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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Fünf Jahre danach:
Der Schrecken von Ramallah

Einen Augenblick lang kreuzten sich ihre Wege, als ihre Ehemänner Vadim und Yossi bei einem Lynchanschlag ermordet wurden, der das ganze Land in Aufruhr versetzte - Fünf Jahre, nachdem für sie eine Welt zerstört wurde, sind sie in der Lage und bereit, über ihr Schicksal zu sprechen - Chani Avrahami spricht darüber, warum sie ihren Kindern erlaubte, Fotos von dem Mordanschlag zu sehen ("Ich wollte nichts vor ihnen verbergen"). Irena Norzhich spricht darüber, was man einem vierjährigen Jungen sagen soll, der seinen Vater nie kennen lernen wird ("Ich nahm ihn mit an sein Grab"). Beide erzählen von ihren immer wiederkehrenden Träumen ("Ich warte in den Nächten darauf, ihn wieder zu sehen").

Von Gil Meltzer, Yediot Acharonot: Shabbat-Beilage

Ihre Stimme ist ruhig und ihre Augen verraten nichts, doch das Papiertaschentuch ist von ihren Händen zerrissen worden, Stück für Stück. Nur wenn sie die Abfolge der Ereignisse an jenem schrecklichen Tag vom 12. Oktober 2000 beschreibt, zerbricht die Fassade der Selbstbeherrschung von Chani. Dagegen stellt Irena Norzhich fast das genaue Gegenteil dar, sie erlaubt ihren Tränen, ihr Gesicht zu waschen und lacht dazu auch noch, manchmal zur gleichen Zeit. Sie wägt ihre Worte sehr sorgfältig ab, aber ihre Augen enthüllen alles – Liebe, Schmerz und Sehnsucht.

Fünf Jahre sind vergangen, seit die Welten dieser beiden Frauen, so verschieden sie auch voneinander sein mögen, zusammengebrochen sind. Fünf Jahre sind vergangen, seit Korporal Vadim Norzhich und Unteroffizier Yossi Avrahami die falsche Abbiegung nahmen und sich im Zentrum von Ramallah wieder fanden, wo sie in einer Lynchaktion ermordet wurden, die das ganze Land erschütterte. Es ist fünf Jahre her, als die Israelis wie festgewurzelt vor ihren Fernsehern saßen, von Schrecken überwältigt, und Zeugen eines der schrecklichsten Ereignisse wurden, das hier jemals vorgefallen war. Ein italienisches TV-Team filmte eine wildgewordene Menschenmenge von Hunderten von Palästinensern, die die Polizeiwache von Ramallah umstanden, während im Gebäude Dutzende völlig außer sich zwei israelische Reservesoldaten ermordeten und ihre Körper entweihten.

Chani war 14 Jahre verheiratet gewesen und hat drei Kinder. Irena war eine neue Einwanderin aus Kasachstan, die gerade in der vergangenen Woche geheiratet hatte und im dritten Monat schwanger war. Sie waren sich nie zuvor begegnet und ziehen es auch heute vor, ihre eigenen Wege zu gehen, jede für sich alleine in ihrem Schmerz.

Chani Avrahami ist bisher noch nie zuvor interviewt worden. Sie lehnt es ab, ihren Schmerz vor der israelischen Öffentlichkeit bloßzustellen. "Es ist eine private Familiensache, die nur mich und meine Kinder etwas angeht", sagt sie. Jetzt, fünf Jahre später, hat sie sich dazu bereit erklärt, über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen.

Liebe auf den ersten Blick

Jeder Mensch hat bestimmte Augenblicke, die ihm unvergesslich bleiben. Bis Oktober 2000 gab es für Chani vier solche unvergessliche Augenblicke – den Augenblick, als sie ihrem Gatten Yossi begegnete, ihren Hochzeitstag, die Geburt ihrer Tochter und den Augenblick der Brit Mila ihrer Zwillingsjungen.

Sie erinnert sich an den Winter des Jahres 1986 als ob es gestern gewesen wäre. Sie war 17 Jahre alt und machte Ferien in London. Es fiel ihr schwer, die Vordertür zum Hotel am Russell Square zu öffnen, während sie gleichzeitig mehrere Einkaufspäckchen umklammert hielt. festhielt. Sie erinnert sich daran, wie ihr Mantel vom nicht enden wollenden britischen Regen voll gesogen war. Plötzlich öffnete sich die Türe und ihr gegenüber stand ein junger Mann in "einem langen wollenen Mantel und einer Krawatte". Er lächelte, bot ihr in Hebräisch seine Hilfe an und trug ihre Päckchen, ganz wie ein richtiger Gentleman.

Yossi, er war damals 24, reiste mit einem Freund. Chani war in Begleitung ihrer Mutter. Ihr erstes Date fand in den Strassen von London am letzten Tag des Jahres statt. "Es war das Neue Jahr in meinem Leben", sagt sie. Eine Woche später waren sie zurück bei ihren Eltern in deren Haus in Petach Tikvah. "Er war in höchst unisraelischer Art und Weise gekleidet. Seine Hosen und sein Hemd waren gebügelt und er trug eine Krawatte und einen langen Mantel. Meine Mutter war sehr beeindruckt."

Drei Jahre später unterbrach sie ihren Militärdienst und wurde Frau Avrahami. Shani wurde ein Jahr später geboren und die Zwillinge kamen vier Jahre später auf die Welt. Sie kauften sich eine kleine Wohnung in der Nähe von Chanis Eltern. Yossi leitete ein Herrenausstattergeschäft und Chani erwarb einen akademischen Grad eines BA in Englischer Literatur und Erziehung. Die Avrahami-Familie sah einer rosigen Zukunft entgegen.

Auch Irena Norzhich konnte sich an jede Minute des Tages erinnern, an dem sie den Mann traf, der ihr Gatte werden sollte und der Vater ihres Kindes. Im Gegensatz zu Avi und Chani lernten sich Irena und Vadim nicht in einem luxuriösen Hotel in einer europäischen Hauptstadt kennen. Sie trafen sich mitten zwischen den Regalen der (nicht mehr existierenden) "Grinberg"-Kette in Or Akiva, wo Vadim arbeitete. "Ich fühlte etwas in dem Augenblick als ich ihn sah," erinnert sie sich. "Ich kann nicht einmal erklären, was es war." Vadim war schüchtern, deshalb ergriff die junge Kindergarten-Lehrerin die Initiative und trug ihrer Telefon-Nummer in dessen Handy ein.

Irena wanderte im Jahre 1995 aus Kasachstan nach Israel ein, nachdem sie das Land im Vorjahr besucht hatte. "Ich sah die Blumen, die hier im Winter wachsen und ich sah, dass man hier das ganze Jahr über an den Strand gehen kann. Deshalb wusste ich, dass dies der richtige Platz für mich war," sagt sie lachend.

Es dauerte vier Jahre, bevor sie Vadims Heiratsantrag annahm. "Ich liebte ihn gleich von an sehr, aber er war sehr verschlossen. Ich meinte, keine vorschnellen Entscheidungen treffen zu wollen bis wir uns besser kannten, " sagt sie. Sie heirateten Anfang Oktober im Rahmen einer kleinen Hochzeit in Netanya, gemeinsam mit einer kleinen Familiengruppe und engen Freunden, die meisten aus Kasachstan. Als sie unter der Chuppah stand, gab Irena bekannt, dass im dritten Monat schwanger war.

Sie wusste, dass er eine Woche zum Reservedienst eingezogen werden sollten und beschloss, ihre Hochzeitsreise zu verschieben ebenso wie den Kauf ihres neuen Doppelbettes, bis er zurückgekehrt war.

Bevor sie über die Ermordung ihres Ehemannes spricht, bittet Chani darum, das Interview zu unterbrechen, um für einige Minuten alleine zu sein und um ihre Tränen zurück zu halten. "Yossi sagte mir, dass er seinen Reservedienst in Jerusalem ableisten würde", erinnert sie sich. "Ich wusste nicht, dass er sich nach Beit El begeben sollte. Hätte ich gewusst, dass er in die besetzten Gebiete abkommandiert worden war, hätte ich alles unternommen was in meiner Kraft stand, um ihn davon abzuhalten, wegzufahren. Wir haben drei Kinder, um Gottes Willen!"

"Ich ermordete Yossi"

An diesem Morgen, den 12. Oktober 2000, fuhren Chani und die Kinder Yossi bis an die Sirkin-Kreuzung. Er sagte ihnen, dass ihn hier ein anderer Reservist abholen würde. Chani hörte den Namen Vadim Norzhich zum ersten Mal in den Nachrichten über den Mord. "Er nahm seinen Rucksack aus dem Kofferraum und überprüfte, ob er seine Waffe hatte. Ich küsste ihn und wir verabredeten, uns während des Tages in Verbindung zu setzen. Ich setzte Shani an der Schule ab, ließ Idan und Roi beim Kindergarten und fuhr zur Arbeit. Nichts deutete darauf hin, dass etwas geschehen würde."

Vadim holte tatsächlich auch Yossi an der Kreuzung ab. Er hatte seinen Reservistendienst zwei Tage vorher angetreten, aber die Erlaubnis erhalten, die Truppe zu verlassen, um das Ultrasound-Foto seines ungeborenen Kindes zu sehen. Er sollte nie wissen, dass es ein Junge war.

Chani hörte das erste Mal von den Vorfällen in Ramallah bei der Arbeit. "Ich saß in meinem Büro als plötzlich jemand eintrat und mich bat, die YNET-Website zu öffnen, da es Berichte über Vorfälle in Ramallah gab. Bis dahin hatte es weder Veröffentlichungen von Namen gegeben noch genaue Einzelheiten darüber, was eigentlich geschehen war, aber plötzlich begannen meine Beine zu zittern. Ich konnte mir nicht erklären, was mit mir geschah. Nicht einen Augenblick lang konnte ich mir vorstellen, dass Jossi darin verwickelt war, aber mein Körper wollte nicht aufhören zu zittern."

Wenige Minuten später rief ihre Mutter an und bat sie darum zu versuchen, Yossi über das Telefon zu kontaktieren. "Meine Mutter hatte mich noch nie zuvor bei der Arbeit angerufen. Wir machen das nicht. Wir sprechen nur von zuhause miteinander. Im Augenblick als sie anrief, begann mir klar zu werden, dass sich etwas Schreckliches ereignete."

Chani rief Yossis Handy an, aber zu ihrer Überraschung antwortete die Stimme eines ihr unbekannten Mannes. "Ich bat darum, mit Yossi sprechen zu können. Ich war mir sicher, dass es einer seiner Freunde in der Armee war. Aber er antwortete mir nicht. Ich bat erneut darum, mit Yossi sprechen zu dürfen und plötzlich sagte er – "hier ist nicht Yossi. Ich habe ihn eben in Ramallah umgebracht." - und dann wurde die Leitung unterbrochen."

Wenn sie darauf verweist, dass sie zu diesem Zeitpunkt dachte, dass das alles ein schlechter Scherz von einem seiner befreundeten Reserve-Soldaten gewesen war, beginnt sie zu weinen. "Ich dachte, dass dies einer der typischen schwarzen Armee-Scherze war. Wir wissen, wie Männer sich zu benehmen beginnen, wenn sie in der Reserve dienen. Also rief ich erneut an und dieses Mal antwortete jemand auf Arabisch. Das war der Moment, als ich zusammenbrach und nicht mehr aufstehen konnte."

Kurze Zeit später trafen Vertreter vom Büro des Bürgermeisters der Stadt ein. "Ich wurde gebeten, in das Büro zu kommen und sobald ich einen Erste Hilfe-Kasten auf dem Tisch liegen sah, wusste ich bereits, warum sie da waren. Ich fragte den Offizier, ob er verletzt oder tot sei, und seine Antwort lautet "tot".

Irena hörte ebenfalls vom Tod ihres Mannes während der Arbeit. Da sie bereits im dritten Monat schwanger war, wurde ein Krankenwagen zum Kindertageszentrum geschickt, wo sie arbeitete. Sie war beim Begräbnis von Vadim nicht anwesend. Weil sie glaubte, dass sie die Aufregung nicht ertragen könnte, überredete sie ihre Familie dazu, dass es das Beste für sie und das ungeborene Kind sei, wenn sie nicht anwesend wäre. "Ich mache alles, um sicherzustellen, dass Vadims Kind auf die Welt kommt", sagte sie in jenen Tagen. "Das ist jetzt das Wichtigste in meinem Leben."

Vater kommt nicht zurück

Vom Augenblick, als sich die Tragödie ereignete, kämpfte Chani darum, ihr Gleichgewicht zu behalten. "Das war eines der Dinge, das es mir und meinen Kindern ermöglichte, diese schreckliche Zeit zu überstehen. Wenn ich mich nicht völlig in der Hand gehabt hätte, weiß ich nicht, was passiert wäre."

- Wie haben Sie die Nachricht Ihren Kindern überbracht? Ihre Tochter war 9 und ihre Söhne waren nur 5 Jahre alt.

Ich setzte mich mit den dreien zusammen und sagte ihnen, dass ihr Vater zur Armee gegangen war und dass er nicht zurückkommen würde, weil er tot ist. Ich sagte ihnen nicht, wie er gestorben war, weil ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht wusste, was geschehen war. Vom ersten Augenblick an entschloss ich mich dazu, nichts vor den Kindern zu verstecken und für völlige Klarheit zu sorgen."

- Sahen sie die schrecklichen Fotos des Lynches?

Sie bestanden darauf, alles zu sehen und ich entschloss mich, ihnen dies zu erlauben. Ich weiß, dass es viele Menschen gab, die sagten, dass ich ihnen schrecklichen emotionellen Schaden zugefügt hätte und dass ich deshalb beginnen muss, mein ganzes Leben lang zu sparen, um sie psychologisch behandeln zu. Aber ich stehe zu meiner Entscheidung. Ich zog es vor, ihnen alles selbst zu zeigen und zu berichten. Dies gab mir wenigstens eine gewisse Kontrolle über die Situation und ich glaube, es war die richtige Entscheidung."

- Was ging in ihrem Kopf vor, als sie vor dem Fernsehen saßen?

"Ich fühlte mich schrecklich angeekelt. Es sah wie eine Szene aus einem besonders schlecht gemachten Horror-Film aus. Ein Film aus dem Studio des abartigsten Regisseurs der Welt. Sie berichteten nicht, wer von ihnen aus dem Fenster geworfen wurde, aber ich glaube schwarze Schuhe gesehen zu haben und ich wusste, dass Yossi das Haus in roten Schuhen verlassen hatte."

Mehrere Stunden vor dem Begräbnis bat Chani darum, ihren Mann das letzte Mal sehen zu dürfen. "Er war mit einem weißen Tuch bedeckt. Nur sein Gesicht war zu sehen. Er blieb so wundervoll wie er immer gewesen war. Sein Kopf war in Verbänden eingebunden. Ich küsste ihn und streichelte sein Gesicht. Einen Augenblick lang hoffte ich, dass vielleicht die Berührung meiner Hand ihn aufwecken würde, aber das geschah nicht. Es war ein surrealer Augenblick, wie der gesamte Vorfall. Sogar jetzt noch habe ich nicht ganz verinnerlicht, was eigentlich geschehen ist. Ich vermisse ihn schrecklich. Manchmal träume ich sogar noch von ihm und wir streiten uns sogar in unseren Träumen, sodass ich am Morgen mit einer heiseren Stimme aufwache."

Vadims Sohn wurde sechs Monate nach seinem Tod geboren. Irena gab ihm den Namen David-Vadim, eine Kombination eines neuen Namens und des Namens des Vaters, den er nie kennen lernen würde. "Ich wollte einen Engel im Himmel, der ihn beschützen sollte", sagt sie.

Vor sechs Monaten stellte der gleiche kleine Junge seiner Mutter die Frage, vor der sie sich am meisten gefürchtet hatte – "Wo ist Vater?" Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Deshalb nahmen ihn sein Onkel Michael und ich mit zum Grab von Vadim auf dem Militärbereich des Or Akiva-Friedhofes und ich sagte ihm, dass sein Vater hier begraben sei und dass er ihn sehr liebe."

Im Gegensatz zu Chani hat es Irena bis heute abgelehnt, die Aufnahmen von der Ermordung ihres Gatten zu sehen. Wenn es nach ihr geht, dann wird auch ihr Sohn diese niemals zu sehen bekommen. "Ich möchte ihm so viel Abstand wie möglich von diesen Dingen verschaffen, um ihn zu beschützen."

Ich bin so zornig

Im Laufe der Zeit haben Chanis Zorngefühle neben dem Schmerz zugenommen. Zorn auf die Armee, auf die Regierung und auch auf Yossi. "Im ersten Jahr waren die Gesandten des Bürgermeisteramtes der Stadt wie Engel, meine absoluten Retter", sagt sie. "Sie ließen mich keinen Augenblick aus den Augen. Sie begleiteten meine Kinder zur Schule, zum Kindergarten und zu ihren außerschulischen Aktivitäten. Sie stellten sicher, dass sie keine einzige Minute alleine waren. Ich verdanke ihnen mein Leben.

Dennoch bin ich so zornig. Zuerst bin ich so zornig, weil Yossi und Vadim so viele Kontrollpunkte der Armee auf ihrem Weg nach Ramallah passierten und niemand hat sie auf ihrem Weg aufgehalten oder verhindert, dass sie die falsche Abzweigung nahmen. Wie ist das möglich? Es war eine so unberechenbare Zeit. Wie war es möglich, dass sie niemand davon abhielt in die besetzten Gebiete einzudringen? Zweitens bin ich zornig, weil die Untersuchung beschönigt wurde. Zwei Reservesoldaten werden von Palästinensern ermordet und zu welchem Ergebnis kommt die IDF? Der Bericht stellt fest, dass der Vorfall das Ergebnis eines Fehlers war und dass die Vorkehrungen überarbeitet werden müssen. Ich mache alle Bereiche der IDF für alles verantwortlich, vom Verbindungsoffizier, der dachte, dass Yossi lügen würde als er sagte, dass der Zeitpunkt des Reservedienstes für ihn ungünstig sei, bis hinauf zu Gal Hirsch, dem verantwortlichen leitenden Offizier im Einsatz."

- Warum glauben Sie, dass die Untersuchung beschönigt wurde?

Ich bitte Sie, Seien Sie doch ehrlich. Glauben Sie wirklich, dass leitende Offiziere Beweise und Anschuldigungen gegen andere Offiziere vorbringen würden? In unserer Armee kennt jeder jeden und jeder war zu einer bestimmten Zeit der Kommandeur eines anderen Soldaten oder diente als Soldat unter einem bestimmten Kommandeur. Diese Untersuchung hätte nur von einer externen Stelle durchgeführt werden dürfen und solange dies nicht der Fall ist, glaube ich kein Wort von dem, was in ihren Berichten geschrieben wurde."

- Das klingt, als wäre die IDF nicht der einzige Grund für ihren Zorn.

Das stimmt. Ich bin auch auf mich und Yossi wütend. Während seiner Armeezeit diente er im Artillerie-Regiment und wurde im Reservedienst zu den Fallschirmjägern verlegt. Er sagt mir nicht genau, wo er diente. Es war eine Art von Geheimnis und ich stellte nicht zu viele Fragen. Hätte ich gewusst, dass er in den besetzten Gebieten seinen Reservedienst ableistet, hätte ich mich mit allen Kräften gegen seine Einberufung gewehrt. "

Etwa 30 Palästinenser, die an dem Lynchmord teilgenommen haben, wurden im Laufe der vergangenen fünf Jahre von der GSS und der IDF verhaftet. Abed Al-Aziz Zalha, der Mann auf dem berühmten Foto mit dem Blut auf seinen Händen, wurde kürzlich in den neuen Sicherheitstrakt des Ayalon Gefängnisses verlegt. Eine weitere leitende GSS-Quelle sagt, dass sich zwar viele von jenen, die an dem Mord beteiligt waren, nach wie vor in den Palästinenser Gebieten auf freiem Fuß befinden, "aber sie wissen, dass Israel irgendwann sie alle zur Rechenschaft ziehen wird."

Die Frage, ob sie daran interessiert seien, die Mörder ihrer Ehemänner zu treffen, beantworten beide Witwen mit einem gemeinsamen "Nein!"

Irena: "Ich möchte sie alle mit dem Tode bestraft sehen, Nicht nur jene, die sich in dem Raum befanden, als Vadim und Yossi getötet wurden, sondern auch all jene, die draußen standen, und nach den Körpern riefen. Ich möchte, dass all jene sterben, die an diesem Tag anwesend waren."

Chani: "Ich glaube nicht, dass ihnen die Todesstrafe gerecht werden würde. Wir reden hier über Tiere, keine menschlichen Wesen. Sie haben keine Einsicht und keine menschliche Einstellung. Man kann einen Hund ausbilden, aber nicht diese Art von Tieren. Deshalb bin ich nicht einmal zornig auf sie und es macht deshalb auch keinen Sinn, sie mit der Todesstrafe zu bedrohen. Ihre eigenen Mütter schicken sie hinaus, um Selbstmord zu begehen und wünschen, dass ihre Söhne sterben während sie Terror-Anschläge verüben. Was für einen Abschreckung soll die Todesstrafe für sie darstellen?

Vor fünf Jahren, im Dezember 2000, verklagte Irena die Palästinensische Behörde über 46 Millionen NIS sowie Yassir Arafat und die Polizisten, die am Tod ihres Gatten beteiligt waren. Zwei Jahre später erließ das Jerusalemer Distrikt-Gericht ein Präzedenz-Urteil, in dem es die Klage der Rechtsanwältin Nitzana Darshan-Leitner akzeptierte, die die Norzhich-Familie anwaltschaftlich vertrat, und erließ einen Einzugsbeschluss für die Mittel, die für die Palästinensische Behörte bestimmt waren.

Als Folge dieses Präzedenz-Urteils wurden die Gerichte mit Dutzenden von weiteren Klage-Ansprüchen überzogen, die von Israelis stammten, die Opfer von Terror-Anschlägen geworden waren. Da die Rechtsanwälte der PA die Meinung vertraten, dass die israelischen Gerichte über eine andere politische Behörde keine Urteile fällen können, wurde der Fall an den Obersten Gerichtshof verwiesen.

"Zwei Jahre sind vergangen und alle Anhörungen sind wegen des hohen Arbeitsanfalles zum wiederholten Male verschoben worden", klagt Rechtsanwältin Darshan –Leitner. "Ich habe keinen Zweifel, dass der Oberste Gerichtshof das Thema vermeidet. Dies ist eine sehr kontroverse Sache, aber es ist wichtig der Palästinensischen Behörde klarzumachen, dass sie rechtlich verantwortlich ist, wenn es um Sicherheitsfragen geht, die ihr Gebiet betreffen." In der Zwischenzeit wartet die Familie auf die Wiederaufnahme der Anhörungen, die für Dezember 2005 angesetzt sind.

Wenn sie gefragt wird, wie es ihr heute geht, wird Irena ruhig und die Tränen beginnen zu fließen. "Es ist so schwer für mich", flüstert sie. "Ich bin nach Israel eingewandert, weil ich dachte, dass ich hier glücklich werden könnte. Ich liebe Israel nach wie vor, es ist mein Land. Aber seit Vadim ermordet wurde, weiß ich nicht mehr, was ich fühlen soll." Wie Chani sagt auch Irena, dass sie ihren Mann jede Nacht trifft und sich mit ihm unterhält, und sich sogar mit ihm streitet. Sie würde ihre Träume gerne aufzeichnen und auch diese Unterhaltungen mit ihrem Ehemann schriftlich festhalten, aber wenn sie aufwacht, hat sie ein Gefühl der erneuten Enttäuschung und des Verlustes. "Ich warte auf die Nächte," sagt sie und lächelt durch ihre Tränen. "Nicht als Flucht, sondern um Vadim zu treffen."

Chani gibt zu, dass einige ihrer Erinnerungen zu verblassen beginnen. Sie erinnert sich deutlich daran, wie sie und ihre Kinder vor dem Fernseher wie angewurzelt saßen, umgeben von Dutzenden von Freunden und der Familie, und die schrecklichen Bilder sahen, die sich aus dem Gebäude in Ramallah ergossen. Aber sie kann sich nicht daran erinnern, wie ihre jungen Kinder auf diese Szenen reagierten. Sie erinnert sich an jeden Augenblick der Brit Mila ihrer Zwillinge, aber es fällt ihr schwer sich daran zu erinnern, was sie bei der Beerdigung ihres Vaters durchmachten. "Ich bin nicht alleine", sagt sie, "Yossi ist immer noch bei uns, jeden Tag, jede Stunde, aber sein Bild verblasst langsam. Das ist das Schlimmste für mich."

● Die Stellungnahme der Sprechers der IDF: "Die IDF drückt den Familien der Opfer ihr Mitgefühl aus und wird diese auch weiterhin unterstützen und beistehen. Sofort nach dem Vorfall wurde eine Untersuchung eingeleitet und ihre Ergebnisse wurden dem damaligen Oberbefehlshaber Ya’alon sowie den Familien vorgelegt. Drei Jahre später, auf Verlangen einer der Familien, ernannte der Oberbefehlshaber einen leitenden Offizier, um eine weitere Untersuchung durchzuführen, die von dem kommandierenden Fallschirmjäger- und Infanterieoffizier, Brigade-General Yossi Heiman geleitet wurde. Als Folge dieses Berichtes erließ der Oberbefehlshaber Anweisungen, um mehrere Prozeduren zu überarbeiten. Auch diese Ergebnisse wurden den Familien der Opfer vorgelegt mit Ausnahme der Witwe, der es nicht möglich war, an den angesetzten Treffen teilzunehmen. Die IDF wird ihr jederzeit auf ihren Wunsch hin die Ergebnisse der Untersuchung vorlegen."

Keren Hayesod 21-10-2005

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem