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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

30 Jahre äthiopische Einwanderung in Israel:
Neun Tage, die das Leben dieser Menschen völlig verändern

Ein ausführliches Interview mit Ori Konforti, dem Delegierten der Jewish  Agency in Äthiopien zum Thema der Falash Mura - Teil 1

Dies ist ein grundlegender Artikel, der Sie, liebe KH-Freunde und Leser, zum Thema "äthiopische Einwanderung in Israel" informieren und all ihre Fragen beantworten wird. Ori Konforti analysiert das Thema der Falash Mura:  Wer sind diese Menschen? Was ist ihr rechtlicher Status in Israel?  Wie sieht die Aufteilung der Verantwortung zwischen dem israelischen Innenministerium und der Jewish Agency aus?  Wie behandelt die Jewish Agency jene Personen, die Aliyah-Genehmigungen erhalten haben?  Wie geben wir diesen Menschen eine Möglichkeit, in Israel ein würdevolles Leben zu führen?  Die Falash Mura nach Israel zu bringen ist eine nationale Aufgabe, wie es die Regierung Israels im Jahre 2005 beschlossen hat.  Dies ist eine der Hauptaufgaben und eine Herzensangelegenheit der 2006-Kampagne des Keren Hayesod.

Dieses Gespräch wird in drei Teilen veröffentlicht. In diesem Abschnitt: Die Identität der Bewerber für die Aliyah und der Verwaltungsweg sowie die rein physischen Prozeduren, die sie durchlaufen müssen.

Interview mit Ori Conforti

F:  Ori Konforti, Du bist der Delegierte der Jewish Agency in Äthiopien, was eine schwierige, komplexe, aufregende und historische Aufgabe ist. Bitte erzähle uns etwas davon und über dich selbst.

A:  Meine Mission begann im August 2004.  Ich vertrete die grundlegenden Interessen der Jewish Agency und man sollte dabei daran denken, dass die Jewish Agency von der Regierung Israels den offiziellen Auftrag erhalten hat, diese nationale Aufgabe zu bewältigen.

F:  Wie sieht dein Tagesablauf in Addis Abeba aus?

A:  Um die Wahrheit zu sagen, im vergangenen Jahr hat es so etwas wie einen geregelten Tagesablauf praktisch nicht gegeben, seit Äthiopien die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt und von so vielen israelischen Einrichtungen und Repräsentanten auf sich gezogen hat. Im Allgemeinen befassen wir uns damit, mit den neuen Einwanderern zu sprechen und sie auf ihre Ausreise vorzubereiten – ein Prozess, der etwa ein bis zwei Wochen dauert – und wir schicken sie danach nach Israel. Dieser Prozess ist in Äthiopien viel komplexer als irgendwo sonst im weltweiten Tätigkeitsbereich der Jewish Agency; es gibt praktisch keinen Vergleich zwischen Oleh aus Äthiopien und Oleh aus Moskau oder aus Buenos Aires – es ist einfach eine völlig andere Welt.  

F:  Wie sieht grundsätzlich der Vorgang aus, wenn es darum geht, einen Kandidaten auf die Aliyah vorzubereiten?

A:  Um sie nach Israel bringen zu können, müssen wir sicherstellen,  dass sie tatsächlich eine Sondererlaubnis erhalten haben, die so genannte "Aliyah-Genehmigung", die sie zur Staatsbürgerschaft in Israel berechtigt. Von dem Augenblick an, an dem sie diese Erlaubnis vom israelischen Innenministerium erhalten haben, erscheint meine Mannschaft auf der Bildfläche. Die Bewerber müssen sich verschiedenen medizinischen Untersuchungen unterziehen – diese beginnen mit Röntgenaufnahmen der Lungen, um sicher zu stellen, dass sie keine Tuberkulose-Träger sind. Danach, auf dem Gelände der Botschaft, erhalten sie alle ihre Impfungen entsprechend den Impfvorschriften des israelischen Gesundheitsministeriums.   

Wir müssen eine besondere Form der Durchgangserlaubnis ausstellen, so dass wir sie von einem Land zu einem anderen transportieren können. Ich würde sagen, dass wir für die meisten von ihnen, wenn nicht sogar für alle, die erste Einrichtung sind, die ihnen irgendeine Form eines offiziellen Dokumentes ausstellt, weil wir es mit einer Bevölkerung zu tun haben, die nie offiziell in Äthiopien registriert worden ist – weder eine Geburt, ein Todesfall noch eine Eheschließung wurde amtlich erfasst – und wir müssen diese Registrierung durchführen, egal ob durch unser Innenministerium oder durch das äthiopische Auswanderungsministerium…

Während der Woche, die sie mit uns auf dem Gelände der Botschaft verbringen, zwischen Impfungen und dem Vorbereiten von Dokumenten, erhalten sie grundlegende Informationen über Israel: Wie ein Eingliederungszentrum aussieht, welche Gerätschaften sie vom Tag ihrer Ankunft in Israel benützen werden – entweder einen Kühlschrank oder einen Ofen oder Dienstleistungen, die in der westlichen Welt die Norm sind. Sie sehen viele Videofilme, - natürlich in Amharisch, ihrer Landessprache – die ihnen einen grundlegenden Eindruck davon vermitteln, wie Israel aussieht, was ein Eingliederungszentrum ist, und die sie in das Rechtssystem einführen, in den Unterrichtsstoff, in das Gesundheitswesen, in das Schulwesen, in ein Ulpan, in die kupat holim Gesundheitsklinik, um diese Dinge geht es dabei. 

Darüber hinaus befragen wir sie zum ersten Mal und schreiben ihre Namen auf Hebräisch auf. Da es in Äthiopien keine Familiennamen gibt, folgen wir der äthiopischen Tradition und benützen den Namen des verstorbenen männlichen Elternteiles oder den des Großvaters. Das sieht dann so aus: Wenn der Vater verstorben ist, dann lautet der Familienname nach dem Namen von ihm, wenn der Großvater verstorben ist, läuft der Familienname auf dessen Namen etc. Wir stellen die Geburtsdaten fest und schicken alle diese Informationen nach Israel.  Auf der Basis dieser Information bereiten sie die Formulare vor, sowohl Aliyah-Bescheinigungen wie Personalausweise, und alles liegt bereit, wenn die Einwanderer am Ben Gurion-Flughafen ankommen.

Die Frage des Alters ist entscheidend, wenn es um Rechtsansprüche geht – ob für die Pension oder die Berechtigung für einen besonderen Eingliederungs-Förderungskorb – wie auch für den Armeedienst oder wenn es darum geht, die Kinder in die altersmäßig passenden Schulklassen zu schicken. Wir stellen all diese Dinge fest und schicken nach Israel soviel Informationen wie nur möglich, sodass die Behörden genügend Informationen haben, um sie in Israel eingliedern zu können. Dies ist ein Prozess, der einem Kreis gleicht: Eine Gruppe kommt an und gleichzeitig besteigt eine andere Gruppe das Flugzeug und dieser Prozess wiederholt sich immer wieder. 

F:  Wie lange dauert dieser Prozess?

A:  Das hängt von den jeweiligen Umständen ab. Im Prinzip, wenn es keine Feiertage gibt, jüdische oder äthiopische, dauert der Prozess neun Tage. Die meisten unserer Auswanderer kommen aus Gondar, ein Gebiet im Norden des Landes, 850 km von Addis Abeba entfernt, eine zweitägige Fahrt mit dem Bus. Sie kommen mit all ihren Habseligkeiten an – ein oder zwei Koffer pro Familie. Sie kommen in Addis Abeba völlig erschöpft an. Hier werden sie in Wohnungen untergebracht, die von der israelischen Botschaft etwa einen halben oder einen Kilometer entfernt sind. Diese Wohnungen sind typisch äthiopisch, - sie bestehen aus Lehm und Erde – mit fließendem Wasseranschluss und Badezimmern, etwas das in Äthiopien keine Selbstverständlichkeit ist.

Dieser Prozess beginnt jeweils an einem Sonntag. Sie kommen in Addis im Dienstag an und beginnen den Prozess, so wie ich ihn vorher beschrieben habe, und wenn alles in Ordnung ist und es kein Problem wegen Tuberkulose gibt und ihre Formulare in Ordnung sind, und wir auch auf keine Probleme beim Ausstellen der Dokumente stoßen, dann würde ich sagen, dass 90 % von ihnen eine Woche später im Flugzeug sitzen. Das heißt, von der Abfahrt von Gondar bis zum Besteigen des Flugzeuges vergehen neun Tage.   

F:  Wie nehmen die Menschen mit dir Kontakt auf?  Oder anders gefragt, wie erreichst du die Gruppe, die du aus Gondar eingeladen hast?

A:  Zuerst einmal folgendes: Wenn es darum geht, die Menschen ausfindig zu machen und dafür zu sorgen, dass sie zu uns kommen und wer darüber entscheidet, ob sie zur Aliyah berechtigt sind oder nicht, dies alles ist Sache des israelischen Innenministeriums. Der Prozess beginnt eigentlich bereits in Israel und damit, ob jemand, der  bereits israelischer Staatsbürger ist und wahrscheinlich kürzlich, wenn nicht sogar im Rahmen der Operation Moses oder Solomon eingewandert ist und darum bittet, Familienmitglieder nachzubringen, die zurückgeblieben sind. Es kann ein Onkel oder ein Neffe sein und nicht unbedingt eine Mutter oder ein Vater oder ein Bruder, der noch in Gondar oder in Addis oder in den Dörfern ist. Darauf beginnt ein Prozess der Datensammlung in Israel. Nach einer Weile findet ein ähnlicher Prozess in Äthiopien statt, sobald wir die Familie dazu einladen, in eines unserer Büros in Gondar oder Addis zur Klärung weiterer Fragen zu kommen.

F: Gibt es das nicht, dass jemand dein Büro betritt und sagt, "ich möchte, dass sie mich ausfragen. Ich möchte nach Israel kommen. Ich habe gehört, dass es möglich ist, nach Israel auszuwandern?"

A:  Das gibt es nicht, dass jemand kommt, der nicht vorher eingeladen worden ist auf Bitte eines Familienmitgliedes in Israel. Eine solche Situation gibt es hier einfach nicht. Das ist genau das Gegenteil von dem, wie es in anderen Ländern abläuft. Wir beginnen mit der Annahme, dass  sich 99-100% der ursprünglichen organisch gewachsenen Gemeinde, die "Beta Yisrael" heißt ("Falasha" im täglichen Sprachgebrauch, obwohl dieser Begriff problematisch ist) bereits in Israel befindet.  Dies bedeutet, dass es keinen Kandidaten in Äthiopien gibt, der noch einen Familienkontakt zum ersten Kreis hat, der sich bereits in Israel aufhält. Und deshalb beginnen die Aktivitäten in Israel, so weit weg wie nur möglich von anderen Teilen der Welt. Wir sprechen über eine Gruppe, die als zweite Gruppe bezeichnet werden muss und die "Falash Mura" genannt wird. Die eigentliche Gruppe, sie heißt "Beta Yisrael,"  ist eine Gruppe, die ihre jüdischen Charakter und die Tradition bewahrt hat und von denen sich praktisch alle bereits in Israel befinden.

F:  Wie wird die Berechtigung geprüft?

A:  Diese Prüfung findet in 2 Stufen statt. Die erste Prüfung findet im Angesicht eines Verwandten in Israel statt, der um eine Ausreiseerlaubnis für jemanden in Äthiopien nachgesucht hat. Er wird eingeladen, Fragen zu beantworten. Zusätzlich zu den Fragebögen muss er Fragen beantworten, die mit seinem Bezug zum Judentum zu tun haben und diese werden gesondert überprüft. Kurz darauf werden die Informationen an den Sachbearbeiter des Innenministeriums in Addis oder Gondar geschickt. Nun, da es keine Dokumente gibt – Geburtsurkunden oder Sterbescheine oder Heiratsurkunden oder Unterlagen, die irgendeine Form des Bezuges zum Judentum beweisen, benutzen wir ausschließlich persönliche Aussagen. Die gesamten Informationen, die in Israel und in Äthiopien gesammelt wurden – in beiden Fällen von Gesandten des Innenministeriums – werden nach Jerusalem geschickt.  Es gibt einen Bereich im Innenministerium, wo die Ergebnisse der Untersuchungen in Äthiopien und Israel geprüft werden, um zu sehen, ob es eine logische Verbindung zwischen den Geschichten gibt. Vom Augenblick an, an dem eine Aliyah-Erlaubnis erteilt wurde, befindet sich der Kandidat unter unserer Rechtshoheit und er wird auf die Warteliste gesetzt. Er rückt darauf jeweils nach oben und dies hängt davon ab, wie schnell sich die Einwanderung vollzieht.

F:   Wie schnell vollzieht sich diese?

A:  In den vergangenen sechs oder sieben Jahren lag die Zahl bei 300 Personen im Monat. Gegenwärtig haben etwa 1800 Personen Aliyah-Genehmigungen erhalten. Dies bedeutet, dass jeder, der eine derartige Genehmigung erhalten hat, wahrscheinlich in vier bis fünf Monaten in Israel sein wird. Wir wurden angewiesen, innerhalb kurzer Zeit die Zahl der Olim auf 600 pro Monat zu verdoppeln. Das Innenministerium hat sich dazu uns gegenüber, der Regierung und gegenüber der Jewish Agency verpflichtet, die endgültige Liste der Namen bis Ende Juni dieses Jahres zu veröffentlichen, mit anderen Worten, innerhalb der kommenden drei Monate. Ich hoffe, dass sie dazu in der Tat in der Lage sind. Sie erhöhen gegenwärtig ihr Personal und beschleunigen den Prozess; sie haben weitere zwei Gesandte geschickt – wir haben jetzt drei – und wir erhielten Verstärkung vom Innenministerium.

Fortsetzung: Rückkehr zum Judentum – Fünf Stationen auf dem Weg zur Freiheit

Keren Hayesod 10-04-2006

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem