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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Die Russen kommen!
24 % aller Rekruten in der Armee Israels sind bereits keine Sabras mehr

Von Amos Harel, Ha'aretz 28.11.02

Das Hauptposter von Israel Plus, dem neuen israelischen Fernsehsender in russischer Sprache, hängt in fast jeder Bushaltestelle aus. Darauf ist ein Großvater und sein Enkel zu sehen, die sich umarmen; beide tragen Armeeuniformen, beide lachen. Der Großvater ist ein Teilnehmer des 2. Weltkrieges; seine Uniform der Roten Armee ist übersät mit Medaillen und Auszeichnungen. Der Enkel trägt die Uniform der israelischen Armee; er hat ein rotes Beret der Fallschirmjäger auf seiner Schulter, eine Nadel mit Flügeln (ein Zeichen, dass er bereits mit dem Fallschirm abgesprungen ist), und das Abzeichen eines Oberst. "Wir leben hier jeden Tag," verkündet der Werbespruch des neuen Senders, auf Russisch in Hebräischen Buchstaben geschrieben – und es scheint keinen besseren Weg zu geben, diese Botschaft zu überbringen, als durch die Identifizierung mit der IDF.

Vor einigen Jahren noch hätte man die Israel Plus-Werbung vielleicht als weit jenseits jeglicher Realität angesehen. Die meisten Einwanderer aus Rußland erhielten zu Anfang Aufgaben an der Heimatfront bei der Armee zugeteilt. Als Fahrer für die IDF tätig zu sein, wurde zu einem "russischen Beruf", vor allem deshalb, weil die Einwanderer den Militärdienst als den schnellsten Weg ansahen, einen Beruf zu erlernen, der ihnen nach ihrer Entlassung eine bequeme und sichere Lebensgrundlage bot. Es gab in den Armeegefängnissen mehr Einwanderer als geborene Israelis – eine Statistik, die sich aus der Kombination der finanziellen Schwierigkeiten der Einwanderer und ihrer Probleme ergab, sich auf die IDF-Mentalität einzustellen. Als die Einwanderer zu Kampfeinheiten eingezogen wurden, kamen sie konzentriert in wenigen Einheiten zusammen, die sich einen guten Ruf wegen der Einstellung der kommandierenden Offiziere ihnen gegenüber erwarben. Die wöchentlich erscheinende IDF-Zeitschrift Bamahaneh titelte einmal einen Artikel über die Eingliederung der Aliyah (Einwanderung) in die Givati-Brigade, wo Hunderte von Russen Dienst taten – "Die Rote Armee". Die IDF zeigte sich davon unangenehm berührt und beeilte sich zu versichern, dass in Zukunft eine ausgeglichenere Verteilung der Einwanderer unter den verschiedenen Infanterie-Brigaden vorgenommen werde.

Aber jeder, der die Verlustzahlen der IDF im Konflikt in den besetzten Gebieten in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass sich das Bild geändert hat. Besonders hoch ist der Prozentsatz der verletzten Einwanderer. Das gilt nicht nur für Zivilisten, wie für jene, die vor einigen Wochen im Bus in Kiryat Menahem in Jerusalem getötet und verletzt wurden, sondern auch für jene, die bei der Auseinandersetzung mit Gruppen von Terroristen getötet wurden.
Am 16. November wurden bei einem Gefecht mit islamischen Jihad-Männern in Hebron 12 Mitglieder der Sicherheitskräfte getötet: vier IDF-Soldaten, fünf Grenzpolizisten und drei Mitglieder der Kiryat Arba Zivil-Wache-Einheit. Unter den Getöteten waren zwei Soldaten, drei Polizisten und zwei der Zivil-Wache keine geborenen Israelis.

Sie sind wichtig und werden geachtet

Die Statistik, die von der Personalleitung des IDF-Generalstabes der Zeitung der Ha’aretz zur Verfügung gestellt wurde, ist sowohl überraschend wie beeindruckend. Der Prozentsatz der Rekruten, die keine gebürtigen Israelis sind, liegt gegenwärtig bei etwa 24 Prozent (der Prozentsatz der Einwanderer unter der Allgemeinbevölkerung liegt bei schätzungsweise etwas über 15 Prozent). Die Statistik bezieht sich auf alle Einwanderer, aber in der Realität bezieht sich diese fast ausschließlich auf jene aus der früheren Sowjetunion. Der Prozentsatz der Einwanderer unter den Rekruten im August 2002, die zu Kampfeinheiten eingezogen wurden: 23,1 Prozent. Von allen jüngst zu den Fallschirmjägern eingezogenen Rekruten waren 27 Prozent im Ausland geboren. In der Nahal-Brigade lag diese Zahl bei 23 Prozent.

In den letzten Jahren sind Worte wie "Schmelztiegel” zu einem Cliché geworden, die von der Presse nur mit Vorsicht verwendet werden. Nichtsdestoweniger, wenigstens was die Kampfeinheiten betrifft, ist der Dienst in der IDF für die Neubürger in der Tat zu einer Eintrittskarte zur Integration in die Gesellschaft Israels geworden. Trotz der finanziellen Probleme zu Hause und trotz der sprachlichen Probleme sind die Einwanderer heute zu einem zentralen und geachteten Teil der Kampfeinheiten der IDF geworden.

Es genügt, zum Beispiel eine der Kompanien der Golani-Brigade zu besuchen,  um einen neuen Typ eines Soldaten zu bemerken: Den des russischen Gewehrträgers. Das übliche Abbild eines "Golanchik" (das oft sehr ungenau ist), ist das eines jungen Mannes aus einer Entwicklungsstadt, für gewöhnlich ein Mizrahi (aus dem Mittleren Osten oder aus Nordafrika), der eine rohe Sprache spricht und einen hohen Korpsgeist aufweist. Die Einheiten in Golani haben eine lange Tradition mit vielen merkwürdigen "rituellen" Zeremonien, deren Zweck darin liegt, ihre Einzigartigkeit zu betonen.

Dennoch, jemand, der sich in zwei solcher Einheiten davon überzeugen konnte, was vor sich geht, kann bezeugen, dass die Eingliederung der Einwanderer in diese funktioniert – und das auf scheinbar natürliche Art und Weise von beiden Seiten. Es gab keine Beweise für ethnische Spannungen und auch sehr wenig gegenseitige Aggressionen. Eingewanderte Soldaten nahmen Schlüsselpositionen ein (Offiziere, Kommandeure, oder kämpfende Soldaten in Positionen, die von ihnen die Übernahme besonderer Verantwortung abverlangt) und sie nahmen aktiv an den "Ritualen" teil, sogar dann, wenn dabei Mizrahi-Musik gespielt wurde. Der Prozentsatz von nicht eingezogenen Rekruten unter den Einwanderern ist relativ niedrig (17 Prozent, im Gegensatz zu etwa 23 Prozent bei im Land geborenen Israelis), und diese Zahl beinhaltet fast keine Yeshiva Studenten, denen es gestattet wird, ihren Militärdienst zu verschieben ("Sein Torah-Studium ist sein Beruf"). Der Anteil der Einwanderer unter den Soldaten steigt allmählich an. Im Jahre 1994 lag der Prozentsatz der eingezogenen im Land geborenen Soldaten bei 82 Prozent, im Jahre 2001 lag er bei 77,5 Prozent und im Jahre 2002 wird er nur noch bei 76 Prozent liegen. Der Prozentsatz der eingezogenen weiblichen Einwanderer liegt niedriger (etwa bei 18 Prozent), weil sich unter jenen, die ohne ihre Familien nach Israel kamen, mehr Jungen als Mädchen befinden.

Der Leiter des Planungsstabes im Personaldirektorium, Brigade-General Avi Zamir, sagte, dass es die IDF "als eine Verpflichtung betrachtet, die bestmögliche Eingliederung der Einwanderer in ihre Dienstgrade zu erreichen. Unser Ziel liegt darin zu erreichen, dass sich der Anteil der Einwanderer in den Kampfeinheiten auf gleicher Höhe wie bei den restlichen Armee-Einheiten bewegt." Dieses Ziel wurde zum ersten Mal in diesem August erreicht; im vergangenen August lag der Prozentsatz der Einwanderer in den Kampfeinheiten nur bei 17 Prozent, und dies kam nach einem allmählichen Anstieg in den vergangenen Jahren zustande. Zamir sagt, dass der Anstieg durch verschiedene Schritte erreicht wurde, in denen die Einwanderer dazu ermutigt wurden, sich den Kampfeinheiten anzuschließen. Die IDF bereitet sich darauf mit einem weitreichenden Programm vor, das die Beratung vor dem Eintritt in die Armee und während des Militärdienstes einschließt. Die eingewanderten Soldaten nehmen an Hebräisch-Kursen teil, und einige von ihnen (einige Hundert in jeder Gruppe) werden zu einem besonderen Vorbereitungskurs für Feldeinheiten geschickt, dessen Ziel es ist, mehr von ihnen in Zukunft als kommandierende Offiziere zu integrieren. 

Die besten Scharfschützen

Von den Gefechtssoldaten tritt ein hoher Prozentsatz unter den Eingewanderten in die Infanterie-Brigaden ein, aber es gibt auch welche, die sich den Panzereinheiten, dem kämpfenden Pionieren und den Artillerieeinheiten anschließen. Besonders bemerkenswert ist die fast gänzliche "Dominanz" der Einwanderer aus Rußland in den Scharfschützen-Einheiten der Infanterie-Brigaden. Die Kommandeure der Infanterie-Brigaden erklären dazu, dass ein "Scharfschütze Geduld benötigt. Diese Art der Mentalität – die es jemanden ermöglicht, stundenlang still zu sitzen, bis (die Zeit dafür reif ist) sich eine Gelegenheit zum Schuß ergibt, besteht fast überhaupt nicht unter den Sabras (den in Israel geborenen Israelis). Das fällt den Einwanderern viel leichter." 

Andererseits verläuft die Integration in die Eliteeinheiten gegenwärtig sehr langsam. Im Marinekommando gibt es wenige Einwanderer, und beim Sayeret Matkal (der Sonder-Einsatz-Einheit des Generalstabes) – gibt es nur einen. Ein Problem liegt in den strikten Kontrollen durch die Sicherheitskräfte im Einsatz bei diesen Einheiten; das andere Problem liegt in den Sprachproblemen. Nur wenige Einwanderer habe die Ausbildungskurse für Piloten bestanden, für gewöhnlich jene, die schon lange im Land sind. Zur Marineausbildung, wo es besonders auf akademische Leistungen ankommt, sind nur wenige Einwanderer aufgenommen worden. 

M., der vor fünf Jahren aus Rußland einwanderte und jetzt in einer Entwicklungsstadt lebt, ist ein Scharfschütze bei der Golani-Brigade. Er kam im Rahmen des Na’aleh-Programmes (die hebräische Umschreibung für Jugendeinwanderung vor den Eltern) nach Israel, und seine Eltern folgten ihm ein Jahr später nach. Obwohl er der einzige Sohn ist, bestand er darauf, in einer Kampfeinheit zu dienen (Söhne als einziges Kind können vom Kampfeinsatz befreit werden), " und ich wollte zur Golani, weil ich hörte, dass sie im Norden dienen. Ich mag die Wüste nicht, deshalb ging ich nicht zur Givati-Einheit." Dann begann der Konflikt mit den Palästinensern und das brachte die gesamte reguläre Armee in die besetzten Gebiete und brachte auch seine geographischen Überlegungen irgendwie durcheinander. M sagt, dass er bereits in Rußland als Kampfsoldat dienen wollte, "weil das am interessantesten ist. Das ist der Dienst für Männer. Zuerst war ich kein so großer Patriot. Jetzt weiß ich, warum ich hier bin."

Die Freunde, die mit ihm eingewandert sind, dienen zum größten Teil im Rahmen von Kampfeinheiten. "Givati, die Grenzpolizei, solche Sachen. Es gibt zwei, die Fahrer werden wollen." Das größte Problem für seine Freunde sind die Geldprobleme. "Die Beziehungen zwischen den Soldaten sind für gewöhnlich gut. Aber es gibt viele Soldaten, die hier ohne ihre Familien sind, und einige müssen ihren Dienst bei einer Kampfeinheit beenden, weil sie Probleme mit der Sozialunterstützung haben." Er ist mit seiner Entscheidung für Golani zufrieden. "Sie sind die besten. Sie organisieren dich, sie integrieren dich in die israelische Gesellschaft. In meiner Stadt gibt es viele Leute, die mit uns aus Rußland kamen, die in der Armee als Fahrer und Köche dienen und sie werden hier überhaupt nicht integriert." Weil er sich als Soldat besonders bewährt hat, haben seine Kommandeure mehrere Male versucht, ihn auf Ausbildungsgänge für Offiziere zu schicken. M., der zuerst eine militärische Laufbahn in Betracht gezogen hatte, lehnte dies ab, vor allem weil seine Eltern dagegen sind. "Sie wollen mir den Dienst nicht verlängern" (Offiziere müssen länger dienen). Er kennt mehrere Einwanderer, die Offiziere geworden sind, "aber nur wenige, wegen der Sprachprobleme."

Das Personaldirektorium kann in der Tat auf einige Dutzend Offiziere verweisen, die im Ausland geboren wurden und nun als Kompaniekommandeure dienen, aber dies sind vor allem Männer, die in jungen Jahren nach Israel kamen (und es gibt auch zwei frühere Brigadekommandeure – einer wanderte aus der früheren Sowjetunion im Alter von acht Jahren ein; der andere aus der Türkei im Alter von neun). Der Prozentsatz von Offizieren unter im Land geborenen Kampfsoldaten liegt bei 11,6 Prozent; unter den Einwanderern liegt er bei 9 Prozent, und die meisten von ihnen leben seit Jahren in Israel. Ein Kommandeur einer Basis, in der neue Rekruten ausgebildet werden, sagt, "die Probleme der Sozialunterstützung machen die Umstände für die Einwanderer sehr schwer, besonders wenn sie Offiziere werden wollen." Die meisten beugen sich dem Druck ihrer Familien und verlassen die Armee nach drei Jahren, um ihre Familien unterstützen zu können und wohnen in der Nähe der Orte, in denen diese leben. Ein weiteres Problem, das bereits erwähnt wurde, hat mit dem Sprachproblem zu tun.

Ya'akov Kirsch, der Leiter des Sicherheitsausschusses der Kibbuz-Bewegung, hilft vielen Einwanderern, sich in die IDF im Zusammenhang mit Na’aleh zu integrieren (etwa die Hälfte der Teilnehmer an diesem Programm wohnt in Kibbuzim). Kirsch glaubt, dass nicht nur der Armee für die Intergration der Einwanderer gedankt werden muß, vielmehr muß auch den Einwanderern selbst gedankt werden. "Trotz der großen Anstrengungen, die von der IDF unternommen werden, gelingt es ihr nicht, das enorme Potential der Einwanderer voll auszunützen. Es gibt nach wie vor eine Diskrepanz zwischen den hochrangigen persönlichen Stellungnahmen und der Ernennung von Einwanderern in kommandierende Positionen." 

Etwa 40 Prozent der Einwanderer erhalten von der IDF irgendeine Form von finanzieller Unterstützung. Diese Hilfe reicht von der Unterstützung eines Soldaten, der alleine im Land lebt, bis zur finanziellen Unterstützung für die Familie. Dies beinhaltet Ausgaben von mehreren zehn Millionen Schekel (4,6 NIS = 1$) pro Jahr, die nicht verringert werden, trotz der Kürzungen des Verteidigungshaushalts, die jetzt geplant werden. Gelegentlich kommen die schrecklichen Lebensumstände der Familien ans Tageslicht, oft nur nach dem Tod des Sohnes. Dies war der Fall, als Nikolai Rappoport als Soldat der Givati-Brigade im Libanon im Jahr 1998 getötet wurde und in diesem Jahr, nach dem Tod eines Givati-Offiziers im Gazastreifen.

Der Erfolg der Integration von Einwanderern als Kampfsoldaten, veranlaßte die IDF weitere Programme zu entwickeln, die sich auf den Reservedienst beziehen. In diesem Jahr, nach einem dreijährigen Probelauf, wurde die zweite Stufe eines Grundlehrganges für Einwanderer im Alter von 26-29 Jahren wieder eingeführt, die sich bereits zwischen zwei und fünf Jahren im Land aufhalten. Die meisten von jenen, die den Grundlehrgang absolviert haben, wurden Techniker oder Sanitäter. Brig. General Zamir sagt, dass die IDF von der hohen Zahl von Antworten von seiten der älteren Einwanderer  überrascht war. Vor einigen Monaten gründeten einige hundert Neueinwanderer aus der früheren Sowjetunion, Teilnehmer der Kämpfe in Afghanistan und Tschetschenien, ihre unabhängige "Aliyah Brigade". Die Einwanderer, die wegen ihres relativ hohen Alters von der IDF nicht eingezogen worden waren, verrichten an Wochenenden Dienst als Wachen von Siedlungen in den besetzten Gebieten, aus dem Gefühl einer ideologischen Identifizierung mit den Siedlern. Die IDF hat nun vor, die jüngeren Männer unter ihnen (bis zum Alter von 35 Jahren) in die Reserveeinheiten einzuziehen, was im kommenden Jahr beginnen soll. Etwa 100 sollen offenbar eingezogen werden.

Grundsätzlich verbreitet die IDF, trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten bei der Eingliederung, einen Optimismus, der sich so auf keinem anderen Gebiet wiederfindet und mit der Umsetzung des Potentials der Einwanderer in die Ränge der Armee zu tun hat. "Viele von uns haben keinen Zweifel daran," sagt der Kommandeur des Panzerkorps, "dass innerhalb der nächsten 20 Jahre die meisten der IDF-Feldkommandeure Russen sein werden. Diese sind junge Männer, die ein ausgeprägtes persönliches Profil aufweisen, die einer Gesellschaft mit einer gut entwickelten militärischen Tradition entstammen und einen großen Respekt gegenüber den gesellschaftlichen Einrichtungen, der Armee und der Uniform haben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie zu IDF-Brigade-Kommandeuren und Bataillon-Kommandeuren werden."

Keren Hayesod 08-12-2002

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem