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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Interview mit Ira Leiboshitz-Silver, JAFI-Gesandte in Ekaterinburg:
Sicherung der jüdischen Erziehung und Werbung für die Aliyah

Der Alltag einer JAFI-Delegierten in Russland - Im tiefsten Winter jüdische Herzen für Israel erwärmen, Teil 2 des Interviews

Teil 1: Das tägliche Leben in der jüdischen Gemeinde

KH – Gibt es dort eine organisierte jüdische Gemeinde, mit einem Gemeindezentrum und Aktivitäten, die junge Menschen anziehen? Oder würde es dort kein jüdisches Gemeindeleben geben, wenn es die Jewish Agency nicht gäbe?

Ira – Zuerst, vor etwa 5, 7, 8 Jahren gab es dort kein solches Konzept wie eine jüdische Gemeinde. Juden lebten ihr eigenes privates Leben, verteilt über die gesamte Region. Sie haben erst vor kurzem Anstrengungen unternommen, um sich zu einer Gemeinde zusammenzuschließen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens gibt es einen Habad (Lubavitch), der überall in Russland sehr aktiv ist und sie leisten gute Arbeit. So wurde kurz vor Purim ein Gemeindezentrum übergeben. Es ist ein modernes Gebäude mit viel Platz, es gibt eine Turnhalle und einen Swimmingpool mit olympischen Ausmaßen wie auch viele Arten von Klubs. Bis dahin hatte Ekaterinburg keine derartige Einrichtung.

Klappt die Zusammenarbeit mit Habad?

Das hängt sehr vom Rabbiner ab, mit dem man zusammenarbeitet. Zum Beispiel versuchen wir in Ekaterinburg einen Modus Vivendi zu finden und wir sind ziemlich erfolgreich. Wir arbeiten auf der gleichen Wellenlänge wie der Rabbi, aber es gibt Orte wo dies weniger der Fall ist. Insgesamt ist es so, dass wir wissen, dass wir einen Weg zur Zusammenarbeit finden und miteinander auskommen müssen.

Wie steht es um die jüdische Erziehung, die bis vor 10 Jahren kaum existierte? Denn ohne eine gute jüdische Erziehung haben weder du noch deine Nachfolger einen Partner zur Zusammenarbeit.

Das ist wahr. Wir investieren viele Anstrengungen und Mittel in die jüdische Erziehung. Dazu hat die Jewish Agency einen weiteren hauptamtlichen Delegierten in Ekaterinburg, den Erziehungs-Shaliach, der mein Kollege ist. Natürlich ist sein Ziel ein wenig anders als meines, aber wir arbeiten auf diesem Gebiet zusammen. Um seine erzieherischen Ziele zu erreichen, organisiert er Seminare, Jugendclubs, Gruppen mit Intellektuellen – und ich nehme an vielen dieser Aktivitäten teil. Eigentlich gibt es drei Jewish Agency-Gesandte – den Missionsleiter und die beiden hauptamtlichen Schlichim (Aliyah und Erziehung). Es gibt ein Erziehungsprogramm mit dem Namen Heftziba, das vom Verbindungs- Büro geleitet wurde, aber es wurde von der Jewish Agency vor etwa 1,5 Jahren übernommen und es läuft sehr gut.

Gibt es eine jüdische Schule, um dieses Programm zu verwalten?

Ja, sie steht unter der Leitung von Habad. Meine Kinder gehen auf diese Schule. Sie ist Teil des Or Avner-Schulsystems, das überall im Land angewendet wird.

Was geschieht in den Or Avner-Schulen am israelischen Unabhängigkeitstag (Yom Haatzma'ut)?

Sie feiern ihn. Ich weiß nicht, wie dies woanders gehandhabt wird, aber es gibt im Or Avner-Erziehungsprogramm in Ekaterinburg und überall in der Region eine starke israelische Komponente. Sie gedenken des Holocaust und sie feiern besonders Yom Haatzma’ut. Der Rabbi selbst stammt aus Israel und zwar aus Kfar Habad. Er ist Israeli; er spricht Hebräisch wie auch seine Frau.

Wie funktioniert der Aliyah-Prozess? Interessieren sich die Menschen für die Aliyah, bitten sie die JA um einen Termin, wie entwickelt sich dies und mit welchen Themen und Problemen müssen sie sich befassen?

Erstens veröffentlichen wir die Aktivitäten der Jewish Agency.

Wie?

Wir schalten in der nationalen wie örtlichen Presse eine Anzeige, die von allen gelesen wird und allen ins Auge sticht. Wir haben an unserer Tür ein Schild, wir arbeiten in aller Öffentlichkeit.

Das ist interessant, denn in Frankreich zum Beispiel gibt es etwas derartiges wie eine Anzeigenschaltung in Zeitungen wie Le Monde oder Le Figaro nicht, über die Aliyah hört man durch andere. Es wird einfach nicht gemacht, es gibt jüdische Zeitungen und dort wird für die Aliyah geworben.

Wir sagen ja nicht, "komm, mach Aliyah". Die Jewish Agency ist als örtliche russische Organisation anerkannt, sie ist keine ausländische Einrichtung und sie ist rechtmäßig bei den russischen Behörden registriert. Wir Israelis sind hier nur als Berater tätig. Die veröffentlichen die Aktivitäten der Jewish Agency in einem jüdischen Zentrum, wo Menschen zusammenkommen können, um Vorträge zu hören,  um sich in verschiedenen Klubs mit Studenten, Intellektuellen, möglichen Olim und ihren Familien zu treffen. Was die Aliyah angeht, so veröffentliche ich Programme vor allem für junge Menschen. In Russland ist es sehr angesehen, im Ausland zur Schule zu gehen. Ich nehme an Messen für Universitätsausbildungsplätze teil – für Bewerber nach Oxford, Cambridge, Yale – und bringe Material über unser Sela-Programm mit. Ich befasse mich auch mit der Eingliederung von Berufstätigen wie Köche, Apotheker etc.

Ich war bei einem Eingliederungszentrum in Lod, wo es eine ganze Gruppe von Automechanikern gab, die nach dem Ende ihrer Ulpanzeit in Werkstätten in Lod und Ramle arbeiten werden.

Das ist ein Weg, wie man Menschen integrieren kann. Es ist sehr wichtig, bereits in der Vorbereitung die richtigen Schritte für sie einzuleiten, weil es für sie zu leicht ist nach Israel zu kommen, sie dort jedoch nicht zurechtkommen können. Es ist wichtig, sie vorzubereiten und dass sie Hebräisch lernen, bevor sie Russland mit dem Ziel Israel verlassen.

Ich möchte auf ein sehr schwieriges Thema eingehen, den religiösen Übertritt und die Stellung jener, die nach der Halacha keine Juden sind. Wie ist die Lage für diese Menschen, sie stellen ja einen großen Teil deiner "Kundschaft" dar, um es einmal so auszudrücken. Was geschieht mit ihnen und belegen sie wirklich Anfangskurse über Judentum während sie noch in Russland sind?

Dies sind Menschen, die nach dem Rückkehrergesetz nach Israel kommen – und dieses gilt bis in die 3. Generation. Ihre Rechtmäßigkeit ist eine Sache der israelischen Gesetze und wird nicht von der Jewish Agency festgelegt. Es gibt einen reisenden Konsul, der sich mit dieser Sache befasst, er hat sein Büro in Moskau und besucht uns alle 3-4 Monate, falls ich ihn nicht gesondert anfordere, um sich mit einer Jugendgruppe zu treffen. Deshalb haben die Menschen, die sich an uns wenden, bereits die konsularische Genehmigung erhalten. Natürlich gibt es darunter auch solche, die nach der Halacha keine Juden sind und ich treffe mich mit ihnen. Es ist eine sehr schwierige Situation und das Gespräch ist eine sehr persönliche Sache. Das Judentum ist letzten Endes keine Religion, die missioniert. Ich versuche ihnen lediglich mit äußerstem Takt klar zu machen, dass sie einen etwas anderen Status im Land haben werden und dass es einen Weg gibt, um dies zu korrigieren und sie sollen dem Klub beitreten, so wie sie sind.

Ich zwinge jedoch niemanden dazu, in dieser Hinsicht eine Entscheidung zu fallen. Ich erkläre ihnen alle ihre Möglichkeiten und sie fragen mich manchmal, wie das Leben in Israel für einen nicht halachischen Juden ist.  Ich erkläre ihnen, dass sie im Allgemeinen im Alltag Israels ihre Nichtjüdischkeit nicht spüren werden. Es gibt nirgendwo Benachteiligungen wenn man einen Arbeitsplatz sucht und es gibt nur drei Fälle, wo es auf die Halacha ankommt: Wenn ein Junge geboren wird und es beschnitten werden muss, wenn man heiraten will und man zum Rabbinat gehen muss und wenn man stirbt, aber das hat mit der jeweiligen Person nichts mehr zu tun. Aber dazu gibt es viele Lösungen. Junge Leute tun sich sehr leicht, sie kommen hierher und verstehen sofort, worum es geht. Sie wollen sich völlig integrieren und belegen meist in der Armee Übertritts-Kurse.

Ich weiß, dass ihr Ehemann Valery auch für die Jewish Agency arbeitet.

Ja, das ist richtig. Er ist der Assistent des Missionsleiters und arbeitet in Public Relations. Valery ist auf diesem Gebiet sehr erfahren, er arbeitete in Russland als Journalist und er verfügt über viele Beziehung, die er jetzt anwendet. Er ist sehr erfolgreich. Aber er ist die meiste Zeit weniger beschäftigt als ich und deshalb kümmert er sich oft um die Kinder.

Über den normalen Stress hinaus, dem du in deiner Arbeit ausgesetzt bist, gibt es, soweit ich weiß, als Aliyah-Gesandter einen weiteren Stressfaktor.

Das stimmt, wir hören immer die Nachrichten und achten darauf, ob es nach Terror-Anschlägen oder bei IDF-Einsätzen Opfer unter den Einwanderern gegeben hat. Denn dann müssen wir die Familien der Opfer benachrichtigen. Das ist ein schrecklicher Stresszustand.

Ich hoffe, dass du dieser Erfahrung noch nicht ausgesetzt warst.

Noch nicht bis jetzt darf ich glücklicherweise sagen.

Ich habe einmal gelesen, dass der Konsul in der israelischen Botschaft in Moskau residiert und deshalb der Repräsentant der Jewish Agency derjenige ist, der die Familie eines Opfers aufsuchen und informieren muss.

Er hat einen Psychologen bei sich. Ein Kollege, der diese Erfahrung mitmachen musste, hat mir davon erzählt. Es ist schrecklich. Es ist etwas, das dir dein ganzes Leben lang im Bewusstsein bleibt.

Hoffen wir, dass dir solche Erfahrungen erspart bleiben mögen. Ira, danke für deine Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Teil 1: Das tägliche Leben in der jüdischen Gemeinde

Keren Hayesod 04-06-2005

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem