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Einwanderer setzen im Design ethnische Akzente:
Mode aus dem Schmelztiegel Israel
Von Anat Or, Ha'aretz, 29.08.03
Gegen Ende ihres zweiten Jahres an der Shenkar Schule für
Ingenieurswesen und Design, als sie am ersten Projekt arbeitete, das
einen direkten Bezug zu ihrer Kindheit hatte, war klar geworden, dass
Hirut Yosef alles hatte, was man für ihren Beruf benötigt. Das Kleid,
das sie ausstellte, ähnelt der Kleidung, an die sie sich in ihrer
Kindheit in Äthiopien erinnert: ein von der Schulter getrennter Ärmel,
eine asymmetrische Hüftenlinie, wie das Hemd eines Kindes, das aus
seiner Hose herausgerutscht ist, und ein Muster, das aus einer
atemberaubenden Zusammenstellung von Applikationen und Schmuckbändern
entworfen wurde. Die Zurückhaltung und die Ausgewogenheit sind die
Arbeit eines außergewöhnlichen Designers und beeindrucken sogar noch
mehr als die für sich bereits beeindruckende Handarbeit.
"Bei ihr beginnt und endet die Arbeit nicht mit dem ethnischen Aspekt“,
sagt Ronen Levine, Designer und Ausbilder für Mode in Shenkar. Das
Abschluss-Projekt, das im vergangenen Jahr Helena Blaunstein, 26, aus
Usbekistan ausstellte, drückte ebenfalls ihre Gefühle als Einwanderer
aus, einige davon nahmen den Betrachter ziemlich mit. Das Projekt wurde
„Flüchtlinge“ genannt und die fünf Entwürfe handelten von fünf
verschiedenen Flüchtlingen: Auf einer so genannten “Eingebungs-Tafel“,
die das Projekt begleitend umrahmte, waren herzzerreißende Fotos aus den
Balkan-Ländern in den 90er Jahren ausgestellt. Unter den
Kleidungsstücken waren einige Textilien, die einen Bezug zum Holocaust
herstellten, ein Stück bestand aus zahlreichen Handschuhen mit
ineinander verwobenen Fingern, und es gab auch einen schönen Mantel mit
einer Decke, Pelzen und Socken sowie Entwürfe, die sich auf die Koffer
von Einwanderern bezogen.
Orit Freilich, die Blaunstein in Shenkar unterrichtet und ihren
Entwurfs-Prozess begleitete, war davon angetan wie “sie alle Ideen im
Rahmen des Entwurfes authentisch bewahrte und nichts davon in kitschige
und sentimentale Vorlagen verwandelte."
Die beiden jungen und viel versprechenden Mode-Designer – von denen
eine, Blaunstein, bereits die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt –
kamen in den israelischen Schmelztiegel aus verschiedenen und sehr
entfernten Orten und belegen, dass dieses Land vom Reichtum der in ihm
enthaltenen Kulturen profitiert, einschließlich im Bereich der Mode. Die
Kulturen sind natürlich verschieden, aber die Erfahrung der Einwanderung
führen bei ihren Entwürfen zu viel ähnlicheren Ergebnissen, als man
glauben möchte.
Sybil Goldfiner, Eigentümerin des “Comme il Faut Mode-Hauses”, sieht die
Einwanderer als etwas Besonderes an: "Einwanderer nehmen nichts als
selbstverständlich an, sie holen sich ihre Motivation aus anderen
Bereichen“, wie sie feststellt.
Für Blaunstein, die ihre Ausbildung zur Mode-Designerin erst vor einem
Jahr beendete, hat sich der Traum jedes Designers am Anfang seiner
Laufbahn verwirklicht: Comme il Faut war der Sponsor ihrer Kollektion,
"Frau Blau." Dies war kein Zufall. Seit dem Abschluss ihrer Ausbildung
in Shenkar hat sie mit großem Fleiß gearbeitet und erntet jetzt die
Früchte ihrer Arbeit. Einer von Blausteins Entwürfen wurde kürzlich im
Geschäft des Tel Aviv-Museums ausgestellt und die Kunden, darunter viele
Künstler, Fotografen und Schriftsteller, warten bereits auf die nächsten
Entwürfe, die sie auf den Kleiderständern zu sehen bekommen werden.
Die Erwartungen von Yosef, 24, sind bescheidener. „Jetzt träume ich nur
davon, meine Studien zu beenden“, sagt sie. Das ist keine leichte Sache,
weil sie davon gehört hat, dass die Mittel für ihre Stipendien
gestrichen werden könnten und dies würde sie dazu zwingen, ihr Studium
zu beenden. Der erste in der Familie – und wahrscheinlich in ihrer
gesamten Gemeinde – der ihr den Weg ebnete, war ihr Bruder Daniel, der
der erste äthiopische Absolvent der Abteilung für Architektur an der
Bezalel Akademie für Kunst und Design in Jerusalem war. Ihm folgte ein
weiterer Bruder, Elias, der sein Studium in visueller Kommunikation in
Bezalel beendete; in diesem Jahr folgte ihre Schwester Tagist, die
ebenfalls ihren Kurs in visueller Kommunikation bestand. Ein weiterer
Bruder arbeitet als Fotograf in Kanada.
"Für mich war es leichter“, erklärt Hirut. "Ich sah meine Geschwister
und verfolgte, wie sie studierten. Ich folgte einfach ihren Spuren."
Der Hunger der Mode-Industrie nach Talenten und Originalität holte
Blaunstein bereits am Tag nach der Ausstellung ihres Abschlussprojektes
in Shenkar ein. Sie erhielt sofort Anrufe von Bekleidungsherstellern und
Designern, einschließlich Delta, Razili und Hagara. Sie entschloss sich
dazu, nicht als festangestellte und festbezahlte Angestellte zu
arbeiten, und ihr wurde ein kostenloser Stand bei der städtischen
Designer-Messe angeboten, die am Ende jeder Saison in Tel Aviv
abgehalten wird. Ihr letztes Projekt wurde am 3. Juli 2002 ausgestellt
und im August war ihre Kollektion fertig für den Verkauf. Das betraf
nicht nur die Kollektion, sondern ein ganzes Konzept einschließlich
eines Namens, eines Logos, einer Marke und eines Marketing-Konzeptes.
"Wir wussten, dass wir an etwas Größerem nicht teilnehmen konnten ohne
von Anfang an über ein Konzept zu verfügen auf das wir aufbauen konnten,
auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, wie die nächste
Stufe des Konzeptes aussehen würde“, sagt Blaunstein, und fasste damit
die Arbeit zusammen, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Philip
Chechansky bewältigt hatte, einem 30jährigen Grafik-Designer und
Illustrator, der im Jahre 1991 aus Kiew in Israel eingewandert war.
Nähen in der Nacht
Wegen der Nachfrage musste sie während der Messetage in der Nacht nähen.
Das gefragteste Teil war das "Doppel"-Hemd – zwei Hemden waren
zusammengenäht – das auf verschiedene Art und Weise getragen werden
kann, als Hose, als Hemd, als Rock und als Jacke. Das Hemd wurde mit
einer CD mit Anleitungen verkauft, wie es zu tragen ist und mit original
aufgenommener Avantgarde-Musik. Die persönliche Hingabe für jede
Einzelheit hält bis heute an. Die Frau Blau-Designs, die in Comme il
Faut verkauft werden und bald auch in anderen Läden, tragen einen
Anhänger mit der Aufschrift „Sammler-Stück“.
Während ihres vierten Studienjahres erhielt Blaunstein ein Stipendium
wegen ihrer ausgezeichneten Leistungen, aber Freilich sagt, dass sie
damit nicht zu einem Star in Shenkar gemacht wurde: "Ich würde Helena
als einen Underdog bezeichnen“, sagt der Lehrer. "Ich bin schrecklich
stolz auf sie, aber ich wusste, dass sie es weit bringen würde. Sie hat
bereits viel erreicht. Ich glaube, dass sie überqualifiziert ist, sie
hat Ideen und sie ist energisch und erlaubt sich keine Nachlässigkeiten.
Sie verfügt über technisches Wissen, dass sie wiederum als Mittel
benützt, um neue Dinge zum Ausdruck zu bringen und sie tut dies in einer
hoch entwickelten Art und Weise, ganz in ihrem eigenen Stil.“
Goldfiner kannte Blaunstein aus dem Praktikum, das sie in ihrer Firma in
ihrem zweiten Studienjahr ableistete, danach arbeitete sie hier bis zum
Ende ihrer Studienzeit. „Sie nimmt auf und lernt und ist neugierig. Das
beeindruckte mich.“ Goldfiner glaubt, dass die Kombination aus Frau Blau
und Comme Il Faut gut für beide Seiten ist und sie beabsichtigt, weitere
aufstrebende Designer zu unterstützen. "Für Blaunstein stellt dies eine
Möglichkeit dar, sich schneller zu entwickeln und für Comme il Faut
stellt jede neue Kreation einen neuen Energieschub für die gesamte Firma
dar. Jeder profitiert davon."
Der Name "Frau Blau" entstammt dem Namen einer Neo-Punk-Band und passte
zu Helenas Familiennamen. Als sie entdeckten, dass der Name auch ein
deutscher Ausdruck für “betrunkene Frau” ist, war auch die letzte Lücke
im Konzept geschlossen – „die Stücke dieses Labels waren ganz offenbar
von einer betrunkenen Frau entworfen worden.“
Die Bestellungen von Geschäftsinhabern nach der Designer-Messe brachten
Blaunstein dazu, eine Kollektion mit Motiven ihres Abschlussprojektes zu
entwerfen und sie verkaufte diese an über 10 Geschäfte. Im Dezember 2002
veranstalteten sie und Philip (der es vorzieht, seinen Familiennamen
nicht zu verwenden – „Er ist ärgerlich“, wie er sagt) ein Event in einer
Bar in Tel Aviv: Der Verkauf der Kleidungsstücke wurde von Zigeunermusik
begleitet, die eine Gruppe von Akkordeonspielern vorstellte, die
wiederum speziell für diese Veranstaltung eingeladen worden waren.
Die Kollektion, die in der Bar verkauft wurde, war bis heute die
Ausgefallenste von Blaunstein - Mikro-Mini-Röcke, die aus den Schals von
Fußball-Fans angefertigt worden waren, Hosen mit starken Falten hinten,
so wie sie früher getragen wurden sowie fürstliche Mäntel, die aus
Teppichen angefertigt worden waren. Der Hit der Veranstaltung: Westen
aus Handschuhen und Hemden mit Ärmeln, die aus Socken genäht waren.
Muster dieser Kollektion dienten als „Versuchskaninchen“ bei Comme il
Faut. Trotz der Angst, dass sie zu modisch sein könnten, gab es dafür
Nachfrage bei den Interessenten. Bei der Designer-Messe im Winter 2002
hatten Blaunstein und ihr Mann bereits ihren eigenen Stand und danach
kam das Sponsor-Angebot von Goldfiner.
Angesichts der Abnahme der Welle von persönlicher Mode und grober
Detaillösungen, legen Blaunstein und Philip großen Wert auf Qualität und
den kleinen Details. „Bei Frau Blau-Textilien geht es um Qualität bis
auf den letzten Nadelstich“, sagt Blaunstein. "Wir machen keine Tricks,
wir willen den Leuten Freude und Qualität bringen. In der früheren
Sowjet Union haben die Menschen für gewöhnlich jahrelang die gleiche
Kleidung getragen; sie waren von einer Qualität, die in Israel nur
schwer zu finden ist.“
Zusätzlich zur Qualität stellen sie sicher, dass “jedes Kleidungsstück
eine Geschichte hat, das ist wichtig”, fügt sie hinzu. Im Hemd mit dem
Matrosenkragen, das im Sommer verkauft wurde, fügte sie eine Tasche ein,
die aus einem weißen Handschuh angefertigt war, “wie der eines Kapitän.“
Und jedes Bekleidungsteil in den Comme il Faut-Geschäften beinhaltet
eine Flasche mit einem darin enthaltenen Brief.
Blaunstein: "Wir wollen die Aufmerksamkeit nicht nur für das Produkt
erregen, sondern auch für die Idee, für die Atmosphäre, für das
wundervolle Gefühl, das ich habe, weil es mir erlaubt ist, dies alles zu
entwerfen, dass ich das tun kann, was ich liebe, dass ich mich gut
fühle, wenn mich Menschen ansehen."
'Persönliche Stellungnahme'
Blaunstein und ihr Mann sind davon überzeugt, dass es für ihre Art der
Mode einen Markt gibt. „Wir sehen Menschen, die gut angezogen sind und
nicht den wechselnden Moden hinterherlaufen, sagt Philip.“Wir sind
wirklich gegen kurzlebige Trends."
Ist dies nicht irgendwie anmaßend von ihrer Seite?
Blaunstein: "Das ist lediglich eine Rückkehr zu unseren Wurzeln. Ein
jüdischer Schneider, egal wo er arbeitete, in Deutschland oder in der
Ukraine, war ein bewunderter Fachmann – Sie waren die Meister, die
wussten wie man die Dinge richtig macht. Warum sollte die Gesellschaft
Israels derartige Fähigkeiten nicht auch verdienen?"
Blaunstein wurde in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, geboren
und wuchs hier auf. Sie wanderte alleine nach Israel ein und verbrachte
drei Jahre in der Ben Shemen landwirtschaftlichen Ganztagsschule, sie
legte hier ihr Abitur ab und diente als Computer-Anwender in der Armee.
Sie lebte alleine acht Jahre lang in Israel und erst vor zwei Jahren
wanderten ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Großmutter ein – ihre ganze
Familie. Nach der Scheidung ihrer Eltern brach sie den Kontakt zu ihrem
Vater und seiner Familie ab, die in Taschkent blieben. Obwohl ihr Vater
nicht jüdisch ist, fühlte sie sich dennoch immer als Jüdin und sie sagt,
dass sie „deshalb immer das Gefühl hatte, die Beste sein zu müssen.“
Sie wuchs im Heim der Eltern ihrer Mutter auf, das voller alter und
seltener Bücher war, die ihr Großvater von dessen Vater geerbt hatte.
Als sie nach Israel kam, brachte sie einige davon mit, einschließlich
eines hebräisch-russischen Wörterbuches aus dem Jahre 1904 von Eliezer
Ben Yehuda (er wird als der Vater der modernen hebräischen Sprache
angesehen).
Vor drei Jahren entschloss sich die Familie dazu, ihren Namen auf den
von Helenas Mutter zu ändern. Die Familie entstammt der Stadt Uman in
der Ukraine und sie erhielt ihren Namen auf interessante Art und Weise:
Helenas Urgroßvater, der den Befehl des Zaren umgehen und seine drei
Söhne vor der Einziehung in die Armee schützen wollte, was damals einem
25jährigen Militärdienst bedeutete, kaufte von einem anderen Juden, der
die türkische Staatsbürgerschaft hatte und deshalb von der Einziehung
freigestellt war, neue Identitätspapiere und änderte seinen Namen
entsprechend. Als sich Helena dazu entschloss, den Namen anzunehmen,
fügte sie den hebräischen Buchstaben Heh ihrem Vornahmen an; bis dahin
war sie Elena gerufen worden. „Ich glaubte, dass ich mich mit dem „Heh
von Gott“ (Gott wird in der hebräischen Sprache mit diesem Buchstaben
abgekürzt) segnete. Von da an begann ich erfolgreich zu sein. “
Während sie an ihrem Abschlussprojekt in Shenkar arbeitete, begann ihre
Mutter mit den eigenen Vorbereitungen für die Einwanderung und fragte
ihre Tochter, was sie ihr mitbringen sollte. „Ich sagte ihr, dass sie
Dinge mitbringen sollte, die der Seele nahe stehen, die spirituellen
Schätze, ein Decke, die ich in meiner Jugend benutzt habe, die Decke,
die in der Nähe des Bettes hing. Ich betrachtete diese Dinge und mir
wurde klar, dass es das ist, was ich tun wollte – zu den Wurzeln
zurückzukehren, sich daran zu erinnern, was mir wichtig war, was mein
Herz erwärmte und darüber kam ich zu den Flüchtlingen.“ Der Sturm an
Gefühlen, dem sie sich während der Vorbereitungen zu dem Projekt
unterzog, überwältige sie: „Ich war von der Realität abgeschnitten, ich
lebte in der Realität meiner Flüchtlinge. Es ging nicht mehr um Mode. Es
war ein persönlicher Ausdruck über das sehr moderne Phänomen der
Einwanderung.“
Ein Flüchtling verlässt seine Heimat weil er keine Wahl hat, Deine
Einwanderung erfolgte freiwillig. Fühlst du dich wie ein Flüchtling?
Blaunstein: "Ein Flüchtling kann jemand sein, dem seine Kindheit
entrissen wurde, es ist mehr ein spiritueller Zustand eines Menschen.
Ich durchlebte dies, ich behielt es für mich und in dem Projekt drückte
ich alles aus, was ich gefühlt habe."
Von Gondar nach Shenkar
Hirut Yosef verließ Äthiopien im Alter von fünf Jahren und ihre
verbliebenen Erinnerungen beziehen sich auf kleine Einzelheiten wie
Gerüche, Geschmacksrichtungen und Farben: "Es ist die Erinnerung an die
Bekleidung, die vom älteren Kind an das Jüngere weitergegeben wird. Wenn
die Kleidung zu groß ist, wird sie mit Hilfe der Mutter geändert oder
sie bleibt einfach zu groß für dich."
In ihrer großen Familie wurden die Kleidungsstücke von allen Kindern
sorgfältig aufgetragen und der Wert jedes Stückes wurde beibehalten, wie
sie sagt. "Wir warteten darauf, dass die Kleidung zu uns kam, auch wenn
sie hier einen Riss aufwies, dort bereits genäht worden war, es war für
uns etwas Neues, weil wir es gerade erst erhalten hatten. Für uns war
jedes dieser Kleidungsstücke die schönste Sache, die es auf der Welt
gab."
Obwohl sie die Einwanderung, Eingliederung, Armut und Waisentum
mitgemacht hat, glaubt sie, dass das Schicksal jedes Menschen in seinen
eigenen Händen liegt. Nichts beweist das mehr als das Schicksal ihrer
Brüder oder Schwestern. Aber für eine junge äthiopische Frau, die ein
Diplom in Mode erwerben will, ist das keine einfache Sache. Yosef ist
der zweite äthiopische Student in Shenkar. Der erste war Tespa Itzehu,
die ihre Arbeit bei der Abschluss-Ausstellung nicht zeigte.
"Es handelt sich hier nicht um einen Fall von umgekehrter
Diskriminierung oder Bevorzugung wegen der Herkunft”, sagt Levine.
"Yosef ist in Shenkar wegen ihres Talentes. Im ersten Jahr erkannten wir
ihr Potential und sie schaffte den Durchbruch im zweiten Jahr. Sie
sticht bereits durch ihr außergewöhnliches Farbempfinden, ihre zarte
Arbeit und ihre Entschlossenheit hervor. Ich habe das Gefühl, dass sie
ihre Anregungen aus den Quellen ihrer Kultur bezieht sowie von ihrer
Tendenz, die Dinge aus einer kommerziellen und praktischen Perspektive
zu betrachten. Diese Kombination wird zu ihren Gunsten funktionieren.”
Yosef hat seit ihrer Jugend gezeichnet und sie wusste immer, dass sie
beruflich einmal in die Richtung der Kunst oder der Mode gehen würde.
„Ich liebte es, Kleidung zu entwerfen, das tat ich für gewöhnlich
während der Unterrichtsstunden in der Schule, aber ich hatte keine
Ausbildung, keine Beziehung zur wirklichen Welt.“ Sie arbeitete und
sparte sich zwei Jahre lang Geld zusammen. Darauf belegte sie ein
einjähriges Ausbildungsprogramm, um so ein Portfolio für ihre Arbeit für
Shenkar vorzubereiten.
Warum kommen keine Äthiopier nach Shenkar?
Yosef: "Ich glaube, dass die Menschen nicht genug an sich selbst
glauben. Alle gehen vor allem in die Richtung von Ausbildungs- oder
Sozialarbeiten und alles darüber hinaus – was kein Einkommen bringt und
irgendwie anders ist – macht ihnen Angst.“
Unter jenen, die es doch wagen, gibt es Solidarität. Als Yosef zu
studieren begann, war Itzehu in ihrem Abschlussjahr: "Als wir uns zum
ersten Mal begegneten, gab es so etwas wie eine Art von Verschwisterung
– sie versuchte mir in jeder nur möglichen Art und Weise zu helfen,"
erinnert sich Yosef. "Wenn ein anderer äthiopischer Student kommt, werde
ich ihn unter meine Fittiche nehmen, so dass er erfolgreich sein wird.
Und wenn ich jemanden kenne, der mit dem Gedanken spielt, hierher zu
kommen und nicht an sich glaubt, werde ich alles nur Mögliche tun, um
ihm zu helfen.“
Wie wirst du Dein Abschlussprojekt bezahlen? Es kostet doch eine Menge
Geld.
"Ich werde es schaffen und ich werde alles tun was notwendig ist, um bis
dahin zu gelangen. Ich weiß, dass mich meine Geschwister unterstützen
werden – sie wissen wie schwierig es ist, sie haben es mitgemacht."
Yosef, deren Freunde sie "Ruti" nennen, wurde in Gondar geboren, eine
der großen äthiopischen Städte und sie wurde nach Ruth, der Moabiterin,
benannt ("Hirut" ist die amharische Version von Ruth). Im Jahre 1984 kam
sie zusammen mit ihrer Familie im Rahmen der Operation Moses nach
Israel, nachdem sie alle – die Eltern, sechs Kinder, eine Enkelin und
weitere Kinder, denen sie sich angenommen hatten, um sie nach Israel zu
bringen – von Gondar in den Sudan gewandert waren. Vom Sudan wurden sie
nach Frankreich geflogen und von dort nach Israel. Als sie in Israel
ankamen, schloss sich ihr Vater der Jewish Agency an und war im Rahmen
der Operation Solomon daran beteiligt, Juden nach Israel zu bringen. Sie
lebten fünf Jahre lang im Eingliederungszentrum in Atlit und zogen dann
nach Rishon Letzion, wo Yosef bis heute mit ihrer Familie wohnt.
Ihre Mutter starb als sie 14 Jahre alt war. Die Familie lebt
traditionell und Hirut, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, zog es vor,
nicht in der Armee zu dienen sondern arbeitete im National-Dienst als
Berater in einer Ganztags-Schule. Ihr Vater hat seit dem Tod ihrer
Mutter nicht wieder geheiratet und sie hat insgesamt 12 Brüder und
Schwestern, von denen einige bereits verheiratet sind und selbst Kinder
haben. Sie leben alle in Israel, außer dem Bruder in Kanada und einem
Bruder, der nach Äthiopien zurückkehrte. Sie bezeichnet die
Eingliederung der Familie als „recht gut“ und glaubt, dass „deine
Eingliederung von dir selbst abhängt.“
Vor zwei Jahren reisten Hirut und Tagist nach Äthiopien, um ihre Spuren
zu erkunden. Sie besuchten das Haus, wo sie geboren worden waren; sie
waren aufgeregt und das waren auch die Nachbarn, die sich an die Familie
erinnerten und kamen, um sie zu treffen. Jetzt sieht Gondar für sie aus
wie ein Dorf.
"Wenn man in Israel gelebt hat, ist eine Stadt eine ganz andere Sache”,
sagt sie. "Ich war von der Armut und dem einfachen Leben fasziniert. Wir
reisten mit Absicht nicht mit regionalen Flügen, sondern mit örtlichen
Bussen im Land umher, in all dem Dreck – wir sahen die wirklichen
Menschen wann immer möglich, wir schossen viele Fotos, vor allem von
Menschen."
Fotos der Reise wurden zusammen mit den Entwürfen ihres Projektes
ausgestellt, das unter dem Namen "Kinderkleidung aus Äthiopien“ stand.
Sie war von der Kleidung ihres Herkunftslandes beeindruckt.
“Traditionelle wie gewöhnliche Kleidung – alles reflektiert die Farbe
des Landes. Sie tragen die gleiche Kleidung so lange Zeit, bis sich die
Kleidung wirklich der Landschaft anpasst.“
Yosef beschreibt farbenfrohe Kleider, große gewebte Schals, breite
farbenprächtige Gürtel und weiße Kleidung mit verzierten Nähten. Am
meisten Spaß hatte sie auf dem Markt, wo sie eine Menge traditioneller
Kleidung und Materialien kaufte. Sie hat jedoch nicht die Absicht, diese
zu benützen: „Ich wage es nicht sie zu berühren, es ist für mich das
Allerheiligste.“ Die Reise schärfte und bereicherte ihre Erinnerungen an
die Kindheit. „Ich erinnere mich blitzartig an alle Arten von kleinen
Dingen – Spiele, Lieder.“ In Bezug auf die Reise durch den Sudan, die
mehrere Wochen dauerte, erinnert sie sich an einen Vorfall, „dass fremde
Männer meinen Vater mitnahmen und ich zu weinen begann. Als ich älter
war, erklärten sie mir, was dort geschehen war, dass es Räuber gewesen
waren und Vater ihnen Geld gegeben hatte.“
Als Kind beobachtete sie ihre Mutter, wie diese traditionelle
Handarbeiten anfertigte. "Manchmal machte sie Musik und begann Ziernähte
anzufertigen, oder sie machte Utensilien für das Haus aus Palmblättern
und Wolle. Wir jüngere Kinder würden um sie herum sitzen und zusehen.
Einmal fragte ich sie und ich machte einen kleinen Hut, ich war wirklich
jung. Aktivitäten außerhalb des Unterrichtes? Dafür hatten wir kein
Geld. Alles, woran wir dachten, war, wie wir den Tag überstehen und wie
wir überleben konnten, darauf konzentrierten wir uns.“
Neben ihrer außergewöhnlichen Anwendung der Farbe liegt ein weiterer
einzigartiger Aspekt ihrer Arbeit in ihrer eigenen Verarbeitung des
Rohmaterials. So schuf sie zum Beispiel schöne Muster indem sie Wein-
und Tee-Blätter in das Material bügelte; bei einem weiteren Projekt
benützte sie Gewürze, um die Materialien zu färben. Der Einsatz von
improvisiertem Material stellt für sie auch eine Herausforderung dar.
„Ich bin davon überzeugt, dass wenn es um Stilrichtungen geht, alles
bereits geschaffen wurde. Ich möchte selbst Materialien entwickeln, weil
dann jedes Mal etwas Neues entsteht, etwas, das es bisher nicht gegeben
hat.“
Was haben Sie als Mode-Designer anzubieten?
"Meine Perspektive, so wie ich die Dinge sehe, die bis zu einem gewissen
Grad aus einer anderen Richtung kommt. Ich nehme nichts als gesichert
an. Egal wohin ich gehe, ich fühle immer den Unterschied zwischen mir
und den anderen."
Keren Hayesod 04-09-2003
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