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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Der Antisemitismus gelangt über die Hintertür in das internationale Antikriegslager

Von Andrew Sullivan, Sunday Times 20. Oktober 2002

In der letzten Ausgabe der Yale Daily News, der Zeitung der amerikanischen Elite-Universität, erschien ein Artikel eines Studenten im ersten Semester, in dem dieser die Vereinten Nationen beschuldigte, Antisemitismus zu tolerieren. Damit hatte der Autor offenbar einen empfindlichen Nerv getroffen, denn er löste eine Flut von zornigen Antworten aus.

Einer der Antwortenden schrieb, dass er vor kurzem ein Forum besucht habe, in dem es um den israelisch-palästinensischen Konflikt ging. „Beide Seiten legte ihre Stand-Punkte dar, die ihre Berechtigung hatten, aber die Diskussion erhitzte sich, als die Pro-Israel-Seite ihren „Antisemitismus-Vorwurf“ ins Spiel brachte. Mir geht es auf die Nerven,“ so der Autor, „dass Juden immer damit kommen, wenn es um kritische Worte zu Israel geht.“

Dann gab es die kürzliche Demonstration im New Yorker Central Park unter dem Motto „Nicht in unserem Namen“, mit dem gegen einen möglichen Krieg gegen den Irak demonstriert wurde. Dabei wurden Kopien der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ verkauft, das bekannte frei erfundene Pamphlet der Antisemiten des 19. Jahrhunderts. Nach Darstellung der Zeitungen war dieser Verkauf nicht rein zufällig. Die Rede bei der Demonstration war von „internationalen Geldgebern“, die an diesem Krieg verdienen wollten und von denen Bush abhängig sei. Alleine dieses Argument lässt die Alarmglocken läuten. Denn dies sind Worte, die im Nazideutschland gebraucht wurden, um Antisemitismus zu schüren. Die amerikanische Antikriegsbewegung, die noch in ihren Kinderschuhen steckt, ist in Gefahr, für eines der ältesten und dunkelsten Vorurteile missbraucht zu werden, das es gibt.

Die Auseinandersetzung mit dem islamischen Faschismus führt natürlich immer wieder auch auf Israel zurück. Der fanatische Antisemitismus, so schlimm oder vielleicht noch schlimmer als der von Adolf Hitler, ist heute Teil der kulturellen Norm in weiten Teilen des Nahen Ostens. Er ist der giftige Klebstoff, der Saddam Hussein, Arafat, Al-Quaeda, die Hisbollah, den Iran und die Saudis zusammenhält.

Und wenn man für einen Krieg eintritt, der sich gegen diese Achse richtet, dann wird man unvermeidlich auf Menschen treffen, die diese Einstellung teilen. Das soll nicht heißen, dass die große Mehrheit der Kriegsgegner Antisemiten sind. Aber der Anflug von Antisemitismus in ihren Argumenten ist beängstigend und gefährlich.

Zu Beginn dieses Jahres gab es Aufrufe in amerikanischen Universitäten, in Israel nicht zu investieren. Eine derartige Petition des Massachusetts Institute of Technology, der berühmtesten technischen Forschungsstätte der USA, und der Harvard-Universität, wurde hundertfach unterzeichnet, was Larry Summers, den Präsidenten der Universität zur Aussage verleitete, dass „ernsthafte und denkende Menschen sich für Handlungen einsetzen, die antisemitischer Natur von ihren Auswirkungen her sind, auch wenn sie so nicht gedacht waren.“ Er sagte weiter, dass Ansichten, die früher ungebildeten, rechtsextremen Populisten vorbehalten waren, jetzt von „fortschrittlichen intellektuellen Gemeinden“ vertreten werden.

Sein Vorwurf war einfach: „Warum sollte nur Israel wirtschaftlich boykottiert werden?“ Die Befürworter brachten sofort die fortgesetzte Besetzung der West Bank ins Spiel. Es gibt keinen Zweifel, dass Israels Politik zu kritisieren ist und dies nicht als Antisemitismus ausgelegt werden darf. Aber alleine deshalb zu behaupten, Israel verdiene es mehr als andere Staaten boykottiert zu werden, ist absurd.

Israel ist eine multikulturelle Demokratie. Arabisch-israelische Bürger haben das Wahlrecht und sind Teil der Gesellschaft. Es gibt Religionsfreiheit und die Pressefreiheit. Ein bekennender Homosexueller wurde kürzlich als Abgeordneter gewählt. Verglichen mit China, das Tibet mit brutalen Mitteln besetzt, ist Israel ein Modellfall demokratischer Verwaltung. Und im Gegensatz zu Chinas Tibet-Besetzung, war Israels Einnahme der Westbank eine Defensiv-Maßnahme nach einem militärischen Angriff arabischer Länder.

Und wenn man Israel mit jedem anderen Land im Nahen Osten vergleicht – Syriens Puppenregierung im Libanon, Mubaraks Polizeistaat, Iraks barbarische Diktatur und den Gottesstaat des Iran – dann gleicht Israel einem Lichtstrahl in der Dunkelheit. Deshalb muss man sich die Frage stellen: Worum geht es diesen anti-israelischen Fanatikern in Wirklichkeit?

Die Antwort liegt wahrscheinlich im Selbstverständnis der heutigen Linken. Sie ernährt sich vorwiegend von der Ablehnung von erfolgreichen westlichen Staaten und dem Erfolg ihrer Bürger, den diese durch Freiheit und harte Arbeit erreicht haben. Man muss sich nur einmal Israels erstaunliche Erfolge auf vielen Gebieten im Vergleich zu seinen Nachbarn vor Augen halten: Eine vibrierende Gesellschaft, wirtschaftliches Wachstum in der Vergangenheit, technologischer Fortschritt und ein landwirtschaftliches Wunder.

Es darf nicht überraschen, dass die ablehnende Linke dieses Land verachtet. Und dies tun auch Israels Nachbarn, aus offensichtlichen Gründen. Die arabischen Staaten hätten schon vor Jahrzehnten Frieden machen können und sich durch Handel und kulturellen Austausch bereichern können. Statt zu versuchen, den jüdischen Staat zu übertreffen, verbrachten sie Jahrzehnte damit, ihn zerstören zu wollen. Als sie damit keinen Erfolg hatten, wandten arabische Diktatoren die viel einfacheren Mittel der Ablenkung durch Neid, Hass und besessener Ablehnung an.

Al-Quaeda ist der gefährlichste Ausdruck dieser Einstellung; Hisbollah steht ihr nicht viel nach, aber es gibt überall in der Welt etwas abgemilderte Versionen. Und was tun Menschen, die mit ihrem eigenen Versagen nicht fertig werden? Sie suchen sich Schuldenböcke, und die Juden sind die ewigen Schuldenböcke.

Diese Einstellung beschränkt sich nicht nur auf den Nahen Osten. Auch im Westen ist Israel für die Linke zu einem Symbol ihres Hasses geworden. Sie sind damit zufrieden und glücklich, wenn Saddam Hussein mit 100 % der Stimmen gewählt wird, wenn er Nervengas entwickelt und Atomwaffen, die er gegen seine eigene Bevölkerung entwickelt und gegen andere. Aber wenn Israel sich wehrt? Dann marschieren sie in den Strassen zum Protest.

Fragen Sie den durchschnittlichen Linken, für was er eigentlich ist. Sie werden keine besonders deutliche Antwort erhalten. Aber fragen Sie ihn, wogegen er ist und die Wortschleusen öffnen sich. Genauso fragen Sie durchschnittlichen Antikriegsgegner, was gegen den Irak unternommen werden sollte und das Stammeln beginnt. Sollen wir Saddam Hussein in Ruhe lassen?

Wird Druck auf Israel Saddam veranlassen, das Nervengas und seine möglichen Atomwaffen zu beseitigen? Wird die Abtretung der Westbank an Menschen, die am 11. September, dem Tag des Anschlages auf die Twin Towers gejubelt haben, dazu beitragen, Al-Quaeda zu beseitigen? Sie sagen nichts dazu und sie wissen nichts dazu zu sagen. Aber sie wissen, wogegen sie sind: Gegen die USA, gegen die angeblichen Menschenrechtsverletzungen Israels, gegen den britischen Neo-Imperialismus, gegen den „rassistischen Krieg“ in Afghanistan, und so weiter und so fort.

Eine derartige negative Einstellung ist für den Westen gefährlich. Wenn man sich nicht mehr um die Terror-Opfer in New York oder in Bali oder in Israel sorgt, sondern darum, ob die Mörder menschenwürdig behandelt werden, dann sind das Zeichen der Zeit. Eine politische Einstellung der permanenten Ablehnung ist ein giftspeiendes Ungeheuer, dass sich aus seiner eigenen Verbitterung nährt. Deshalb sollte man nicht davon überrascht sein, wenn die schlimmste Form der Ausgrenzung, der Antisemitismus, plötzlich wieder in unserer eigenen Mitte ohne Widerspruch sein mörderisches Haupt erheben kann.

Deutsche Bearbeitung: Wolf S. Bruer

Keren Hayesod 22-10-2002

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem