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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Förderung des Selbstvertrauens für äthiopische Kinder in Israel:
Kräftemessen am Schachbrett

Von Uri Ess, Ha'aretz, 06. 08. 2003

Beni Lalishu, 12, der dem ersten israelischen Schachklub für Kinder äthiopischer Herkunft angehört, der in Beit Shean gegründet wurde, ist von dem Spiel wirklich begeistert. Er kennt es von zu Hause, aber "wir nannten den Ritter und den Turm 'Prinz und Prinzessin'". Ihr Lehrer, Alex Reichok, ein früherer Jugend-Schachmeister aus Weissrußland, hofft, den Kindern damit ein Gefühl für Kampf und Erfolg zu vermitteln, wobei er darauf achtet, dass sie keine "herzzerbrechende Verluste" erleiden.

Afula - Bevor Alex Reichok, 29, aus Afula, vor 13 Jahren nach Israel einwanderte, war er der Jugendschach-Meister von Weissrußland. Heute ist der er Vorsitzende der Schachgruppe des Vereins in Afula, die in der National-Liga von Israel spielt, und er ist Anwärter auf den Titel eines Schach-Meisters. Aber er zweifelt daran, dass er das wiedergewinnen kann, was er verlor als er Aliyah nach Israel machte. "Zu dieser Zeit spielte ich auf höherem Niveau als heute; dennoch, als ich sah, welcher Spielgrad in Afula gespielt wurde und begriff, dass es am wichtigsten war zu lernen, tat ich das," sagt er und er hat diesen Schritt anscheinend nicht bereut.

Yitzhak und Beni Lalishu wanderten kurz nach Reichok in Israel ein – sie kamen direkt aus Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien. Yitzhak war damals zwei Jahre alt gewesen und sein Bruder Beni war noch ein wenige Monate altes Baby. Am späten Freitagmorgen sitzen sie mit ihrer Schwester Yerushalayim, ihrem Bruder Haim und drei anderen Kindern äthiopischer Herkunft an Kunststofftischen im Beit Shean - Cleveland Haus. Auf den Tischen sind Schachbretter aufgestellt, vor ihnen sitzen Schachspieler. Dies ist die die Fortgeschrittenen-Gruppe von Israels erstem Schachclub für äthiopische Kinder. Reichok hat ihnen in den vergangenen sechs Monaten das Spiel der Könige beigebracht, auch wenn er keine professioneller Schachausbilder ist. Vielleicht wird sich einer von ihnen von seiner Schachbegeisterung anstecken lassen und seinen Traum verwirklichen – der Traum eines früheren Meisters, der sich in Luft auflöste, als er Aliyah machte. "Ich hoffe, ich kann ihnen das Spiel vermitteln, und vielleicht wird einer von ihnen Berufsspieler", sagt Reichok.

Eine Quelle der Freude

Gegenwärtig weist der Schachklub nur Kinder auf, die entweder selbst oder mit ihrer jeweiligen Familie aus Äthiopien eingewandert sind. "Mein Ehrgeiz ist es, dass sich die anfängliche Kernmannschaft ganz aus äthiopischen Kindern zusammensetzt, so dass unsere Gemeinschaft darauf ganz besonders stolz sein kann", sagt Oshrat Barel, von der Beit Shean Gemeinschafts-Stiftung, auf deren Initiative der Club gegründet wurde. "Sie müssen sich einen Vorteil verschaffen", behauptet sie, "denn ich weiß von den anderen Dingen, die ich mit ihnen mache, dass sie sich davor fürchten auf andere Kinder zu treffen, die mehr können als sie. Ich wollte nicht, dass ihnen Kinder aus der früheren Sowjet-Union, die von zu Hause aus Schach bereits im Alter von 4 Jahren gelernt hatten, die Schau stehlen. Ich wollte, dass die Äthiopier das Privileg haben die besten zu sein – nachdem sie untereinander ein Jahr gespielt haben, werden sie sich vor niemanden mehr fürchten – sie werden diejenigen sein, nach denen sich andere zu richten haben."

"Wir werden sie auf ein Niveau bringen, wo sie gegenüber Kindern ihrer Altersgruppe bestehen können, und wo sich vor Kindern mit einem höheren Spielniveau nicht ängstigen müssen", fügt Reichok hinzu. "Es gibt hier Kinder aus der früheren Sowjet-Union, die mit der Erfahrung hier ankamen, Schach bereits zuhause gespielt zu haben. In der Sowjet-Union ist dies eine politische Sache – der Sieg in einem Schachspiel ist wie die erfolgreiche Reise in das Weltall."

Dies mag sich wie ausgleichende Diskriminierung anhören, aber, wie Barel betont, "das trifft die Sache nur insofern, als wir ihnen ihren eigenen Platz einräumen, denn es ist etwas Neues, mit dem sie von Null beginnen. Niemand in Israel hat uns bisher herausgefordert. Dennoch muss klar sein, dass die Anforderungen und das Niveau sehr hoch angesetzt sind."

Der Schachklub wird mit Mitteln finanziert, die einer Spende von Gershon Segelman aus Tel Aviv entstammen, die von der Zionismus 2000 – Organisation überwiesen worden waren im Rahmen des "GIB EINEM KIND
EINE HAND"-Projektes, das im ganzen Land durchgeführt wird. Die Idee für den Schachklub entstand rein zufällig während einen der vielen Besuche von Barel bei Abara Lalishu, dem Vater von Yitzhak (14), Beni (12), Yerushalayim (10½), der am Jerusalem-Tag geboren wurde, und Haim (7). "Ich konnte mit ihm überhaupt nicht sprechen", erinnert sich Barel, "weil er mitten in einem Schachspiel mit Haim vertieft war. Ich dachte, dass wenn dies so bei der Lalishu-Familie war, dann war das vielleicht auch bei anderen Familien so. Und auch wenn dies nicht der Fall gewesen wäre – wenn die Lalishu – Kinder Schachspielen gelernt hatten, dann könnten dies alle anderen Kinder auch. In jeder Wohnung, die ich besuchte, fand ich heraus, welche Spiele zuhause gespielt wurden und ich schlug auch Schach vor. Ich sprach mit allen Eltern und 18 Kinder wollten sich an einer Schachgruppe beteiligen." Sechs Monate vor der Gründung des Klubs hatten wir acht Kinder in der Anfänger-Gruppe und sieben bei den Fortgeschrittenen.

"In Äthiopien ist an Schach nichts besonderes," sagt Abara Lalishu, während seine Kinder an den benachbarten Tischen spielen, "überall – in Hotels und Cafes – findet man Dame- Schach und andere Spiele. Ich glaube, dass viele Äthiopier Schach spielen können. Den Einwohnern von Addis Abeba ist das Spiel vertrauter als den Dorfbewohnern", stimmt er zu, "aber die Dorfbewohner kennen dafür andere Dinge besser als die Einwohner von Addis Abeba. Ich habe Schach in Addis gelernt; wir spielten es dort genauso wie die Kinder, die es jetzt spielen", sagt er und zeigt dabei auf seine Kinder und ihre Freunde.

Während seines langen Dienstes in der äthiopischen Marine, in einer Region, die heute als Eritrea bekannt ist, verbrachte Lalishu die Zeit damit, indem er verschiedene Zeit mit seinen Freunden spielte. "Dame, Karten und Würfelspiele, aber Schach war das beste Spiel von allen. Es fordert Deinen Verstand und Deine Konzentration heraus. Es öffnet dir Deinen ganzen Kopf, wie ein Computer. Es ist nicht nur ein Spiel wie viele andere", erklärt er begeistert, "ein Mensch, der die ganze Zeit über denkt, öffnet seinen Geist für andere Dinge."

Lalishu hat sich über Barels Initiative gefreut "die Äthiopier genauso wie die Israels voranzubringen. Wenn man bestimmte Mahlzeiten nicht kennt, dann isst man sie nicht. Aber wenn man sie einmal genossen hat – dann hört man nicht auf, sie zu essen. Wir sind die ersten und das verbessert die Chancen. Aus ganzem Herzen möchte ich, dass meine Kinder im Schach Fortschritte machen und sowohl in Israel wie im Ausland erfolgreich sind."

Reichok glaubt daran, dass sie eine Chance haben: "Vom reinen Standpunkt der Fähigkeiten gesehen, gibt es keinen Unterschied zwischen ihnen und Kindern, die aus anderen Ländern als Äthiopien eingewandert sind. Es ist vielmehr so, dass einige von ihnen besonders talentiert sind. Es ist für sie sehr wichtig, jetzt zu lernen, so dass sie erfolgreich sein werden. Die Gruppe hat etwas Probleme mit der Konzentration und dem Durchhaltevermögen, aber Schach ist genau das richtige Spiel, um diese Fähigkeiten zu entwickeln. Ich kann bereits jetzt sehen, dass sie sich über längere Zeiträume konzentrieren können, als zum Zeitpunkt, an dem sie mit dem Spielen anfingen."

Wie im richtigen Leben

Reichok ist verheiratet und Vater eines fünfjährigen Jungen. Er arbeitet als Elektronik-Ingenieur bei Elbit. Er schloss sich dem Schachklub an, nachdem die Schach-Vereinigung an ihn herangetreten war, einen Schachklub in Afula zu gründen. "Mir wurde gesagt, dass es dort eine Gruppe von äthiopischen Kindern gab, die an Schach interessiert waren und erschien mir wie eine große Herausforderung, denn bis auf den heutigen Tag warte ich darauf, auf einen äthiopischen Einwanderer in einem Schachwettbewerb zu treffen," erinnert er sich. "Ich glaubte, dass es sehr wichtig war, sie mit Schach in Berührung zu bringen, weil ich mir über die damit verbundenen Vorteile in jeder Altersgruppe im Klaren bin. Es ist das in der Welt verbreiteste, älteste und bewundertste Strategie-Spiel. Es fördert auch die Entwicklung vieler Qualitäten bei Kindern – Gedächtnis, strategische Fähigkeiten, Logik, Konzentrationsvermögen, Durchhaltevermögen, Siegeswillen und sogar Leservermögen", sagt Reichok mit glänzenden Augen. Für ihn stellt das Schachbrett und das, was sich darauf ereignet, das Leben selbst dar. "Es gibt viele Züge im Leben, die dem gleichen was sich auf dem Schachbrett ereignet und das Spiel lehrt einem, einen abgestuften Strategieplan zu entwickeln, den besten aller möglichen Züge zu wählen, zu entscheiden, was geopfert werden kann und welchen Preis man für seine Entscheidung zu zahlen bereit ist."

Natanel Almo, fast 13 Jahre alt, Mitglied der Gruppe für Fortgeschrittene, kannte das Schachbrett bereits vor seiner Mitgliedschaft im Klub, aber "ich würde Züge wie diese machen" – lächelnd demonstriert er ungewöhnliche Züge auf dem Brett – "und wende dabei besondere Spielweisen an. Ich habe sie vor langer Zeit von einem Freund gelernt." Beni Lalishu erlernte das Spiel von seinem Vater, Abara. "Ich wusste, wie man spielt, aber ich kannte die Namen der Schachfiguren nicht. Wir nannten den Ritter und den Turm ‘Prinz und Prinzessin’." Es scheint, als habe sich Reichoks Begeisterung auf die Kinder übertragen. "Jedes Spiel ist am Anfang interessant, wenn man es lernt", erklärt Beni, "und Schach ist wie ein richtiger Krieg – weil man einen König und eine Königin hat, es gibt Tote und Figuren werden 'gefangen'. Außerdem ist ein leichtes Spiel etwas langweilig und Schach ist interessanter als Dame, wo man nicht so viel nachdenken muss."

"Wir lieben es, Schach zu spielen, aber aus Spaß," sagt Yerushalayim, und demonstriert es auf dem Schachbrett, "nicht betrügen, nicht einen Zug machen und dann sagen, dass man sich nicht bewegt hat." "Man entwickelt Geduld, Respekt für die andere Person," fügt Yitzhak hinzu, "weil es ein langes Spiel ist, bei dem man gründlich nachdenken muss, auch über die Züge des Gegners."

Während der Sommer-Ferien konzentriert sich Reichok darauf, mit den Fortgeschrittenen zu arbeiten, sie auf die Teilnahme der regionalen Kinderwettbewerbe vorzubereiten oder sogar für die Teilnahme der unteren Stufe der Erwachsenen-Wettbewerbe, die am Ende des Jahres eröffnet werden. "Wir wollen ihnen ein Gefühl für den Kampf und den Erfolg vermitteln. Sogar jetzt versuche ich, ihnen etwas Kampfgeist und Adrenalin zu vermitteln, aber nicht zuviel, denn es schmerzt den Kindern, wenn sie verlieren. Wir machen sie mit der offiziellen Spielform mit einer Zeitnehmer-Uhr vertraut", sagt Reichok, der im voraus plant.

Vor einiger Zeit besuchte eine Gruppe von Kindern aus Tivon den Klub, um mit den Fortgeschrittenen zu spielen. "Wir konnten nicht viel gegen sie ausrichten", erzählt Yitzhak, "aber das machte nichts. Das wichtigste für alle ist es, Schach zu lernen." Wann immer sie gefragt werden, warum ihre Gruppe nur aus äthiopischen Kindern besteht, haben sie eine einfache Antwort: "Weil wir die ersten in Israel sind. Es gibt nicht viele Äthiopier bei Wettbewerben: sehr wenige im Fußball und bisher keinen einzigen im Schach."

Keren Hayesod 30-09-2003

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem