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Jüdische Jugendliche nehmen in Sommerlagern der Jewish Agency teil:
Mit dem Kopf in Taschkent, mit dem Herzen in Jerusalem

Der "Yediot Aharonot'"- Korrespondent Yaakov Levitan besuchte kürzlich ein Jugendlager in Usbekistan, das dort von der Jewish Agency geleitet wird ● Am gleichen Tag verübte ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf die israelische Botschaft in Taschkent ● Trotz des Anschlages wollte kein Teilnehmer nach Hause zurückkehren, sie wollten die "Israel-Erfahrung" auf keinen Fall versäumen ● Sprecher der Jewish Agency: "Sommer-Lager, Jugendclubs und direkte Beziehungen zu unseren Gesandten bewirken ein Gefühl der Verbundenheit mit Israel"

Von Yaakov Levitan,  Yediot Acharonot – 2/9/04

Usbekistan -  Vor einem Monat, eineinhalb Tage nachdem eine islamische Terror-Organisation mit einem Selbstmordattentäter einen Anschlag auf die israelische Botschaft in der usbekischen Hauptstadt Taschkent verübt hatte, standen die Geschwister Julia und Anna Kanevsky, die aus der Stadt in Samarkand stammen, in einem Saal und sangen das Lied "Beschütze die Welt, kleiner Junge". In der Halle wurden sie von einem scheuen jungen Mann auf einer "weinenden" Violine begleitet, die dem (bekannten) Song von David D’Or einen melancholischen Unterton verliehen. Die ältere Schwester, die 18jährige Julia, schloss ihre Augen also ob sie beten würde und als sie die Worte sangen "da wir nicht mehr dazu in der Lage sind", glichen die beiden Schwestern zwei Anklägern in einer öffentlichen Protestverhandlung – während der Schutt, den der Terror-Anschlag verursacht hatte, 300 Kilometer entfernt zusammengetragen und untersucht wurde.

Dieser spontane Gesangsauftritt, der Lieder von Naomi Shemer und Sarit Haddad beinhaltete und zu unseren Ehren stattfand, wurde in einem Gebäude abgehalten, das von der Jewish Agency in Samarkand genutzt wird. Es ist eine wundervolle historische Stadt voller Touristenattraktionen wie die Diamanten in Dom des Ostens. Die jüngere Schwester, die 14jährige Anna, die besonders darum bemüht war, jedes hebräische Wort des Liedes korrekt auszusprechen, hatte ihre Hände auf dem Rücken verschränkt und blickte scheu zu den Israelis hinüber, die gekommen waren, um ihr zuzuhören. Sie blickte mit Bewunderung zu ihrer Schwester, die gleichzeitig auch Abschiedsblicke waren - Julia wird in wenigen Monaten nach Israel auswandern und sie will dort studieren.

Wie kommt es, dass du so gut auf Hebräisch singen kannst? Hebräisch ist nicht deine alltägliche Umgangssprache.

Julia: "Wir brachten uns diese Lieder nach Kassetten-Aufnahmen selbst bei. Wir merken uns einfach alles. Wir haben uns auf diese Weise viele hebräische Lieder beigebracht."

Warum hast Du gerade das Lied "Beschütze die Welt, Kleiner Junge" ausgewählt?

"Jewish Agency – Gesandte brachten Schallplatten aus Israel mit. Es ist ein ganz wundervolles Lied und wir identifizieren uns beide mit dem Text. Über die Agency erfuhren wir immer, was sich in Israel ereignet, wie das Leben dort aussieht. Ich möchte sehr gerne studieren und was mich betrifft, so habe ich vom akademischen Standard in Israel die höchste Meinung."

Das Judentum gleicht einem Würfel

Mehrere Stunden vor dem Anschlag auf die Botschaft in Taschkent (und zwei Tage vor dem Besuch in Samarkand) besuchten wir ein Sommerlager, das von der Jewish Agency in einer hügeligen Region 80 Kilometer von Taschkent entfernt geleitet wird. Das Lager befand sich in einem bekannten usbekischen Feriengebiet, auf dem sich drei große Gebäude aus der Sowjetzeit befinden, von denen die Farbe abblättert. Dennoch wird diese Anlage überraschenderweise als eine der teuren Touristen-Gegenden der Region angesehen, trotz der Tatsache, dass jeder Besucher eine grundlegende Renovierung für dringend geboten halten würde. Hunderte von jüdischen Teenagern genießen in dieser Anlage ihre Sommerferien, umgeben von Berggipfeln, die unter ihrer Schneepracht glitzern und einem künstlichen See, der von den Usbeken angelegt wurde, indem sie mit einen Damm einen Fluss stauten. Sie werden von örtlichen Jugendausbildern betreut sowie von israelischen Gesandten der Jewish Agency. Das Lager bietet den Jugendlichen mehrere Wochen intensive jüdische Erziehung, Unterrichtsstunden in historischem Erbe und aktuelle Informationen über die Vorgänge in Israel.

Als wir ankamen, kurz vor dem Shabbat, wurden die Teenager in zwei Gruppen eingeteilt und beteiligten sich an einem Spiel, das darauf abzielte, ihnen grundlegende Informationen über das Judentum zu vermitteln. Die Teilnehmer warfen große Würfel und jede Zahl stellte eine gewisse Aufgabe in einem Rätsel dar. Auf diese Weise lernten die Spieler die Bedeutung des Konzeptes eines jüdischen "Ausgestoßenen" kennen, wie viele Tore sich in der alten Stadtmauer von Jerusalem befinden, welche 39 Tätigkeiten an Shabbat verboten sind und wie man heilige Zeit und gewöhnliche Zeit unterscheidet ("Und wenn es bewölkt ist?" fragte einer der Jugendlichen, dem das Lernen über die Sternensysteme zuviel geworden war).

Die Sommerlager (es gibt auch Winterlager) stellen den Höhepunkt der umfassenden jüdisch-zionistischen Erziehungsaktivitäten dar, die von der  Jewish Agency in Jugendclubs ganzjährig abgehalten werden und darauf abzielen, die Identifizierung und den Kontakt mit Israel zu stärken und auch einen direkten Kontakt zu den israelischen Ausbildern herzustellen. Die Zielgruppen reichen von jungen Kindern (6-12) bis zu Jugendlichen (12-14) und Teenagern (14-17). Alle Teilnehmer sind dazu berechtigt, gemäß dem Rückkehrergesetz in Israel einwandern zu können.

Die Teenager, die an den Lagern teilnahmen und die gegenwärtig aufgelöst werden, erfuhren alles über Israels Helden und über die Untergrund-Widerstandsgruppen aus der Zeit vor der Staatsgründung Israels. Jede dieser Gruppen wurde nach einer dieser Organisationen benannt (Palmach, Etzel, Lechi) und sie erfuhren alles über den Beitrag dieser Organisationen zum zionistischen Unabhängigkeitskampf. "Sie interessieren sich wirklich dafür", sagt Mark Dovev, ein Ausbildungsgesandter in Taschkent. "Indem wir sie über die Geschichte informieren, können wir ihnen die sozialen Prozesse verdeutlichen, die heute in Israel ablaufen und sie über die verschiedenen politischen und sozialen Strömungen ins Bild setzen. Dies vermittelt ihnen ein besseres Verständnis dafür, in welchem Kampf sich Israel heute befindet."

Wird auch über Politik in den Sommerlagern gesprochen?

"Nicht in dem Sinne, dass wir ihnen sagen für welche Partei sie wählen sollen, sondern mehr in die Richtung, dass sie die gegenwärtigen links- und rechtsgerichteten politischen Prozesse in Israel verstehen und wissen, welche Hauptströmungen diese Prozesse bestimmen. Dies interessiert sie sehr."

Svetlana Modal, 25 Jahre alt und aus Jerusalem, ist eine der israelischen Lagerausbilder. Die Tatsache, dass sie aus der Heiligen Stadt stammt, hat ihre eine besondere Aura der "spirituellen" Autorität verliehen, und als sie das Würfelspiel beaufsichtigte, waren alle Augen auf sie gerichtet. "Wir versuchen, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass es sich bei Israel nicht um etwas Entferntes handelt, um etwas, das nur in Büchern existiert. Es ist real, es ist eine vibrierende Einheit, über die man sprechen und die man berühren kann.  Wenn sie mich über Israel ausfragen, dann spüre ich ihren großen Hunger nach Wissen. Für mich ist es sehr bewegend für ihre Beziehung zu Israel verantwortlich zu sein, ohne Israel zu verherrlichen oder sie zu belügen."

Kein Antisemitismus

Heute leben etwa 16,000 Juden in Usbekistan, eine von islamischen Republiken, die zu der früheren UdSSR gehörten. 5000 Juden leben in Taschkent. Das weltliche islamische Regime unter der Führung von Präsident Islam Karimov behandelt die jüdische Gemeinde gut und nach den Worten von Rabbi David Gurewitz, dem Oberrabbiner der Juden in Zentralasien (einschließlich Usbekistan), gibt es keine antisemitischen Ausbrüche oder Auseinandersetzungen.

Sprecher der Jewish Agency sagen, dass es für sie wichtig ist, die jüdischen Gemeinden zu erreichen und ihnen eine Möglichkeit für ihr Bedürfnis zu bieten, sich mit Israel zu verbinden. "Für uns ist es wichtig, dass die Juden hier wissen, dass wir existieren und dass wir ihnen zu Diensten anbieten können", sagt Ilana Levy, die die Delegation der Jewish Agency in Zentralasien und im Kaukasus leitet. "Die Gemeinde hier ist der jüdischen Tradition verbunden, aber das heißt nicht, dass sie über Israel gut informiert sind. Wir vermitteln an jeden die Informationen, die er haben will. Wir sind dazu bereit und in der Lage, ihnen Hebräisch-Unterricht zu erteilen und sie mit hebräischen Liedern zu versorgen. Wir überreden niemanden dazu, auszuwandern. Wer immer auswandert, tut dies aus freien Stücken."

In vielen Bereichen sind Sie die einzige Informations-Quelle für die hiesigen Gemeinden, wenn es um gegenwärtige Vorgänge in Israel geht.

"Wenn sie hier leben und arbeiten, werden sie verstehen, dass Aussagen wie "die Stärkung der Beziehung zur Diaspora" keine bloßen Klischees sind. Schauen sie sich die Jugendklubs an, in denen wir aktiv sind – Fotos von Israel hängen an den Wänden, überall liegen Zeitungsausschnitte herum, Poster hängen überall. Man begreift, dass die Jugendlichen eine sehr tiefgehende emotionelle Beziehung zu Israel haben und wir sind glücklich darüber, diejenigen zu sein, ihnen Israel auf positive Weise vermitteln zu können.

Wie werden Sie von der islamischen Regierung behandelt?

Fair und gut. Dies ist eine Gelegenheit, der usbekischen Regierung und Präsident Karimov dafür zu danken, dass er es uns ermöglicht, ohne Probleme unseren Aktivitäten nachzugehen."

Wie stellen Sie den Kontakt mit der Gemeinde her?

"Über mehrere Kanäle. Wir laden die Menschen zu großen Veranstaltungen ein, die wir abhalten. Wir koordinieren unsere Aktivitäten mit anderen Organisationen, die hier tätig sind. Wir haben ein "Bring einen Freund mit"-Motto, wir arbeiten mit örtlichen Rabbinern und Synagogen zusammen. Wir verteilen auch einen Jewish Agency – Newsletter und sind mit Ständen bei allen größeren örtlichen Gemeindeveranstaltungen vertreten.

Der Kabalat-Shabbat-Gottesdienst im Lager bei Taschkent begann einige Augenblicke nachdem uns die Nachricht vom Selbstmordanschlag auf die Botschaft erreichte. Alle jungen Mädchen versammelten sich um die brennenden Shabbat-Kerzen und bedeckten ihre Gesichter mit den Händen. Nur ein Licht erhellte den dunklen Raum und angesichts der Schatten glich die Szene einen Augenblick lang wie ein geheimnisvolles Voodoo-Ritual. Ich fragte sie später, für was sie gebetet hatten. Die Antwort lautete: "Frieden über Israel."

Der Autor war Gast der Jewish Agency in Usbekistan.

Keren Hayesod 26-10-2004