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Interview mit Julia Koschitzky,
Ex-Vorsitzende des KH – UIA Welt-Treuhänder-Vorstandes und Mit-Vorsitzende
des Erziehungs-Komitees der Jewish Agency:
"Unsere Zukunft: 1,7 Millionen junge Menschen in aller Welt
mit ihren jüdischen Wurzeln vertraut machen"
Im
Oktober verbrachte Julia Koschitzky vier arbeitsreiche Tage in Russland, um
sich vor Ort über die Lage zu informieren. In einem besonderen Interview mit
der KH-Website anlässlich des Jahrestages der Gründung des Keren Hayesod,
äußerte sich Julia Koschitzky über ihre Eindrücke, Gefühle und
Schlussfolgerungen des Besuches.
Könnten Sie uns etwas
über die Hintergründe zum Zweck und den Zielen Ihres Besuches erzählen?
In meinem Amt als Mit-Vorsitzende der Erziehungsabteilung der Jewish Agency
habe ich es als meine Verantwortung empfunden, nach Russland zu reisen, wo
wir so viel in jüdische Erziehungsprogramme und Aktivitäten investiert
haben. Ich wollte mit meinen eigenen Augen diese Programme in Augenschein
nehmen, weil nichts einen persönlichen Eindruck ersetzen kann. auch wenn ich
zahllose Berichte und wunderbare PowerPoint-Präsentationen vorgestellt
bekommen habe.
Ich war sehr glücklich, dass mich die Leiterin der Russland-Abteilung der
Jewish Agency, Gerda Feuerstein, begleitete, wie auch Gadi Dror, Direktor
der Ost-Region des Keren Hayesod, der sich jetzt mit der gesamten Region
befasst. Die beiden haben mir wirklich vier wunderbare, bedeutungsvolle und
wichtige Tage bereitet. Ich habe die vier Tage wie ein halbes Jahr
empfunden. Ich habe so viel gelernt und man muss wirklich persönlich da vor
Ort sein, um selbst zu sehen, zu fühlen und zu berühren, die Menschen selbst
kennen zu lernen, die mit unserer Arbeit befasst sind, die Schlichim, die
wirklich einen göttlichen Auftrag in unserem Namen erfüllen, Menschen, die
ihr Leben der jüdisch-zionistischen Erziehung widmen.
Könnten Sie uns mehr
darüber erzählen, was Sie während Ihres Besuches gesehen haben?
Wir sahen viele jüdische Erziehungsprogramme und Schulen, womit wir
irgendwie befasst sind, zum Beispiel die Chabad-Schulen und das gesamte
Chabad-Netzwerk. Sie leisten wirklich eine unglaubliche Arbeit. Die Leute
sind leidenschaftlich bei der Sache, sie setzen sich ein und sie verfolgen
nur einen Zweck: Das örtliche jüdische Leben wieder zu verjüngen. Wir sind
mit ihnen partnerschaftlich verbunden und es war für mich faszinierend zu
sehen, wie wir mit dem Chabad zusammenarbeiten können, um eine Art von
gemeinsamer jüdisch-zionistischer Umgebung zu schaffen.
So gesehen, lag der Zweck der Reise wirklich darin, sich davon zu
überzeugen, welche Arbeit wir verrichten, zum Beispiel das
Chefziba-Programm, eine Dachorganisation, die wir gemeinsam mit der
Regierung von Israel geschaffen haben. Sie bat die Jewish Agency darum, für
die formelle Erziehung zu sorgen. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit,
direkt auf die Art des Lernprogrammes einzuwirken, das wir für die örtliche
Bevölkerung eingesetzt haben wollen. Es gibt etwa 65 Schulen unter der
Leitung der Chefziba-Organisation und diese reichen über Ort, den Chabad,
den Simcha-Schulen bis zu den Or Avner-Schulen. Es gibt eine ganze
Reihe von jüdischen Erziehungs-Richtungen unter einer Dachorganisation. Es
ist wirklich die größte Quelle jüdisch-zionistischen Wissens, die heute
existiert.
Eines, was ich dort zur Kenntnis nahm, war der Umstand, dass obwohl die
Aliyah-Zahlen zurückgehen, so ist doch das Interesse an den Ulpanim ganz
erstaunlich. Wir sahen dort Menschen – alte, junge und ganze Familien – die
gemeinsam lernten und es gibt sogar besondere Ulpan-Programme für
Interessenten, die sich auf Musik, Kunst oder Computer spezialisieren.
Worauf führen Sie das
große Interesse für Hebräisch und Israel zurück?
Ich glaube wirklich, dass wir gegenwärtig ein kleines zeitliches Fenster
haben, das uns wiederum alles ermöglicht. Ich glaube, dass es nach wie vor
ein großes Potential an Olim gibt, vielleicht das größte in der Welt, und
obwohl sie die Aliyah gegenwärtig zurückgestellt haben, haben sie diese nach
wir vor nicht ausgeschlossen. Auch wenn es ein Gefühl einer neuen Art von
Demokratie gibt und ein neues Gefühl des Erwachens als ein westlich
orientiertes Land, so habe ich doch das Gefühl, dass die Menschen sich nach
wie vor unsicher und labil fühlen. Ich glaube nicht, dass das russische
demokratische System bereits auf festen Beinen steht und deshalb bereiten
sich die Menschen auf alle Eventualitäten vor.
Ich würde sagen, dass das Interesse an Ulpanim und an der hebräischen
Sprache besteht, weil Israel und die hebräische Sprache das Judentum
bestimmen. Auf diese Weise wollen sie ihre Verbundenheit mit dem Judentum
zum Ausdruck bringen. Es ist ihre Lebensader zum jüdischen Volk und dem
Staat Israel. Ich glaube, die hebräische Sprache spielt dabei eine
entscheidende Rolle. Als ich vor Ort war, besuchte ich einige dieser
Ulpanim-Klassen, die von den Menschen nach der Arbeit besucht werden. Sie
müssen einen weiten Weg zurücklegen, weil die nächste Metrostation bis zu 20
Minuten zu Fuß weit entfernt sein kann, und ich frage mich, welche Gemeinde
in der Diaspora ein derartiges Interesse und einen derartigen Einsatz an den
Tag legen würde?
Und ich sehe, wie alle Altersgruppen zusammenkommen, sogar die Jungen, nach
einem langen Tag in der Schule, sie kommen zu diesen Jugendgruppen, die
irgendeinen Bezug zum Judentum und Zionismus haben, weil sie das Gefühl
haben, dass dies ihre jüdische Lebensader ist. Sie haben nicht
notwendigerweise eine Beziehung zur Synagoge und kein Gefühl von
Gemeindezugehörigkeit wie wir es von unseren anderen Diaspora-Gemeinden her
kennen. Deshalb haben hier Ulpanim, Israel-Aktivitäten und
Jugend-Aktivitäten, alle mit Israel im Mittelpunkt, große Bedeutung und ich
glaube, dass sie diese Verbindung auch fühlen wollen.
Ich glaube, dass es eine Art von Wiedererwachen gibt und wir müssen die
Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Ich meine, dass dies nur zeitlich
begrenzt ist, und ich habe mit einigen der Rabbiner und Lehrer gesprochen
sowie mit einigen der Direktoren und sie sind alle der gleichen Meinung. Wir
müssen die jüdisch-zionistische Erziehung so attraktiv wie nur möglich und
sie zur treibenden Kraft in ihrem Leben machen, denn höchste Qualität ist
von entscheidender Bedeutung. Die Menschen wollen das Allerbeste für ihre
Kinder und deshalb ist alles, was wir in jüdische Erziehung investieren, um
diese zur besten Erziehung zu machen, für diese Eltern von besonderer
Attraktivität. Sogar innerhalb des Schulsystems, wenn wir zum Beispiel für
warme Mahlzeiten und den Transport der Schüler sorgen, dann ist dies genauso
wichtig wie gute Lehrer und gute Schulbücher, alles, was uns gegenüber den
anderen hervorhebt.
Eine Sache, die mich wirklich beeindruckte, waren die Bar/Bat
Mitzvah-Programme. Ein Vater sagte mir, dass ihm viel daran lag, dass seine
Tochter das Bat Mitzvah-Programm absolvierte, weil seine Grosseltern
in Babi Yar ermordet worden waren. Darin liegt die Verbindung und
gegenwärtig wächst auch die Sensibilität gegenüber dem Holocaust, von dem
sie nicht viel wissen. Wir müssen sie über den Holocaust informieren und was
in diesem tragischen Kapitel unserer Geschichte geschah und sie dafür
sensibilisieren, denn unter unseren Wettbewerbern, wenn man dies so negativ
ausdrücken will, befindet sich Deutschland. Deshalb wandern viele
russische Juden nach Deutschland aus. Dort leben mittlerweile etwa 70.000
russische Juden.
Könnten Sie uns noch
weitere bewegende Erfahrungen mitteilen?
Was mich wirklich bewegte, war der persönliche Eindruck von dem, was in den
vergangenen zwölf Jahren seit meinem letzten Besuch geschehen ist. Die Keren
Hayesod-Konferenzen fanden Anfang der 90er Jahre statt, als die ersten
großen Wellen der Einwanderer eintrafen. Ich werde nie vergessen, wie wir an
der Transit-Station in Budapest standen, um einige der neuen Einwanderer zu
begrüßen. Einige der jungen Leute, die ich auf ihrem Weg nach Israel mit
ihren Eltern traf, haben das Erziehungssystem durchlaufen, sie dienten in
der Armee, studierten an den Universitäten in Israel und jetzt kehren sie
nach Russland zurück, um etwas von dem zurückzugeben, was sie erhalten
haben, sie sind die heutigen Schlichim und Lehrer.
Das war für mich eine sehr berührende Erfahrung – jedes Mal, wenn wir
jemanden fragten, „woher sie stammten“ und uns antworteten „nun, ich war
einmal ein neuer Einwanderer aus Moskau oder Kiew.“ So also hat sich der
Kreis seit den ersten Tagen des Exodus geschlossen und wir konnten
uns mit eigenen Augen davon überzeugen, wie sich unsere Investitionen
auszahlten und jetzt in die Menschen wieder investiert werden. Die jungen
Menschen, denen wir halfen, in die Züge nach Israel zu steigen, wurden
ausgebildet, schufen sich ein eigenes Leben in Israel und sie selbst fühlen
eine Art von Verpflichtung und Verantwortung, anderen die gleiche
Möglichkeit zu eröffnen, nach Israel zu gehen.
Ein weiterer Höhepunkt war für mich die Simcha-Schule in Moskau, wo wir mit
Chabad in Verbindung stehen. Viele der Kinder kommen aus sehr armen
Verhältnissen. Diese Schule nimmt sie um sieben Uhr in der Frühe auf und die
Eltern holen sie um sieben Uhr nachts wieder ab. Sie haben Kleidung, ihnen
wurden wunderbare Uniforme und Schuhe geschenkt, sie bekommen nahrhafte
Mahlzeiten und sie erhalten Unterricht. Diese Kinder, es sind russische
Kinder, sie Hebräisch sprechen und die Bracha zum Netilat Yadayim
sagen zu hören, und zu sehen, wie sie ihre Mahlzeiten einnehmen und
wunderbare Lieder mit israelischen Lehrern singen, die ihnen verschiedene
schöne und moderne hebräische und ältere zionistische Lieder beibringen ….
Gerda Feuerstein und ich setzten uns und weinten, weil es die berührendste
Szene war, die sich da vor unseren Augen bot, die Hingabe dieser Menschen
und der Erzieher sowie unsere Möglichkeit, mit einigen Schulen
zusammenzuarbeiten. Wenn man nicht selbst persönlich dort war und es mit
eigenen Augen gesehen hat, dann kann man sich nicht vorstellen, wie schön es
war.
Der andere Teil, der mich wirklich berührte, war die Erinnerung daran, wie
wir vor zwölf Jahren vor der Coral Synagoge standen und vielleicht nur
ein oder zwei ältere Juden hereinkamen und jetzt findet zu Mittag eine Kolel
Tzionit-Stunde statt, an der Männer verschiedener Altersgruppen teilnehmen
und während der gesamten Stunde lernen. Als ich dies sah, dachte ich,
„schau, wie weit wir gekommen sind, schau, was unsere Investitionen bewirkt
haben.” Sie können die Früchte unserer Arbeit sehen, all das, was wir hier
investiert haben und was hier geschaffen worden ist. Wenn sie an unsere
Gemeinden denken, ob sich diese in Kanada oder in Australien oder in
Süd-Afrika befinden, so hat es Generationen gedauert, Gemeinden jener Art zu
errichten, wie wir sie hier haben und innerhalb von zwölf Jahren haben wir
Wunder erwartet und wir haben auch Wunder geschaffen. Aber es gibt noch viel
zu tun.
Mit Blick auf die
Zukunft, was sind die größten Herausforderungen, denen wir uns heute
gegenüber sehen?
Ich bin der Meinung, dass wir versuchen sollten, die Kluft zwischen
religiöser und jüdisch-zionistischer Erziehung zu überbrücken. Ich glaube,
dass die Jewish Agency die richtige Adresse ist, um die Lücke zu füllen und
das Vakuum zu überbrücken, das gegenwärtig hier besteht. Wir sollten
versuchen, aus den vielen Möglichkeiten Vorteile zu ziehen, es gibt viele
Möglichkeiten unsere Energien auf ein Ziel zu lenken, zum Beispiel auf
besondere Programme, wie sich an den Shabbatonim für Familien zu beteiligen.
Wir müssen Nutzen ziehen von den jüdischen Erziehungsprogrammen, die Eltern
mit ein zu beziehen wie auch die Familien, denn ich glaube, dass darin der
Schlüssel für die Zukunft liegt.
Ich glaube weiter, dass man auch für abgelegene Gebiete Lernprogramme
schaffen muss. Ich selbst habe nicht die 11. Zeitzone in Birobijan und über
Sibirien überquert, wo wir ebenfalls Schlichim haben, die unglaubliche
Arbeit leisten, aber dort nicht all jene Erziehungseinrichtungen zur
Verfügung haben, die es in Kiew, Moskau und in St. Petersburg gibt. Deshalb
glaube ich, dass wir eine Menge Arbeit vor uns haben, jüdisch-zionistisches
Wissen, Lehrstunden und Erziehungsfähigkeiten in jene abgelegenen Gebiete
mit Mitteln von technisch hoch entwickelten Lernmöglichkeiten zu bringen. In
einer der Schulen, der Lipman-Schule in Moskau, sah ich, wie Schüler der
Oberstufe an Kursen im Gebrauch von Videokonferenzen teilnahmen und daran
können wir uns partnerschaftlich beteiligen.
Es gibt auch ein Erwachen in den akademischen Universitäts-Programmen, die
sich auf jüdische Studien beziehen. Wir können auch bei der Organisation und
dem Sponsoring von Konferenzen für Professoren helfen. Die Bar/Bat
Mitzvah-Programme sind ganz außergewöhnlich und, natürlich die Sommerlager.
Diese Sommerlager sind wirklich eine geeignete Möglichkeit, sich innerhalb
von zehn Tagen oder von zwei Wochen kennen zu lernen und wir arbeiten daran,
an dreiwöchigen Programmen beteiligt zu sein. Dies stellt wirklich ein
Erwachen jüdischer Studenten dar. Das alles kann zur Stärkung ihres
jüdischen Bewusstseins beitragen.
Es gibt nach wie vor viele Herausforderungen, die überwältigend erscheinen
und wir müssen auf kreative Weise daran gehen, das meiste aus unseren
beschränkten Möglichkeiten zu machen, die uns dort zur Verfügung stehen. Ich
glaube, dass wir das Ende des Grossen Exodus noch nicht gesehen haben, und
können nach wie vor zehntausende von Juden ansprechen. Wir haben bisher,
innerhalb von kurzen zwölf Jahren, die Früchte unserer Arbeit gesehen und
wie sie sich auf das Leben der jüdische Leben in Russland auswirken, aber
die Möglichkeiten der jüdisch-zionistischen Erziehung und der Aliyah sind
nach wie vor nicht ausgeschöpft.
Ich glaube wirklich, dass unsere Leitung des Keren Hayesod diese Länder
besuchen sollte, denn hier können sie praxisnah und wirklich die Ergebnisse
der Arbeit sehen, die wir verrichten und auch die Möglichkeiten, die noch
ganz bemerkenswert sind.
Und in mehr
allgemeiner Hinsicht, was die gesamte jüdische Welt betrifft, wie würden Sie
die wichtigsten heutigen Herausforderungen beurteilen, denen sich die
jüdisch-zionistische Erziehung und zukünftige Arbeit stellen muss?
Die Welt des Keren Hayesod kann sehr stolz darauf sein, was in den
vergangenen 84 Jahren erreicht wurde, aber die Arbeit geht weiter.
Ich bin der Ansicht, dass wir uns auf die 1,7 Millionen junger Menschen im
Alter von 18 bis 26 Jahren auf der ganzen Welt konzentrieren müssen, dieses
Alter formt die Menschen, wir müssen sie mit Israel und ihren jüdischen
Wurzeln vertraut machen. Ich meine, dass diese langfristigen Programme, mit
denen junge Menschen dazu ermutigt werden sollen, ein Studiensemester oder
für ein Jahr nach Israel zu kommen, für uns alle eine große Gelegenheit
darstellen. Sie sind die Grundlage für die kommende Generation. Dies ist
unsere Aufgabe. Es ist auch eine Art von Überlebensstrategie.
Vielen Dank, dass Sie
uns Ihre persönlichen Gedanken zur gegenwärtigen Lage in Russland und in
Bezug auf die Arbeit des Keren Hayesod – UIA in dieser Region vermittelt
haben.
Der Keren Hayesod –
United Israel Appeal unterstützt eine ganze Reihe von Erziehungsprogrammen
der Jewish Agency in Russland und in der ganzen Welt und hilft damit,
tausende von jungen Menschen mit ihren jüdischen Wurzeln vertraut zu machen.
Für weitere allgemeine
Informationen und Informationen darüber, wie Sie diese weltweite Arbeit
durch Spenden unterstützen können, wenden Sie sich bitte an Ihren örtlichen
Keren Hayesod-Gesandten oder klicken Sie die Website des Keren Hayesod
Deutschland
www.keren-hayesod.de für alle Kontaktadressen an.
Keren Hayesod 21-12-2004
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