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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Trotz der Verstümmelungen der Opfer - Familien nehmen ein letztes Mal Abschied:
Ein israelischer Pathologe und seine schreckliche Arbeit nach jedem Bombenanschlag

Von Greg Myre - New York Times, 24. Februar 2004

Jaffa, Israel, 23. Februar - Nach dem jüngsten Selbstmordbombenanschlag in Jerusalem wurden die Körperteile und die Knochen der Opfer im Bus und in der Strasse aufgesammelt. Danach wurden sie in das forensische Zentrum von Israel gebracht. Wie immer, hatte Dr. Jehuda Hiss, der Direktor des Zentrums, die traurige Aufgabe, die Überreste der zerstörten Körper zu untersuchen und den Lebenden Trost zu spenden.

Der Palästinenser, der sich in einem Bus in Jerusalem in die Luft sprengte, trug nur eine relative kleine Bombe bei sich, und dennoch riss sie einige Körper derartig vollständig in Stücke, dass es eine Zeit lang nicht klar war, wie viele Menschen getötet worden waren. Die Polizei sprach von sieben Toten und dem Attentäter. Aber als Dr. Hiss und sein Team an den Überresten genetische Profile erstellt hatten, entdeckten sie, dass es sich um acht Opfer handeln müsse.

"Die Person muss neben dem Attentäter gesessen haben", sage Dr. Hiss, seit 16 Jahren Israels Chef-Pathologe, in seinem sachlichen Ton. "Wir hätten ihn ohne die DNA-Tests nicht identifizieren können."


Das Internationale Center für forensische Medizin in Tel Aviv

Israel hat in den vergangenen drei Jahren über 100 Selbstmord-Bombenanschläge miterleben müssen, denen etwa die Hälfte der 900 Israelis zum Opfer gefallen sind, die bei den Gewalttaten ums Leben gekommen sind. Das Land hat ein weitreichendes Hilfs-Netzwerk entwickelt, in dem Dr. Hiss eine einzigartige Rolle spielt. Alle Toten werden hierher in das Nationale Zentrum für forensische Medizin gebracht. Er hat nur die Folgen eines einzigen Bombenanschlages nicht persönlich miterlebt, als er in den USA war und er hatte bei allen anderen Anschlägen eng mit den entstellten Opfern und den zerstörten Familien zu tun.

Nach der Identifizierung wird die Aufgabe für Dr. Hiss noch härter. Er muss die Verwandten benachrichtigen, die in ihrer Trauer zornig und irrational sein können.


Anschlag in Haifa, März 2003
Sicherheits- und Rettungskräfte vor Ort

"Bei Bombenanschlägen ist es notwendig, weil jemand um 8 Uhr morgens das Haus verlässt und eine halbe Stunde später getötet wird", sagt er. "Die Angehörigen wollen wissen, ob ihr Verwandter gelitten hat. Sie wollen genau wissen, wie er oder sie gestorben ist. Es überrascht mich immer wieder, dass sie so viele detaillierte Fragen stellen."

Die Familien warten, manchmal die ganze Nacht über, in dem Zentrum, das nicht für Menschengruppen von 200 und mehr erbaut wurde, die sich nach Bombenanschlägen hier einfinden. Die Verwandten ließen sich früher einfach auf dem Grundstück nieder. Heute existiert ein Zentrum für Familien neben dem Leichenschauhaus und macht es den Menschen etwas leichter, auch wenn es die traumatische Erfahrung nicht lindern kann.

Der schrecklichste Augenblick kommt, wenn die Familien darum bitten, das Opfer sehen zu dürfen. "Ich sage ihnen, dass es besser ist, sich an den Menschen zu erinnern, als er noch lebte", sagte Dr. Hiss.

Etwa ein Viertel der Familien bestehen darauf. "Ich erkläre ihnen, dass dies nur ein Teil des Körpers ist. Dennoch umarmen sie einen Fuß, als ob der ganze Körper vor ihnen liegen würde", sagte er.

Er hat für zuerst für gewöhnlich solche Bitten abgelehnt, aber Psychologen haben empfohlen, dies zu gestatten. "Die Familien wollen den Körper ein letztes Mal berühren, um sich auf die Trennung vorzubereiten. Wenn sie diesen Körper nicht sehen können, ist es wie ein künstlicher Tod. Sie haben ein Recht, danach zu fragen", sagte er.

Nach dem Anschlag vom Sonntag in Jerusalem mussten seine Mitarbeiter Überstunden leisten, um die Toten zu identifizieren. Das biblische Gebot verlangt, dass die Arbeit schnell und gründlich verrichtet wird. Das jüdische Gesetz schreibt vor, dass der ganze Körper bestattet werden muss, möglichst noch am Tag des Todes, aber es kann Tage oder sogar Wochen dauern, bis all die kleinen Überreste identifiziert worden sind. In einigen Fällen wird ein wird ein unangenehmer Kompromiss geschlossen. Die größeren Körperteile werden schnell begraben und die kleineren Teil später, wenn mit DNA-Tests die Identität geklärt worden ist.

Ganz anders als forensische Pathologen, die isoliert arbeiten, scheint Dr. Hiss, 57, mitten im Zentrum der Dramen des Nahen Ostens zu stehen.

Betrachten wir uns nur einen Tag, den 29. Januar.

Für Dr. Hiss begann dieser Tag auf einem Flughafen-Hangar in Köln, Deutschland, wo er Mitglied der israelischen Delegation war, die am Gefangenenaustausch mit der Hisbollah beteiligt war und der Heimholung der Überreste von drei israelischen Soldaten, die vor drei Jahren getötet worden waren.

Das Team stellte drei Zelte in dem Hangar auf, und als sie unter den Flügeln von Flugzeugen arbeiteten, hatten sie nur zwei Stunden Zeit, eine positive Identifizierung durchzuführen, indem sie Röntgenaufnahmen, Fingerabdrücke und Zahnabdrücke benutzten.

Als dieser Prozess begann, verübte ein palästinensischer Selbstmordattentäter einen Anschlag in Jerusalem, bei dem 11 Menschen getötet wurden. In Deutschlang bestätigte Dr. Hiss, dass die Überreste zu den drei israelischen Soldaten gehörten, was wiederum den Gefangenenaustausch in die Wege leitete. Das israelische Flugzeug kehrte um 7 Uhr Abends nach Hause zurück, und innerhalb von 30 Minuten war Dr. Hiss wieder im forensischen Institut, wo er Bombenopfer identifizierte. Und in diesem Durcheinander kommen auch Fehler vor.

An diesem tumultartigen Tag fand auch die Rückgabe von 60 toten Libanesen statt, von denen die meisten bei Kämpfen in Israel vor Jahren ums Leben gekommen waren. Aber in einem Fall übergab Israel die falsche Leiche und die Familie beschwerte sich. Das forensische Zentrum hat die fragliche Leiche identifiziert.

"Wir haben die falsche Leiche übergeben und das ist eine Riesenkatastrophe", gab Dr. Hiss unumwunden zu.

Nach Bombenanschlägen werden die Dutzenden von Verwundeten in örtliche Krankenhäuser eingeliefert und hier beginnen die Familien nach ihren Verwandten zu suchen. Wenn sie unter den Verwundeten nicht gefunden werden, dann müssen sich die Familien zum forensischen Institut hier in Jaffa aufmachen, im Süden von Tel Aviv.

Weil Israel so klein ist, genügte bisher immer ein einziges derartiges Institut und jeder, der unerwartet oder unter mysteriösen Umständen stirbt, wird hier untersucht.

Nur wenige Israelis kennen das Institut unter seinem normalen Namen. Die meisten nennen es Abu Kabir, ein Hinweis auf die reiche Familie, die auf diesem Grundstück bis zum Ausbruch des Krieges im Nahen Osten im Jahre 1948 lebte, dem Gründungsjahr von Israel.

Auf palästinensischer Seite, wo in den vergangenen drei Jahren über 2600 Menschen umgekommen sind, werden die Toten in Leichenschauhäuser oder örtliche Krankenhäuser eingeliefert und es gibt dort kein zentrales forensisches Institut.

"Hier wird keine traditionelle einfache forensische Medizin betrieben", beschreibt Dr. Yoram Blachar, Vorsitzender der israelischen medizinischen Vereinigung, das israelische Zentrum. "Die Selbstmordanschläge sind sehr gefühlsbetont und nervenaufreibend. Die Familien zeigen extreme Reaktionen und müssen so sensibel wie nur möglich behandelt werden."

"Das Institut spielt eine wichtige Rolle nach jedem Terror-Anschlag", sagte er.

Während das forensische Zentrum für seine Arbeit nach Bombenanschlägen gelobt wird, war Dr. Hiss an kontroversen Auseinandersetzungen in anderen Bereichen involviert, einschließlich Anschuldigungen, dass das Institut ohne Erlaubnis der Familien Organe aus Leichen entnommen hat. Dieses Thema ist besonders sensibel, weil es im Judentum vor allem darum geht, Leichen vollständig zu bestatten.

Untersuchungen der Regierungen haben zu keinen Anklagen gegen Dr. Hiss geführt. Aber im Dezember empfahl der Oberstaatsanwalt von Israel Disziplinarmassnahmen. Dieses Thema ist nicht abgeschlossen und bisher wurden keine Sanktionen veranlasst.

Dr. Hiss wurde in Polen kurz nach dem 2. Weltkrieg geboren und kam im Altern von 10 Jahren nach Israel. Seine medizinische Ausbildung führte ihn nach Italien, Österreich, Großbritannien und bis in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Seine Bürowände sind fast ganz nackt, außer eines Stückes schwarzen Holzes, das 24 Arten von Kugeln zeigt. Das wichtigste Buch auf seinem Tisch lautet "Schuss-Wunden". In Reichweite steht ein Kunststoffbehälter mit Kugellagern, die ein Bombenmacher in eine Bombe packte, um diese noch tödlicher zu machen.

Auch angesichts diese nicht nachlassenden Stromes von Toten, sagt Dr. Hiss, dass ihm das nichts ausmache.

"Sobald ich das Gebäude verlasse, denke ich nicht mehr daran", sagte er. "Ich habe viel zu tun und ich unterhalte mich nie mit meiner Familie über meine Arbeit.

"Ich wurde oft gefragt, ob ich psychologische Betreuung benötige, aber ich brauche diese wirklich nicht."


Das Internationale Center für forensische Medizin in Tel Aviv

Keren Hayesod 02-03-2004

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem