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Die neuen Israelis:
15 Jahre nach dem Öffnen der Tore der früheren UdSSR
Zusammengestellt nach einem Artikel von Sever Plotzker
Erschienen in der Zeitung Yedioth Ahronoth
Im Frühjahr des Jahres 1993, als bereits 400.000
Einwanderer aus der UdSSR in Israel angekommen waren, besuchte Israels
Ministerpräsident Yitzchak Rabin Moskau. Das Ende der Reise stand ganz
im Zeichen einer festlichen Veranstaltung zu Ehren von Israel. Tausende
von jüdischen Menschen füllten die große und äußerst unattraktive Halle
im Kreml, in der einst die Konferenz der kommunistischen Partei
abgehalten wurde. Die Bühne, auf der bis kurzem reihenweise ernst
dreinschauende Mitglieder des Zentralkomitees in ihren grauen Anzügen
und mit vom Vodka geröteten Gesichtern gestanden waren, war mit
israelischen Fahnen und Staatssymbolen geschmückt. In dieser Nacht war
die Halle voller junger Menschen aus Tel Aviv und aus Moskau, Reden
wurden auf Hebräisch und Russisch gehalten und die "Hatikva", die
israelische Nationalhymne, wurde gespielt.
Die Juden tanzten an Breschnews Grab – der Kommunismus
war tot, der Zionismus hatte gesiegt. Israel erhielt, wovon es nicht zu
träumen gewagt hatte – die letzte Welle einer Masseneinwanderung im 20.
Jahrhundert.
Hoffnung und Stolz
Zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts lebten in
Russland 2,2 Millionen Juden. Heute gibt es lediglich noch 400.000 Juden
in jenen Ländern, die früher zusammen die UdSSR gebildet hatten. Das
Gebet "Let my people go" war erhört worden. Die meisten, die die UdSSR
verließen, mehr als eine Million Frauen, Männer und Kinder, wanderten
nach Israel aus. Die erste relativ kleine Welle bestand aus
Einwanderern, die sich an zionistischen Aktivitäten beteiligt hatten und
am Widerstand gegen die Regierung beteiligt gewesen waren. Die zweite,
riesige Welle, bestand aus jüdischen Menschen aller Richtungen.
Die russischen Tore öffneten sich und ermöglichten die unbehinderte
Ausreise im Jahre 1989 und seitdem sind 950.000 Einwanderer in Israel
angekommen. Zuerst kamen sie über die Transit-Stationen in Finnland,
Ungarn und Rumänien und danach mit Direktflügen aus allen Teilen des
zerfallenen Reiches. Auf dem Höhepunkt des Exodus kamen jeden Tag 1000
Einwanderer auf dem Ben Gurion-Flughafen an. Nie zuvor hatte Israel eine
derartige Einwanderungswelle erlebt.
Eine weitere Million Israelis. Jeder 6. Jude in Israel war ein neuer
Einwanderer aus Russland. Sie flohen nicht vor der Verfolgung, sie
litten auch nicht in den Kerkern des KGB vor ihrer Auswanderung. Sie
lernten nicht heimlich Hebräisch und hörten auch nicht "Kol Zion
La'Gola" (Israels Radiostation für die Diaspora) hinter verschlossenen
Türen. Es waren gewöhnliche Leute, Menschen wie Sie und ich, die eines
Tages, aus irgendeinem besonderen Grund, ihre Sachen in einfache Kartons
und platzende Plastiktüten zusammenpackten und sich geduldig anstellten,
um ihre Einreisevisa nach Israel zu erhalten – in das Auserwählte, wenn
auch nicht besonders sichere Land.
Sie brachten mit sich all die Jahre, die sie in Russland verschwendet
hatten, ihr Bedauern darüber, dass diese Probleme nicht von ihrer
Generation bewältigt werden konnten, sie brachten ihre Kinder mit, die
auf der gesamten Reise nach Israel weinten, ihre Gläser mit Gemüse, die
ihnen das Überleben in ihren ersten Tagen in der Wüste ermöglichten. Sie
brachten auch ihre Großmutter aus irgendeiner Kolchose (kommunistischer
Kollektiv-Bauerhof) mit, die ihren Kopf mit einem geschmückten Kopftuch
bedeckt hatte, und auch ihren patriotischen kriegserfahrenen Großvater
hatten sie dabei, der zwei Reihen von Kriegsauszeichnungen auf seiner
Brust zur Schau stellte.
So gewöhnlich und doch so verschieden waren sie, diese Juden, aus denen
sich die russische Einwanderungswelle nach Israel am Ende des 20.
Jahrhunderts zusammensetzte.
Sie wurden keinen stereotypen Vorstellungen gerecht. Sie waren
nationalistisch aber nicht religiös, kultiviert aber nicht des
Englischen mächtig, sie waren Handwerker, stammten jedoch nicht aus dem
Nahen Osten oder aus Nord-Afrika. Im Gegensatz zu jenen Juden der
früheren Einwanderungswellen aus Marokko und Polen, schämten sie sich
ihrer Herkunft nicht. Das Gegenteil war der Fall und sie waren auf das
Reich stolz, das sie verlassen hatten, auf seine Kultur, seine Sprache,
seine Schätze und seine Landschaften. Sie hatten und sie haben nach wie
vor zwei Vaterländer und sie leben in Frieden mit beiden.
Überraschung und Freude
Alle wurden von dieser Welle der Masseneinwanderung überrascht, vor
allem die Einwanderungs-Fachleute – genauso wie der Zusammenbruch des
Kommunismus die kommunistischen Experten überraschte. Kurz vor dem
Pessach-Fest im Jahre 1988 trat Prof. Haim Ben-Shachar an mich heran,
der damals den jüdisch-amerikanischen Geschäftsmann Armand Hammer in
Israel repräsentierte, und mich bat, Hammer für die Ferien-Beilage der
Zeitung zu interviewen. Hammer besaß eine große Ölfirma und hatte
weitreichende und umfangreiche Handelsbeziehungen mit russischen Firmen
beibehalten. Er war für seine gute Beziehungen zum Kreml bekannt und
dafür, wie er auch in den dunkelsten Stunden des Breschnew-Regimes durch
dessen Tore ein- und ausgegangen war.
Das Interview wurde über Hammers Büro vereinbart. Seine Stimme klang
aufgeregt trotz seines fortgeschrittenen Alters. Wir sprachen über
gewöhnliche Dinge, über Geschäfte, Öl und das Ende des Kalten Krieges.
Plötzlich sagte Hammer, "ich habe in dieser Woche mit dem neuen
Generalsekretär der UdSSR, Michail Gorbatschow, zu Abend gegessen. Ein
großer Führer, die Gorbatschow, ich fragte ihn, "Genosse Gorbatschow,
warum gewähren sie den Juden nicht die Freiheit, aus ihrem Land nach
Israel auszuwandern?" Er antwortete, "Sie haben recht, Herr Hammer. Ich
verspreche Ihnen, dass wir innerhalb weniger Monate die Tore der UdSSR
öffnen werden. Jeder Jude, der dies will, wird auch die Erlaubnis haben,
zu gehen."
Das Gespräch wurde in der Yedioth Ahronoth am 22. April 1988
veröffentlicht. Obwohl dies die erste jemals veröffentlichte Äußerung
war, die auf eine Änderung der sowjetischen Politik hinwies, wurde
dennoch keine Begeisterung laut. Die Jewish Agency und "Verbindungsbüro"
–Offizielle maßen ihr keine große Bedeutung zu. Einige von ihnen riefen
die Zeitung an und sagten, "sie haben den russischen Juden großen
Schaden zugefügt. Sie sollten keine grundlosen Gerüchte veröffentlichen.
Hammer ist ein Phantast. Wir verhandeln gegenwärtig mit der neuen
Regierung, um eine allmähliche Auswanderung von 100.000 Juden in einem
Zeitraum von fünf Jahren genehmigt zu bekommen." Zu Pessach 1988 glich
die Vorstellung von 100.000 neuen Einwanderern einem Märchen. Die Tore
öffneten sich ein Jahr später. Gorbatschow hatte sein Versprechen
gehalten.
Wir bezeichneten sie als die "Russen". Zuerst hießen wir sie mit offenen
Armen willkommen. Wir waren davon angetan, dass jemand, der soweit
entfernt wohnte, sich auch nur dafür interessierte, sich bei uns hier in
Israel niederzulassen. Wir hatten keine große Selbstachtung in dieser
Zeit zwischen dem Ende der ersten Intifada und dem Beginn des ersten
Golfkrieges. Wir betrachteten ihre Ankunft als eine Art von Kompliment
wie auch als eine Möglichkeit, die demographische Balance zwischen Juden
und Arabern in Israel zu verbessern.
Feindschaft und Angst
Innerhalb kurzer Zeit veränderte sich die Aufregung in Feindschaft. Was
sollen wir mit all diesen Menschen tun, fragten wir uns. Wie sollten wir
Hunderttausende von neuen Einwanderern ohne Vermögen oder Wohnungen
unterstützen? Wie sollten die Strassen gebaut werden, wie stand es um
die Ausbildung, Gesundheitsdienste und vor allem um die Arbeitsplätze?
Unser eigenes Fleisch und Blut war zu fremden Objekten in unserer Mitte
geworden. Sie waren gekommen, um uns unsere Arbeitsplätze wegzunehmen,
unsere Mieten würden steigen, sie würden uns sozial zu Bürger 2. Klasse
machen und uns unseres sozialen Status berauben, für den wir so hart in
den vergangenen Jahren gearbeitet hatten.
Die Behauptungen der Ökonomen, dass diese neue Welle der Einwanderung zu
verstärkter wirtschaftlicher Aktivität führen, das Wachstum
beschleunigen, den wirtschaftlichen Kuchen vergrößern, die
Arbeitslosigkeit vermindern und nicht verstärken und die Gehälter
steigen und nicht abnehmen würden sowie Israels Gesellschaft davon einen
Nutzen hätte und keinen Schaden, dies alles war nicht überzeugend.
Das Gefühl der Bedrohung verstärkte sich, es wurde von großen Teilen der
Bevölkerung geteilt und erreichte ein Ausmaß, das von einem der
führenden Einwanderungsexperten des Landes, Prof. Eliezer Leshem, als
"ein Zustand des Wettbewerbes und des Konfliktes zwischen Eingesessenen
und Neueinwanderern" bezeichnet wurde. Ein tiefer, nicht ausgesprochener
feindlicher, Bruch entwickelte sich in den Beziehungen zwischen
eingesessenen alten Israelis und den Neuankömmlingen aus der früheren
UdSSR.
In einer Zusammenfassung über die Lage der Einwanderer in Israel, der
für den Joint erstellt wurde, schrieb Prof. Leshem von der Hebräischen
Universität für Sozialforschung, "Untersuchungen weisen auf eine Zunahme
von Zusammenstössen zwischen Eingesessenen und neuen Einwanderern hin,
der sich in negativen Ansichten über die Einwanderer ausdrückt und die
an Stärke gewinnt." Gewisse Teile der eingesessenen Bevölkerung
formulierten schnell eine Einstellung, die neue Einwanderer (im
Gegensatz zur "Einwanderung" als einen abstrakten nationalen Gedanken)
eher als eine Belastung als eine Investition für die Zukunft betrachten.
Eine Bedrohung also statt einer Gelegenheit.
Von 1995 bis 2000 wurden neue Einwanderer als eine körperliche Bedrohung
für die Bevölkerung in den Entwicklungsstädten Israels betrachtet, wo
sie teils als Juden, teils als Russen angesehen wurden, die grundlegende
soziale Werte aufgegeben hatten und, indem sie Arbeitsplätze einnahmen,
diese damit den Eingesessenen wegnahmen. In jenen Tagen, in denen die
Stimme der Shas-(Sephardische Torah-Wächter) Partei gehört wurde,
beteiligten sich Rabbiner an einer Kampagne, die vor allem daraus
bestand, vor Hunderttausenden von "Nicht-Juden" zu warnen, die zwar nach
dem israelischen Rückkehrergesetz in das Land gekommen waren, aber nach
der Halacha (dem jüdischen religiösen Gesetz) nicht als Juden galten und
deshalb für den jüdisch-religiösen Charakter Israels eine ernste
Bedrohung darstellten.
Zur gleichen Zeit gab es viele Geschichten über die Mafia,
Auftragsmorde, Schmuggel, Alkoholismus, Gewalttätigkeiten und
Frauenhandel. Nach Prof. Leshem haben die hebräischen Medien diese
Vorurteile mit voreingenommener Berichterstattung noch verstärkt. "Ein
großer Schatten legte sich über die Einwanderungswelle, trotz des
menschlichen Kapitals, das damit ins Land kam."
Und dann machte sich die Intifada im israelischen Alltag breit und die
Prioritäten änderten sich. Unter dem Schatten des Terrors verflüchtigte
sich der angebliche Gefahr, die von Masseneinwanderung drohte. Der
Streit, ob Israel als ein "Schmelztiegel" oder als "ein Ort
verschiedener Kulturen" angesehen werden musste, wurde beigelegt.
Das akademische Argument, das fragte, ob die israelische Gesellschaft
von den Neueinwanderern verlangten durfte, dass diese ihre Vergangenheit
aufgeben und sich voll in die israelische Kultur einzufügen hätten oder
ob die israelische Gesellschaft den Reifegrad, das Mitgefühl und den
Realismus hätte, "das Anderssein" und die einzigartigen Qualitäten der
verschiedenen Einwanderungsgruppen, die sich integrieren wollen, zu
tolerieren, wurde in eine abgelegene Ecke gestellt. Alle diese Fragen
wurden tief unter dem verbrannten Pflaster auf der Promenade von Tel
Aviv, vor dem zerstörten Gebäude des Dolphinariums, begraben.
Eingesessene Israelis von heute, auch jene, die es nicht zugeben wollen,
haben erkannt, dass Israel die gegenwärtige Intifada nicht ohne die
Russen hätte besiegen können. Ihr Durchhaltevermögen hat unsere
Widerstandskraft gestärkt. Ihr stilles Leiden ergänzte unsere laute Art
zu leiden. In den dunkelsten Stunden Israels während der
Terror-Anschläge, zeigte die russische Gemeinschaft in Israel
vorbildlich, wie man den Verlust akzeptiert, wie man die Zähne zusammen
beißt und wie man mit dem Leben hier weitermacht.
Während Einwohner von Ramat Aviv Gimmel (einer wohlhabenden Wohngegend
bei Tel Aviv) über das Ende des Staates sprachen und in der Schweiz
Bankkonten eröffneten, führen die Kinder von Afula Illit, von denen die
Hälfte "Russen" sind, weiterhin mit dem Bus zur Schule, während die
"Babuschkas" zu den frischen Gräbern beten gingen. In einer merkwürdigen
Umkehr der Rollen gaben die "Assimilierten" den "Eingesessenen" eine
Lehrstunde in Sachen praktischen Zionismus.
Fleiß und Lohn
Die Einwanderer aus Russland kamen nach Israel, um hier zu arbeiten, und
nicht um von der Sozialhilfe zu leben. Ihr Anteil an der arbeitenden
Bevölkerung, besonders jener der eingewanderten Frauen, ist weit höher
als der von eingesessenen Israelis und die Arbeitslosenrate liegt unter
den Einwanderern bei lediglich 9%. Jene, die im Jahre 1990 kamen, ließen
sich ebenso wie jene, die im Jahre 2000 kamen, nicht abschrecken und
nahmen jede Arbeit an. Sie sind darauf vorbereitet, ihren beruflichen
Stolz zu unterdrücken, ihre eingerahmten Abschluss-Urkunden der
Universität von Leningrad zuhause zu lassen und zur Arbeit zu gehen, um
Töpfe in Krankenhäusern zu säubern. Dies tun sie alles, solange sie Geld
nachhause bringen, um für die Ausbildung ihrer Kinder aufkommen zu
können.
Die Einwanderer haben auch ihren Anteil zur Entwicklung des israelischen
Hi-Tech-Bereiches beigetragen (ohne sie hätte dieser Bereich niemals
seine gegenwärtige Bedeutung erlangen können – etwa 100.000 Ingenieure
kamen in Israel zwischen den Jahren 1989 und 2002 an). Ganz im Gegenteil
zu vielen falschen Annahmen, arbeiten etwa 1 Drittel der Einwanderer in
Dienstleistungsbranchen – in der Industrie, im Handel, im Servicebereich
und im Transportwesen. Ihre Gehälter sind wesentlich niedriger als die
der eingesessenen Israelis, aber die Zahl der Arbeitstätigen pro Familie
liegt höher und die Familien sind kleiner.
Nach einer besonderen Untersuchung, die von Dr. Mina Zemach vom
Dahaf-Institut durchgeführt und von der Zeitung 'Yediot Acharonot' in
Auftrag gegeben wurde, besitzen die Hälfte der Einwanderer-Familien ein
Auto und 63% besitzen ihre eigene Wohnung. Die Einwanderer, die mit der
ersten Welle im Jahre 1994 ankamen, haben sich gut eingelebt - 76%
besitzen ihre eigenen Wohnungen, fast alle haben einen Arbeitsplatz und
ihr Lebensstandard ist erträglich. 67% drückten ihre Zufriedenheit mit
ihrer Lage aus – eine erstaunliche Leistung in einem Land, dessen Bürger
dazu neigen, mit fast allem unzufrieden zu sein, fast schon aus Prinzip.
Israels Klagen, dass für die Eingliederung der Einwanderer lediglich
beschränkte Mittel vorhanden seien, haben sich angesichts der Tatsachen
als irreführend erwiesen. Zwischen 1992 und 1996 erhielt Israel
finanzielle Beihilfen der US-Regierungen der Amtszeiten von Präsident
Bush Sen. und Bill Clinton in Höhe von $ 9 Milliarden zugunsten der
Eingliederung von Einwanderern. Das meiste dieses Geldes wurde nicht
benötigt und wurde für andere Zwecke verwendet oder kam der
Aufpolsterung der nationalen Währungsreserven zugute. Die
Geschwindigkeit, mit der sich die neuen Einwanderer in den vorhandenen
Arbeitsmarkt eingliederten, verblüffte die Wirtschaftswissenschaftler.
Der verstorbene Yitzchak Modai war der Finanzminister, der die "direkte
Integrationspolitik" entwickelte, nach der die Regierung jedem
Einwanderer ein "Eingliederungspaket" in bar gewährt, das der
Einwanderer für einen Zweck seiner Wahl verwenden kann. Die
Verantwortung für die erfolgreiche Eingliederung, soweit dies möglich
war, lag beim Einwanderer selbst statt in den Händen von Bürokraten. Der
Prozess der direkten Eingliederung erwies sich als unglaublich
erfolgreich sowohl für die Neueinwanderer wie für die eingesessenen
Israelis, die ihnen bei der Eingliederung zur Seite standen.
Die Welle der Eingliederung aus Russland war wirtschaftlich ein enormer
Erfolg für Israel und kann in vielen Milliarden Dollar nachgewiesen
werden. Aber es hätte ein noch größerer Erfolg werden können – das
menschliche und akademische Kapital, das mit den Einwanderern ins Land
kam, wurde verschwendet, da die Bedürfnisse der Wirtschaft anders
gelagert waren und diese nicht dazu in der Lage war, für die neuen
Berufe die entsprechenden Arbeitsplätze anzubieten, um damit auch einen
neuen Markt zu schaffen.
Wenn zum Beispiel Israel sein nationales Eisenbahn-System bereits vor
einem Jahrzehnt entwickelt hätte statt erst heute, dann hätten
Eisenbahningenieure aus Russland nicht als Tankwarte arbeiten müssen und
Israel müsste heute nicht ausländische Experten mit hohen Kosten ins
Land bringen.
Das Wachsen und Schrumpfen der Wirtschaft und Geschäftswelt von Israel
wird immer auch und sehr direkt von den Einwanderungswellen beeinflusst.
Wenn sie wachsen, dann blüht der israelische Markt auf, das
Bruttosozialprodukt wächst, die Investitionen nehmen zu, die
Arbeitslosigkeit fällt und der Lebensstandart für alle steigt. Wenn die
Einwanderung abnimmt, so schrumpft auch die Wirtschaft und die
Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an. Die stärkste Arbeitslosigkeit ist
immer dann zu verzeichnen, wenn es fast keine Einwanderung gibt.
Dies ist die Dynamik des israelischen Marktes, die so zum ersten Mal von
Prof. Michael Bruno, einem leitenden Mitarbeiter der Bank von Israel,
während der Jahre der Masseneinwanderung beschrieben wurde. Zu dieser
Zeit nahm Prof. Bruno an, dass jene am meisten von den
Einwanderungswellen haben, die mit den Einwanderern direkt konfrontiert
werden – die Einwohner der Entwicklungsstädte.
Einstellung und Ablehnung
Die Einwanderung hat das soziale Gefüge der Entwicklungsstädte in Israel
gerettet. Sie hat ihren Niedergang aufgehalten und sie zu gesuchten
Wohngegenden gemacht.
Die Bevölkerung in den Städten der Randgebiete wuchs um fast 20%. In
Kiryat Gat, Carmiel und Ashdod zum Beispiel machen Einwanderer 30 % der
Einwohner aus. Wie würde heute Beer Sheva ohne die Zuwanderung von
55,000 Einwanderern aussehen. Wie würde Ober-Nazareth ohne seine 22.000
Einwanderer aussehen?
Neues Blut, das von Einwanderern, motivierte dazu, sich niederzulassen
und erfolgreich zu sein, sie strömten in Randgebiete, wo sie die
Vielfalt des Lebens veränderten und zur Verschiedenartigkeit des Lebens
und der Kultur beitrugen und dabei zur Hebung des Sozialgefüges
beitrugen – bis zum Ausbruch der nationalen Krise in den vergangenen
drei Jahren. Die meisten der Entwicklungsgebiete hätten die Krise ohne
diese in ihrer Mitte lebenden Einwanderer nicht überstanden.
Fragen Sie jeden Bürgermeister einer Entwicklungsstadt, ob er sich
wünscht, dass neue Einwanderer in seine Stadt ziehen. Die Antwort liegt
auf der Hand. Es ist deshalb unwichtig, was Einwohner von Lod, Afula
oder Hazor Haglilit in Augenblicken des Ärgers und der Nöte über die
"Russen" sagen. Was wichtig ist, ist der aktuelle Prozess, der vor sich
geht. Das Nebeneinander ersetzt Zusammenstösse und die Einstellung
bewältigt die Feindschaft.
Die sephardische gegen die russische Revolution? Nichts dieser Art! Der
Krieg zwischen "Russen" und "Marokkanern", den die Fachleute an
palästinensischen, ägyptischen und sogar israelischen Instituten mit
Sicherheit voraussagten - angesichts einer möglichen zerfallenden
israelischen Gesellschaft, das alles trat nicht ein. Das israelische
Mosaik fügte sich zusammen.
Heute glauben drei von vier eingesessenen Israelis (die vor 1989
ankamen), dass die Einwanderung für Israel lebenswichtig ist. 62 %
akzeptieren, dass die Einwanderung einen positiven Einfluss auf die
Beschäftigungszahlen hat. Lediglich ein Viertel ist nach wie vor der
Meinung, dass die Einwanderung die Beschäftigungsmöglichkeiten für
eingesessene Bürger verringert. Die ist ein deutlicher Wendepunkt. Vor
vier oder fünf Jahren noch waren fast die Hälfte der eingesessenen
Bürger Israels der Meinung, dass ihnen die Einwanderer die Arbeitsplätze
stehlen.
Flagge und Sprache
"Russische Einwanderung" ist nicht alleine auf die Russen beschränkt.
Von der eine Million neuer Einwanderer kamen nur 300.000 aus Russland,
die gleiche Zahl kam aus der Ukraine. Andere kamen aus Ländern an der
Ostsee und aus islamischen Republiken. Eine Vielzahl von Völkern mit
zahlreichen Lebensstilen und komplexen Gemeindebeziehungen. Es ist
schwierig, sie in nach bekannten Kriterien einzuordnen – sind die Juden
aus Taschkent Aschkenasim? Orientalen? Oder ganz andere?
Diese letzte Gruppe schließt Einwanderer ein, die in Israel nach dem
Rückkehrergesetz einwanderten, jedoch nach der Halacha keine Juden sind.
Deren Zahl beträgt 250.000 bis 280.000, was etwa ein Viertel dieser
Einwanderungswelle darstellt (In den letzten drei Jahren machen
Neueinwanderer, die nach den jüdischen religiösen Gesetzen nicht als
Juden anerkannt werden, über 55 % aus).
Wer sind diese "Nicht-Juden"? Ein Drittel haben jüdische Väter. Sie
betrachten sich selbst als Juden und Kinder von Juden, wie dies auch
ihre christliche Umwelt tut. 20% haben jüdische Grosseltern. Die meisten
haben jüdische Ehepartner oder Lebensgefährten und alle haben sich dazu
entschlossen, ihr Schicksal mit dem von Israel zu verbinden, in der
Armee des Landes zu dienen und ein integrierter Teil des Landes zu sein.
Ihre Identifikation mit dem Land ist nicht geringer als die der
eingesessenen Israelis. Es sind wir, mit unserem Hang zur Vereinfachung
sowie die Härte unserer Rabbiner, die sie ablehnen und ihre Entfremdung,
Frustrierung und Abschottung verursachen. Dies ist ein unverzeihliches
demographisches Verbrechen.
Ist die russische Mafia in Israel aktiv? Einige Banden, die von Russen
geleitet werden, sind im Frauenhandel tätig, aber jeder, der die
Milliarden an schwarzem russischen Geld sucht, das angeblich in Israel
gewaschen worden ist, muss woanders suchen. Sogar die israelische
Polizei konnte keine Spur davon ermitteln. Nur ein russischer
Geschäftsmann ist in Israel angeklagt worden, für Verbrechen, die
Lichtjahre von Mafia-Aktivitäten entfernt sind. Das anhaltende Geschwätz
von Anklagebehörden über die "Russische Mafia" hat lediglich dazu
beigetragen, mögliche Investoren zu entmutigen.
Die Einwanderer haben eine neue Art von israelischer Jüdischkeit
entstehen lassen, die weniger religiös sondern nationalistischer geprägt
ist, weniger hebräisch aber kämpferischer, weniger polnisch-marokkanisch
aber russischer. Bücher mögen darüber geschrieben worden sein, ob ihre
Einstellung, gleichzeitig russisch, jüdisch oder israelisch zu sein, ein
Vorteil oder ein Nachteil ist. Welche Identität mag größer sein und
welche Kultur mag wohl "dominieren"? Es ist zu bezweifeln, ob diese
Frage jemals zur Zufriedenheit aller beantwortet werden kann oder ob sie
sich überhaupt stellt.
Die Studie zeigt, dass 48% aller Einwanderer, die seit 10 Jahren oder
mehr in Israel leben, immer noch nicht fließend Hebräisch oder überhaupt
kein Hebräisch sprechen. Die meisten benützen russisch als
Alltagssprache. Aber sie sind nicht in Ghettos abgeschottet und bleiben
auch nicht unter sich. Sie denken wie Israelis, atmen wie Israelis und
sie haben ein israelisches Bewusstsein.
Die Einwanderer wurden gefragt, in welchem Ausmaß sie zur israelischen
Gesellschaft gehören wollen. 74% sagten, dass sie gerne oder sehr gerne
Teil von ihr sein wollen. 68% haben das Gefühl, dass sie bereits dazu
gehören. 81% von jenen, die vor zehn oder mehr Jahren ankamen, sind voll
akzeptierte Mitglieder dieses merkwürdigen Clubs, der sich israelische
Gesellschaft nennt. Sie sehnen sich in gewissem Masse nach ihren
Geburtsländern zurück, aber das gibt sich mit der Zeit. Für 97% ist die
Rückkehr zu Putin keine Alternative.
Der Anteil der Auswanderung unter diesen Einwanderern ist minimal. Das
wichtigste Ergebnis ist die Tatsache, dass 95% ihrer Kinder in Israel
geboren sind, für die Israel das Vaterland ist. Für sie sind Blau und
Weis die wichtigsten Farben geworden.
Die Zusammenfassung bezüglich der größten Einwanderungswelle in der
Geschichte Israels kommt zu einem positiven Ergebnis. Die eine Million
Einwanderer, die aus Russland kamen, bevor und nachdem der Staat
zerfiel, haben Israel voran gebracht. Sie haben sich in unserer Mitte
assimiliert und auch wir haben uns ihnen gegenüber assimiliert.
Diese gegenseitige Synthese ist schon immer ein Eckpfeiler der
israelischen Lebensfreude gewesen.
Keren Hayesod 07-01-2005
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