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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Einwanderer setzen im Design ethnische Akzente:
Mode aus dem Schmelztiegel Israel


Von Anat Or, Ha'aretz, 29.08.03

Gegen Ende ihres zweiten Jahres an der Shenkar Schule für Ingenieurswesen und Design, als sie am ersten Projekt arbeitete, das einen direkten Bezug zu ihrer Kindheit hatte, war klar geworden, dass Hirut Yosef alles hatte, was man für ihren Beruf benötigt. Das Kleid, das sie ausstellte, ähnelt der Kleidung, an die sie sich in ihrer Kindheit in Äthiopien erinnert: ein von der Schulter getrennter Ärmel, eine asymmetrische Hüftenlinie, wie das Hemd eines Kindes, das aus seiner Hose herausgerutscht ist, und ein Muster, das aus einer atemberaubenden Zusammenstellung von Applikationen und Schmuckbändern entworfen wurde. Die Zurückhaltung und die Ausgewogenheit sind die Arbeit eines außergewöhnlichen Designers und beeindrucken sogar noch mehr als die für sich bereits beeindruckende Handarbeit.

"Bei ihr beginnt und endet die Arbeit nicht mit dem ethnischen Aspekt“, sagt Ronen Levine, Designer und Ausbilder für Mode in Shenkar. Das Abschluss-Projekt, das im vergangenen Jahr Helena Blaunstein, 26, aus Usbekistan ausstellte, drückte ebenfalls ihre Gefühle als Einwanderer aus, einige davon nahmen den Betrachter ziemlich mit. Das Projekt wurde „Flüchtlinge“ genannt und die fünf Entwürfe handelten von fünf verschiedenen Flüchtlingen: Auf einer so genannten “Eingebungs-Tafel“, die das Projekt begleitend umrahmte, waren herzzerreißende Fotos aus den Balkan-Ländern in den 90er Jahren ausgestellt. Unter den Kleidungsstücken waren einige Textilien, die einen Bezug zum Holocaust herstellten, ein Stück bestand aus zahlreichen Handschuhen mit ineinander verwobenen Fingern, und es gab auch einen schönen Mantel mit einer Decke, Pelzen und Socken sowie Entwürfe, die sich auf die Koffer von Einwanderern bezogen.

Orit Freilich, die Blaunstein in Shenkar unterrichtet und ihren Entwurfs-Prozess begleitete, war davon angetan wie “sie alle Ideen im Rahmen des Entwurfes authentisch bewahrte und nichts davon in kitschige und sentimentale Vorlagen verwandelte."

Die beiden jungen und viel versprechenden Mode-Designer – von denen eine, Blaunstein, bereits die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt – kamen in den israelischen Schmelztiegel aus verschiedenen und sehr entfernten Orten und belegen, dass dieses Land vom Reichtum der in ihm enthaltenen Kulturen profitiert, einschließlich im Bereich der Mode. Die Kulturen sind natürlich verschieden, aber die Erfahrung der Einwanderung führen bei ihren Entwürfen zu viel ähnlicheren Ergebnissen, als man glauben möchte.

Sybil Goldfiner, Eigentümerin des “Comme il Faut Mode-Hauses”, sieht die Einwanderer als etwas Besonderes an: "Einwanderer nehmen nichts als selbstverständlich an, sie holen sich ihre Motivation aus anderen Bereichen“, wie sie feststellt.

Für Blaunstein, die ihre Ausbildung zur Mode-Designerin erst vor einem Jahr beendete, hat sich der Traum jedes Designers am Anfang seiner Laufbahn verwirklicht: Comme il Faut war der Sponsor ihrer Kollektion, "Frau Blau." Dies war kein Zufall. Seit dem Abschluss ihrer Ausbildung in Shenkar hat sie mit großem Fleiß gearbeitet und erntet jetzt die Früchte ihrer Arbeit. Einer von Blausteins Entwürfen wurde kürzlich im Geschäft des Tel Aviv-Museums ausgestellt und die Kunden, darunter viele Künstler, Fotografen und Schriftsteller, warten bereits auf die nächsten Entwürfe, die sie auf den Kleiderständern zu sehen bekommen werden.

Die Erwartungen von Yosef, 24, sind bescheidener. „Jetzt träume ich nur davon, meine Studien zu beenden“, sagt sie. Das ist keine leichte Sache, weil sie davon gehört hat, dass die Mittel für ihre Stipendien gestrichen werden könnten und dies würde sie dazu zwingen, ihr Studium zu beenden. Der erste in der Familie – und wahrscheinlich in ihrer gesamten Gemeinde – der ihr den Weg ebnete, war ihr Bruder Daniel, der der erste äthiopische Absolvent der Abteilung für Architektur an der Bezalel Akademie für Kunst und Design in Jerusalem war. Ihm folgte ein weiterer Bruder, Elias, der sein Studium in visueller Kommunikation in Bezalel beendete; in diesem Jahr folgte ihre Schwester Tagist, die ebenfalls ihren Kurs in visueller Kommunikation bestand. Ein weiterer Bruder arbeitet als Fotograf in Kanada.

"Für mich war es leichter“, erklärt Hirut. "Ich sah meine Geschwister und verfolgte, wie sie studierten. Ich folgte einfach ihren Spuren."

Der Hunger der Mode-Industrie nach Talenten und Originalität holte Blaunstein bereits am Tag nach der Ausstellung ihres Abschlussprojektes in Shenkar ein. Sie erhielt sofort Anrufe von Bekleidungsherstellern und Designern, einschließlich Delta, Razili und Hagara. Sie entschloss sich dazu, nicht als festangestellte und festbezahlte Angestellte zu arbeiten, und ihr wurde ein kostenloser Stand bei der städtischen Designer-Messe angeboten, die am Ende jeder Saison in Tel Aviv abgehalten wird. Ihr letztes Projekt wurde am 3. Juli 2002 ausgestellt und im August war ihre Kollektion fertig für den Verkauf. Das betraf nicht nur die Kollektion, sondern ein ganzes Konzept einschließlich eines Namens, eines Logos, einer Marke und eines Marketing-Konzeptes.

"Wir wussten, dass wir an etwas Größerem nicht teilnehmen konnten ohne von Anfang an über ein Konzept zu verfügen auf das wir aufbauen konnten, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, wie die nächste Stufe des Konzeptes aussehen würde“, sagt Blaunstein, und fasste damit die Arbeit zusammen, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Philip Chechansky bewältigt hatte, einem 30jährigen Grafik-Designer und Illustrator, der im Jahre 1991 aus Kiew in Israel eingewandert war.

Nähen in der Nacht

Wegen der Nachfrage musste sie während der Messetage in der Nacht nähen. Das gefragteste Teil war das "Doppel"-Hemd – zwei Hemden waren zusammengenäht – das auf verschiedene Art und Weise getragen werden kann, als Hose, als Hemd, als Rock und als Jacke. Das Hemd wurde mit einer CD mit Anleitungen verkauft, wie es zu tragen ist und mit original aufgenommener Avantgarde-Musik. Die persönliche Hingabe für jede Einzelheit hält bis heute an. Die Frau Blau-Designs, die in Comme il Faut verkauft werden und bald auch in anderen Läden, tragen einen Anhänger mit der Aufschrift „Sammler-Stück“.

Während ihres vierten Studienjahres erhielt Blaunstein ein Stipendium wegen ihrer ausgezeichneten Leistungen, aber Freilich sagt, dass sie damit nicht zu einem Star in Shenkar gemacht wurde: "Ich würde Helena als einen Underdog bezeichnen“, sagt der Lehrer. "Ich bin schrecklich stolz auf sie, aber ich wusste, dass sie es weit bringen würde. Sie hat bereits viel erreicht. Ich glaube, dass sie überqualifiziert ist, sie hat Ideen und sie ist energisch und erlaubt sich keine Nachlässigkeiten. Sie verfügt über technisches Wissen, dass sie wiederum als Mittel benützt, um neue Dinge zum Ausdruck zu bringen und sie tut dies in einer hoch entwickelten Art und Weise, ganz in ihrem eigenen Stil.“

Goldfiner kannte Blaunstein aus dem Praktikum, das sie in ihrer Firma in ihrem zweiten Studienjahr ableistete, danach arbeitete sie hier bis zum Ende ihrer Studienzeit. „Sie nimmt auf und lernt und ist neugierig. Das beeindruckte mich.“ Goldfiner glaubt, dass die Kombination aus Frau Blau und Comme Il Faut gut für beide Seiten ist und sie beabsichtigt, weitere aufstrebende Designer zu unterstützen. "Für Blaunstein stellt dies eine Möglichkeit dar, sich schneller zu entwickeln und für Comme il Faut stellt jede neue Kreation einen neuen Energieschub für die gesamte Firma dar. Jeder profitiert davon."

Der Name "Frau Blau" entstammt dem Namen einer Neo-Punk-Band und passte zu Helenas Familiennamen. Als sie entdeckten, dass der Name auch ein deutscher Ausdruck für “betrunkene Frau” ist, war auch die letzte Lücke im Konzept geschlossen – „die Stücke dieses Labels waren ganz offenbar von einer betrunkenen Frau entworfen worden.“

Die Bestellungen von Geschäftsinhabern nach der Designer-Messe brachten Blaunstein dazu, eine Kollektion mit Motiven ihres Abschlussprojektes zu entwerfen und sie verkaufte diese an über 10 Geschäfte. Im Dezember 2002 veranstalteten sie und Philip (der es vorzieht, seinen Familiennamen nicht zu verwenden – „Er ist ärgerlich“, wie er sagt) ein Event in einer Bar in Tel Aviv: Der Verkauf der Kleidungsstücke wurde von Zigeunermusik begleitet, die eine Gruppe von Akkordeonspielern vorstellte, die wiederum speziell für diese Veranstaltung eingeladen worden waren.

Die Kollektion, die in der Bar verkauft wurde, war bis heute die Ausgefallenste von Blaunstein - Mikro-Mini-Röcke, die aus den Schals von Fußball-Fans angefertigt worden waren, Hosen mit starken Falten hinten, so wie sie früher getragen wurden sowie fürstliche Mäntel, die aus Teppichen angefertigt worden waren. Der Hit der Veranstaltung: Westen aus Handschuhen und Hemden mit Ärmeln, die aus Socken genäht waren.

Muster dieser Kollektion dienten als „Versuchskaninchen“ bei Comme il Faut. Trotz der Angst, dass sie zu modisch sein könnten, gab es dafür Nachfrage bei den Interessenten. Bei der Designer-Messe im Winter 2002 hatten Blaunstein und ihr Mann bereits ihren eigenen Stand und danach kam das Sponsor-Angebot von Goldfiner.

Angesichts der Abnahme der Welle von persönlicher Mode und grober Detaillösungen, legen Blaunstein und Philip großen Wert auf Qualität und den kleinen Details. „Bei Frau Blau-Textilien geht es um Qualität bis auf den letzten Nadelstich“, sagt Blaunstein. "Wir machen keine Tricks, wir willen den Leuten Freude und Qualität bringen. In der früheren Sowjet Union haben die Menschen für gewöhnlich jahrelang die gleiche Kleidung getragen; sie waren von einer Qualität, die in Israel nur schwer zu finden ist.“

Zusätzlich zur Qualität stellen sie sicher, dass “jedes Kleidungsstück eine Geschichte hat, das ist wichtig”, fügt sie hinzu. Im Hemd mit dem Matrosenkragen, das im Sommer verkauft wurde, fügte sie eine Tasche ein, die aus einem weißen Handschuh angefertigt war, “wie der eines Kapitän.“ Und jedes Bekleidungsteil in den Comme il Faut-Geschäften beinhaltet eine Flasche mit einem darin enthaltenen Brief.

Blaunstein: "Wir wollen die Aufmerksamkeit nicht nur für das Produkt erregen, sondern auch für die Idee, für die Atmosphäre, für das wundervolle Gefühl, das ich habe, weil es mir erlaubt ist, dies alles zu entwerfen, dass ich das tun kann, was ich liebe, dass ich mich gut fühle, wenn mich Menschen ansehen."

'Persönliche Stellungnahme'

Blaunstein und ihr Mann sind davon überzeugt, dass es für ihre Art der Mode einen Markt gibt. „Wir sehen Menschen, die gut angezogen sind und nicht den wechselnden Moden hinterherlaufen, sagt Philip.“Wir sind wirklich gegen kurzlebige Trends."

Ist dies nicht irgendwie anmaßend von ihrer Seite?

Blaunstein: "Das ist lediglich eine Rückkehr zu unseren Wurzeln. Ein jüdischer Schneider, egal wo er arbeitete, in Deutschland oder in der Ukraine, war ein bewunderter Fachmann – Sie waren die Meister, die wussten wie man die Dinge richtig macht. Warum sollte die Gesellschaft Israels derartige Fähigkeiten nicht auch verdienen?"

Blaunstein wurde in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, geboren und wuchs hier auf. Sie wanderte alleine nach Israel ein und verbrachte drei Jahre in der Ben Shemen landwirtschaftlichen Ganztagsschule, sie legte hier ihr Abitur ab und diente als Computer-Anwender in der Armee. Sie lebte alleine acht Jahre lang in Israel und erst vor zwei Jahren wanderten ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Großmutter ein – ihre ganze Familie. Nach der Scheidung ihrer Eltern brach sie den Kontakt zu ihrem Vater und seiner Familie ab, die in Taschkent blieben. Obwohl ihr Vater nicht jüdisch ist, fühlte sie sich dennoch immer als Jüdin und sie sagt, dass sie „deshalb immer das Gefühl hatte, die Beste sein zu müssen.“

Sie wuchs im Heim der Eltern ihrer Mutter auf, das voller alter und seltener Bücher war, die ihr Großvater von dessen Vater geerbt hatte. Als sie nach Israel kam, brachte sie einige davon mit, einschließlich eines hebräisch-russischen Wörterbuches aus dem Jahre 1904 von Eliezer Ben Yehuda (er wird als der Vater der modernen hebräischen Sprache angesehen).

Vor drei Jahren entschloss sich die Familie dazu, ihren Namen auf den von Helenas Mutter zu ändern. Die Familie entstammt der Stadt Uman in der Ukraine und sie erhielt ihren Namen auf interessante Art und Weise: Helenas Urgroßvater, der den Befehl des Zaren umgehen und seine drei Söhne vor der Einziehung in die Armee schützen wollte, was damals einem 25jährigen Militärdienst bedeutete, kaufte von einem anderen Juden, der die türkische Staatsbürgerschaft hatte und deshalb von der Einziehung freigestellt war, neue Identitätspapiere und änderte seinen Namen entsprechend. Als sich Helena dazu entschloss, den Namen anzunehmen, fügte sie den hebräischen Buchstaben Heh ihrem Vornahmen an; bis dahin war sie Elena gerufen worden. „Ich glaubte, dass ich mich mit dem „Heh von Gott“ (Gott wird in der hebräischen Sprache mit diesem Buchstaben abgekürzt) segnete. Von da an begann ich erfolgreich zu sein. “

Während sie an ihrem Abschlussprojekt in Shenkar arbeitete, begann ihre Mutter mit den eigenen Vorbereitungen für die Einwanderung und fragte ihre Tochter, was sie ihr mitbringen sollte. „Ich sagte ihr, dass sie Dinge mitbringen sollte, die der Seele nahe stehen, die spirituellen Schätze, ein Decke, die ich in meiner Jugend benutzt habe, die Decke, die in der Nähe des Bettes hing. Ich betrachtete diese Dinge und mir wurde klar, dass es das ist, was ich tun wollte – zu den Wurzeln zurückzukehren, sich daran zu erinnern, was mir wichtig war, was mein Herz erwärmte und darüber kam ich zu den Flüchtlingen.“ Der Sturm an Gefühlen, dem sie sich während der Vorbereitungen zu dem Projekt unterzog, überwältige sie: „Ich war von der Realität abgeschnitten, ich lebte in der Realität meiner Flüchtlinge. Es ging nicht mehr um Mode. Es war ein persönlicher Ausdruck über das sehr moderne Phänomen der Einwanderung.“

Ein Flüchtling verlässt seine Heimat weil er keine Wahl hat, Deine Einwanderung erfolgte freiwillig. Fühlst du dich wie ein Flüchtling?

Blaunstein: "Ein Flüchtling kann jemand sein, dem seine Kindheit entrissen wurde, es ist mehr ein spiritueller Zustand eines Menschen. Ich durchlebte dies, ich behielt es für mich und in dem Projekt drückte ich alles aus, was ich gefühlt habe."

Von Gondar nach Shenkar

Hirut Yosef verließ Äthiopien im Alter von fünf Jahren und ihre verbliebenen Erinnerungen beziehen sich auf kleine Einzelheiten wie Gerüche, Geschmacksrichtungen und Farben: "Es ist die Erinnerung an die Bekleidung, die vom älteren Kind an das Jüngere weitergegeben wird. Wenn die Kleidung zu groß ist, wird sie mit Hilfe der Mutter geändert oder sie bleibt einfach zu groß für dich."

In ihrer großen Familie wurden die Kleidungsstücke von allen Kindern sorgfältig aufgetragen und der Wert jedes Stückes wurde beibehalten, wie sie sagt. "Wir warteten darauf, dass die Kleidung zu uns kam, auch wenn sie hier einen Riss aufwies, dort bereits genäht worden war, es war für uns etwas Neues, weil wir es gerade erst erhalten hatten. Für uns war jedes dieser Kleidungsstücke die schönste Sache, die es auf der Welt gab."

Obwohl sie die Einwanderung, Eingliederung, Armut und Waisentum mitgemacht hat, glaubt sie, dass das Schicksal jedes Menschen in seinen eigenen Händen liegt. Nichts beweist das mehr als das Schicksal ihrer Brüder oder Schwestern. Aber für eine junge äthiopische Frau, die ein Diplom in Mode erwerben will, ist das keine einfache Sache. Yosef ist der zweite äthiopische Student in Shenkar. Der erste war Tespa Itzehu, die ihre Arbeit bei der Abschluss-Ausstellung nicht zeigte.

"Es handelt sich hier nicht um einen Fall von umgekehrter Diskriminierung oder Bevorzugung wegen der Herkunft”, sagt Levine. "Yosef ist in Shenkar wegen ihres Talentes. Im ersten Jahr erkannten wir ihr Potential und sie schaffte den Durchbruch im zweiten Jahr. Sie sticht bereits durch ihr außergewöhnliches Farbempfinden, ihre zarte Arbeit und ihre Entschlossenheit hervor. Ich habe das Gefühl, dass sie ihre Anregungen aus den Quellen ihrer Kultur bezieht sowie von ihrer Tendenz, die Dinge aus einer kommerziellen und praktischen Perspektive zu betrachten. Diese Kombination wird zu ihren Gunsten funktionieren.”

Yosef hat seit ihrer Jugend gezeichnet und sie wusste immer, dass sie beruflich einmal in die Richtung der Kunst oder der Mode gehen würde. „Ich liebte es, Kleidung zu entwerfen, das tat ich für gewöhnlich während der Unterrichtsstunden in der Schule, aber ich hatte keine Ausbildung, keine Beziehung zur wirklichen Welt.“ Sie arbeitete und sparte sich zwei Jahre lang Geld zusammen. Darauf belegte sie ein einjähriges Ausbildungsprogramm, um so ein Portfolio für ihre Arbeit für Shenkar vorzubereiten.

Warum kommen keine Äthiopier nach Shenkar?

Yosef: "Ich glaube, dass die Menschen nicht genug an sich selbst glauben. Alle gehen vor allem in die Richtung von Ausbildungs- oder Sozialarbeiten und alles darüber hinaus – was kein Einkommen bringt und irgendwie anders ist – macht ihnen Angst.“
Unter jenen, die es doch wagen, gibt es Solidarität. Als Yosef zu studieren begann, war Itzehu in ihrem Abschlussjahr: "Als wir uns zum ersten Mal begegneten, gab es so etwas wie eine Art von Verschwisterung – sie versuchte mir in jeder nur möglichen Art und Weise zu helfen," erinnert sich Yosef. "Wenn ein anderer äthiopischer Student kommt, werde ich ihn unter meine Fittiche nehmen, so dass er erfolgreich sein wird. Und wenn ich jemanden kenne, der mit dem Gedanken spielt, hierher zu kommen und nicht an sich glaubt, werde ich alles nur Mögliche tun, um ihm zu helfen.“

Wie wirst du Dein Abschlussprojekt bezahlen? Es kostet doch eine Menge Geld.

"Ich werde es schaffen und ich werde alles tun was notwendig ist, um bis dahin zu gelangen. Ich weiß, dass mich meine Geschwister unterstützen werden – sie wissen wie schwierig es ist, sie haben es mitgemacht."

Yosef, deren Freunde sie "Ruti" nennen, wurde in Gondar geboren, eine der großen äthiopischen Städte und sie wurde nach Ruth, der Moabiterin, benannt ("Hirut" ist die amharische Version von Ruth). Im Jahre 1984 kam sie zusammen mit ihrer Familie im Rahmen der Operation Moses nach Israel, nachdem sie alle – die Eltern, sechs Kinder, eine Enkelin und weitere Kinder, denen sie sich angenommen hatten, um sie nach Israel zu bringen – von Gondar in den Sudan gewandert waren. Vom Sudan wurden sie nach Frankreich geflogen und von dort nach Israel. Als sie in Israel ankamen, schloss sich ihr Vater der Jewish Agency an und war im Rahmen der Operation Solomon daran beteiligt, Juden nach Israel zu bringen. Sie lebten fünf Jahre lang im Eingliederungszentrum in Atlit und zogen dann nach Rishon Letzion, wo Yosef bis heute mit ihrer Familie wohnt.

Ihre Mutter starb als sie 14 Jahre alt war. Die Familie lebt traditionell und Hirut, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, zog es vor, nicht in der Armee zu dienen sondern arbeitete im National-Dienst als Berater in einer Ganztags-Schule. Ihr Vater hat seit dem Tod ihrer Mutter nicht wieder geheiratet und sie hat insgesamt 12 Brüder und Schwestern, von denen einige bereits verheiratet sind und selbst Kinder haben. Sie leben alle in Israel, außer dem Bruder in Kanada und einem Bruder, der nach Äthiopien zurückkehrte. Sie bezeichnet die Eingliederung der Familie als „recht gut“ und glaubt, dass „deine Eingliederung von dir selbst abhängt.“

Vor zwei Jahren reisten Hirut und Tagist nach Äthiopien, um ihre Spuren zu erkunden. Sie besuchten das Haus, wo sie geboren worden waren; sie waren aufgeregt und das waren auch die Nachbarn, die sich an die Familie erinnerten und kamen, um sie zu treffen. Jetzt sieht Gondar für sie aus wie ein Dorf.

"Wenn man in Israel gelebt hat, ist eine Stadt eine ganz andere Sache”, sagt sie. "Ich war von der Armut und dem einfachen Leben fasziniert. Wir reisten mit Absicht nicht mit regionalen Flügen, sondern mit örtlichen Bussen im Land umher, in all dem Dreck – wir sahen die wirklichen Menschen wann immer möglich, wir schossen viele Fotos, vor allem von Menschen."

Fotos der Reise wurden zusammen mit den Entwürfen ihres Projektes ausgestellt, das unter dem Namen "Kinderkleidung aus Äthiopien“ stand. Sie war von der Kleidung ihres Herkunftslandes beeindruckt. “Traditionelle wie gewöhnliche Kleidung – alles reflektiert die Farbe des Landes. Sie tragen die gleiche Kleidung so lange Zeit, bis sich die Kleidung wirklich der Landschaft anpasst.“

Yosef beschreibt farbenfrohe Kleider, große gewebte Schals, breite farbenprächtige Gürtel und weiße Kleidung mit verzierten Nähten. Am meisten Spaß hatte sie auf dem Markt, wo sie eine Menge traditioneller Kleidung und Materialien kaufte. Sie hat jedoch nicht die Absicht, diese zu benützen: „Ich wage es nicht sie zu berühren, es ist für mich das Allerheiligste.“ Die Reise schärfte und bereicherte ihre Erinnerungen an die Kindheit. „Ich erinnere mich blitzartig an alle Arten von kleinen Dingen – Spiele, Lieder.“ In Bezug auf die Reise durch den Sudan, die mehrere Wochen dauerte, erinnert sie sich an einen Vorfall, „dass fremde Männer meinen Vater mitnahmen und ich zu weinen begann. Als ich älter war, erklärten sie mir, was dort geschehen war, dass es Räuber gewesen waren und Vater ihnen Geld gegeben hatte.“

Als Kind beobachtete sie ihre Mutter, wie diese traditionelle Handarbeiten anfertigte. "Manchmal machte sie Musik und begann Ziernähte anzufertigen, oder sie machte Utensilien für das Haus aus Palmblättern und Wolle. Wir jüngere Kinder würden um sie herum sitzen und zusehen. Einmal fragte ich sie und ich machte einen kleinen Hut, ich war wirklich jung. Aktivitäten außerhalb des Unterrichtes? Dafür hatten wir kein Geld. Alles, woran wir dachten, war, wie wir den Tag überstehen und wie wir überleben konnten, darauf konzentrierten wir uns.“

Neben ihrer außergewöhnlichen Anwendung der Farbe liegt ein weiterer einzigartiger Aspekt ihrer Arbeit in ihrer eigenen Verarbeitung des Rohmaterials. So schuf sie zum Beispiel schöne Muster indem sie Wein- und Tee-Blätter in das Material bügelte; bei einem weiteren Projekt benützte sie Gewürze, um die Materialien zu färben. Der Einsatz von improvisiertem Material stellt für sie auch eine Herausforderung dar. „Ich bin davon überzeugt, dass wenn es um Stilrichtungen geht, alles bereits geschaffen wurde. Ich möchte selbst Materialien entwickeln, weil dann jedes Mal etwas Neues entsteht, etwas, das es bisher nicht gegeben hat.“

Was haben Sie als Mode-Designer anzubieten?

"Meine Perspektive, so wie ich die Dinge sehe, die bis zu einem gewissen Grad aus einer anderen Richtung kommt. Ich nehme nichts als gesichert an. Egal wohin ich gehe, ich fühle immer den Unterschied zwischen mir und den anderen."

Keren Hayesod 04-09-2003

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem