Der Begriff des Siedlers suggeriert hier immer den
Eindruck eines Besatzers, der mit Gewehr und Kippah auf dem Kopf die
Palästinenser von ihrem rechtmäßigen Land vertreiben will. Dieser
Jugendliche saß mit seiner Familie im Auto auf dem Weg von einem Vorort
Jerusalems nach Modi’in, einer Stadt auf der Straße nach Tel Aviv, im
sogenannten israelischen Kernland. Aus einem vorbeifahrenden Auto hatten
Palästinenser auf das Fahrzeug der Familie geschossen und dabei den
17jähigen in den Kopf getroffen, nachdem sie vorher auf eine Gruppe
spielender Jugendlicher geschossen hatten, allerdings ohne jemanden zu
verletzen.
Zur Klarstellung: In den Vororten Jerusalems leben in
der Regel Familien, die sich in den letzten 25 Jahren dort vor allem
deshalb Wohnungen gekauft haben, weil ihr Einkommen nicht ausreicht, um
eine Wohnung in Tel Aviv oder Haifa zu finanzieren. Sind sie deshalb
Siedler? Wird hier nicht einfach ungeprüft eine Position weitergegeben,
die vielleicht einem vom Konflikt direkt betroffenen palästinensischen
Berichterstatter zustehen könnte, aber nicht einem „neutralen"
Außenstehenden?
Wer in diesen Konflikt involviert ist, ob
Palästinenser oder jüdischer Israeli, nimmt Partei, denn er hat
persönliche Interessen, Überlebensinteressen. Der Vorteil eines
unbeteiligten Berichterstatters ist es, nicht Partei ergreifen zu müssen
und die Ereignisse aus der Distanz beobachten zu können. Der
Berichterstatter dieses Mordes hat durch seine Sprachwahl Partei
ergriffen. Ich werde das Gefühl nicht los, hätte es sich bei dem
Erschossenen um einen Palästinenser gehandelt, wäre die gleiche Meldung
unter der Überschrift gelaufen: „Palästinensisches Kind von Israelis
erschossen".
Noemi Staszewski