ihren ersten Augenzeugenbericht bei der United Kibbuz-Konferenz ab, die im Kibbuz Yagur stattfand. Sie war eine der Gründerinnen des Lohamei Hageta'ot-(Ghetto-Kämpfer) Kibbuz, wo sie im Jahre 1978 im Alter von 64 Jahren verstarb. Dieser Abschnitt beschreibt die Lage im Ghetto, nachdem der Aufstand niedergeschlagen worden war, aber noch bevor die letzten überlebenden Kämpfer in die Kanalisation hinunterstiegen und versuchten, über diesen Fluchtweg in die Wälder zu entkommen.

Auszug aus "In den Tagen der Auslöschung und des Aufstandes", Ghetto Fighters House and United Kibbuz Publishers, 1979, pp. 159-162 (in Hebräisch)

Endlich! Der Ruhm unserer Kämpfer hallt wie Donner

Es war der Beginn des Abends. Und Haim Frimer, ein Mitglied der Akiva, und ich machten uns auf, gemeinsam mit Mark Adelman. Da Mark auch als einer der "Undisziplinierten" angesehen wurde, er wurde beschuldigt, Vorsichtsmassnahmen zu ignorieren, nahmen wir eine Kerze mit, die uns den Weg ausleuchten sollte. Das war streng verboten, da der Schein der Kerze zu einer Katastrophe führen konnte. Nichtsdestoweniger konnten wir kaum ohne sie zurechtkommen und bahnten uns heimlich den Weg durch die Trümmer.

Wind kam auf und verlöschte die Kerze. Wir waren mitten in einer dunklen Ruine und wussten nicht, wo wir waren und welchen Weg wir einschlagen sollten, Wir begannen zu klettern, als plötzlich, ich weiß nicht wie, etwas geschah. Ich stolperte und fiel in ein tiefes Loch mitten in den Trümmern. Ich wusste, dass es verboten war, laut aufzuschreien. Mein erster Gedanke war: Wo ist die Pistole? Meine Begleiter hatten mehr Angst als ich, weil sie nicht wussten, was mit mir geschehen war. Unter Schwierigkeiten zogen sie mich aus dem Loch heraus. Humpelnd und zerkratzt machte ich mich wieder auf den Weg.

Wir näherten uns Mila 18 – dem Hauptbunker der jüdischen Kampf-Organisation.

Die Stimmung stieg und wir machten lustige Pläne, wie wir unsere Kameraden überraschen würden, wenn wir erst einmal dort angekommen und hineingegangen waren. Doch ich war erstaunt, als ich mich dem Bunker näherte, etwas stimmte nicht. Ich erkannte den Ort nicht wieder und stellte mir für einen Augenblick vor, dass wir einen Fehler gemacht und uns am Ort getäuscht hatten. Etwas hatte sich verändert. Die Ruinen waren nicht bewacht, die Wache am Eingang war verschwunden, und was den Eingang selbst betraf – wo befand sich dieser eigentlich? Furcht umschloss mein Herz. Ich versuchte, sie zu ignorieren – vielleicht hatten die Leute im Bunker versucht, ihn weiter zu verstärken und sie waren es gewesen, die Steine auf den Bunker gewälzt hatten, damit er nicht entdeckt wurde?

Es gab jedoch sechs Eingänge zum Bunker. Wir gingen zum zweiten, dritten und vierten Eingang – es gab keine Spur von ihnen und es gab auch keine Wache. Unsere Herzen füllten sich mit einer schrecklichen Vorahnung. Einer von uns sagte das Passwort unter der Annahme, dass sich die Wache verborgen hatte und auf unseren Ruf antworten würde – es gab jedoch keine Antwort und kein Gegensignal.

Wir liefen umher, um uns schnell einen Eindruck zu verschaffen, unsere Herzen füllten sich mit der Angst, dass hier Menschen zu Schaden gekommen waren. In einem anliegenden Innenhof erkannten wir plötzlich Schatten, die sich in der Dunkelheit bewegten – einige gingen umher, andere saßen. Zuerst glaubten wir, dass sie zu unserer Gruppe gehörten, und herausgekommen waren, um ihre regelmäßigen Abendübungen durchzuführen. Wir näherten uns glücklich den verzerrten Abbildern und erkannten, dass es sich um unsere Kameraden handelte. Wir waren jedoch sofort erschrocken über ihren schrecklichen Zustand – Körper, die vor Schmutz und Sand starrten, schwach und zitternd als wären sie nicht von dieser Welt. Jemand verlor das Bewusstsein und ein anderer atmete schwer. Yehuda Wangrover von HaShomer HaTza'ir, grunzte mit einer schweren erstickenden Stimme und Tusia Aleman lag vor mir mit Kopf und Beinverletzungen. Wir waren von zerbrochenen Menschen umgeben, die uns mit erschütternden Worten erzählten, was mit ihnen geschehen war, wie der grausame Tod den Bunker der jüdischen Kämpfer in der Mila 18 entdeckt hatte und wie nur wenige überlebt hatten.

Hier war es, wo wir die drei Kameraden trafen, die mit uns den Bunker vorgestern verlassen hatten, um eine Aufgabe auf der arischen deutschen Seite zu erfüllen und erst jetzt zurückgekommen waren: Tuvia Bozhikovsky, Mordechai Grozas – der Kommandant einer HaShomer HaTza'ir-Kompanie und uns als Mardek bekannt – sowie Israel Kanal. Auch sie waren auf der deutschen Seite irgendwo, wie auch wir, hängen geblieben und nicht mehr in der Lage gewesen, zurückzukehren. Sie waren auf eine deutsche Wache getroffen, hatten mit ihr gekämpft und dies unbeschadet überstanden. Während des Tageslichts hatten sie sich in den Trümmern verborgen und sich darauf vorbereitet auf den Feind zu treffen. Sie waren hier vor uns angekommen und bereits von der Katastrophe gehört, die über den Mila 18-Bunker hereingebrochen war.

Und dies ist der Bericht, den wir von den Lippen der Überlebenden ablasen, und in dem sie uns erzählten, was mit ihnen geschehen war:

Gegen die Mittagszeit, als sie halbnackt in ihren Unterkünften lagen, teilten die Wachen plötzlich mit, dass Schritte von Deutschen in der Umgebung des Bunkers zu hören waren. In solchen Situationen wendeten die jüdischen Kämpfer eine von zwei Schusstechniken an. Nach der ersten Methode, nach der  die Deutschen anfangs die Juden dazu auffordern würden, herauszukommen,  würde unsere Kompanie die erste sein, die mit verborgenen Waffen erschien und innerhalb weniger Minuten würde sie die Deutschen überwältigen, indem sie das Feuer auf sie eröffnete und in der darauf folgenden Verwirrung würden die Männer nach allen Seiten verschwinden.  Einige würden fallen und anderen würden um ihr Leben laufen.

Die zweite Methode wurde angewendet, wenn wir die Aufforderung der Deutschen, herauszukommen, ignorierten und wir alle in den Häusern blieben.  Wenn sie versuchten, in den Bunker einzudringen, stießen die Deutschen auf einen Kugelhagel. Es war während des Tages möglich, die Deutschen zurückzuschlagen, weil sie zu dieser Zeit nicht so ohne weiteres in den Bunker eindringen wollten. In der Nacht wiederum fand man im Bunker eine Art von Zuflucht. Wir wussten natürlich, dass die Deutschen auch Gas einsetzten, um ihre Ziele zu erreichen, aber wir dachten nicht daran. Jemand berichtete auch, dass das Gas keine Wirkung zeigte, wenn das Gesicht nass war. In diesem Fall hatten sich die Kämpfer dafür entschieden, der Aufforderung der Deutschen, herauszukommen, nicht Folge zu leisten.

Als die Deutschen kamen und die Menschen aufforderten, herauszukommen, tauchten die Zivilsten auf und ergaben sich. Aber keiner der Kämpfer kam heraus. Die Deutschen versicherten wiederholt, dass alle, die herauskamen, in ein Arbeitslager kommen würden, wohingegen jeder, der nicht Folge leistete, erschossen würde. Unsere Kameraden graben sich währenddessen in den Eingängen ein und warteten mit der Waffe in der Hand darauf, dass die Deutschen versuchten, einzudringen. Erneut versprachen die Deutschen, dass jenen, die herauskamen, nichts geschehen würde, aber niemand war dumm genug, den Bunker zu verlassen. Die Deutschen, die es nicht wagten, in den Bunker einzudringen, begannen damit, das Gebiet Gas ausströmen zu lassen und die Kämpfer erlagen den giftigen Schwaden.

Auf diese Weise starben die 120 Kämpfer im Bunker. Die Deutschen machten jedoch nicht kurzen und schnellen Prozess, sondern sie ließen nur immer wieder kleinere Gasmengen in den Bunker entweichen und unterbrachen dies regelmäßig, um auf diese Weise den Kampfgeist der Männer durch langsame und fortgesetzte Erstickungsanfalle erlahmen zu lassen. Arye Wilner war der erste, der zu den Kämpfern sprach: Lasst uns Selbstmord begehen, statt in die Hände der Deutschen zu fallen! Darauf nahmen sich einige das Leben. Im Bunker waren Schüsse zu hören – jüdische Kämpfer brachten sich selbst um. Es kam vor, dass eine Pistole Ladehemmung hatte und deren Besitzer, von Sinnen und verblüfft, seinen Freund darum bat, sich seiner zu erbarmen und ihn zu töten. Aber niemand wagte es, einen anderen umzubringen.

Berel Broide, der einige Tage zuvor seine Hand verletzt hatte und keine Waffe tragen konnte, bat seine Kameraden darum, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Mordechai Anilevich, der sich sicher war, dass Wasser die Gefahr des Gases mildern konnte, schlug vor, sich auf diese Weise zu schützen. Plötzlich kam jemand und teilte mit, dass man einen Ausgang gefunden hatte, der den Deutschen nicht bekannt war. Doch nur wenigen gelang es, durch die Öffnung zu gelangen; die anderen, die noch am Leben waren, wurden durch das giftige Gas geschwächt und erstickten langsam und qualvoll.

Unter den Kämpfern im Mila-Bunker war Lutek Rotblatt, ein Führer von Akiva, gemeinsam mit seiner Mutter Maria. Während der Ghetto-Zeit hatte Maria Rotblatt eine Zufluchtsstätte für Waisen geleitet. In der Zeit der großen Akzia ('Aktion': eine Umschreibung für Ermordung), war es ihr gelungen, viele der ihr Anvertrauten zu retten und auch das Haus, sie kümmerte sich um die Überlebenden und gründete ein Waisenhaus in einem der verlassenen Häuser. Was mit diesen Mädchen in der Zeit zwischen dem Ende der "Aktion" und dem Ausbruch des großen (Warschauer Ghetto)-Aufstandes geschah, weiß ich nicht. Aber jetzt befand sie sich neben ihrem Sohn. In jenen tragischen Augenblicken des deutschen Angriffes auf den Bunker, bat sie ihren Sohn, sie zu töten. Lutak feuerte vier Kugeln in den Körper seiner Mutter und doch regte sich ihr Körper lange, tödlich verwundet und blutend. Danach nahm er sich sein eigenes Leben. 

Auf diese Weise brach das ruhmreiche Heldentum des kämpfenden und sich wehrenden jüdischen Warschaus zusammen. Jüdische Kämpfer starben hier, darunter der beliebte Mordechai Anilevich, der mutige und gut aussehende Kommandeur des Aufstandes, der auch in diesen schrecklichen Stunden immer ein Lächeln auf den Lippen hatte.

Wenige konnten sich aus dieser Hölle retten. Einige verwundeten sich bei dem Versuch, sich umzubringen. Andere saugten sich das giftige Gas in die Lungen und auf diese Weise versagte ihnen die Atmung. Die Lage für Menachem Bigelman, von Dror und Yehuda Wangrover von der HaShomer HaTza'ir, war besonders schrecklich.

Es war ein entsetzlicher und blutgefrierender Anblick. Wir alle erwarteten das Ende, wir wussten es würde bald kommen und dass es kein Entkommen gab.  Dennoch ließ uns diese Geschichte vor Entsetzen erzittern. Unsere Herzen betrauerten den Tod von Kameraden und sie waren voller Sorge um jene unsere Freunde, die, obwohl sie noch lebten, mehr tot als lebendig waren. Wir alle hatten einen Wunsch – den Todesdrohungen ein Ende zu bereiten. Wir waren in der Trauer nicht wir selbst. Wie Verrückte eilten wir im Bunker umher und versuchten mit unseren bloßen Fingernägeln die Trümmer zu verschieben, die den Eingang versperrten. Vielleicht könnten wir an die Leichen herankommen, vielleicht könnten wir uns die Waffen holen. Die Deutschen hatten jedoch alles in die Luft gejagt und durch Explosionen zerstört.

Wir wenige erhoben uns, mit einem Gefühl des unersetzbaren Verlustes und voller Trauer, um diesen schrecklichen Ort zu verlassen und einen geschützten Ort für die Handvoll unserer verwundeten und erschöpften Kameraden zu finden und dort über die Zukunft nachzudenken. Unsere Lippen formten Lebewohl-Grüße für unsere treuen und mutigen Kameraden, die Blüte unseres hilflos gefällten Heldentums, die hier begraben waren unter den letzten Zeichen unserer Hoffnungen und Träume. Wir hatten das Gefühl, als wir den Ort verließen – unsere Seelen, Träume und Überzeugungen unseren Körpern entrissen – dass hier alles begraben lag, für alle Ewigkeiten.

Keren Hayesod 05-05-2005

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem