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Wie die jugoslawische
Familie Hardaga in Israel ihre neue Heimat fand:
Nach der Rettung - Die Begleichung einer Schuld
Zejneba Hardaga,
eine Moslemin aus Sarajewo und eine der Gerechten unter Nichtjuden,
riskierte im 2. Weltkrieg ihr eigenes Leben, um seinerzeit die jüdische
Familie Kabilio zu retten. Als in den 90er Jahren der Krieg in Jugoslawien
und im Kosovo ausbrach, retteten die Familie Kabilio und der Staat Israel
Zejneba und ihre Familie vor dem sicheren Tod. Ihre Integration in das Leben
Israels steht für viele andere: Ihre Tochter Sarah und ihr Ehemann traten
zum Judentum über und ihre Enkelin Esther dient heute in der IDF als
Offizier. Sarah: "Als ich in Jerusalem ankam, fühlte ich, dass ich zuhause
angekommen war." Leutnant Esther: "Ich schwöre, dass ich das Land
verteidigen werde, das mir das Leben gerettet hat."
Von Anat
Meidan
Jerusalem
(KH) - Am Pessach-Abend kehrte Leutnant Esther Pechanec von einem
dreiwöchigen Besuch jüdischer Gemeinden in Australien als Gesandte des Keren
Hayesod nach Israel zurück. "Ich bin erschöpft, aber ich bin sehr
glücklich", sagte sie nach der Landung.
Als Esther Pechanec
den australischen Zuhörern die außergewöhnliche Geschichte ihrer Jugend
erzählte, brachte sie mehr als nur einige Tränen in die Augen der jüdischen
Gäste in Sydney, Melbourne und Perth: Sie spendeten insgesamt mehrere
Millionen US-Dollar für Israel. An ihrem letzten Abend in Australien wurde
sie von einer Geste der jüdischen Gemeinde von Sydney tief berührt, als
diese ihr eine Verdiensturkunde überreichte und gleichzeitig eine bedeutende
Spende in ihrem Namen zugunsten der Terroropfer in Israel leistete. "Wenn
meine persönliche Geschichte ihnen so nahe ging, dass sie dadurch motiviert
wurden, für Menschen zu spenden, die so dringend finanziellen und ideellen
Beistand benötigen, dann macht mich das zum glücklichsten Menschen der
Welt", sagte sie auf Hebräisch mit einem deutlich vernehmbaren serbischen
Akzent. Während ihrer Spendenkampagne beendete sie alle Vorträge mit dem
Satz, "dies ist meine Art, dem Staat Israel zu danken und mein Beitrag,
meinem Land zu helfen. Dies sind meine beiden ganz persönlichen Inseln auf
dem Meer der Welt."
Dieser Satz stammt von
ihrer Mutter Sarah Pechanec, die dies zum Motto ihres Lebens gemacht hat.
Wann immer sie kann, drückt die 47jährige Sara Pechanec ihre Dankbarkeit und
die ihrer verstorbenen Mutter Zejneba Hardaga sel. A. aus, eine Gerechte
unter den Nichtjuden. Die Taten ihrer Mutter, eine Moslemin, die im
2. Weltkrieg Juden in Sarajewo vor dem sicheren Tod gerettet hat, brachte
Sarah dazu, zum Judentum überzutreten wie auch ihre eigene Tochter, die
heute in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften, IDF, als Offizier
dient.
Wenn Sarah Pechanec
von den Ereignissen in ihrem Leben erzählt, dann leuchtet ihr Gesicht mit
einem liebenswürdigen Lächeln auf bei dem Versuch, die vergangenen und
gegenwärtigen Härten aus ihrem Bewusstsein zu löschen und in einem
Hebräisch, das stark von einem Akzent geprägt ist, sagt sie, "ich wusste
immer, dass es mir von oben herab bestimmt war, jüdisch zu sein und dass
nichts, was meiner Familie widerfuhr, rein zufällig geschah."
Sie wurde als Aida
Hardaga als Tochter einer wohlhabenden moslemischen Familie in Sarajewo
geboten, der Hauptstadt von Bosnien. Ihr Traum, Journalistin zu werden,
wurde von ihrer Mutter mit den Worten verhindert: "Ein guter Journalist muss
die Wahrheit schreiben. Ein Journalist in Bosnien zu sein, bedeutet, mit
einem Fuß im Gefängnis zu stehen."
Hungrige Menschen in den Wäldern
Da Sarah eine
gehorsame Tochter war, studierte sie Jura. Noch als Student heiratete sich
Branimir Pechanec, einen christlichen Computer-Ingenieur. "Religion spielte
in unserer Familie nie eine Rolle. Ich heiratete einen Menschen, unabhängig
von seiner Religion. So war das bei uns. Mein Bruder heiratete einen
Christin und trat zum Christentum über, während meine Schwester in Sarajewo
als Moslemin blieb. Es war alles ganz natürlich. Wir waren reformierte
Moslems, keine Fanatiker in irgendeiner Hinsicht. Wir leben alle in völliger
religiöser Harmonie zusammen."
Als der 2. Weltkrieg
ausbrach, versteckten ihre Eltern Mustapha und Zejneba ihre jüdischen
Freunde in ihrem Haus und retteten sie vor dem sicheren Tode. Darunter
befand sich auch Yosef Kabilio, der nach dem Krieg mit seiner Familie nach
Jerusalem zog und über Jahre hinweg den Kontakt zu der Frau aufrechterhielt,
die ihm und seiner Familie das Leben gerettet hatte.
"Die Besetzung
Jugoslawiens durch die deutsche Armee begann im April 1941 und feindliche
Flugzeuge bombardierten meine Heimatstadt Sarajewo", erinnert sich Kabilio
in seiner Niederschrift in Yad Vashem, die Teil des Antrags war, Zejneba
Hardaga zu einer Gerechten unter den Nichtjuden zu ernennen. "Wir
entschlossen uns, weil unser Haus zerstört worden war, in meiner Fabrik zu
wohnen, aber auf unserem Weg dorthin trafen wir Mustapha Hardaga, dem das
Haus gehörte, in dem meine Fabrik untergebracht war. Als er davon hörte,
dass unser Haus durch die Bombardierung völlig zerstört worden war,
bat er uns darum, in sein Haus einzuziehen. Die Hardaga-Familie war eine
traditionelle moslemische Familie, in der die Frauen bei der Anwesenheit von
Fremden ihre Gesichter verdeckten und die nie zuvor einem Fremden erlaubt
hatte, in ihrem Haus zu übernachten, hieß uns mit den folgenden Worten
willkommen: "Yosef, du bist unser Bruder, Rifka ist unsere Schwester und
eure Kinder sind unsere Kinder – fühlt euch wie zuhause, was unser ist, das
ist auch das Eurige."
Die Synagoge, die dem
Haus von Hardaga benachbart war, wurde beim Einmarsch der Deutschen in die
Stadt geplündert. 400 Jahre alte Torah-Rollen gingen in Flammen auf. "Ich
sah diese schrecklichen Szenen hinter dem Vorhang im Haus meiner Gastgeber
während diese gleichzeitig zu uns sprachen und uns zu trösten versuchten.
Wir wussten, dass wir für die Hardaga-Familie eine Gefahr darstellten und
ich versuchte, meine Familie nach Mostar zu bringen, wo die Italiener das
Sagen hatten."
Kabilio gelang es,
seine Familie dorthin zu bringen und er suchte nach einem Versteck außerhalb
des Hauses der Familie Hardaga. Irgendwann wurde er verhaftet und ins
Gefängnis gesteckt. "Auf meinem Weg ins Gefängnis sah ich eine verschleierte
Frau, die zu uns blickte und seufzte. Ich erkannte, dass es Zejneba war, die
Frau meines Wohltäters, Mustapha. Am gleichen Tag und während des gesamten
Monats, den ich im Gefängnis verbrachte, brachte mir Zejneba Essen und
Mahlzeiten, die so reichlich waren, dass mehrer hungrige Mäuler damit
versorgt werden konnten", erinnert sich Kabilio in seinem Testament.
Später, als er in die
Wälder floh, gelang es ihm, sich nach Sarajewo durchzuschlagen, er klopfte
an die Tür der Familie Hardaga und bat um Lebensmittel, um im Wald überleben
zu können. "Ich wusste, dass ich ihnen vertrauen konnte, nach all den
Risiken, die sie auf sich genommen hatten, um mir Lebensmittel in mein
Versteck zu bringen. Sie sagten mir auch, dass sie meine Familie Geld
schickten, wann immer dies ihnen möglich war. In dieser Nacht schlief ich
nach langer Zeit zum ersten Mal wieder gut. Wir kehrten nach dem Krieg nach
Sarajewo zurück und wurden hier von der Hardaga-Familie warm willkommen
geheißen. Den Schmuck, den wir in ihrem Haus zurückgelassen hatten, lag
immer noch in der gleichen Schachtel, in der wir ihn verstaut hatten."
Sarah Pechanec hörte
von dem verstorbenen Yosef Kabilio über ihre Muter und erinnert sich gerne
an ihn. "Er war ein wirklicher Freund. Als mein Bruder an der Universität
studieren wollte, schickte Mutter einen Brief an Kabilio und fragte darin um
Rat, an welche Universität sie ihn schicken sollte. Sie waren wie Bruder und
Schwester und die Tatsache, dass sie jüdische und moslemisch waren, spielte
überhaupt keine Rolle. Vor allen Dingen waren sie zwei Menschen."
Sie kennt auch die
Geschichte ihres Großvaters, Ahmed Sadik, der von den Deutschen im März 1945
verhaftet wurde, weil er der Familie von Isidore Pappo, einem Juden,
geholfen hatte, indem er ihnen falsche Papiere besorgt hatte. Im April 1945
wurde ihr Großvater gemeinsam mit 800 weiteren Gefängnisinsassen in das
Jasenovac-Vernichtungslager transportiert und wie so viele andere kehrte er
nie wieder zurück. "Es gibt in Sarajewo ein Denkmal, auf denen die Namen der
Juden eingraviert sind, die im 2. Weltkrieg umgekommen sind. Der Name meines
Großvaters befindet sich darunter. Sechs Millionen Juden wurden im
Holocaust ermordet und auch mein Großvater, ein Moslem."
Versteckt bis zum Ende des Chaos
Am 16. Juni 1985 wurde
Zejneba Hardaga mit der Medaille der Gerechten eines Nichtjuden
ausgezeichnet und in ihrem Namen, im Namen ihres verstorbenen Gatten
Mustapha und ihres Vaters Ahmed Sadik wurde in Yad Vashem ein Baum
gepflanzt. Sie ist die einzige Moslemin, die diese Auszeichnung jemals
erhalten hat. Hardaga wohnte der Feier in Jerusalem gemeinsam mit ihrer
Schwester bei. Es war ihr erster Besuch in Israel. Sie sagte ihrer Tochter,
die in Sarajewo zurückgeblieben war, dass sie über die ihr verliehene
Auszeichnung sehr glücklich war, aber sie freute sich vor allem darüber,
dass sie die Gelegenheit hatte, mit Yosef Kabilio zusammentreffen, ihrem
alten Freund aus Sarajewo, und mit ihm einige Tassen Kaffee zu trinken und
über alten Zeiten zu sprechen.
"Ich möchte meinen
tiefsten Dank für diese mir von Ihnen erwiesene Ehre mit der Überreichung
dieser Medaille und dieser Urkunde zum Ausdruck bringen, und danke Ihnen
dafür, dass Sie es ermöglichten, den Namen Hardaga in die internationale
Familie der Gerechten unter den Nichtjuden aufzunehmen. Ich bin außerdem
stolz darauf und empfinde es als ein Privileg, einen Baum am Har Hazikaron –
dem Berg des Gedenkens – hier in Israel pflanzen zu dürfen, der Heimat
unserer Freunde, mit denen wir ein gemeinsames Schicksal teilen", sagte
Hardaga bei der Feier in Jerusalem.
Ihre Tochter Sarah
Pechanec war nach dem Krieg geboren worden und genoss eine umsorgte
Jugendzeit in einer anständigen kapitalistischen Familie. Im Frühjahr 1992
brach jedoch der Krieg in Bosnien aus und ihre sichere und umsorgte Welt
brach in sich zusammen.
"Gegen zwei Uhr
morgens hörten wir laute Explosionen über unserem Haus", erinnert sie sich.
Wir waren im Schlafzimmer und konnten nicht glauben, was vor sich ging. Ich
sagte mir – das kann doch nicht sein, wenige Monate nach den Olympischen
Winterspielen in Sarajewo, an denen die ganze Welt teilgenommen hatte. Es
kann doch nicht sein, dass hier plötzlich überall das Chaos herrscht. Aber
die Schiessereien hörten nicht auf. Meine Tochter war neun Jahre alt. Ich
lief in ihr Schlafzimmer und gerade in diesem Augenblick wurde unser Haus
getroffen. Ich konnte drei Stunden lang ihr Schlafzimmer nicht verlassen.
Wir lebten sechs Monate lang im Keller. Es gab in Sarajewo sechs Monate lang
keinen Strom und kein Wasser und unser Kühlschrank und unser Geld in der
Bank nützten uns nichts. Ich musste mich für etwas Wasser anstellen, ich
musste drei Stunden lang im Schnee gehen, um Lebensmittel zu besorgen und
ich musste lernen, wie ich für drei Menschen mit nichts in der Hand
Mahlzeiten bereiten konnte."
"Meine Mutter wohnte
in einer anderen Gegend und sie hatte kein Telefon. Ich hatte keine Ahnung,
ob sie noch am Leben war. Sie wohnte im siebten Stock eines Hauses, sie
hatten keinen Aufzug, und das nur mit einem Bein, weil ihr das andere wegen
einer Krankheit hatte amputiert werden müssen. In Sarajewo, die eine so
tolerante Stadt gewesen war, kämpfte plötzlich jeder gegen jeden. In einer
Zeit, in der alle die nationale Aufspaltung verlangten, war meine Lage die
schlimmste von allen, ich war eine Moslemin, die mit einem Serben
verheiratet war. Die Moslems hassten meinen Mann, weil er Serbe war, und die
Serben hassten mich, weil ich eine Moslemin war. Theoretisch hätte sich
jeder von uns auf seine eigene ethnische Seite schlagen können, was aber war
mit Stella, unserer Tochter? Unsere einzige Rettung bestand darin, uns zu
verstecken, bis das Chaos beendet war."
Einen Monat später
hörte Pechanec über das Rote Kreuz, dass ihre Mutter überlebt hatte, aber
sie saß in ihrer Wohnung im 7. Stock fest. Sie organisierte es, dass ihre
Mutter gemeinsam mit ihrem Mann, der verhaftet und wieder freigelassen
worden war, zu ihnen kommen konnte und gemeinsam zogen sie in das Haus von
seinen Eltern, das im Zentrum der Stadt lag. "Als mein Mann aus dem
Gefängnis entlassen wurde, war er fast am Verhungern. Im Alter von 16 Jahren
war er an Multipler Sklerose erkrankt und sein Zustand hatte sich im
Gefängnis dramatisch verschlechtert. Er konnte kaum gehen. So waren wir also
in unserem Versteck zusammen, mein kranker Mann, meine 70jährige Mutter, die
nur noch ein Bein hatte, ein hungriges Mädchen und ich. Unter diesen
schrecklichen Bedingungen lebten wir zwei Jahre lang, aber wir überlebten."
Immer jüdisch gewesen
Wie in einem gut
gemachten Film wiederholte sich die Geschichte, aber mit einer anderen
Rollenverteilung. Die Kabilio-Familie hatte in all den Jahren immer wieder
Briefe aus Jerusalem an Zejneba in Sarajewo geschickt und den Kontakt
aufrechterhalten. Als sie erkannte, dass das Leben ihrer jugoslawischen
Freunde in Gefahr war, handelte die Familie in Jerusalem, um die Familie in
Kosovo vor den Schrecken des Hasses zu retten. Sie trugen die Geschichte der
Gerechten unter Nichtjuden dem Richter im Ruhestand, Moshe Beiski und
darauf dem Eingliederungsminister Yair Tzaban, vor. Beide suchten darauf
nach einer außerordentlichen Möglichkeit, die Gerechten unter Nichtjuden zu
retten.
"Sie schlugen Zejneba
vor, dass sie nach Israel auswandern sollte, aber sie lehnte diesen
Vorschlag mit dem Hinweis ab, dass sie Kosovo nur gemeinsam mit ihrer
Tochter, deren kranken Ehemann und ihrer Enkelin verlassen würde und damit
begannen die Probleme. Als ich davon hörte, blieb ich hartnäckig: Auch wenn
sie zehn kranke Schwiegersöhne hätte, wären wir nicht in der Lage, dieser
Familie das wiederzugeben, was sie uns gegeben hatte. Ich informierte
Beiski, dass ich die Familie als neue Einwanderer nach Israel bringen würde.
Und das tat ich dann auch", erinnert sich Tzaban.
Zu jener Zeit war
Yitzchak Rabin Ministerpräsident und er wurde darum gebeten, die
Rettungsaktion zu genehmigen. Und als Zejneba am Ben Gurion-Flughafen ankam,
wurde sie von Tzaban mit folgenden Worten begrüßt: "Du bist unsere
Schwester. Unser Haus ist Dein Haus. Willkommen. Wir begleichen unsere
Schuld des Respekts."
Zu den Journalisten,
die sie umgaben, sagte Zejneba: "Als Yosef Kabilio seinerzeit an meine Tür
klopfte und darum bat, ihn und seine Familie zu verstecken, wusste ich, dass
ich ihn nicht abweisen konnte. Ich hätte sonst nie wieder ruhig schlafen
können.
Ihre Tochter erinnert
sich genau an ihre letzten dramatischen Tage in Kosovo. Wir wohnten nicht
weit entfernt vom jüdischen Gemeindezentrum. Sie schickten einen Arzt, der
meine Mutter und meinen Ehemann untersuchen sollte und wir erhielten
Lebensmittel und Medikamente von der Gemeinde. Wir fühlten uns nicht mehr
alleine. Der Arzt sagte, dass wenn meine Mutter in Sarajewo bleiben würde,
würde sie wegen ihrer Herzbeschwerden nicht überleben. Wir schrieben an die
Kabilio-Familie und in Israel begann sich die Öffentlichkeit für unsere Lage
zu interessieren. Eines Tages wurden wir darüber informiert, dass wir in der
gleichen Nacht mit jeweils einem Koffer in das Gemeindezentrum umziehen
würden und das taten wir dann auch. Wir verließen Sarajewo im Februar 1994
gemeinsam mit 300 Juden in einer Reihe von Bussen, die der Joint
zusammengestellt hatte. Sobald sich die Bustüren geschlossen hatten,
wusste ich, dass sich mein Leben um 180 Grad verändert hatte und dass ich an
einem Punkt angekommen war, ein völlig neues Kapitel in meinem Leben
aufzuschlagen. Ich bin seit diesen Tagen nie wieder in Sarajewo gewesen und
ich habe auch nicht die Absicht, dies zu tun. Es ist nicht das gleiche
Sarajewo, in dem ich aufgewachsen bin. Israel ist mein Heimatland und ich
habe keine Zeit, mich mit meiner Vergangenheit zu viel abzugeben."
Sie spricht über ihre
Vergangenheit im Kosovo schnell und präzise, als ob sie dieses Thema schnell
beenden und abschließen wollte. Aber Pechanec hat nicht vergessen, dass sie
noch im Bus den Gesandten der Jewish Agency gefragt hatte, was sie tun
müsste, um zum Judentum überzutreten. "Er dachte, dass ich völlig verrückt
sei." Seine Antwort lautete, "komme erst einmal nach Israel, esse und trinke
wie eine normale Person, nimm etwas zu, und dann werden wir darüber
sprechen." Als wir in Israel ankamen, bestand ich weiterhin auf eine Antwort
auf meine Frage und ich habe nicht aufgegeben, auch als man mir sagte, dass
man für einen Übertritt unter Umständen ein ganzes Leben benötige. Ich
wollte eine Jüdin werden, ganz egal, wie schwierig dies auch sein mochte",
erinnert sich Pechanec.
Ihre Mutter wurde hier vor zehn Jahren willkommen geheißen, sie wurde als
Gerechte unter den Nichtjuden geehrt, aber sie erachtete es niemals als
nötig, zum Judentum überzutreten. Warum war dies für Sie so wichtig?
"Als Mutter geehrt
wurde, hat sie dazu die Staatsbürgerschaft und einen israelischen Ausweis
erhalten. Wir erhielten nur ein Touristen-Visa, aber ich wollte ein
integrierter Teil des jüdischen Volks sein. Mutter gab mir ihren Segen dazu.
Ich erinnere mich, wie sie sagte, "wenn du dies wirklich tun willst, dass
höre auf zu reden und tue es endlich." Als Kind in Sarajewo wuchs ich mit
Juden auf und besuchte die Häuser meiner jüdischen Freunde, als sie ihre
Feiertage begingen. Jeden Tag klopfte es an der Türe und wir spendeten Geld
für wohltätige Zwecke. Ich erinnere mich an meine Jugend als kleines Mädchen
mit einem großen Traum – jüdisch zu sein. Ich sage mir selbst, dass es kein
Zufall ist, dass ich jüdisch bin. Ich glaube, dass es vor einigen
Generationen in der Familie meines Großvaters Ahmed Zadik Juden gegeben hat,
die aus Saloniki in Griechenland stammte."
Sie
und Ihr Ehemann konvertierten gemeinsam. Das ist keine einfache Sache.
"Keinesfalls und es
gibt viele Verzögerungen. Es ist nicht einfach, sich im Alter von 40 Jahren
einer Beschneidung mit 27 Nähten zu unterziehen, aber wir taten es. Ich nahm
den Namen Sarah an, mein Ehemann wurde Moshe und wir heirateten erneut unter
der Chuppa. Meine Tochter Esther lernte an der Horev-Religionsschule für
Mädchen in Jerusalem, weil ich meinte, dass es wichtig für sie sei, eine
jüdische Erziehung zu erhalten. Als sie uns im Alter von 18 Jahren sagte,
dass sie in die IDF eintreten wollten, gaben wir ihr unsere Erlaubnis."
Stellen Sie sich jemals die Frage, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie in
Sarajewo geblieben wären, als Aida, eine Moslemin?
"Ich denke nicht
einmal daran. Ich bin davon überzeugt, dass ich sowieso irgendwann jüdisch
geworden wäre."
Wie
erklärt es Ihnen Ihre Mutter, dass sie das Risiko eingegangen ist, Juden zu
retten?
"Sie waren Freunde,
Menschen, die vor dem Krieg in unserem Haus gewesen waren. Für sie war das
alles ganz normal und nicht der Rede wert. Unsere Freunde waren in Gefahr
und was war da natürlicher als ihnen helfen zu wollen? So sah sie das und
sie dachte nicht an die Gefahren, die damit verbunden waren. Stellen Sie
sich das einmal vor, sie erwähnte dies auch kaum einmal uns gegenüber. Eines
Tages fand ich einige Briefe von Yosef Kabilio in ihrer Schublade und
stellte ihr einige Fragen. So fand ich heraus, was sie für diese Familie
getan hatte. Sie erzählte mir immer, dass Juden Nummern auf ihren Armen
hätten und dass ihnen schreckliche Dinge widerfahren seien. Nur der
Allmächtige im Himmel weiß, was sie wirklich für diese Menschen getan hat,
man spricht nicht darüber. Sie war eine sehr bescheidene Frau, der die
Freundschaft zu Menschen über alles ging."
Ihre Mutter lebte in Israel nur einige Monate, bevor sie im Alter von 76 im
Oktober 1994 verstarb.
"Mutter ist in Beit
Zayit begraben, dem Friedhof für Juden aus Jugoslawien. Auf ihrem Grabstein
ließen wir eingravieren, "Mutter, Gerechte unter den Nationen." Das ist das
Wesentliche ihrer Existenz. Sie starb mit innerem Glück und einem großen
Gefühl der Befriedigung, dass sie ihre Tochter und ihre Familie gerettet
hatte und dass sie mir die Möglichkeit eröffnet hatte, meinen eigenen Traum
zu verwirklichen, in Jerusalem als Jüdin leben zu können. Sie liegt neben
einer 19jährigen weiblichen Soldatin begraben, die bei der Ausübung ihres
Dienstes in der Armee gefallen ist. Heute führt unsere Tochter Esther das
Leben dieser Soldatin weiter. "
Mit etwas Hilfe meines Bruders
Der Tag, an dem sie in
Israel ankam, hat sich tief in ihrem Gedächtnis eingegraben. "Ich fühlte
mich nicht wie ein Fremder, als ich in Jerusalem ankam. Ich wusste, dass ich
nach Hause zurückgekehrt war. Ich war Aida aus Sarajewo gewesen und jetzt
bin ich Sarah aus Jerusalem." Pechanec und ihre Familie verbrachten ein Jahr
im Eingliederungszentrum in Mevasseret Zion und zogen darauf in eine Wohnung
in Kiryat Hayovel ein. Nachdem sie einige Zeit als Zugehfrau gearbeitet
hatte, wurde sie vom Yad Vashem eingestellt und ist heute für die Archive
zuständig. In diesem Jahr wurde sie als "ausgezeichnete Mitarbeiterin"
gewürdigt und ihr Stolz kennt keine Grenzen.
Einen Monat nach ihrer
Ankunft in Israel fragte sie den Direktor des Eingliederungszentrums, was
sie tun könnte, um zu helfen. In einem brillanten Augenblick der Eingebung
verpflichtete sie der Direktor dazu, ihre persönliche Geschichte einer
Gruppe von jüdischen Spendern aus Chicago zu erzählen. Der Kern der
Geschichte – "Mutter rettete Juden und jetzt rettete der Staat Israel mich"
– führte zu großzügigen Spenden für den Staat Israel.
Seitdem wird Pechanec
von der Jewish Agency verpflichtet und reist mindestens zweimal im Jahr in
die verschiedensten Länder der Welt, wo es mögliche jüdische Spender gibt.
"Dies ist meine Aufgabe, meine Art, Israel zu danken. Ich bin stolz darauf,
zu meinen jüdischen Schwestern und Brüdern zu sprechen und sie darum zu
bitten, uns dabei zu helfen, hier in Israel leben zu können."
Dabei wissen die Gäste
der warmherzigen jüdischen Empfänge, zu denen sie im Ausland spricht, nichts
davon, unter welch schlechten Bedingungen sie heute in Jerusalem lebt. Es
schmerzt sie, wenn sie über ihre Not sprechen muss. Es ist für diese stolze
Frau schwer, schwach zu klingen und deutlich zu machen, dass sie auf Hilfe
angewiesen ist. Pechanec wohnt ganz in der Nähe von Yad Vashem, das sie zu
Fuß erreichen kann, in einer winzigen engen Wohnung. Ihr Mann, dessen
gesundheitliche Lage sich verschlechtert hat, benötigt einen Rollstuhl. Aber
ihre Wohnung ist dafür nicht groß genug. "Seine Lage verschlechtert sich, er
hat Gedächtnisprobleme, er hat Sprachschwierigkeiten und kann kaum gehen und
er verliert die Kontrolle über seine Armmuskeln. Er musste aufhören zu
arbeiten und ist jetzt den ganzen Tag über zu Hause. Wenn ich nach der
Arbeit nach Haus komme, kümmere ich mich um ihn. Ich tue dies voller Liebe,
aber es ist nicht einfach.
Ich will tapfer und
stark sein, aber ich bin in einem Alter, wo die Körperkräfte nachlassen, es
tut hier und dort weh und es fällt mir nicht leicht, Moshe vom Bett auf den
Stuhl zu helfen. Es macht mich traurig, dass es mir schwer fällt, mit all
dem fertig zu werden, was mir heute widerfährt. Schließlich habe ich zwei
Jahre lang für meine Familie Lebensmittel in Sarajewo während der
Bombardierung besorgen können, und ich habe diesen Krieg auch überlebt."
Pechanec ist am 20.
April geboren, dem gleichen Tag von Hitlers Geburtstag. Wäre ihre Mutter
noch am Leben, dann hätte sie ihren Geburtstag zwei Tage früher, am 18.
April, dem Datum von Yom Hashoah (Holocaust- Gedenktag) im Jahr 2004
gefeiert. Sie ist von der tiefen Symbolik dieser beiden Daten berührt.
"Mutter sagte immer, dass es das Geschenk war, das sie nach dem Krieg
erhielt. Mein Geburtstag ist ein deutliches Zeichen, dass ich dazu geboren
wurde, Frieden zu machen nach diesem zerstörerischen Krieg, den dieser
verfluchte Mann begonnen hat. An Yom Hashoah will ich das Grab meiner Mutter
besuchen und ich werde ihres Geburtstags gedenken. Für beide von uns gibt es
nichts Wichtigeres."
Mein Großvater, der
Offizier: "Ich hätte das gleiche wie meine Enkelin getan"
Leutnant Esther
Pechanec, 21 Jahre alt, erzählt davon, wie die jüdische Gemeinschaft
Australien, als diese von ihrer Geschichte hörte, zu Tränen gerührt war.
"Sie fragten mich sofort danach, welche Einstellung ich, angesichts meiner
Herkunft, zu den Geschehnissen in Israel habe und wie ich mein Verhältnis zu
den Arabern einschätze."
Esther Pechanec hatte
keine Probleme darauf zu antworten: "Ich sagte: Wegen meiner teilweisen
moslemischen Herkunft existiert für mich das Problem des Rassismus nicht in
meinem Leben. Ich akzeptiere Menschen als Individuen. Als Soldat
mische ich mich nicht in Politik ein, aber wenn es um die Sicherheit des
Staates Israel geht – dann gibt es für mich nur eine Einstellung. Das
wichtigste für mich ist, dass niemand Israel angreift und ihm Schaden
zufügt. Ich habe geschworen, Israel zu verteidigen."
Welche Reaktionen erhielten Sie nach der Schilderung der Geschichte Ihrer
Großmutter?
"Sie respektieren, was
sie tat und sehen in ihr eine Art von Symbol. Sie war im 2. Weltkrieg 22
Jahre alt, nicht älter als ich es heute bin, und bereits verheiratet und
Mutter von zwei Kindern. Wir sind beide entschlossene Frauen und bereit,
alles zu riskieren für das, woran wir glauben. Ich bin mir ganz sicher, dass
ich in ihrer Lage das gleiche getan hätte. Ich vermisse sie sehr und
erinnere mich an sie als einen sehr großzügigen Menschen, voller Liebe und
Toleranz Menschen gegenüber. Ihr Leben ist für mich wie eine Fackel. Meine
Mutter und ich tragen sie weiter und diese Kontinuität erfüllt mich voller
Glück."
Ihre Eltern beschlossen, dass Sie eine Jüdin werden. Wie kommen Sie damit
zurecht?
"Die meisten Kinder
werden in die religiösen Überzeugungen ihrer Eltern hineingeboren. Meine
Eltern trafen ihre Wahl und ich akzeptiere diese völlig. Ich habe mich auch
für meinen eigenen Weg entschieden. Ich habe an einer religiösen Schule
studiert und für jemanden, der von "außerhalb" kam, hat mir dies enorm
geholfen, eine Verbindung zum Judentum herzustellen. Heute sehe ich mich
nicht als religiös an. Ich wusste von Anfang an, dass ich in die IDF
eintreten würde, um das Land zu verteidigen, dass mich gerettet hat."
Was
wollen Sie nach der Militärzeit tun?
Frieden auf der Welt
schaffen. Ich würde gerne weiterhin Israel repräsentieren und die
diplomatischen Beziehungen verstärken. Ich überlege mir, internationale
Beziehungen zu studieren, aber gleichzeitig sind mehr mehrere interessante
Stellen in der Armee angeboten worden. Wir werden sehen."
Keren Hayesod 25-08-2004
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