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Keren Hayesod Deutschland engagiert sich für das Projekt Net@:
Ein Netz der besonderen Art fängt junge Leute auf


Die Jugendlichen in der Net@-Klasse in Kiriyat Malachi wissen genau,
was sie werden wollen: Cracks in der Computer-Branche. Foto: KH

Nach fünf Krisenjahren sieht es so aus, als ob sich die israelische Wirtschaft langsam erholt. Trotzdem wird es Jahre dauern, bis sich diese Anzeichen im Leben der einzelnen Bürger bemerkbar machen. Viele Menschen, besonders die Bewohner der Grenzregionen Israels, brauchen viel Unterstützung, um wieder auf die Beine zu kommen.

Denn in dem kleinen Land gibt es – wirtschaftlich und geografisch bedingt – große Unterschiede im Bildungsniveau, von Chancengleichheit kann keine Rede sein. Gerade in den Randgebieten wie dem Galil im Norden und dem Negev im Süden ist die Arbeitslosigkeit höher, die Armut größer und die schulischen Leistungen der Kinder sind schwächer. Viele gewichtige Gründe für den Keren Hayesod, seine weltweite Kampagne 2006 unter das Motto "Überwindung sozialer Defizite" zu stellen.

Je wohlhabender die Wohngegend, desto mehr der dort lebenden jungen Leute studieren. Die meisten Studenten verzeichnet Omer, ein Ort bei Be’er Sheva: neun Prozent der Einwohner. In den vermögenden, zentral gelegenen Kommunen von Ramat Hascharon und Savion sind es jeweils vier Prozent. Am unteren Ende stehen Ramle, Kirjat Malachi und Ofakim, drei der ärmsten Städte des Landes. Dort studieren nur 0,7 Prozent der Bewohner.

Leben unter der Armutsgrenze

Der Keren Hayesod nennt Zahlen: So verlassen 6,6 Prozent der Oberschüler in Israel vorzeitig die Schule, davon sind 18,6 Prozent Neueinwanderer, die seit maximal fünf Jahren im Land leben. 13 Prozent aller Haushalte haben kein Einkommen. Nicht nur die jungen Menschen, auch alte leiden unter der Situation. 670.000 Menschen sind älter als 65, ein Zehntel der Bevölkerung. Von ihnen leben 25 Prozent allein. 22 Prozent sind Neueinwanderer. 15 Prozent der Senioren können sich notwendige Medikamente nicht leisten. Sie leben unter der Armutsgrenze, haben keine Rücklagen und kein Geld für die hohen Mieten. Unter ihnen sind viele ältere Neueinwanderer aus Russland und den Nachbarstaaten.

Zum Beispiel Semion Rozenblum aus Kiew. Er wurde 1922 als Shlomo Ben Moshe geboren, änderte aber seinen Namen aus Angst vor dem ständig lauernden Antisemitismus. Er kämpfte gegen die Nazis, seine Eltern wurden von ihnen ermordet. Als Gorbatschow die Grenzen 1990 öffnete, machte er mit seiner Familie Alijah. Die ersten Jahre in Israel waren nicht leicht. Semion und seine Frau, beide Rentner, konnten die Miete nur mit Mühe und der Hilfe ihrer beiden Söhne aufbringen. Dann erhielten sie eine Wohnung von "Amigour", einer Gesellschaft, die subventionierte öffentliche Wohnungen bereitstellt.

Im Bereich betreutes Wohnen, das der Keren Hayesod unterstützt, steht "Amigour" an der Spitze in Israel, hat bereits 6500 Senioren ein neues Zuhause bereitet. 5000 Dollar kostet es, das betreute Wohnen eines älteren Menschen ein Jahr lang zu fördern.

Zum "Amigour"-Konzept gehört, dass die Bewohner, deren Durchschnittsalter 75 ist, Verantwortung übernehmen. Viele Angebote vom Computer- bis zum Sprachkurs, Gymnastik, Vorträge und Chöre, stehen ihnen offen. Die Feiertage werden gemeinsam erlebt. Semion hat sich ganz schnell engagiert: Er hat eine wichtige Aufgabe im Bewohnerkomitee übernommen. Eine schöne Wohnung, nette Gesellschaft und eine Aufgabe – Rozenblums fühlen sich rundum wohl.

Es liegt weniger an der Bildungsinfrastruktur in Galil und Negev, dass Jugendliche ihr Potenzial nicht ausschöpfen können. Denn die Institutionen und pädagogischen Angebote existieren. Allerdings sieht die soziale Wirklichkeit hier so aus, dass Teile der Bevölkerung die Bildungschancen nicht annehmen wollen oder nicht nutzen können, weil es oft Aufgabe der Jugendlichen ist, Geld für die Familie verdienen zu müssen.

Ausweg aus der Einbahnstraße

Um einen Ausweg aus dieser Einbahnstraße der Chancenlosigkeit zu finden, fördert der Keren Hayesod Programme, die in die Zukunft der jungen Menschen hier investieren, um mittelfristig die Lebensbedingungen in diesen Regionen zu verbessern. Eines der Programme ist Net@, was einerseits digitales Netz heißt, aber auch für "Setzling" steht, Symbol für den hoffnungsvollen Start in ein erfolgreiches Berufsleben. Net@ bietet jungen Menschen aus sozial schwachen Familien eine dreijährige Ausbildung zum Computertechniker und Programmierer. Nach der Schule, wohlgemerkt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob sie jüdisch, muslimisch, Beduinen oder Drusen sind. Unter den Neunt- bis Elftklässlern sind Neueinwanderer, benachteiligte Jugendliche aus schwierigem Umfeld, aber auch Angehörige von Minderheiten in Israel.

2003 wurden Klassen in Carmiel, Akko, Nazareth Illit, Hadera, Ramle, Kiriyat Malachi; Sderot und Be’er Sheva eingerichtet. 2004 folgten Misgav, Ashkelon, Beit Sha’an, Tzfat, Migdal Ha’emek und Dimona-Yerucham. Im vergangenen Jahr stießen Ma’ale Yosef und West Negev dazu.

Gegenleistung für die Gemeinde

Umsonst ist das Angebot nicht: Die jungen Leute verpflichten sich als Gegenleistung, ehrenamtlich in ihrer Gemeinde zu arbeiten. Ganz wichtig hierbei ist die gegenseitige Hilfe. Ältere Schüler stehen jüngeren bei, gute Schüler geben schlechteren Nachhilfe. Andere warten die Computer von Familien, die sich diesen Service nicht leisten können. Net@ bringt der Allgemeinheit einiges ein: Es fördert die Zusammenarbeit quer durch alle Schichten und erzieht zur Verantwortung für die Gesellschaft.

Junge Leute, die die Schule schwänzten, sich verweigerten, zum Teil auf der schiefen Bahn landeten, haben plötzlich wieder ein Ziel vor Augen, für das es sich anzustrengen lohnt. Sie sind weg von der Straße. Keren Hayesod hat ein Motto dafür: "From High Risk to Hi-Tech". Aber auch der einzelne profitiert: Er verbessert seine Chancen auf eine Hochschulausbildung, was die Aussichten auf einen qualifizierten Arbeitsplatz enorm fördert. Das KH-Projekt wird von Berlin, Frankfurt, München und Stuttgart unterstützt.


Gemeinsame Aktivitäten wie diese Chanukka-Feier schweißen die
Bewohner der betreuten Amigour-Wohnanlagen zusammen. Das
Konzept sieht aber auch vor, dass die Senioren Verantwortung und
kleine Aufgaben übernehmen – wenn sie dazu im Stande sind.
Foto: KH

Prüfung in Mathe und Englisch

Efrat ist 15 Jahre alt und wollte vor gar nicht langer Zeit die Schule schmeißen. Sie ist in der 10. Klasse einer Oberschule in Sderot, ganz in der Nähe zum Gazastreifen. Ihre Mutter arbeitet in einer Fabrik, der Vater ist arbeitslos. Vor mehr als 20 Jahren kam die Familie – Efrat ist das vierte von fünf Kindern – aus Äthiopien. Bei der Prüfung in Mathe und Englisch, die jeder Jugendliche bestehen muss, zeigte sich, dass Efrat begabt genug ist, um in Net@ aufgenommen zu werden. Die Teilnehmer werden nicht nur in High Tech-Berufen unterrichtet. Ihre Mathematik- und Englischkenntnisse werden verbessert, woraufhin das Selbstwertgefühl der Schüler wächst. Sie setzen sich für die Gemeinschaft ein und übernehmen Verantwortung. Jetzt, im zweiten Jahr ihrer Ausbildung, sieht Efrat ihre Zukunft in der IT-Branche: "Ich mag Computer und würde gern beruflich mit ihnen arbeiten."

Am anderen Ende Israels, in der Stadt Nazareth Illit im Galil, lebt Jorge. Der 17-Jährige fühlt sich durch die wirtschaftliche Not und schlechten Lebensbedingungen seiner Familie frustriert. Erschwerend kommt hinzu, dass sein rechter Arm gelähmt ist, das Schreiben mit der linken Hand ihm große Schwierigkeiten bereitet. Sein Verhalten wurde immer auffälliger, schließlich flog er von der Schule. Als in seinem Wohnviertel die Kurse von Net@ anliefen, meldete er sich an und konnte einsteigen. An vier Nachmittagen pro Woche geht er ins Net@Zentrum, wo er im Durchschnitt vier Stunden lernt.


Gemeinsam sind sie stark: Ganz im blauen "Corporate-Identity"-
Sweatshirt zählt sich diese Klasse schon zu den fortgeschrittenen
Computer-Experten im Net@-Zentrum Ramle. Foto: KH

Belohnung für sehr gute Leistungen

Es kam vor, dass Jorge in Gefahr war, in alte Fehler zurückzufallen. Die Lehrer, die die Firma Cisco Systems Inc. als Partner von Keren Hayesod bereitstellt, fingen Jorge mehr als einmal auf. Ein Collegestudent, der im Unterricht assistierte, half Jorge, den Stoff derKlasse aufzuholen. Sein größtes Handicap, das Schreiben mit der Hand, fiel weg, denn alle arbeiteten am Computer. Plötzlich bremste der gelähmte Arm Jorge nicht mehr, und er lief zu großer Form auf. Er kam nicht mehr zu spät, zeigte Ausdauer, machte seine Hausaufgaben. Der hochintelligente Schüler hat jetzt sogar ein Laptop als Belohnung für sein überragendes Lernverhalten und seine Hilfsbereitschaft erhalten. Denn heute ist es Jorge, der anderen bei Lernproblemen hilft! Zur Zeit sucht Jorge ein Gymnasium, an dem er seinen Schulabschluss nachholen kann. Denn der fehlt ihm noch, um mit seinen Zertifikaten in Computerwissenschaften zum Studium der Naturwissenschaften zugelassen zu werden.

Bedarf an Computer-Experten steigt

Ziel von Net@ ist, dass jedes Jahr 600 neue Schüler den dreijährigen Kurs (9. bis 11. Jahrgangsstufe) beginnen. Eine Klasse hat 25 bis 45 Schüler, je zur Hälfte Mädchen und Jungen. In Israels IT-Branche und in den Computereinheiten des Militärs fehlten im vergangenen Jahr 5200 Computer-Techniker und Netzwerk-Experten, und der Bedarf steigt. Partner von Keren Hayesod sind bei diesem Projekt Cisco Systems Inc., der israelische Zweig der weltweit führenden High Tech-Firma, verantwortlich für Projektmanagement und technische Instruktionen, die Jewish Agency, die das Programm auswertet und die Verbindung zu den Verwaltungen pflegt, sowie Tapuach, Gesellschaft zur Förderung des Zeitalters der Information. Sie ist für die Verwaltung und die bauliche Infrastruktur zuständig.

Eine Spende von 30.000 Euro unterstützt eine ganze Klasse für ein Jahr – einschließlich Mahlzeiten und Sozialarbeitern, die ein offenes Ohr für die Jugendlichen haben. Wie das reichen kann? Nun, weil Cisco und Tapuach für jede Jahresspende mit Beträgen in gleicher Höhe dazustoßen.

abl

Wer Net@ unterstützt, investiert in Israels Zukunft

Das Projekt Net@ hat einen Unternehmer aus München so sehr fasziniert und letztendlich auch überzeugt, dass er tief in die Tasche gegriffen hat: Der 40-jährige Spender, der anonym bleiben will, finanziert eine Klasse für ein Schuljahr.

Frage: Was hat Sie bei diesem Programm so beeindruckt, dass Sie beschlossen, sich finanziell zu engagieren?

Antwort: Mich hat beeindruckt, dass Jugendliche aus fast allen Bereichen der israelischen Gesellschaft daran teilnehmen – neue Einwanderer, geborene Israelis, Juden, Araber, religiöse wie weltlich eingestellte Schüler: Diese Zusammenarbeit ist für sich gesehen bereits eine bemerkenswerte Leistung und ein Beitrag zur weiteren Entwicklung der Gesellschaft Israels. Ich glaube an die Effizienz der Leute, die mit den Jugendlichen am Projekt arbeiten, und an die der Mitarbeiter von Keren Hayesod in Deutschland. Und es gefällt mir, dass aus Israel sofort eine Resonanz kam. Meine Frau und ich haben ein Foto von "unserer" Klasse erhalten. Wir sind eingeladen, sie jederzeit zu besuchen. Ich weiß also ganz genau, was mit unserem Geld passiert.

Frage: Wie kamen Sie ausgerechnet auf den Keren Hayesod?

Antwort: Nun, ich bin angesprochen worden, von einer Freundin meiner Frau, die Spenden für den KH sammelt. Wir haben private Kontakte in die Münchner Gemeinde, unsere Mädchen besuchen dort den Kindergarten. Israel ist oft Thema bei uns, wir fühlen uns dem Land verbunden, in dem ich nach der Schule einige Zeit in einem Kibbutz lebte. Da ist es nur ein kleiner Schritt, in die Zukunft dieses Landes zu investieren.

Frage: Was ist Ihre Motivation zu spenden?

Antwort: Israel ist es wert, unterstützt zu werden. Dieser kleine Staat meistert so viele große Aufgaben, es müssen so viele Kulturen im Innern integriert werden, von außen wird Israel in seiner Existenz bedroht. Weil es eine bunte Gesellschaft ist, eine Insel im Ozean der Intoleranz. Das würde manch reicheres Land nicht schaffen. Trotzdem wird enorm viel Wert auf Erziehung und Bildung gelegt. Es gibt eine starke IT-Industrie, viel High Tech, fast wie im Silicon Valley. Net@ bedeutet eine tolle Perspektive für junge Menschen. Es holt sie von der Straße weg, schafft Arbeit, ist zukunfts- und alltagsorientiert. Außerdem, um ganz ehrlich zu sein: Für Deutsche schwingt in ihrer Beziehung zu Israel immer auch die Vergangenheit mit. Es ist eine Verpflichtung für uns, diesem Land den Rücken zu stärken und Solidarität zu üben.

abl

Keren Hayesod 24-03-2006