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JERUSALEMS HADDASAH-HOSPITAL wird auch durch
KH-Spenden gefördert
Als Folge der anhaltenden Terror-Anschläge:
Israels Klinik-Chirurgen sind Experten bei
Explosions-Opfer-Behandlung
Von Ulrike Putz, Jerusalem
© SPIEGEL ONLINE 2004
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Sirenen, schreiende Verletzte, panische Angehörige:
Minuten nach jedem Terroranschlag bricht im Jerusalemer
Haddasah-Hospital die Hölle los. Krankenwagen liefern Dutzende
Anschlagopfer an, die Notfall-Ärzte arbeiten unter Hochdruck. Der
Bombenterror der Intifada hat sie zu Experten für Explosionsverletzungen
gemacht.

Anschlag in Jerusalem: Ein Opfer wird
abtransportiert
(Reuters) |
Jerusalem - "Pigua!" Bei diesem Wort lässt Yoram Weiss
alles stehen und liegen. Minuten, nachdem im Radio aufgeregte
Moderatoren das hebräische Wort für Terroranschlag hervorstießen,
Minuten, nachdem per SMS die Nachricht auf Handys im ganzen Land
verschickt wurde, sitzt der Anästhesist in seinem Auto und rast nach Ein
Kerem. Auf dem Hügel im Osten Jerusalems liegt das Hadassah-Hospital,
Weiss' Arbeitstätte. Hier werden Israels Terroropfer behandelt, hierher
werden sie mit jaulenden Sirenen auch an diesem Morgen gebracht, an dem
ein Selbstmordattentäter einen Bus in die Luft sprengte.
Fast immer kommt Weiss nur kurz vor den ersten
Schwerverletzten in der Klinik an - Israel ist ein kleines Land, und so
bringen Hubschrauber und Krankenwagen die Verletzten extrem schnell ins
Krankenhaus. "Wenn ich eintreffe, ist die Notaufnahme bereits komplett
geräumt, alle unwichtigen Operationen wurden abgebrochen, die OPs neu
vorbereitet. Minütlich treffen Ärzte und Schwestern ein und versammeln
sich vor der Tür der Notaufnahme. Dann kommen die Schwerstverletzten.
50, 60 Menschen mit schrecklichen Wunden, abgerissenen Gliedern, Nägeln
und Schrapnell im Körper", beschreibt Yoram Weiss die Ausnahmesituation,
die im Hadassah-Hospital zur traurigen Routine geworden ist - in den
vergangenen dreieinhalb Jahren der Intifada gab es Dutzende
Selbstmordanschläge und mehr als 2400 Terror-Opfer.
In den zwei Komplexen des Klinikums werden alle
behandelt, die eingeliefert werden. Israelis und Palästinenser, Juden,
Christen und Muslime, Opfer und Täter - ohne Ansehen der Nationalität
oder Religion, wie es die Satzung der amerikanisch-zionistischen
Frauenorganisation "Hadassah" vorschreibt, die Israels größtes
Krankenhaus seit 60 Jahren gemeinnützig betreibt.
Auch Nathan Sandak kämpfte mit dem Tod, als er am 4.
September 2001 in einem Krankenwagen lag, der die kurvige Straße zum
Hadassah-Hospital hoch raste. Um sieben Uhr abends hatte in Jerusalems
Fußgängerzone eine verängstigte Frau den jungen Soldaten angesprochen:
Der Passant dort vorne trage etwas unter der Jacke, er sei ein
Attentäter.
Sandak rannte los und hob sein Gewehr. "Es war zu spät.
Ich war etwa sechs Meter von ihm weg, da drehte er sich um, lächelte und
zog an einem Draht." Die Explosion tötete den Attentäter und verbrannte
50 Prozent von Sandaks Haut. Nägel aus der Bombe durchschlugen seine
Beine und zerfetzten Teile seiner Lunge.

Anästhesist Weiss: Experte für Terror-Medizin
(Ulrike Putz) |
"Als ich Nathan Sandak in der Notaufnahme sah, wusste
ich, dass es sehr schwer werden würde", sagt Yoram Weiss. Zwei Wochen
lag der damals 19-Jährige im Koma, vier Monate dauerte die
Rehabilitation. 22 Mal wurde der junge Mann, der als Kind mit seinen
Eltern aus Äthiopien eingewandert war, bislang operiert. "Die
Verbrennungen werden immer ein Problem bleiben, aber schlimmer noch sind
die seelischen Schäden." Noch heute sieht er, wenn er nachts wach liegt,
im Dunkeln das Lächeln des Attentäters.
Dass Sandak überlebt hat, verdankt er ironischerweise der
Tatsache, dass es in Israel so viele Selbstmordattentate gibt: "Ich
lebe, weil die Ärzte so viel Gelegenheit haben zu üben, wie man
Terroropfer rettet", sagt er. Yoram Weiss stimmt zu. "Wir behandeln so
viele Explosionsverletzungen, dass wir mittlerweile als die
international führenden Experten gelten." Seit Terroristen sich ihre
Ziele auch außerhalb des Nahen Ostens suchen, ist das Fachwissen der
Israelis gefragter denn je. "Bei den Anschlägen in Istanbul standen wir
im ständigen Kontakt mit den Ärzten vor Ort. Und die Amerikaner holen
sich bei uns Tipps für den Umgang mit den Bombenopfern im Irak." Zudem
haben er und seine Kollegen ein Fachbuch verfasst: "Terror-Medizin".
In den vergangenen dreieinhalb Jahren haben Weiss und
seine Kollegen einen neuen medizinischen Kanon entwickelt, wie mit den
Opfern von Bombenanschlägen umzugehen ist. "Die meisten haben extreme
Blutungen in Bauchraum und Thorax, Lunge und Herz wurden von der
Druckwelle schwer beschädigt", sagt der Mediziner. Früher seien viele
Patienten an diesen inneren Blutungen gestorben, heute habe man dieses
Problem im Hadassah-Klinikum weitgehend im Griff.
"Wir sind weg von dem Prinzip 'Stay and Play' (Bleiben
und Handeln), das rettet vielen Verletzten das Leben", sagt der
Anästhesist. "Früher haben die Notfallteams der Krankenwagen versucht,
die Patienten vor Ort mittels erster Hilfe zu versorgen. Das war ein
fataler Fehler." Inzwischen werde nach dem Prinzip 'Scoop and Run' (Rein
und Weg) gearbeitet. "Dadurch haben wir die Patienten oft schon 30
Minuten nach dem Attentat auf dem Operationstisch und können die
Blutungen rechtzeitig stoppen."
Die Ärzte haben gelernt, dass es sinnvoller ist,
Operationen selbst an schweren Brüchen und Schrapnell-Verletzungen um
Tage oder Wochen nach hinten zu verschieben. "Erst dann ist der
Kreislauf und Blutdruck der Patienten wieder stabil genug für eine
solche Belastung", sagt Weiss.
Doch die glücklichen Momente, die den Ärzten beschert
sind, wenn sie einen Schwerverletzten retten, dauern nur kurz. "Danach
kommen die dunklen Nächte der Frustration, in denen es so aussieht, als
werde es nie wieder einen Fortschritt geben", sagt Weiss. "Viele
Verletzte verbringen Monate bei uns, erst auf der Intensivstation, dann
in der Reha." Dabei kommt es vor, dass sich Opfer und Täter im selben
Zimmer wieder finden.
Die Klinik habe zwar 1000 Betten, aber meistens seien die
Zimmer trotzdem überfüllt. Einmal habe der Vater eines
Selbstmordattentäters am Tag nach dem Anschlag einen Herzinfarkt
erlitten. "Wir mussten ihn in einem Zimmer unterbringen, in dem ein
Mädchen lag, dass bei dem Anschlag seines Sohnes schwer verletzt wurde",
berichtet Weiss. "Das war für beide Familien sehr schwer, aber sie sind
höflich miteinander umgegangen." Das ist nicht immer der Fall. Einige
Verletzte wollen nicht von den arabischen Ärzten und Schwestern des
Klinikums behandelt werden, sind verbittert und zornig. Das Hospital
jedoch legt Wert darauf, dass es Personal aus beiden israelischen
Volksgruppen beschäftigt.
Viele der Hadassah-Patienten, deren Leben durch einen
Selbstmordanschlag für immer verändert wurde, haben psychische Probleme.
Oft finden Terror-Opfer nicht wieder zurück in den Alltag, trauen sich
nicht mehr an belebte Plätze, vereinsamen.
Nathan Sandak sagt, dass es ihm heute gut geht. "Ich bin
froh, dass ich durch mein Opfer das Leben anderer retten konnte. Wäre
ich nicht dazwischen gegangen, hätte der Terrorist ein Dutzend Menschen
mit in den Tod reißen können." Doch der Anschlag hat ihn zum Invaliden
gemacht, bevor sein Leben richtig begonnen hat. Nie wird er arbeiten
können, sein Leben lang von der Rente abhängig sein, die ihm das
israelische Militär zahlt. Das ist noch schlimmer als die entstellenden
Narben, die die Explosion in seinem Gesicht, an den Armen, am ganzen
Körper hinterlassen hat. "Nein, bloß keine Fotos", sagt Nathan, nachdem
er geduldig alle Fragen beantwortet hat. "Die Zeiten sind vorbei."
Keren Hayesod 29-01-2004
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