|

Schriftsteller Ralph Giordano hielt bei Kölner Magbit-Eröffnung eine
Grundsatzrede:
Was uns hier zusammenführt, ist die Liebe zu
Israel
|

Ralph Giordano
Foto: M. Schmidt
|
Im Vorwort der Taschenbuchausgabe 2002 meines 1991
erschienenen Buches "Israel, um Himmels willen, Israel" heißt es: "Das
Werk definiert ein damals wie heute konstantes Verhältnis zu dem kleinen
'Mutterland': meine Liebe zu Israel, meine Sorge um Israel, meine Kritik
an Israel. Ein Freibrief für falsche Bundesgenossen, mir für letztere
auf die Schulter zu klopfen, ist das nicht. Ich akzeptiere niemandes
Kritik an Israel, der mir nicht nachgewiesen hat, was ihm die
Menschenrechte und ihre Unteilbarkeit wert sind – das Credo eines
Rasters, durch das schon so mancher Christ, Muslim und auch Jude
gefallen ist."
Dieses Thema möchte ich unter zwei Aspekten abhandeln:
Israel und Deutschland, und Israel und die islamische Welt.
Israel sitzt auf der Anklagebank
Was mich geradezu adrenalisiert: Israel sitzt im
Deutschland von heute ganz selbstverständlich auf der Anklagebank, eine
einseitige Schuldzuweisung der öffentlichen Meinung mit nahezu
kollektivem Charakter. Die veröffentlichte Meinung ist wohl
differenzierter, aber oft genug auch in gefährlicher Nähe der
Versimpelung des Nahostkonflikts zu Lasten Israels. Das liegt förmlich
zum Greifen in der Luft, eine Parteinahme mit der Durchschlagskraft
herrschender Ideen. Dem haben wir unsere Parteinahme entgegenzusetzen,
und das ohne falsche Rücksicht, Taktik und Defensive – es reicht!
Wieso soll die gezielte Tötung von Terroristen, die
unzählige gezielte Morde angeordnet haben, verwerflicher sein als diese
Morde? Es ist widerwärtig, Tag für Tag erleben zu müssen, wie laut weite
Kreise über die Toten und Verwundeten israelischer Gegenschläge klagen,
während sie sich gleichzeitig empfindungslos über die Massaker der
"lebenden Bomben" hinwegsetzen. In Serie zeigen die Medien zu Grabe
getragenen Palästinenser, aber nicht einmal hat eine deutsche Kamera
nach einem in die Luft gesprengten Bus die Blutlachen von der Größe
eines halben Fußballfeldes gefilmt, noch die Rumpfkörper, die arm- und
beinlos hundert Meter vom Ort der Explosion weggeschleudert worden sind.
Dann die Kommentare, auf der Straße und in den Medien,
dass letztlich Israel auch dafür die Gründe liefert, was auf eine ebenso
selbstverständliche wie infame Exkulpierung (Rechtfertigung, die Red.)
der organisierten Mörderbanden hinausläuft.
Ich frage: Wollen ungefährdete Deutsche tatsächlich und
allen Ernstes die Israelis besserwisserisch belehren, wie deren Staat,
Regierung, Militär und Polizei die Bürgerinnen und Bürger vor dem
professionellen Terror von Hamas, Dschihad und Hizbollah zu schützen
hätten? In den vergangenen drei Jahren sind durch diesen Terror etwa
3000 Israelis getötet worden, an die 1000 davon durch
Selbstmordattentäter, nicht zu reden von der zehnfachen Zahl und mehr
der Verletzten.
Wie würde Deutschland auf solchen Terror reagieren?
Rechnete man diese Ziffern hoch auf Deutschlands
demografische Dimension von 80 Millionen Einwohnern, so würde das
bedeuten, dass in der besagten Zeitspanne zwischen Flensburg und
München, Köln und Frankfurt/Oder an die 40.000 Menschen umgekommen und
Hunderttausende verwundet worden wären. Kann man sich vorstellen, was
die hiesigen Folgen wären? Panik, Chaos, Erliegen des öffentlichen
Lebens, Rufe nach dem "starken Mann", Wiedereinführung der Todesstrafe –
und die deutsche Demokratie?
Hier versagt meine Fantasie. Ich weigere mich notorisch,
die Maßnahmen israelischer Regierungen zum Schutze der Bürgerinnen und
Bürger auf die gleiche Stufe zu stellen mit den hinterhältigen
Anschlägen arabischer Terroristen, wie es immer wieder in deutschen
Medien geschieht – ich weigere mich kategorisch.
Das stellt den Judenstaat nicht unter kritischen
Naturschutz und hebt weder die Unteilbarkeit der Humanitas noch Fehler
und Schlimmeres auf, die von israelischer Seite gemacht worden sind.
Allen voran eine von vornherein falsche Siedlungspolitik nach dem
Sechstagekrieg von 1967, ein Wahnsinn, den einzugestehen die Räumung
jüdischer Siedlungen aus Gaza ein erster Schritt war. Was keineswegs
bedeuten soll, dass ich mich hier herzlos über das Leid der Betroffenen
auslasse. Und wie sieht es nun in Gaza aus? Man schießt von da Raketen
nach Israel.
Israel ist das Land, das jene kostbaren Werte verkörpert,
ohne die wir uns das Leben nicht vorstellen können. Israel – und nicht
die arabischmuslimische Staatenwelt. Was ist das für eine Welt? Zitat:
"Entzünde die Bombe – und du bist bei Allah", "Der reichste König hat
weniger als der ärmste Märtyrer im Paradies", "Allah verheiratet mich
mit 72 Jungfrauen, wenn ich töte" – so tönte es in arabischen
Hasspredigten noch jüngst und ungestraft im deutschen Fernsehen.
Wer, verdammt noch mal, will mir da einreden, dass es
sich hier nicht auch um einen Kampf der Kulturen handelt? Und dass
Israels Grundproblem nicht darin besteht, dass es in einem Kampf auf
Leben und Tod gerade seiner demokratischen Struktur und seiner humanen
Grundsätze wegen in einer ungünstigeren Ausgangsposition steht als seine
von jedem rechtsstaatlichen Denken klinisch freien Feinde?
Der jüdische Staat hält sich an demokratische Regeln
Es war der von mir hoch geschätzte Kollege Leon de
Winter, der in dem offiziellen Organ der Juden Hollands die Sache
unverblümt beim Namen genannt hat: "Natürlich ist die israelische Armee
in der Lage, die Verstecke der Terroristen in Wohnvierteln aufzuspüren
und zu zerstören. Jedoch ist der Preis an Menschenleben so hoch, dass es
kein Zusammenleben in Freiheit und mit freier Presse mehr geben könnte.
Das ist das eigentliche Dilemma: Israel könnte, aber weil Israel Israel
ist, kann es diese Mittel und Möglichkeiten zur Terrorbekämpfung nicht
anwenden und einsetzen.
Manchmal erscheinen Vergeltungsaktionen als zu groß,
jedoch sind sie in Wahrheit minutiös im Verhältnis zu den Möglichkeiten,
die Israel hat." Soweit der Bundesgenosse aus den Niederlanden, Leon de
Winter.
In meine Fassung gebracht, lautet es so: Es wäre Israel
waffentechnisch ein Leichtes, den Konflikt mit den Palästinensern zu
beenden. Es müsste nur der Intifada so begegnen, wie jede arabische
Regierung jeder jüdischen Intifada in ihrem Land begegnen würde, nämlich
sie bedenkenlos noch am gleichen Abend des Tages, an dem sie
ausgebrochen war, in ihrem eigenen Blut zu ersticken.
Aber Leon de Winter hat Recht. Israel kann das nicht,
sogar unter Gefährdung seiner Existenz könnte es das nicht – was
gleichzeitig eine treffende Charakteristik ist, wer im Nahostkonflikt
wem gegenübersteht.
Nein, nicht der kleine Judenstaat wird es sein, von dem
aus die großen Schatten über das 21. Jahrhundert fallen werden. Fallen
werden sie vor allem aus der Hemisphäre von 22 arabischen Ländern, die
50mal mehr Menschen und 800mal mehr Bodenfläche haben als Israel.
Vom Weltärgernis zur Weltbedrohung
Bevor ich mich dem Thema Israel und die islamische Welt
zuwende, den notorischen Israel-Anklägern in den Redaktionsstuben und
Chefetagen der deutschen Print- und TV-Medien noch dies ins Stammbuch:
Sie sollten sich intensiver als bisher beschäftigen mit dem Teil des
Islam, der von einem Weltärgernis längst zu einer Weltbedrohung geworden
ist. Steht doch nirgendwo geschrieben, dass Deutschland ein weißer Fleck
auf der Karte des Terrors aus islamischen Ländern bleiben wird.
Jetzt zu dem Problem, das wie ein Unwetter über dem eben
angebrochenen Jahrhundert schwebt, eine dunkle Wolke, die wohlweislich
erst angestochen, keineswegs aber schon voll aufgestochen ist. Ich
spreche von der Krise des Islam bei der Anpassung an die Moderne.
Revolutionsüberreife Gesellschaften zwischen Marokko und Indonesien, ein
riesiger, interkontinentaler Teil der Menschheit, mit dem arabischen
Segment als Zentrum, droht an der eigenen Rückständigkeit zu
explodieren. Diese Krise ist inzwischen zur Initialzündung eines
Terrorismus geworden, wie ihn die Geschichte der Menschheit noch nicht
erlebt hat.
ES IST KRIEG – ich sage das so unverblümt, weil Krieg
ist. Und die ihn der Zivilisation und allem erklären, was das Leben
lebenswert macht, sie verkünden: "Ihr fürchtet den Tod – wir nicht!"
Eine neue Akte der Entmenschlichung
Das aber heißt: Uns ist ein Feind erstanden, der den
stärksten aller menschlichen Triebe, den der Selbsterhaltung, für sich
außer Kraft gesetzt hat. Diese Kamikaze-Ideologie ist dabei, die
gesittete Welt in ein neues Zeitalter zu katapultieren – mit der
niederschmetternden Aussicht auf einen abermaligen Totalitarismus.
Der schickt sich an, eine neue Akte der Entmenschlichung
aufzuschlagen, die auch den letzten geschützten Freiraum zu zerstören
bereit ist und deren ideologische Brutalität alle Tabus menschlicher
Gesittung zu brechen beabsichtigt.
Es zählt zu den Lebenslügen unserer Zeit, dass der
gesamte arabische Raum befriedet wäre, wenn es den Nahostkonflikt
nicht gäbe. Der ist in der Tat gegenwärtig so festgefahren wie lange
nicht – und wird dennoch, in historischen Zeiten gedacht, seine
Begrenzung finden.
Die Krise der islamischen Welt aber wird einen längeren
Atem haben – und das, so differenziert sie sein mag, ihrer
staatenübergreifenden Grundelemente wegen.
Zu ihrer Charakteristik kann ich mich der eigenen Stimme
enthalten, da die schärfsten Kritiker sowohl des islamischen
Fundamentalismus als auch der islamischen Gesellschaft insgesamt Muslime
sind. Eine härtere Abrechnung als ihre mit den jeweiligen Eliten, den
manipulierten Massen und den eigenen Übeln kann man sich nicht
vorstellen. Kein Weißer, kein Europäer, Amerikaner oder Israeli würde
sich auch nur in die Nähe einer Kritik wie aus diesem Munde wagen.
Arabische Unfähigkeit zur kritischen Selbstreflexion
Die innerislamischen Kritiker machen Schluss mit dem
üblichen Delegieren der Verantwortlichkeit für den erbärmlichen Status
quo nach außen: an "Europa", an den Kolonialismus, an den "Großen Satan"
USA und den "Kleinen Satan" Israel – ohne die historischen Sünden des
Westens zu unterschlagen.
Schonungslos wird die Unfähigkeit der
islamisch-arabischen Gesellschaft zur kritischen Selbstreflexion
vorgeführt, wird die eigene Rückständigkeit und die daraus erwachsenden
Minderwertigkeitskomplexe als die wahre Quelle des Terrors angeprangert.
Was sich mit diesen Stimmen vor uns auftut, ist eine grandiose
Philippika nach der anderen gegen einen Terrorismus, dessen Ursachen dem
Aggregatzustand der islamischen Welt selbst entspringen.
Wie sieht es der libanesische Dichter Abbas Baydoun? "Wir
haben geschwiegen, als große Minderheiten bei uns unterdrückt wurden,
und nie die Verantwortung für tatsächliche Massenmorde übernommen …
Allzu oft jubelten wir unseren echten und großen Tyrannen
zu, in der Erwartung, die versprochene Stunde der Rache am Westen bräche
nun an. Heute scheint es, dass viele unserer Intellektuellen in ihrem
Innern einen kleinen Bin Laden großziehen und neuerlich mit einer
historischen Rache um jeden Preis winken – selbst wenn es sich um die
Zerstörung der Kultur, um das Wegsperren von Frauen oder darum handelt,
Afghanistan aus lauter verzweifelter Rachsucht den Kampfbombern eines
George W. Bush auszuliefern."
Abbas Baydoun fährt fort: "Womöglich beten jetzt viele
bei uns darum, dass der Rassismus des Westens und die amerikanische
Paranoia sich verstärken. Denn auf diese Weise fänden wir eine neue
Ausrede, nicht in den Spiegel zu sehen … um uns den Anblick eines
fürchterlichen Gesichts zu ersparen, des Gesichts eines anderen Islam,
des Islam der Isolation und der willkürlichen Gewalt, der nach und nach
die Oberhand gewinnt und bald, während wir auf den Höhepunkt unserer
Verblendung zusteuern, unser tatsächliches Gesicht geworden ist."
Der radikale Islam sitzt bereits fest in Europa
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie
auch die kritischen Worte der Muslima Ayaan Hirsi Ali, die nach der
Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh und der
Veröffentlichung ihres Buchs über das eigene Frauenschicksal schwer
bedroht wird: "Ich war bereit, sehr weit zu gehen, um die Menschen
aufzuwecken. Auf der einen Seite die niederländischen Autoritäten, die
kapieren müssen, dass der radikale Islam und seine Anhänger sich in den
Niederlanden festgesetzt haben, und auf der anderen Seite die
muslimischen Massen, damit sie lernen, die hässlichen Muttermale ihrer
Religion zu sehen."
Am deutlichsten wird der türkische Publizist Zafer
Senoçak aus Ankara: "Kaum ein islamischer Gelehrter, geschweige denn ein
frommer Laie ist willens und in der Lage, das Kernproblem in der
Denkstruktur des eigenen Glaubens zu sehen … Sie sind nicht bereit zur
kritischen Analyse der eigenen Tradition, zu einer schonungslosen
Gegenüberstellung ihres Glaubens mit der Lebenswirklichkeit in modernen
Gesellschaften."
Was ist dem hinzuzufügen? Lasst uns die Hoffnung auf eine
palästinensische Zivilgesellschaft dennoch nicht aufgeben. Voraussetzung
dafür ist aber die Überwindung ihrer inneren Feinde. Wobei uns das 20.
Jahrhundert gelehrt hat, dass die Guerilla von regulären Armeen, und
seien sie noch so stark, nicht besiegt werden kann.
Was immer also Israel zu dieser Zivilgesellschaft
beizutragen vermag: Hizbollah, Hamas und Dschihad dahin zu befördern,
wohin sie gehören, auf den Kehrichthaufen der Geschichte, bleibt doch
vor allem eine palästinensische, eine innerarabische Aufgabe.
Trotz allem: Der Funke der Menschlichkeit glüht
Das Potenzial müsste da sein. Ich höre von einem
palästinensischen Vater, dessen zwölfjähriger Sohn von israelischen
Soldaten getötet worden war, und der trotzdem die Organe des Toten für
Lebende gespendet hat, ob nun Muslime, Christen oder Israelis, wie es
ausdrücklich hieß. Auch wenn eine solche Haltung ganz gewiss nicht
exemplarisch ist: Was mir dabei dennoch eine gewisse Zuversicht
einflößt, ist der Gedanke, dass selbst in einer so militarisierten
Gesellschaft wie dieser der Funke der Menschlichkeit nicht ausgetreten
werden kann.
Aber es wird ein schwerer und langer Marsch werden. Vor
kurzem kam mir ein Ausspruch zu Ohren, den ich nicht unterschlagen
möchte: "Wenn denn die islamische Gesellschaft ihre Ehre über die von
der männlichen Begehrlichkeit stets bedrohten Geschlechtsmerkmale der
Frau definiert, und das tut sie – wäre es da nicht sinnvoller, den
Männern Handschellen anzulegen, als den Frauen das Kopftuch zu
verordnen?"
Oh ja, darüber muss man unwillkürlich lachen, aber es ist
nicht zum Lachen, weil sich all das, worüber ich gesprochen habe, gegen
Juden richtet. Vor allem aber gegen Israel, unser, mein geliebtes
Israel.
Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar
verbunden, eine Ankettung, die unabhängig ist von den Maßnahmen, der
Politik und den Gesetzen abwählbarer Regierungen. Die Liebe zu Israel
ist die Hülle meiner Kritik an ihm, ihm gehört all meine Bewunderung und
so manches noch, was mir im Halse stecken bleibt, wenn ich es sagen
möchte und nicht kann, weil es mir die Sprache verschlägt. Ich bin
überzeugt von der Kraft dieses Landes und seiner Menschen, ich baue auf
seine Fantasie, seine Kreativität, seine gewaltige Vitalität und seine
Überlebensfähigkeit. Daneben aber hockt in mir, unverbannbar, mit
bleibender Unruhe und unausrottbarer Sorge jene jüdische Angst, die
meinem Buch den Titel "Israel, um Himmels willen, Israel" verliehen hat,
und die sich dennoch nie geschlagen geben wird.
So deute ich auch unsere Zusammenkunft. Danke, Keren
Hayesod, für die Einladung und allen, dass sie mir zugehört haben.
Aufgezeichnet von Angelika Brecht-Levy
Keren Hayesod 24-03-2006
|