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30 Jahre äthiopische Einwanderung in
Israel:
Neun Tage, die das Leben dieser Menschen völlig verändern
Ein ausführliches Interview mit Ori
Konforti, dem Delegierten der Jewish Agency in Äthiopien zum Thema der
Falash Mura
Rückkehr zum Judentum
– Fünf Stationen auf dem Weg zur Freiheit - Teil 2
Im
ersten Teil des Interviews beschrieb Ori Konforti den Prozess, wie Bewerber
für die Einwanderung nach Israel identifiziert und schließlich akzeptiert
werden. Nachfolgend geht es um das vielschichtige Thema der Rückkehr der
Falash Mura zum Judentum und die verschiedenen Phasen dieses Prozesses, der
von der Jewish Agency durchgeführt wird.
F: Was ist der
rechtliche Status der Falash Mura wenn sie einmal in Israel angekommen sind?
Wie betrifft sie das Thema der Glaubenskonversion?
A: Die Berechtigung zur Aliyah wird ausschließlich durch das
Rückkehrergesetz geregelt. Das bedeutet, dass wenn eine jüdische Mutter
vorhanden ist, gibt es keine zeitliche Beschränkung; diese Berechtigung gilt
für immer. Aber wenn die Berechtigung auf den Vater zurückgeführt wird, dann
forschen wir bis auf den Großvater zurück, aber nicht weiter. Es gibt
Ausnahmen unter zwei Umständen: Wenn der Bewerber zu einer anderen Religion
konvertiert ist oder wenn er eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt.
In diesen beiden Fällen hat er keine Berechtigung, in Israel einzuwandern.
Mit anderen Worten: Wenn der Kandidat zu einer anderen Religion übergetreten
ist, hat er kein Anrecht auf die Aliyah. Dies gilt auch, wenn er nach
der Halacha über seine jüdische Mutter Jude ist. Wenn er konvertiert ist,
das heißt zum Beispiel, dass er sich im erwachsenen Alter dazu entschlossen
hat, in einer Kirche zu heiraten oder seine Kinder taufen zu lassen, dann
bedeutet dies, dass er seinem Leben eine andere Richtung gegeben hat. Dann
kann er gerne als Tourist unser Gast sein, aber nicht als Staatsbürger nach
dem Rückkehrergesetz.
F: Und dies
bringt uns zu dem komplexen Thema der Glaubensübertretung der Falash Mura.
A: Nach der halachischen Entscheidung des sephardischen
Oberrabbiners von Israel, Shlomo Amar, sind die Falash Mura nicht aus
religiösen Gründen zum Christentum übergetreten. Es gab nie das Thema einer
Taufe oder einer Hochzeit. Sie konvertierten zum Christentum oder
bezeichneten sich selbst als Mitglieder der christlichen
Glaubensgemeinschaft aus einem einzigen Grund: Damit sie ihren Grund und
Boden als Lebensgrundlage behalten konnten.
Dies steht im Gegensatz zur Beta Yisrael, jener Gruppe, die bereits
nach Israel ausgewandert ist und sich dazu entschlossen hatte, den Preis für
die Bewahrung ihrer Identität zu zahlen: Sie gaben ihr Land auf. Sie
bewahrten einen jüdischen Lebensstil, achteten den Shabbat und die Feiertage
und wahrten die Gesetze zur Reinheit der Familie. Sie lebten auch
geographisch entfernt von ihnen in den Dörfern, sodass sie leicht als ein
besonderer Bevölkerungsteil identifiziert werden konnten.
Rabbi Amars Entscheidung bezüglich der Falash Mura beruht in der Grundlage
darauf, dass der Glaubensübertritt nicht aus religiösen Gründen vollzogen
worden ist. Er fand vielmehr aus Überlebensgründen statt. Denn in Äthiopien
ist das Land heilig. Rabbi Amars Entscheidung besagt: Wir werden sie
folgendermaßen definieren – und diese neue Definierung ist wichtig: Als
„Saat von Israel“ ("zera Israel"). Wir sollten sie schnell nach
Israel bringen und sie wieder zum Judentum zurückführen. Wir blicken hier
auf fünf, sechs oder sieben Generationen zurück, als die Konversion
stattfand.
Rabbi Amar erzählte Ministerpräsident Ariel Sharon: Ich war dort, ich
besuchte Gondar, Ich sah unsere Brüder, es gab in der Tat
Glaubensübertritte, aber nicht aus religiösen Gründen sondern vielmehr um in
Zeiten ernster wirtschaftlicher Not überleben zu können. Wir müssen sie nach
Israel zurückbringen und wieder dem Judentum nahe bringen. Deshalb trifft
auf sie das “Gesetz des Eingangs” (“Law of Entry”) zu, dass sich im Kern mit
der Familienzusammenführung befasst. Sie erhalten die israelische
Staatsbürgerschaft nur dann, wenn sie sich dem gesamten Prozess der
Glaubensübertretung unterziehen und zum Judentum zurückkehren, ein Prozess,
der etwa zwei Jahre lang dauert.
F: Wir haben
gesehen, dass der Prozess der Glaubensrückführung zum Judentum bereits in
Gondar beginnt. Wir besuchten die Schule und sahen, wie ihnen Hebräisch
beigebracht wird; wir sahen, wie sie im Anleger der Tefilin
unterwiesen werden, wir sahen die Mikveh, wirklich sehr nahe
gehende Dinge. Wir wollen zum eigentlichen Aliyah-Prozess
zurückkehren. Wie lange bleiben sie auf dem Gelände von Gondar bevor
sie die ersehnte Einladung erhalten, zu dir nach Addis zu kommen? Wir
hörten, dass die Wartezeit manchmal Jahre dauert.
A: Die langen Wartezeit hat vor allem mit zwei Faktoren zu tun: Der
eine liegt darin, dass vor über zehn Jahren die Menschen damit begannen, aus
ihren Dörfern nach Gondar und nach Addis zu strömen. Niemand hat sie dazu
ermutigt oder aufgefordert, aber die Menschen haben erkannt, dass wenn sie
sich nicht in der Nähe des Gebietes der israelischen Botschaft in Addis oder
Gondar aufhielten, dann könnten sie die nächste Gelegenheit verpassen, nach
Israel auswandern zu dürfen. Wir haben dann das Phänomen miterlebt, wie die
Menschen ihr Vieh und ihre Häuser verkauften und nach Addis und Gondar
kamen, wo sie unter sehr schwierigen Bedingungen lebten. Dies ist der eine
Punkt.
Der zweite Punkt liegt darin, dass die Geschwindigkeit der Aliyah und die
damit verbundene Wartezeit hier von den politischen Entscheidungen zu diesem
Thema abhangen. Die Prüfungszeit dauert auch lange. Manchmal müssen
verschiedenen Zeugenaussagen gegeneinander auf ihre Glaubhaftigkeit
überprüft werden, manchmal muss der Kess (der spirituelle Führer)
oder der Shmagala (Anführer) angefordert werden, um die Information
zu bestätigen, die in Gondar, Addis oder in Israel eingereicht wurde, denn
im Grunde sprechen wir über einen Prozess, der in einigen Bereichen etwas
virtuell abläuft.
F: Wie ist es
eigentlich und in der Realität möglich, sieben Generationen ohne Urkunden
zurück zu verfolgen? Wie verhinderst du Fälschungen und Betrug?
A: Es gibt eine sehr klare Antwort darauf. In einem äthiopischen Dorf,
das völlig von Elektrizität oder moderner Zivilisation abgeschnitten ist, so
wie wir dies verstehen, gibt es keinen modernen Markt, keinen Handel usw.
Wenn es dunkel wird, schalten die Menschen nicht im Fernsehen Kanal 1 oder 2
ein oder die Börse oder sie schauen auch nicht, was sie kaufen müssen und
was wo billiger oder preiswerter zu haben ist. Ihr vorwiegendes Interesse
gilt der Stammesforschung: Wer hat geheiratet, wer ist gestorben, wer
ist wessen Sohn. Uns hilft auf diese Weise die Erinnerung der Menschen, die
phänomenal ist, weil dies ihre Hauptbeschäftigung ist. Jeder Oleh aus
Äthiopien kann seine Familienherkunft mindestens fünf Generationen
zurückverfolgen.
F: Also warten
und warten die Menschen unter den unvergesslichen Bedingungen, denen wir sie
ausgesetzt sahen. Wie kommen sie dann endlich an die Reihe? Jetzt komme ich
auf die Jewish Agency zurück. Das Innenministerium hat bereits eine
Genehmigung erteilt – wer informiert die Menschen und wie werden sie
informiert, dass sie nunmehr dazu eingeladen worden sind, fast in das
Gelobte Land zu kommen, auf das Gelände der Botschaft, wo ihr Fall nunmehr
von der Jewish Agency behandelt wird?
A: Es ist eigentlich ein sehr einfacher technischer Vorgang. In dem
Augenblick, in dem wir davon unterrichtet werden, dass eine bestimmte
Familie die Genehmigung erhalten hat, Aliyah zu machen, und wenn sie in
einem Dorf lebt, schicken wir einen Läufer dort hin. Er informiert sie,
dass sie sich an diesem oder jenem Termin auf unserem Gelände einzufinden
haben, um es uns zu ermöglichen, sie nach Addis zu bringen und von Addis
nach Israel. Aber die meisten Bewerber wohnen in der Nähe von uns, in Gondar
oder in Addis, und dann ist der Prozess auch einfacher. Wir laden sie in
Gruppen ein und ich empfange sie bei der Ankunft persönlich.
F: Was siehst du
in ihren Gesichtern? Sehen sie, dass sich die Türe öffnet? Dass
etwas geschehen wird, dass ihr Leben völlig verändern wird?
A: Sie zeigen keine emotionelle Erregung. In der äthiopischen
Kultur ist es sehr selten, dass Emotionen zum Ausdruck gebracht werden. Sie
sind sehr introvertierte Menschen, die ihre Sorgen oder ihre Freude nicht
zum Ausdruck bringen. Sie haben sehr viel Würde und ich sehe eigentlich nie
in ihren Gesichtszügen, in welchem Gemütszustand sie sich gerade befinden.
Aber ich kann uneingeschränkt sagen, dass sie es fühlen, wenn sich der
Augenblick nähert, nach dessen Erfüllung sie sich so viele Jahre gesehnt
haben.
F: Bitte
beschreibe den gesamten Prozess der Eingliederung und wie sie behandelt
werden.
A: Zuerst einmal erhalten sie Decken und Matratzen: Dies ist ein
Gebiet, für das das „Joint Distribution Committee“ zuständig ist. In der Tat
ist es so, dass sie sich am Tag nach der Ankunft in Addis an der Türe der
israelischen Botschaft einfinden, gemäß der Listen, die wir bereits
vorliegen haben, weil wir sie dazu eingeladen haben, und der Prozess der
„fünf Punkte“ beginnt.
F: Beschreibe
diese Punkte.
A: Der erste Punkt ist die Untersuchung, ob Fälle von Tuberkulose
vorliegen. Wir führen die Röntgenuntersuchung in der Klinik durch, die
sich in der Nähe der Botschaft befindet. Wir schicken die Röntgenaufnahmen
zu einem Röntgenzentrum im Carmel Hospital in Haifa. Es gibt etwa
einen Anteil von 4%-5% an akuter Tuberkulose und wir isolieren diese
Menschen. Wir bringen sie vom Stadium der aktiven Tuberkulose in das Stadium
der passiven Tuberkulose, behandeln sie mit Medikamenten und sie kommen
einen Monat später nach Israel. Hier werden sie weiter behandelt. Sie sind
jedoch nicht in einem ansteckenden Stadium. Wir lassen niemanden ins
Flugzeug, der Tuberkulose hat und alle anderen Passagiere anstecken könnte.
Er wäre eine Gefahr für die israelische Öffentlichkeit, für unsere
Mitarbeiter im Eingliederungszentrum und für seine gesamte Umgebung.
F: Okay, also
die Untersuchung ist überstanden. Was ist die nächste Station?
A: Die nächste Station sind die Impfungen. In diesem Abschnitt werden
sie gemäß den Vorschriften des Gesundheitsprogrammes des israelischen
Gesundheitsministeriums geimpft, so wie es auch jedem israelischen Kind
verabreicht wird - Hepatitis A und B, Tetanus, Masern, Pocken etc. Sie
erhalten bis zu sieben Impfungen innerhalb von 72 Stunden. Drei Tage liegen
zwischen der ersten und letzten Impfung. Dies wird auf dem Gelände der
Botschaft durchgeführt, in der Klinik, die von der Jewish Agency geleitet
wird – mit Spritzen und Impfungen, die mit der diplomatischen Post
eintreffen.
F: Die dritte
Station?
A: Die dritte Stufe ist der Bereich der Befragung und Überprüfung, die ich
durchführe. Wir registrieren ihre Namen in Hebräisch, weisen ihnen einen
Familiennamen zu. In Äthiopien gibt es keine Familiennamen. Der Familienname
geht auf den Vater zurück und wenn der Vater noch lebt, dann geht er auf den
Großvater zurück. Und wenn auch der Großvater noch lebt, dann geht der
Familienname auf den Urgroßvater zurück. Der Familienname wird auf Hebräisch
geschrieben, aber das wichtigste in diesem Stadium ist der Erfassung des
Alters. Das machen wir gemeinsam mit dem Bewerber.
Dies entscheidet über alle seine Pflichten und Rechte als zukünftiger
israelischer Bürger, zum Beispiel in welche Klasse sein Kind eintreten wird,
oder wenn er 18 Jahre alt ist, dann wird er oder sie zur Armee eingezogen.
Wenn er 25 Jahre alt ist, dann erhält er einen besonderen Eingliederungskorb
zur Unterstützung, der sich von dem der restlichen Familie unterscheidet,
damit sind erhebliche finanzielle Zuwendungen verbunden. Wenn er 67 Jahre
alt ist, dann ist er zum Bezug einer staatlichen Pension berechtigt. Alle
diese Informationen werden mindestens fünf oder sechs Tage vor der Aliyah
nach Israel geschickt und alle wichtige Urkunden, zum Beispiel das
Eingliederungsdokument und der Personalausweis, werden entsprechend dieser
Informationen erstellt.
F: Weiter mit Station
vier. Was erwartet ihn hier?
A: Station vier ist das Klassenzimmer, oder auch zwei Klassenzimmer,
in denen ihnen Filme gezeigt werden. Damit wird die Wartezeit zwischen den
Impfungen überbrückt, oder die Zeit zwischen den Befragungen und den
Impfungen – die Menschen haben viel Zeit zur Verfügung; sie sind damit
beschäftigt zu warten – diese Zeit gibt ihnen die Möglichkeit, ein Gefühl
für die „Neue Welt“ zu entwickeln, die vor ihnen liegt. Was ist Israel
eigentlich, wie sieht das Land aus, was ein Eingliederungszentrum ist und
wie es aussieht, welche Einrichtungen und Geräte sie am ersten Tag ihrer
Ankunft sehen werden, - ein Ofen, ein Herd, ein modernes Badezimmer, usw…
F: OK, und nun
zur letzten Station. . . .
A: Station fünf ist mein Büro. Hier befassen wir uns mit all der
Papierarbeit und der Verwaltung, die für den Umzug nach Israel notwendig
ist: Reiseurkunden, Flugtickets, Reisegepäck, Computeraufzeichnungen, die
gesamte Logistik, die mit dem Flug selbst und die Registrierung für den Flug
verbunden ist, einschließlich der finanziellen Ausstattung etc. Dies ist die
fünfte Station, es geht hier um sehr genaue Verwaltungsschritte.
Nächster und letzter Teil: Abreise aus Äthiopien in
ein neues Leben in Israel.
Keren Hayesod 10-04-2006
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