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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Israelische Gäste bei der "Bild"-Spendengala – Keren Hayesod brachte sie nach Berlin:
Sieben Kugeln und ein neues Leben

Wie die Familie Hayun ihr Leben nach einem Anschlag meistert – Der Keren Hayesod hilft ihr, wie vielen weiteren Terroropfern, dabei

von Detlef David Kauschke

Berlin - Sie hatten acht traumhafte Tage. Eine Woche in Nueiba, direkt am Roten Meer. Sonne, Strand und Wasser – Ferien wie im Bilderbuch. Tsila und Chaim Hayun kehrten mit ihren Kindern Hadass, Amitai und Chamutal gut erholt nach Jerusalem zurück. Es war Sonntagabend, der 3. August vergangenen Jahres. Bevor sie noch das kleine Stück nach Har Gilo fuhren, ihrem Zuhause im Süden der Stadt, kauften die Hayuns ein paar Lebensmittel ein. "Wir nahmen auch ein bißchen Käse und eine Flasche Wein mit. Schließlich wollten wir diesen Sommerabend zu Hause gemütlich ausklingen lassen", sagt Tsila.

Doch dann geschah etwas, was ihr Leben von einer Sekunde auf die andere veränderte. Die Hayuns gerieten auf der Landstraße in einen Hinterhalt palästinensischer Terroristen, die ohne Vorwarnung auf ihren Wagen feuerten. "Erst dachten wir, es handelt sich um ein Feuerwerk. Als wir merkten, was wirklich geschah, reagierte Chaim Gott sei Dank richtig. Er bremste nicht, wie andere es unter Schock tun, sondern fuhr weiter", erzählt Tsila. Mit Vollgas raus aus dem Schußfeld. Das rettete der Familie das Leben. Dennoch hatten zwanzig Kugeln den Wagen durchsiebt.

Tsila und ihre Tochter Chamutal wurden getroffen, Vater Chaim und die Kinder Hadass und Amitai blieben unverletzt. "Erst als ich in die Ambulanz gebracht wurde und Chaim mich ins Hospital begleitete, begriff ich, daß die Kinder in Ordnung waren und daß es mich am schwersten erwischt hatte", erinnert sich Tsila Hayun an die schreckliche Nacht.


Die Familie Hayun aus Israel bei der BILD-Spendengala in Berlin.
(Foto: privat)

Tsila bekommt sieben Kugeln ab, in die Beine, in den Arm, den Rücken und den Bauch. Ihre Tochter Chamutal wird von zwei Kugeln getroffen, in den Arm und ins Bein. Ein Kugelsplitter dringt unmittelbar über der Augenbraue in den Kopf ein. Das damals achtjährige Mädchen muß zweimal operiert werden. Tsila liegt mehr als drei Wochen im künstlichen Koma. Die Ärzte kämpfen um ihr Leben. "Sie wissen selbst nicht, wie es ihnen gelang. Aber sie haben es geschafft, mich wieder soweit herzustellen." Zwei Monate nach dem Anschlag kann Tsila das Krankenhaus verlassen. Im Rollstuhl kehrt sie nach Hause zurück.

Seitdem hat sie zahllose Therapien und Operationen ertragen müssen. Die hübsche Frau, die gerne lacht und stets leise, aber bestimmt spricht, wird zeit ihres Lebens starke Schmerzen haben. Sie bleibt schwerbehindert. Früher spielte sie Tennis, tanzte gerne. Ob sie das jemals wieder können wird, ist fraglich. Zumindest kann sie sich wieder alleine bewegen.

Tsila Hayun ist Kulturmanagerin. Die Einundvierzigjährige hat ein kleines Büro im Jerusalemer Stadtteil Arnona. Von dort aus organisiert sie zum Beispiel die Woche des hebräischen Buches in Jerusalem. Ihr Mann Chaim ist Lehrer. Die Familie mußte lernen, mit der neuen Situation umzugehen. "Das war kein Verkehrsunfall. Da gibt es Leute, die dich und deine Kinder umbringen wollten. Das ist schrecklich, das verändert alles", sagt Tsila.

Zwei Wochen vor dem Anschlag hatten die Hayuns damit begonnen, ihr neues Häuschen in Har Gilo von Grund auf zu renovieren. Damit die Tsila überhaupt wieder ihren Job aufnehmen kann, müssen sie umziehen, sich eine Mietwohnung in der Nähe des Büros suchen. "Außerdem wollten wir erst einmal aus Har Gilo weg, weil wir nicht immer an der Stelle des Anschlages vorbeifahren wollten. Besonders Chamutal war das sehr schwergefallen." Aber nun sitzen sie auf den Renovierungskosten, müssen zusätzlich Miete zahlen. "Nicht einfach, aber irgendwie werden wir auch das schaffen", ist sich Chaim sicher. Der Staat hilft Terroropfern. Doch es dauert lange, viele bürokratische Hürden müssen überwunden werden.

In dieser Situation kam Hilfe von der Stiftung für Terroropfer des Keren Hayesod. Der KH übernahm alle Fahrtkosten für Tsila, anfangs auch einen Teil der Miete. Keren Hayesod hat die Stiftung vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Sie soll die Lücke füllen, die andere Hilfsorganisationen nicht schließen können. Mehr als acht Millionen US-Dollar Spenden wurden weitergegeben, heißt es bei Keren Hayesod. Wie den Hayuns konnte inzwischen mehr als tausend Familien geholfen werden. Für die Betroffenen ist das nicht nur finanziell von Bedeutung. "Ohne diese Hilfe würde es nicht gehen", sagt Tsila. "Es ist nicht nur das Geld. Es ist das Gefühl, daß jemand hinter dir steht, wenn du fällst, und dich auffängt. Es ist in meinen Augen auch so etwas wie der Kampf des Guten gegen das Böse. Auf der einen Seite stehen Leute mit Kalaschnikow und schießen auf dich. Und auf der anderen Seite die Ärzte, die Leute, die Geld geben, die dir Briefe schreiben, die dir helfen wollen."

Hilfe kommt auch aus Deutschland. Die BILD-Zeitung wollte mit ihrer diesjährigen Aktion Ein Herz für Kinder auch Terroropfern aus Israel unter die Arme greifen. Für die Fernseh-Spendengala wurden von Keren Hayesod Betroffene gesucht, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen. Die Hayuns sagten zu, nach langem Zögern. "Ein Grund war, daß in deutschen Medien häufig nur die palästinensische Seite als die dargestellt wird, die leidet. Natürlich ist sie betroffen. Aber wir wollten mit unserem Auftritt auch unsere Seite darstellen." Selbst Chaim, der der Sache eher skeptisch gegenüberstand, stimmte zu: "Wir hatten zuvor Chamutal gefragt. Wir sagten ihr, daß durch die Aktion auch Kindern in anderen Ländern geholfen wird. Daß sie damit irgendwie auch das Schlechte, das ihr widerfahren ist, in etwas Gutes umwandeln kann. Sie hat sofort ja gesagt."

Drei Tage vor der Sendung kamen sie nach Berlin. Dann am Samstagabend, 18. Dezember, 20.15 Uhr: Die große Spendengala "Ein Herz für Kinder", live im ZDF, aus dem Springer-Verlagshaus an der Berliner Kochstraße. Millionen verfolgten die Sendung an den Bildschirmen. Im Mittelpunkt standen Opfer von Krieg und Terror – aus dem russischen Beslan und dem tschetschenischen Grosny. "Ein Herz für Kinder greift Konflikte auf, wo die Unschuldigsten zu Opfern politischer Machtkämpfe werden, die Kinder", sagte Thomas Gottschalk.

Bundesinnenminister Otto Schilly leitetete zum nächsten Konfliktherd über: "Terror und Gewalt ist eine Seuche, die über die ganze Welt verbreitet ist. Besonders Israel leidet seit Jahrzehnten unter Terror und Gewalt, und der gesamte Nahe Osten." Dann ein kurzer Film. Der Tempelberg im Sonnenuntergang. "In Jerusalem leben die Menschen mit dem Terror. Er begleitet sie jeden Tag." Die Familie Hayun traf es am 3. August 2003, sagt der Kommentator. Schüsse fallen, das Auto ist zu sehen. "Zwanzig Kugeln trafen den Wagen." Chamutal kommt ins Bild, eine Träne kullert über ihre Wange. "Als ich im Krankenhaus aufwachte, hatte ich schreckliche Schmerzen, und rief nach meiner Mutter. Aber sie war nicht da. Da wußte ich, daß etwas Schreckliches geschehen war." Nach weiteren Bildern ein Schnitt. Chamutal und Tsila im Studio, auf dem schwarzen Ledersofa, Gottschalk neben ihnen. Der Moderator fragte, wie man in Israel mit der ständigen Bedrohung umgeht. "Wir versuchen, ein normales Leben zu führen", antwortet Tsila. Ob sie jemals daran gedacht habe, das Land zu verlassen? Sie lächelt und schüttelt den Kopf. "Wir haben doch keine andere Heimat."

Dann das nächste Thema: Flüchtlingsdrama im Sudan. Tsila und Chamutal nehmen im Publikum Platz, verfolgen den Rest der Sendung. "Dabei haben wir leider nichts verstanden", sagen sie. Ob es sich dennoch gelohnt hat, dafür den weiten Weg zu machen? "Für mich schon", lachte Chamutal, und zeigt auf den Elefanten Fridolin, das Maskottchen der Aktion, das ihr Gottschalk geschenkt hat. Vater Chaim hält sich zurück und schmunzelt nur. Mutter Tsila sagt: "Ich glaube, es war wichtig."

Am Tag nach der Sendung sitzen die drei wieder im Flieger nach Israel. Sie lesen die Zeitungen, die von der "Gala der Herzen" berichten. 8,4 Millionen Euro Spenden sind zusammengekommen. Am Sonntag kommender Woche steht für Tsila die nächste schwere Operation an. Die Chirurgen wollen ihre Bauchdecke wieder schließen. Und noch in dieser Woche muss sie zur Fahrprüfung. Für den neuen Wagen, in dem sie für Gas, Bremse und Schaltung nur den linken Fuß einsetzen muß, braucht sie einen speziellen Führerschein. Aber auch das wird sie schaffen. Tsila Hayun lächelt: "Nichts ist wirklich nur schlecht im Leben. Es kommt immer darauf an, was du daraus machst."

(Anmerk. d. KH-Online-Red.: Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 51-2004 der Jüdischen Allgemeinen vom 23. Dezember. Der KH dankt dem Autor für die erteilte Erlaubnis, diesen Artikel auf dieser Website veröffentlichen zu dürfen).

Keren Hayesod 23-12-2004

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem