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GILO:
ZERRISSEN ZWISCHEN FURCHT UND HOFFNUNG

„Wissen Sie, hier ist jeder traurig, alle weinen hier.“

Feitag, 21. Juni, der Taxi-Fahrer, den ich zu mir heranwinkte nahe beim neuen Gilo-Einkaufszentrum (dem “Canyon), sieht aus als wäre er einem Comic-Strip-Portrait über einen typischen Israeli entsprungen: Ein Sabra, jung, braungebrannt, muskulös und arrogant. Aber damit hört der Vergleich auch schon auf: in einer gebrochenen Stimme erzählt er mir in leisen Tönen von der jüngsten Tragödie, die eben über die Einwohner der südlichsten Wohngegend von Jerusalem hereingebrochen ist. Am Dienstag, 18. Juni, war um 7.55 Uhr morgens der Bus der Linie 32, der von Gilo zur Bus-Hauptstation fährt, zum Ziel eines Terror-Anschlages an der Pat-Bushaltestelle geworden, eine Nachbarschaft mit Einwohnern mit niedrigem Einkommen, wo tausende von Menschen jeden Tag im morgendlichen Verkehrsstau festsitzen.

Wie an jedem Tag war der Bus der Linie 32 überfüllt. Es war Zeit zur Arbeit zu gehen, zur Schule. Der Bus fuhr durch das arabische Dorf Bet Saffafa. An der Bushaltestelle stieg ein junger Araber zu, aber niemand schenkte ihm grosse Beachtung. Einige hundert Meter weiter jagte er sich in der Nähe der Pat-Bushaltestelle in die Luft. Neunzehn Israelis, viele von ihnen Kinder, einige Schüler der nahegelegenen ORT-Schule, ein arabischer Lehrer, der an einem Institut arbeitet, das für den Dialog zwischen Juden und Arabern arbeitet, wurden ermordet.

Sobald es einen Terror-Anschlag gibt, wollen alle die letzten Nachrichten hören. Wie gewöhnlich unterbrechen Radio und Fernsehen ihre angesetzten Programme und berichten so genau wie möglich über den neuen Anschlag, der die Stadt getroffen hat – aber eigentlich das ganze Land und das ganze Volk. Es ist fast unmöglich, jemanden anzurufen: Das Telefon-System ist überlastet, Handies funktionieren nicht. Jeder versucht festzustellen, was geschehen ist: Jeder will erfahren, ob er oder sie zur Zeit des Anschlages mit der Linie 32 gefahren ist?

Sheila Gottlieb und ihr Ehemann Moshe, ein Arzt, kamen 1979 aus Los Angeles und liessen sich in Gilo nieder. Jeden Dienstag fuhr ihr Mann, ein stadtbekannter Spezialist, nach Bnei Brak, um Kinder kostenlos zu behandeln. Um 7.55 Uhr war Sheila am Telefon. Plötzlich hörte sie eine Explosion. Aus ihrem Küchenfenster sah sie Flammen aus der Richtung der Pat-Kreuzung. Sheila hatte Angst: Moshe hatte das Haus um 7.30 Uhr verlassen, um den 32er Bus zu nehmen. Sein Handy antwortete nicht. Am Nachmittag wurde sein Körper identifiziert. Sheila machte Vorbereitungen für das Begräbnis, sie mußte mit der eiligen Ankunft der Familie aus den USA fertigwerden, sie sagte die Termine mit den Patienten ihres Mannes für den kommenden Tag ab.

Rahamim Zidiyahou, der Fahrer des Busses 32, sollte eigentlich an diesem Tag auf der Linie 32 keinen Dienst tun, aber einer seiner Arbeitskollegen hatte sich verspätet.

Dieser Angestellte von Egged, der den Bus der Linie 32 seit 27 Jahren gefahren hatte, kannte fast alle seine Fahrgäste persönlich. An diesem Dienstag hatte er jedoch nur einen Gedanken – so schnell wie möglich seinen Dienst hinter sich zu bringen, um das Fussballspiel Japan-Türkei in der Weltmeisterschaft anzuschauen. Am Tag nach dem Anschlag befanden sich schwarze Schleifen auf den Rückspiegeln alle Busse von Egged.

Gilo war von dem Anschlag schwer getroffen worden: Von den getöteten 19 Menschen lebten 14 in der Nachbarschaft. Am Mittwoch abend wurde die Einweihung der neuen Konzert-Halle des Gemeindezentrums abgesagt und durch einen Gedenkgottesdient für die Opfer ersetzt. Bereits am Nachmittag hatten Tausende von Einwohnern den Begräbnissen beigewohnt.

“Wir halten das nicht mehr aus!” schreit ein Kunde im Super-Sol, dem einzigen Supermarkt von Gilo. Er fängt eine Unterhaltung an und drückt seine Wut und seine Verzweiflung aus: „Angeblich haben wir die beste Armee der Welt! Sie verbringt ihre Zeit damit, in die palästinensischen Städte hineinzugehen und diese wieder zu verlassen, aber die Anschläge gehen weiter. Warum?“

Gilo machte am 7. Oktober 2000 Schlagzeilen, als Mitglieder der Tanzim Einwohner des christlichen Dorfes von Bet Jala als Geiseln nahmen und damit begannen, regelmässig Gilo zu beschiessen. Das Gewehrfeuer hörte erst vor wenigen Wochen auf. Aber alle sind immer noch nervös. 

In Gilo, wie überall sonst in Jerusalem, leben die Menschen in einer langsameren Gangart, zerrissen zwischen dem Bedürfnis, mit dem Leben so normal wie möglich weiterzumachen, und der Angst. Ganze Bereiche der Wirtschaft, besonders der Tourismus, sind zusammengebrochen. Die Arbeitslosigkeit steigt. Vor allem aber: Die Angst hält alle immer mehr gefangen. Die Menschen sagen: „Wann wird der nächste Anschlag stattfinden und wo?“ Cafes, Restaurants und Kinos verzeichnen einen dramatischen Besucherrückgang. Hotels sind nur am Sabbath gut besucht, wenn die Israelis die Rabatte ausnutzen. Die wenigen Touristen-Gruppen, die kommen, bestehen meist aus Solidaritäts-Missionen, die von jüdischen Organisation auch in Frankreich zusammengestellt werden.

„Wir gehen nicht aus, und wir finden keinen Ausweg aus dieser Situation,“ gesteht eine Frau, die in Gilo lebt. Jerusalem ist von der Polizei und der Armee abgesperrt worden. Es gab ein Gerücht, dass fünf Terroristen auf dem Weg sein sollten. Zwei sind bereits identifiziert worden – der erste, als er sich an der Pat-Kreuzung in die Luft jagte und der zweite am folgenden Tag, als er sich in Givat Tzarfatit tötete und dabei sieben Menschen umbrachte, darunter ein fünfjähriges Mädchen. Aber wo sind die drei anderen?

Sonntag abend buchte ich ein Taxi, das mich zum Flughafen bringen sollte. Ich kenne den Fahrer sehr gut: Ein Einwohner von Gilo, er ist immer pünktlich. Aber dieses Mal verspätete er sich – er erklärte mir warum: „Als ich mein Haus verliess, bemerkte ich ein verdächtiges Auto mit zwei Arabern darin, deshalb rief ich die Polizei.“ Er sagt mir, dass ihm ein Verwandter in Frankreich das Angebot gemacht hat, bei ihm einige Zeit wohnen zu können, aber er hat abgelehnt. „Ihr habt auch Probleme. Sie wollen uns töten, aber dies ist unser Land!“

Haim Musicant

Keren Hayesod 02.04.2008