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Israel Update

Zeit zur Heilung

Die meisten der größeren Terror-Anschläge in Jerusalem fanden innerhalb eines Umkreises von 500 Metern rund um das Bikur Holim Krankenhaus statt. Wie wird das medizinische Personal mit dem anhaltenden Terror fertig?

Von Yonatan Yavin

In der Nacht des Anschlages auf  die Ben Yehuda Fußgängerzone in Jerusalem hatte Dr. On Sibirsky Dienst in der Chirurgischen Abteilung des Bikur Holim Krankenhauses. „Ich besuchte gerade Patienten, die vor einem oder zwei Tagen operiert worden waren,“ erinnert er sich, „als wir die Explosionen hörten. Ich sagte zur Krankenschwester: Was für laute Donnerschläge, und sie sagte, das ist kein Donner, das ist ein Anschlag.“ Ich sagte: „Wer führt einen Terror-Anschlag um 11 Uhr in der Nacht aus?“

Was machten sie zuerst?

„Es gibt eine Verhaltensvorschrift für die Reihenfolge der Maßnahmen, die von der Armee übernommen wurde. Man bittet um Hilfe, man ruft die Ärzte an, die um diese Zeit schlafen gehen; man richtet Betten her; man verlegt jene Patienten aus der Notaufnahme auf  Krankenabteilungen, die nicht in Lebensgefahr sind; man öffnet Durchgänge zwischen der Krankenabteilung und der Notaufnahme, um Pufferzonen zu schaffen; und dann bringt der medizinische Notdienst des Magen David Adom die Verletzten. Ich versorge die lebensgefährlich Verletzten. Es dauert ein wenig, bevor ich von der Routine der nächtlichen Samstag-Visiten zu meiner Rolle als Arzt umschalten kann, der in Kürze Dutzende von Verletzten eingeliefert bekommen wird.“

Die Reaktionszeit des Krankenhauses ist gering, sagt Dr. Floru Sharon, Leiter der Notfall-Abteilung. „Unsere Reaktion bezieht sich auf  die Explosion, nicht auf  das Fernsehen oder die Polizei-Berichte. Innerhalb von Minuten kommen die ersten Opfer an, die auf dem Rücken von Menschen oder auf improvisierten Liegen getragen werden. Wir sind sehr gut darauf vorbereitet und wir haben gelernt, uns innerhalb von fünf Minuten auf diese Situation einzustellen. Wir machen den Notaufnahme-Raum frei und bereiten Notfall-Ausrüstung vor. An einem Tag bereiteten wir uns sieben Mal vor, weil es immer wieder falschen Alarm gab. Es war einfach verrückt.“

And so sieht es aus, wenn die Notfall-Situation eintritt und alles verrückt spielt: „Ein Vorfall mit mehreren Verletzten! Ein Vorfall mit mehreren Verletzten!“ ruft es aus dem Intercom. Innerhalb von einer oder zwei Minuten läuft das gesamte medizinische Personal des Krankenhauses in die Notaufnahme und steht vor der Tür mit Handschuhen bereit. Die Patienten werden auf die Stationen verlegt, Betten werden bereitgestellt und Anweisungen erteilt. Krankenschwestern tragen besondere Uniformen mit Taschen, in denen medizinische Geräte untergebracht sind. Die Sicherheitskräfte verriegeln die Eingänge. Stationsärzte verteilen sich auf die Verletzten und versuchen die Personalien zu ermitteln und Verwandte zu benachrichtigen.

„Die Vorbereitungen beginnen auf der Hanevi’im Strasse, wo die Krankenwagen bereits warten,“ erklärt Dr. Sharon. „Die Menschen sind alarmiert, jeder ist vorbereitet. In den Krankenwagen teilen wir die Betroffenen in lebensgefährlich, mittelmäßig und leicht Verletzte auf. Ich nehme eine zusätzliche Beurteilung vor. Das Adrenalin pumpt und du bist einfach völlig überreizt. Ein Verletzter nach dem anderen wird hereingebracht, und es ist ein endloser Strom, er weitet sich zu Dutzenden, 30 bis 40 Menschen aus. Es gibt erdrückte Kinder darunter, tote Körper, schreckliche Dinge, die man selbst im Fernsehen nicht gezeigt bekommt. Ein Mädchen kam hier nach dem Anschlag auf die Fußgängerzone mit einem 40 Zentimeter großen Loch in ihrer Brust an. Tot. Natürlich tot.“

Wie wird man damit fertig?

„Das gibt es einfach nicht, dass man damit nicht fertig werden kann. Man muss einfach damit fertig werden. Die Menschen werden hier eingeliefert und sie müssen behandelt und beruhigt werden, wenn sie bei Bewusstsein sind. Sie brauchen jemanden, der sie streichelt und ihnen sagt, dass alles in Ordnung sein wird. Ich bin hier seit 1996 als Direktor tätig and habe all größeren Anschläge mitgemacht. Wenn man damit nicht fertig wird, dann sind sie in der Medizin fehl am Platze. Dann geben sie besser auf und werden sie Arzt in Kupat Holim (eine Gesundheits-Vorsorge-Einrichtung).

Schlafen Sie in der Nacht?

„Nach jedem Anschlag kann ich einige Nächte lang nicht schlafen. Die Bilder kehren immer wieder zurück. Die entsetzten Gesichter, jeden Tag, jede Nacht, wieder und wieder, egal ob es sich um ein kleines Mädchen oder eine Frau oder einen alten Mann handelt, und es ist immer Blut und weinende Familien und eine tödliche Stille. Aber während des Anschlages unterdrückt man die emotionelle Seite. Das kommt alles viel später hoch.“

Weinen Sie?

Es gibt sicher diejenige, die während eines Anschlages weinen, vor allem im medizinischen Team. Mir ist es nicht peinlich einzugestehen, dass auch ich weine, nach dem Anschlag, für mich alleine.“

Wie steht es um die psychologische Unterstützung?

„Grundsätzlich gibt es diese, aber vor allem für die Verletzten und ihre Familien. Es gibt einige Leute, die mit den Dingen gut fertig werden und weniger Hilfe benötigen. Leute entwickeln auch Abwehr-Haltungen. Keinen Schutz. Es gibt keinen Schutz.“

Ein Krankenhaus, das um die Unterstützung kämpfen muss

Wenn man einen geistigen Kreis zieht, bei dem das Bikur Krankenhaus in der Mitte liegt und der einen Radius von 500 Metern hat, dann stellt sich heraus, dass die meisten größeren Terror-Anschläge in Jerusalem innerhalb dieses Kreises stattgefunden haben. Das Sbarro Pizza-Restaurant, die Selbstmord-Attentäter der Ben Yehuda Fußgängerzone und des Zion Platzes, die Bomben am Mahaneh Yehuda Markt unter freiem Himmel, der Terrorist an der Hanevi’im Strasse, der Selbstmord-Bomber am Hilton Hotel. In diesem Sinne funktioniert das Bikur Holim Krankenhaus wie eine Insel der Vernunft in einem Meer des Hasses, das es von allen Seiten umgibt. Es behandelt und versorgt alle Opfer, aus allen Richtungen.

Das Bikor Holim-Krankenhaus ist nichts, worüber man Briefe nach Hause schreiben könnte. Es gibt keinen Haushaltsplan. Es gibt keine orthopädische Abteilung. Es gibt keinen wohlgeplanten und geräumigen Parkplatz. Es gibt keine weitläufigen Grünflächen wie an den Anlagen des Hadassah Universitäts-Krankenhauses bei Ein Kerem oder auf dem Mount Scopus, es gibt keine richtige Cafeteria und keinen Geschenk-Laden. Es gibt nur einen kleinen heruntergekommenen Platz zum Essen, wo die Tische schmutzig sind und die Tabletts nicht abgeräumt werden.

Der Eingang von der Zufahrtsstrasse zur Notaufnahme ist eng und klaustrophobisch. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Rettungswagen seine gefährdete Fracht an diesem steilen Abhang entladen kann. Dies ist ein armes Krankenhaus für arme Menschen, ein altes Krankenhaus, das um jeden Pfennig kämpfen muss und das nie ein führendes internationales Zentrum war und dies auch nie sein wird. Es steht Nachbarschaften wie Musrara, religiösen Nachbarschaften wie Mekor Barukh sowie Geula und Mea She’arim zur Verfügung, sowie Arabern aus der Alten Stadt und den Einwohnern von Mahaneh Yehuda. „Vielleicht klingt es faschistisch dies zu sagen,“ meint einer der Ärzte, „aber dieses Krankenhaus hat Krankheiten, die intelligente Menschen nicht befallen.“

Zum Beispiel?

„Unkontrollierter Diabetes bis zu dem Punkt von schrecklichen Bein-Fäulnissen, etwas, was bei kontrolliertem Diabetes nicht auftritt. Es gibt hier Drogen-Abhängige, keine Privat-Patienten mit einem Mercedes auf dem Parkplatz. Wir behandeln hier wirklich Patienten mit schweren Erkrankungen. Lassen Sie es mich einfach so sagen: Es gibt hier viel mehr Fälle von Lungenentzündungen als Yuppie-Krankheiten.“

Aber all das kann man auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: „Bikur Holim ist ein besonderer Ort, in dem es verschiedene Abteilungen gibt, die sich gegenseitig ergänzen,“ sagt Dr. On Sibirsky. „Diejenigen, die hier behandelt werden, sind sehr zufrieden. Vor allem wegen der örtlichen Nähe und des persönlichen Bezuges zu den Ärzten, was hier den Behandlungsablauf bestimmt. Und man ist auch mit der Zusammensetzung des medizinischen Personals zufrieden, das Ultra-Orthodoxe, Russen und Araber einschließt.“

Dr. Sibirsky unterteilt die Patienten in ein Drittel oder ein Viertel Araber, die Hälfte sind ultra-orthodoxe und der Rest sind „gewöhnliche“ Patienten, zum Beispiel weltliche Israelis. Für die arabische Bevölkerung der Stadt ist Sibirsky so etwas wie ein Idol: Die Geschichten über seine warmherzige Einstellung und über seine genaue Arbeit sind weit verbreitet und haben die Zahl seiner Patienten ansteigen lassen.  „Ich habe jetzt Jerusalemer Bürger seit 15 Jahren behandelt,“ sagt er bescheiden. „Offenbar mache ich für die arabische Bevölkerung eine gute Arbeit.“

Entschuldigen Sie die Frage, aber ist es heutzutage nicht schwierig, Feinde zu behandeln?

„Ich habe meine Facharztausbildung am Hadassah zu Beginn der 90er Jahre gemacht und in den chirurgischen Abteilungen lagen viele verletzte Terroristen aus der ersten Intifada. Ich habe Patienten als Folge aller Terror-Anschläge seit den 90er Jahren behandelt und wenn es einen Anschlag gegeben hat, stellt man keine Fragen. Es gibt keine Zeit für philosophische Überlegungen. Ein Medizin-Student muss viele Ausbildungs-Stufen durchlaufen, bevor er Facharzt für Chirurgie wird.“

Erinnern Sie sich an einen besonderen Vorfall, den sie als Meilenstein bei der Behandlung des Feindes einstufen würden?

„1996 behandelte ich einen Terroristen, der angeschossen worden war und der für viele Anschläge verantwortlich war; ich habe seinen Namen bereits vergessen. Das Personal konnte sich nicht um ihn kümmern wegen der Straßensperren und der Sicherheitsleute vom Shin Bet, und ich stand ihm alleine gegenüber. Nachher war niemand bereit, ihm sein Essen-Tablett auf die Station in Ein Kerem zu bringen, sowohl wegen seiner Person und wegen der Sicherheitsmaßnahmen, die darauf hinausliefen, dass nicht jeder an ihn heran konnte. Es kam dazu, dass ich als Arzt ihm das Essen brachte, obwohl das nicht meine Aufgabe war. Das war eine Erfahrung, die mir berufliche Reife vermittelte.“

Ein Riss im Stoff

Die Notaufnahme ist ein Pluspunkt für uns, eine starke Karte,“ erklärt Dr. Omri Ben Ezra, ein Arzt in der Chirurgischen Abteilung. „Wenn es einen Anschlag gegeben hat, vergisst jeder, wer er ist. Plötzlich sind sie nicht mehr krank. Wir verlegen Menschen hinaus. Einige stehen einfach auf und gehen nach Hause. Es gibt einen ganzen Haufen von Aktivitäten, wie wenn man auf einen Ameisen-Haufen getreten ist. Die Verletzten strömen in unvorstellbarer Anzahl herein und manche sind in ihren Pyjamas. Leute sind aufgeschlitzt am Körper. Es ist ein Riss im Stoff deiner Stadt. Den Menschen wird das Innerste nach außen gerissen.

Herein kommt jemand, der noch vor einem Moment ein junges Mädchen in einem Kleid war, und jetzt ist ihr gesamtes Bein eine einzige klaffende Wunde. Es ist nicht logisch. Einerseits ist man schockiert, auf der anderen Seite ist man konzentriert, ausgerichtet und bereit für die Arbeit. Du siehst nichts und du nimmst alles in dir auf; du bist ein Roboter. Plötzlich dringen die Schreie und das verrückte Leiden in Dein Bewusstsein ein und dann, wenn der Strom der Verletzten versiegt ist, verstehst du, dass du vor 10 Minuten ruhig gearbeitet hast, dass alles normal gewesen ist. Nach zwei weiteren Stunden ist alles vorbei und du kannst einfach nicht glauben, dass das alles geschehen ist.“

Es ist nicht das Blut, das einem nahe geht

„Ich rege mich über Blut nicht auf, ich finde es viel weniger ekelhaft als Rotz. Es sind die Löcher, die sich in den Menschen öffnen. Der Schaden, der einer Person als Ganzes zugefügt wird. Ich habe eine Frau behandelt, die einfach nicht aufhören konnte, schnell vor sich hin zu sprechen. Ich untersuchte sie, ob sie an Hypoxie (Sauerstoff-Mangel im Hirn) litt, und ich legte meine Hand auf ihren Kopf und fühlte einen außen liegenden Klumpen und stellte fest, dass sie von einem Stück Hirn eines Opfers getroffen worden war. Ich wischte es ab, ohne dass sie es merkte, aber ich hätte mich nicht anstrengen müssen, weil sie weit davon entfernt war, überhaupt etwas bemerken zu können.“

Er kann immer noch nicht ein kleines Mädchen vergessen, das er behandelt hat, wie er sagt. Er will ihren Namen nicht sagen, aber seine Einzelheiten treffen auf die Beschreibung der 9jährigen Leah Schijveschuurder zu, die bei dem Sbarro-Anschlag ernsthaft verletzt worden war und fünf Mitglieder ihrer Familie verloren hat. „Sie war alles, was ich jemals gefühlt habe,“ gesteht Ben Ezra, „der Schmerz, der Schock, die Entfremdung, die Explosion. Ich veranlasste eine Röntgenaufnahme, weil ich vermutete, dass ihr ein Nagel über ihr Schlüsselbein eingedrungen war, und ich wusste automatisch, dass sie sehr viel schwerer verletzt worden war.“

Haben Sie mit ihr gesprochen?

„Ich fragte sie nach ihrem Familien-Namen und dieser war lang und kompliziert. Sie begann ihn zu buchstabieren und ich vermutete eine Kopfverletzung, weil ihr Buchstabieren nicht logisch klang. Deshalb fragte ich sie noch einmal und sie wiederholte ihn in jenem geduldigen Tonfall eines Menschen, dessen Zeit verschwendet wird. Ich fragte sie, mit wem sie zusammen gewesen war und sie sagte, „ich weiß es nicht.“ Als ich sie fragte, wo ihre Mutter war, hatte sie bereits Tränen in den Augen. Sie sagte, „ich weiß es nicht.“ Als ich sie nach Telefon-Nummern von Freunden und Verwandten fragte, funktionierte sie bereits besser als ich, und wiederholte die Nummer mit der Geduld eines sterbenden alten Mannes.“

Waren Sie zornig?

„Nach einiger Zeit fühlen Sie diesen kalten, harten Zorn. Nicht auf die Araber, oder auf  Terroristen oder auf Gott, sondern mehr in der Form eines Greenpeace-Aktivisten – derartige Dinge sollten einfach nicht passieren. Wie können solche Dinge geschehen? Wie können menschliche Wesen eine derartige Tat vollbringen? Es ist wie eine höhere Technologie, die über jener der Atomspaltung steht. Es ist die Spaltung des Lebens.“

Was machen Sie mit dem Zorn?

„Es ist sehr angenehm ein Arzt zu sein bei einem Anschlag, denn man weiß, was man mit dem Zorn tun muss, um ihn zu bewältigen: Arbeiten. Du bist der gute Mensch, der Typ in dem weißen Mantel in einer grausamen Welt. Aber wenn sich der Anschlag weit entfernt abspielt? Während des Anschlages auf die Dolphinarium-Discothek in Tel Aviv saß ich zuhause und wusste nicht, ob ich Jerusalem aufgeben (um ein Friedensabkommen zu erreichen) oder ob ich Ramallah niederbrennen sollte.“

Eine praktische Einstellung

Prof. Arie Durst, Leiter der Chirurgie am Krankenhaus, schiebt den Vorhang in seinem Büro zur Seite. Sein Ausblick beinhaltet auch einen dunklen grauen Himmel, Fußgänger, die über die Einmündung der King Gorge und Jaffa-Strassen eilen, und ein riesiges grünes, rotes und weißes Sbarro Schild. „Sehen Sie das?“ sagt er, um seine Meinung zu begründen. „Die Menschen bringen eine verletzte Person zum naheliegendsten Platz, wo medizinische Hilfe erhältlich ist. Das sind wir. Und es ist auch ein idealer Platz, um sich in die Luft zu jagen, weil es in der Jerusalemer Fußgängerzone Sicherheits-Kräfte an allen Türen gibt. Das Problem liegt darin, dass mich der Vorsitzende der Palästinensischen Autorität, Arafat, nicht anruft, um die Aktionen bereits vorher mit mir abzustimmen.“

Und die Verletzten kriechen zum Krankenhaus, noch bevor die Ärzte ankommen.

„Die Ärzte, die nicht Dienst taten, ja, diese kamen erst nach den Verletzten hierher. Aber im Fall von Sbarro gingen einige Mitglieder des Personals bereits zum Ort des Geschehens, nachdem sie die Explosion gehört hatten und brachten die Verletzten hierher. Es gab ein sehr bewegendes Bild des Managers des Restaurants, ein Araber, dessen Bruder einer der ersten war, der zum Ort des Geschehens kam. Zuerst waren sie ihm gegenüber misstrauisch am Eingang und nachher ließen sie ihn hinein. Ich möchte nicht wiedergeben, was er im Fernsehen über seine Selbstmord-Bomben-Brüder sagte.“

Ich bin sicher, dass es keine einfachen Zeiten für Ihr arabisches Personal ist.

„Wir behalten eine praktische Einstellung bei. Dies sind Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen wollen und es gibt einen kleinen Prozentsatz, die militant sind. Wir haben arabische Arbeiter in den Notfall-Teams. Als der Polizist in der Hanevi’im Strasse verletzt wurde, war Ra’ad, unser Junior-Doktor, der erste, der sich um ihn kümmerte. Die Oberschwester in der Abteilung ist Araberin und am Shabbat kümmern sich Araber um die Patienten.“

Haben nicht auch Berufstätige Gefühle?

„Es gibt etwas in der Ausbildung eines Mediziners, das es ihm ermöglicht, seine persönlichen Meinungen zu ignorieren und gegenüber den Verletzten eine rein berufliche Einstellung zu wahren. Ich erinnere mich daran, wie ich einen Terroristen nach dem Anschlag auf den Bus 405 behandelt habe, der leicht verletzt worden war. Obwohl wir wussten, dass er der (schuldige) Mann war, behandelte ich ihn wie jeden anderen auch und als wir fertig waren, übergaben wir ihn der Polizei.“

Wird das arabische Reinigungs-Personal gründlicher am Eingang durchsucht?

„Es gibt so etwas wie ein familiäres Gefühl hier. Ein arabischer Reinigungs-Arbeiter wird nicht gründlicher durchsucht. Bei den Leuten, die hier täglich arbeiten, geht man davon aus, dass sie deine Mitarbeiter sind. Im Operations-Saal gibt es sehr viele arabische Mitarbeiter. Männliches Pflegepersonal, weibliche Krankenschwestern. Sie werden niemals zögern zu helfen. Wir bemühen uns absichtlich darum, nicht über derartige Themen wie Terror zu sprechen, denn es ruft eine unangenehme Stimmung hervor. Was können wir ihnen sagen? Dass sie sich zurückhalten sollen? Schließlich handelt es sich bei ihnen um keine Terroristen.“

Alex Farkhash ist der Sprecher des Krankenhauses, ein großer beeindruckender Ultra-Orthodoxer Mann, freundlich und charmant. Er arbeitete sechs Jahre lang als Rechercheur für die ultra-orthodoxe Zeitung Hamodia, bevor er eine neue Karriere einschlug. Farkash war zwei Jahre lang als Gesandter des Krankenhauses im Ausland. Wie alle Öffentlichkeitsarbeiter hat er ein permanent läutendes Handy und eine Menge zu sagen.

„Die Spannung zwischen Juden und Arabern verschwindet nach einem Tag,“ versichert uns Farkhash. „Wir achten darauf, hier keine Anzeichen von Politik einfließen zu lassen. In einer der Abteilungen hing eine Krankenschwester ein Foto von Rabbi Kahane auf (dem ermordeten rechts-extremistischen anti-arabischen Politiker). Ich bat sie darum, es abzunehmen und sie regte sich darüber auf. Ich kam zwei Stunden später wieder vorbei und das Bild hing nicht mehr an der Wand. Die Mitarbeiter hatten ihr klargemacht, dass es nicht wichtig war und ich musste mich damit nicht mehr offiziell befassen.“

Prof. Durst: „Aus meiner Erfahrung in den Kriegen um Israel, gab es viele arabische Ärzte, die Kriegsverletzte behandelten. Es trat eine Situation ein, wo alle jüdischen Ärzte in die Armee eingezogen worden waren, und das Krankenhaus verfügte nur noch über einige ältere Professoren und junge Ärzte, and diejenige, die sich um die Kranken kümmerten, waren arabische Ärzte.“

Aber es macht keinen Sinn so zu tun, als ob alles in bester Ordnung wäre. Der Hass in den Strassen fließt auch in das Krankenhaus über. „Hass aller Art,“ sagt einer der Ärzte, „eingesessene Israelis gegen neue Einwanderer, Araber gegen Juden, weltliche gegen religiöse Leute. Wir benehmen uns alle, als ob alles in Ordnung wäre, aber gelegentlich hört man einige Dinge. Ein Araber fiel aus dem fünften Stock und wurde verletzt, und jemand sagte, dass es schade sei, dass er nicht aus einem höheren Stockwerk gefallen sei.“

Wann fließt der Satz „Tod den Arabern“ in die medizinische Debatte ein?

„Sie sagen, dass der Terrorist aus der Hanevi’im Strasse vorhatte, sich im Krankenhaus in die Luft zu jagen. Nachher hatten wir einen Araber hier, der offenbar sein Komplize gewesen war. Als sich die Situation entspannte, nicht sofort, hörte ich viele Beschwerden – wie `warum müssen wir diesen Verrückten behandeln?` Sie ließen ihn sogar vom Bet Shin bewachen.“

Gibt es eine Art von entschuldbarem Verhalten auf seiten der arabischen Patienten?

„Natürlich. Einige von ihnen haben es auf der Stirn geschrieben, dass sie meinen, ich würde sie nicht richtig behandeln, nur weil sie Araber sind. Ich hatte eine peinliche Szene mit einem Patienten, der begann mir von seinem Onkel zu erzählen, der 20 Jahre lang in der Stadtverwaltung gearbeitet hatte, nur um sicherzustellen, dass ich ihn gut behandeln würde.“

Ramzis Geschichte

Ramzi Aloun gehört zum Ordnungsdienst. Er führt Patienten von der Notaufnahme zum CT-Raum, von der Röntgen-Abteilung zu den Stationen. Er war auch einer der ersten, die zum Sbarro-Restaurant eilten, um die Verletzten zu versorgen. Er ist auch ein Araber, der „in Beit Safafa lebt. Genaugenommen in der Patt-Nachbarschaft.“ Er ruft auch heimliche Seitenblicke hervor, jedes Mal, wenn ein Sicherheits-Mann des Krankenhauses an ihm vorübergeht und dann senkt er auch seine Stimme. „Ich liebe es aus ganzem Herzen zu helfen, ich frage nicht danach, wer ein Araber ist und wer ein Jude. Während des Anschlages auf den Zion-Platz kam ich um 9 Uhr abends von der Arbeit nach Hause und um 11.30 erhielt ich einen Anruf und kam hierher. Die Leute sagten mir, Ramzi setz dich endlich, ruhe dich fünf Minuten aus, aber ich tat es nicht.“

Du bist 23 Jahre alt. Ein junger Mann mit einer harten Arbeit.

„Die erste verletzte Person, die ich hierher brachte, war ein Junge aus Pisgat Ze’ev, der gestorben ist. Er hatte einen Arm verloren, ich fühlte mich betroffen wegen seines Schicksals. Das war das erste Mal, dass ich einen solchen jungen Mann sterbend neben mir gesehen habe. Sogar wenn ich über ihn spreche, schmerzt es mich immer noch. Und ich werde mich immer schlecht fühlen, wenn ich an ihn denke. Ich bin Araber, das stimmt. Aber ich helfe Juden gerne. Ich frage mich, was wir von diesem Anschlag gewinnen? Er bereitet auch uns Probleme.“

Du warst der erste, der den Grenz-Polizisten erreichte, der auf der Hanevi’im Strasse getötet worden war.

„Ich legte ihn auf das Bett 15, dann verlegten sie ihn in das Hadassah und er verstarb am gleichen Tag. Ich zeige den Grenz-Polizisten immer meine Arbeits-Karte des Krankenhauses und sie machen mir keine Probleme. Sogar wenn sie mir etwas sagen, beachte ich das nicht. Ich habe mein ganzes Leben lang unter Juden verbracht, ich fühle mich wie einer von ihnen, und ich helfe aus ganzem Herzen. Und nicht, weil es meine Arbeit ist.“

keren-hayessod.de / 16-12-01