israel-tourismus.de / nahost-politik.de / zionismus.info / hagalil.com
Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Der Alltag einer JAFI-Delegierten in Russland:
Im tiefsten Winter jüdische Herzen für Israel erwärmen

Interview mit Ira Leiboshitz-Silver, JAFI-Gesandte in Ekaterinburg, eine ehemalige KH-UIA-Mitarbeiterin

Das Interview besteht aus zwei Teilen. Zunächst veröffentlichen wir den ersten Teil, in dem Ira ihr tägliches Leben beschreibt sowie das Gebiet in Russland, in dem sie als Delegierte der Jewish Agency arbeitet. Im 2. Teil des Interviews berichtet Ira über ihre Aktivitäten auf den Gebieten der Erziehung und Aliyah-Werbung

Teil 1: Das tägliche Leben in der jüdischen Gemeinde

KH – Ira, erzähle uns etwas über dein Leben: woher du kommst, wann die nach Israel ausgewandert bist, die Stellen, die du beim Keren Hayesod und bei anderen Organisationen bekleidet hast.

Ira (I) – Ich wurde in Moskau geboren, wo ich aufgewachsen bin und bis zum Alter von 24 Jahren meine Ausbildung erfuhr. Ich erwarb an der dortigen Universität mein Diplom, in den Bereichen Sprachwissenschaften und Fremdsprachen. Nach dem Diplom arbeitete ich beim Radio während der „Perestroika-Periode“ als Produzent. Dies war eine Zeit großer und dramatischer Veränderungen, in der die Kontrolle der Regierung zurückging, auch im Radio. Ich war Teil einer neuen russischen Generation, die Geschmack an der Demokratie gefunden hatte. Nachdem ich etwa 18 Monate beim Radio gearbeitet hatte, machte ich Aliyah. Ich hatte Mitarbeiter des Keren Hayesod in Moskau vor meiner Aliyah kennen gelernt, als mein Ehemann im Moskau-Büro der Jewish Agency arbeitete, das in den frühen 90er Jahren eröffnet worden war.

Im Jahre 1991 hatte in Moskau eine Keren Hayesod-Konferenz stattgefunden und das Büro der Jewish Agency hatte mitgeholfen, diese zu organisieren. Da ich zur Mitarbeit eingeladen wurde, bot sich mir die Gelegenheit, einige der KH-Mitarbeiter kennen zu lernen, die an der Durchführung dieser Konferenz beteiligt waren. So ergab es sich, dass mir, als wir sechs Monate später Aliyah machten, eine Stelle im Hauptbüro des Keren Hayesod in Jerusalem angeboten wurde und ich bin nunmehr seit 11 Jahren beim Keren Hayesod tätig. Ich begann in der Missions-Abteilung und betreute zuerst einzelne Gäste, die Israel besuchten und ich wurde später ein Missions-Koordinator. Vor sechs Monaten wurde ich zur Jewish Agency-Gesandten in der früheren Sowjet-Union ernannt.

Wir baten nicht nur deshalb um das Interview weil du ein Mitglied unserer Keren Hayesod-Familie bist, sondern auch deshalb, weil du deine Shlichut in einem ungewöhnlichen Ort ableistest. Wenn wir an die Aliyah aus einem Mitgliedstaat der unabhängigen Staaten (CIS), vor allem aus Russland, denken, dann konzentrieren wir uns natürlich auf Moskau oder St. Petersburg. Du arbeitest jedoch in einem anderen Teil der früheren Sowjet Union. Wir würden gerne wissen, wo sich dieses Gebiet befindet und wie dort dein tägliches Leben aussieht.

Nun, als erstes arbeite ich in Ekaterinburg, der drittgrößten Stadt in Russland nach Moskau und St. Petersburg. Geographisch gesehen liegt die Stadt im Ural, auf der Trennlinie zwischen dem asiatischen und europäischen Teil von Russland. Man könnte sagen, dass ich „auf dem Zaun lebe“. Wir sprechen über ein Gebiet von riesiger Ausdehnung, in das man nach einem zweieinhalbstündigen Flug östlich von Moskau gelangt. Als geborene Moskauerin hätte ich mich nie für diese Region interessiert. Für uns war dieses Gebiet provinziell und extrem zurückgeblieben. Dies ist mein erster Kontakt mit diesem Gebiet von Mütterchen Russland, um es einmal so auszudrücken und es ist sehr interessant. Die Stadt selbst ist riesig mit 1,5 Millionen Einwohnern von denen etwa 14000 Juden sind.

Ekaterinburg ist nicht nur die drittgrößte Stadt in Russland, sie ist auch als kulturelles Zentrum sehr angesehen. Sie hat berühmte Theater, die für die Bühnen von Moskau und St. Petersburg ihre besten Schauspieler bereitstellt. Schauspieler fühlen sich geehrt, wenn sie in Ekaterinburg Erfolg haben, dadurch wurde die Stadt zu einem sehr angesehenen Kulturzentrum. Da ich den Arbeitsbereich der Jewish Agency leite, bin ich für weitere 10 Städte in der Umgebung verantwortlich.

Wie zum Beispiel?

Chelyabinsk, Magnitogorsk, Perm, Tyumen – die letztere Stadt hat umfangreiche Ölreserven und gleicht Zürich, sie ist voller Banken – eine Bank nach der anderen. Sie ist reich an Rohstoffen wie Öl und Gas, die eine bedeutende Schwerindustrie entstehen ließen, damit jedoch die Region ökologisch verkümmern lässt. Es ist jedoch eine sehr reiche Gegend mit einer riesigen wirtschaftlich-sozialen Lücke – sehr viele arme Menschen neben einer kleinen Schicht von außergewöhnlich wohlhabenden Industriellen (wirklichen Oligarchen). Die weitest abgelegene Stadt ist mit dem Auto in etwa 8 Stunden zu erreichen. Es gibt eine weitere Stadt, die 10 Stunden entfernt liegt und um dorthin zu gelangen, muss ich fliegen.

Gib uns einen Eindruck von der Stadt und der Region aus einer jüdischen Perspektive.

Kurz gesagt, diese Region ist alles andere als eine jüdische Ansiedlung. Juden kamen erst vor kurzem hierher. Vor etwa 200 Jahren siedelten sich die ersten Juden hier in diesem Gebiet an, aber der größte Teil der jüdischen Bevölkerung kam hier während der Sowjet-Ära an, wo sie Industrie und Fabriken aufbauten und damit kamen auch Hochqualifizierte an. Darüber hinaus war dies ein Ort, in den Menschen von Stalin im 2. Weltkrieg verschickt wurden, außerdem wurden hierher alle möglichen Fabriken aus westlicher gelegenen Gebieten umgesiedelt. Damit wurde auch gleichzeitig die ausgebildete Facharbeiterschaft umgesiedelt – und blieb an diesem Ort.

Sind Juden in dieses Gebiet geflohen, auch wenn sie keine Fabrikarbeiter waren?

Ja, das war der Fall. Es fand ein umfangreiches Evakuierungs-Programm statt, in dessen Verlauf Menschen in das Ural-Gebiet gebracht wurden und auch diese blieben. Dies ist die Grundlage für die Ansiedlung in der Region, besonders in Ekaterinburg. Natürlich gibt es hier auch Akademiker aus vielen verschiedenen Bereichen, davon sind viele Juden. Diesen Menschen geht es wirtschaftlich sehr gut und es ist schwierig, sie zum Umzug zu bewegen; sie fühlen sich hier sehr wohl.

Wie viele gibt es von ihnen in der Stadt und in der Region?

Es gibt 13,000 – 14,000 in Ekaterinburg, hingegen leben in der gesamten Region etwa 40,000 – 60,000. Ich rede von jenen, die zu einer Einwanderung nach Israel berechtigt sind.

Nicht notwendigerweise nach der Halacha definierte Juden.

Unsere Zielgruppe in der Bevölkerung sind jene, die nach dem Rückkehrergesetz dazu berechtigt sind.

Und war arbeiten auf der Basis dieses Rückkehrergesetzes. Wir werden auf dieses Thema noch zurückkommen, aber vorerst beschreibe uns deinen Arbeitstag.

Mein Arbeitstag beginnt wie folgt. Auf meinem Weg zur Arbeit stelle ich mir gedanklich zusammen, was ich tun muss und in welcher Reihenfolge. Bis ich das Büro erreicht habe, ist in meinen Gedanken alles geordnet. Dann bricht das Dach zusammen und alles wird aus dem Fenster geweht, die Ordnung ist dahin. Im Prinzip reise ich 3 bis 4 Mal pro Monat zu verschiedenen abseits gelegenen Städten und Orten und verbringe dort jeweils 2-3 Tage. Wir sprechen hier von großen Entfernungen, die überbrückt werden müssen. Normalerweise reise ich im Auto. Ich treffe mit Menschen zusammen. Jede dieser Städte und Orte hat eine kleine Vertretung mit einem Koordinator – der meiner Verantwortung untersteht. Ich habe etwa 20 Koordinatoren in der gesamten Region und ich stehe mit allen in täglichem Kontakt. Sie sind unser Vor-Ort-Personal, das direkt mit der Öffentlichkeit in Verbindung steht. Wenn sich eine geeignete Gruppe von Olim gebildet hat oder ein gewisses Programm erstellt worden ist, wie „das erste Heim in Israel“, reise ich direkt zu den jeweiligen Orten, um mich mit den Menschen zu treffen, ihnen gewisse Richtungen vorzugeben, ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten auszuloten und sie zu informieren, wie sie sich auf die Lebensbedingungen in Israel am besten einstellen können. Dies sind eigentlich nur Orientierungstreffen. Im Prinzip haben wir viele verschiedene Programme für junge Menschen und ich investiere persönlich viel Zeit, Energie und Mittel darin, Jugendliche für die Na’aleh und Sela-Programme zu gewinnen, weil sich die letzteren Programme in den vergangenen Jahren als erfolgreich erwiesen haben und ich glaube, dass diese höchste Priorität genießen sollten. Es ist es wert, diese Jugendlichen nach Israel zu bringen, denn sie haben einen unschätzbaren Wert für das Land.

Wir nähern uns dem Ende dieses Teils unseres Interviews. Schildere uns, wie deine Arbeitsbedingungen aussehen. Du weißt, viele Menschen glauben, dass das Leben eines Jewish Agency-Delegierten sehr dem Leben eines Diplomaten ähnelt – immer bei Empfängen und Cocktailparties. Aber bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zu arbeiten ist alles andere als Spaß und ein leichtes Spiel.

Ich werden euch einen Eindruck von meinen Arbeitsbedingungen vermitteln Ich erwähnte, dass ich durchschnittlich drei Reisen pro Monat zu abgelegenen Städten und Orten unternehme, die jeweils Hunderte von Kilometern nur in eine Richtung betragen. Ich fahre nicht selbst, ich habe einen Fahrer. Er ist ein ortskundiger Mensch und sehr erfahren, was die Strassen betrifft. Ich bin völlig auf ihn angewiesen. Manchmal fahren wir bei stürmischem Wetter und einmal war die Sicht gleich Null, so dass ich kaum sehen konnte, wohin wir eigentlich fuhren. Aber ich vertraue ihm völlig. Es wird sehr früh dunkel, manchmal im Winter bereits gegen 16 Uhr und die Temperatur fällt weit unter Null Grad. Erst vor kurzem habe ich erfahren, dass der Fahrer im Kofferraum des Autos für mich ein großes Schafsfell mit einem riesigen Kragen und ein paar widerstandsfähige Stiefel mit sich führt. Ich habe mich beim Anblick dieser beiden Kleidungsstücke gewundert und mich gefragt, warum er sie mit sich führte. Ich benötigte sie nicht für meine Treffen. Aber mein Fahrer erklärte mir, dass wenn wir auf der Strasse liegen bleiben sollten, würde das Auto sehr schnell auskühlen, dies würde nur 5- 10 Minuten dauern, und es würde im Auto so kalt werden wie außerhalb bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Ich würde ohne Zweifel erfrieren, bevor Hilfe käme. Ich wurde mir plötzlich der Gefahren bewusst, die auf den Strassen lauerten, wir könnten leicht inmitten der schneebedeckten Felder stecken bleiben. Obwohl wir Mobiltelefone haben war diese Möglichkeit doch etwas, das mich erzittern ließ.

Die durchschnittliche Temperatur im Winter beträgt 12-15 Grad unter Null. Die kälteste Temperatur, der ich im letzten Jahr ausgesetzt war, lag bei minus 29 Grad.

In dieser Kälte geht man nicht aus dem Haus.

Natürlich nicht. Wir springen vom Haus direkt ins Auto und vom Auto direkt ins Büro. Das ist es. Wenn wir in einer abgelegenen Stadt sind, steht mein Fahrer mehrere Male in der Nacht auf, wenn das Auto draußen geparkt ist, um den Motor anzulassen und das Auto aufzuwärmen. Andernfalls würde das Auto am Morgen nicht anspringen. Er hat mir das vor kurzem erzählt, ich wusste davon nichts.

Ira, erzähle uns etwas von deinen beiden Kindern. Ich kann mir vorstellen, dass für sie, die in Israel geboren wurden (Sabras), am Mittelmeer aufgewachsen sind, mit viel Sonne und auf einem Moshav gelebt haben, diese Veränderung schwierig gewesen sein muss, auch wenn sie Russland von zuhause her kennen und russisch sprechen.

Die örtliche Veränderung war nicht leicht für sie, weil sie, wie du richtig betont hast, Sabras sind, sie sind in Israel geboren und dort zur Schule gegangen. Die meiste Zeit haben sie in einem Moshav verbracht, in der Natur, wo sie meist barfuss unterwegs waren. In Russland sind sie an das Haus gebunden, weil es draußen 15 Grad unter Null ist. Sie anzuziehen, bevor sie nach draußen gehen, ist fast eine militärische Übung und nimmt mehr als 10-15 Minuten in Anspruch. Sie müssen gefütterte Hosen und Jacken anziehen, eine gefütterte Mütze, hochwertige Stiefel mit dreifach unterlegten Sohlen. Sie müssen im Haus oder in der Schule bleiben und die vier Wände anstarren. Dies ist alles sehr neu für sie. Es hilft, dass die beiden anderen Gesandten auch Kinder im gleichen Alter wie die unseren haben und dass diese ebenfalls Sabras sind.

>> Fortsetzung folgt auf der KH-Website

Keren Hayesod 26-05-2005

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem