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Zu Simchat Torah: Eine zweifache Rettungs-Geschichte voller Mut und Waghalsigkeit:
Wie eine Familie und ihre vier Torah-Rollen den Weg von Syrien nach Israel fanden

Von Shifra Paiken, Jewish Agency für Israel, Oktober 2003

Die Bürger Israels sind an die großen Feiern gewöhnt, die jeweils an Simchat Torah stattfinden, wenn die Torah-Rollen aus den Wandeinlässen herausgenommen werden und die Gläubigen in langen Zügen voller Freude mit den heiligen Schriftrollen durch die Strassen ziehen. Reuven Shimon, der in der Jerusalemer Katamon-Wohngegend lebt, wird den Feiertag mit seiner Familie in der örtlichen Synagoge begehen und dankbar sein für die Möglichkeit, mit den Schriftrollen in aller Öffentlichkeit tanzen zu können. Und Hunderte von weiteren Juden werden die vier Torah-Rollen vor sich her tragen, die Reuven aus Syrien herausgeschmuggelt hat, eine Tat voller außergewöhnlichen Mutes, der Waghalsigkeit und im Vertrauen auf seinen Glauben.

Die Geschichte begann, als im Frühling des Jahres 1992 der damalige syrische Präsident Assad verkündete, dass die Juden des Landes die Erlaubnis erhalten würden, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Wie die meisten Juden seiner Gemeinde beantragte auch Reuven Shimon, ein junger Vater von sechs Kindern aus Aleppo, die Genehmigung für seine Familie, auswandern zu dürfen. Nach einer aufregenden Wartezeit von sechs Monaten wurde der Antrag genehmigt – für Reuven und drei seiner Kinder. Als sich drei Monate voller frustrierender Verhandlungen mit dem Innenministerium als sinnlos erwiesen, schenkte Reuven dem zuständigen Büromitarbeiter ein goldenes Armband. Am nächsten Tag erhielt die gesamte Familie die Erlaubnis zur Ausreise.

Aber Reuven war besorgt: "Mein Vater hatte mir gesagt, nur nach Eretz Yisrael, nach Jerusalem zu gehen." Damit begann sich in seinen Gedanken ein Plan zu entwickeln.

Er suchte die türkische Botschaft auf und bat um ein Einreisevisa in dieses Land. "Sie haben nur die Erlaubnis, in die Vereinigten Staaten auszuwandern," teilte ihm der Büroangestellte mit. Er bat darum, den Botschafter sprechen zu dürfen, dem er sich anvertraute: "Ich habe einen Bruder, der vor 35 Jahren in die Türkei ausgewandert ist. Er hat eine türkische Frau geheiratet und es ist sehr wichtig für mich, ihn zu finden." Widerstrebend stellte ihm der Botschafter ein Visa aus und warnte ihn: "Du bist der erste und der letzte Jude, dem ich ein Visa ausstelle."

Reuven begab sich zum Gebet in seine Synagoge, deren glorreiche Tage bereits hinter ihr lagen, weil die jüdische Gemeinde immer kleiner geworden war. Er betrachtete die wundervollen Torah-Rollen, von denen jede etwa 140 Jahre alt war und die ein kleines Vermögen wert waren. "Ich möchte eine davon nach Israel mitnehmen," dachte er sich. Er kehrte in der gleichen Nacht zurück und mit stillschweigender Zustimmung des Haham (Rabbi) entnahm er eine Rolle aus dem Wandeinlaß. Er rieb zuerst eine Wachskerze über einige der Buchstaben, um die Torah als "beschmutzt" auszugeben, denn nach dem jüdischen Glaubensgesetz darf eine intakte Torah-Rolle nur von einer Stelle zu einer anderen bewegt werden, wenn ein Minyan anwesend ist, ein Quorum von zehn Männern.

Er konnte die ganze Nacht über nicht schlafen. "Gott wird mir beistehen," dachte er sich. In der folgenden Nacht ging er wieder zur Synagoge und tat das Gleiche wie in der vorigen Nacht, er entnahm eine weitere Torah-Rolle. Und in der nächsten kam er wieder. Und in der folgenden erneut. In vier Nächten hatte er vier Torah-Rollen zu sich nach Hause genommen. Er verbarg jede einzelne Torah in einem Koffer unter neue Bekleidung, die er gekauft hatte.

Mit insgesamt 12 Koffern bestiegen Reuven, seine Frau und seine sechs Kinder die Busse nach Istanbul und verließen so das Land, in dem ihre Familien Hunderte von Jahren gelebt hatten. Als die Busse die Syrisch-Türkische Grenze erreicht hatten, schaute der Grenzwächter Reuven mißtrauisch an. Er lehnte seine Papiere und angebotenen Bestechungen ab und bestand darauf: "Alle Koffer öffnen". "Ich begann zu zittern", erinnert sich Reuven. Einen Koffer nach dem anderen öffnete der Grenzbeamte und durchsuchte diese gründlich. In jenen Koffern, in denen die Torah-Rollen verborgen lagen, suchte er besonders sorgfältigt. "Gesegnet sei Er, der die Toten wiedererweckt," sagte Reuven leise. Und er händigte dem Wächter bereitwillig das Bestechungsgeld aus, das dieser nunmehr verlangte.

Nach einer 35stündigen Busreise kamen sie in Istanbul an. Es war bereits spät in der Nacht, aber kaum hatte er seine Familie im Hotel untergebracht, nahm Reuven ein Taxi und fuhr zum israelischen Konsulat. "Ich war daran gewöhnt, im syrischen Fernsehen zu sehen, wie die israelische Flagge verbrannt oder darauf herumgetrampelt wurde," erinnert er sich. "Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eine unversehrte israelische Fahne. Ich stand 15 Minuten lang da und schaute sie an."

Er betrat das Gebäude und machte sich auf den Weg zu den Büros des Konsulariats. Aber alles war dunkel und geschlossen. Aber er merkte nicht, dass ihn jemand beobachtete. Plötzlich öffnete sich ein kleines Fenster und eine Stimme fragte, "wer sind Sie?"

"Ich bin ein Jude und ich bin soeben aus Syrien hier angekommen," antwortete er. Der erstaunte Konsul trat heraus und bat ihn darum, ein Gebet zu zitieren. Er sagte das Shma Yisrael auf, aber, immer noch mißtrauisch, bat ihn der Konsul um ein weiteres Gebet. "Elokai neshama sheyatzarta bi tehora hi" (Mein G-tt, die Seele, die Du in mir geschaffen hast, ist rein), antwortete Reuven. Erst als er auch noch die Mezuza identifizierte, war der Konsul zufrieden und bat ihn, einzutreten. Reuven erzählte ihm die Gesichte seiner wundersamen Flucht und sagte ihm, dass er Verwandte in Kiryat Ata (bei Haifa) habe. Er sagte, dass er nach Jerusalem ziehen wolle. Der Konsul gab ihm etwas Geld und sagte ihm, dass er in das Hotel zurückgehen sollte.

Der Konsul kontaktierte ihn kurz darauf und wies ihn darauf hin, dass Vorbereitungen getroffen worden seien, ihn nach Kiryat Ata zu bringen. Reuven sträubte sich dagegen: "Nur Jerusalem."

Nach einigen Tagen, in denen sich nichts bewegte, kontaktierte einer von Reuvens Verwandten in Israel einen Mitarbeiter der Jewish Agency. Dieser rief Yona Betzaleli an, den Leiter der Gewerkschaft der Mitarbeiter der Jewish Agency, und erzählte ihm vom Problem der Familie. Kaum hatte Yona von der Geschichte gehört, leitete er Maßnahmen ein, dass die Familie der Syrischen Juden im Eingliederungszentrum untergebracht wurde, das von der Jewish Agency in Mevasseret Zion geleitet wird, das wiederum im Vorstadtbereich von Jerusalem liegt.

Am Ben Gurion-Flughafen wurde Reuven von einem Fremden angesprochen, der von der wagemutigen Rettung der Torah-Rollen gehört hatte. "Ich möchte sie Ihnen abkaufen", sagte er und reichte Reuven einen unterschriebenen Blankoscheck. "Setzen Sie Ihren Preis ein."

"Ich werde für die Torah-Rollen kein Geld nehmen," antwortete Reuven. "Sie gehören G-tt. Wenn ich sie Ihnen verkaufe, kann er mir das Geld in einem Augenblick wieder abnehmen. Wenn er mir ein Vermögen geben will, wird er das tun."

Nach den anfänglichen Eingliederungs-Schritten, begann Reuven sich Sorgen zu machen. Er war von Beruf Uhrmacher. Aber seine beruflichen Fähigkeiten waren in Zeiten der $10-Uhren nicht gefragt. Erneut kam die Rettung von Yona Betzaleli. "Als ich noch in der Türkei gewesen war, hörte ich von meinen Verwandten, dass sich Yona um neue Einwanderer kümmert. Obwohl ich ihn nicht kannte, rief ich ihn an und er fand mir eine Stelle als Koch auf dem Kampus der Jewish Agency Kiryat Moriah. G-tt hat ihn mir geschickt, wie einen Engel vom Himmel."

Mit Hilfe der Jewish Agency war Reuven in der Lage, sich ein Appartment zu kaufen und sich in Jerusalem niederzulassen. Sein ältester Sohn hofft, Jura studieren zu können und seine weiteren beiden Söhne studieren, um Dayanim zu werden, religiöse Richter. Seine jüngeren Kinder gehen noch zur Schule.

Die Torah-Rollen fanden ebenfalls eine neue Heimat in Israel. Reuven spendete sie dem Vorsitzenden der Syrisch-Jüdischen Gemeinschaft in Israel, Haham Edmond Cohen, der diese wiederum auf mehrere Synagogen in Bnei Brak und Jerusalem verteilte.

Keren Hayesod 08-10-2003