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Presseschau des
Keren haYesod
Jerusalem

Nach 67 Jahren in Israel:
Das Wiedersehen zweier Geschwister und Holocaust-Überlebenden

Shoshana war 5 Jahre alt, als sie ihren älteren Bruder Benny, der damals 11 Jahre alt war, zum letzten Mal sah. Im einem Warschauer Waisenhaus hatten sie sich verabschiedet. Beide überlebten den Holocaust, wanderten nach Israel aus und gründeten hier ihre Familien. Jeder von ihnen war davon überzeugt, dass nur er oder sie überlebt hatte

Von Meir Turgeman
Bearbeitet nach einem Artikel aus Yediot Aharonot

"Die ganzen Jahre über dachte ich, dass meine gesamte Familie im Holocaust ausgelöscht worden sei. 67 Jahre, nachdem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten – finde ich plötzlich heraus, dass ich einen Bruder habe und dass er nur eineinhalb Stunden entfernt von mir, wenn man mit dem Auto fährt, lebt. Ich habe ich gedacht, dass ich alleine in der Welt bin, dass ich ein Waise war, der weder Eltern noch Geschwister habe. Jetzt kann ich meinen großen Bruder umarmen und küssen."

Und genau das ist es, was geschah: Shoshana November (73) konnte nicht aufhören, ihren Bruder Benny Schilon (78) zu umarmen und zu küssen, ihren älteren Bruder, den sie nicht mehr gesehen hatte, seit er vor 67 Jahren zu ihr gekommen war, um sich von ihr zu verabschieden, sie war damals 5 Jahre alt gewesen. Damals war sie ein kleines Mädchen gewesen, das im Waisenhaus Janus Korchak in Warschau lebte.

Beide Geschwister waren voneinander getrennt worden, als sie noch sehr jung gewesen waren. Jeder musste die Schrecken des Krieges für sich alleine erfahren, getrennt voneinander, und beide überlebten auf wundersame Weise den Holocaust. Jeder von ihnen wanderte nach Israel aus und gründete eine Familie. Jahrzehntelang hatte jeder von ihnen geglaubt, dass jeder von ihnen der einzige der Familie sei, der am Leben geblieben war.

"Es hat mich immer betroffen gemacht, dass ich alleine in der Welt war", erzählt Shoshana, die in Kfar Saba lebt. "Ich wollte immer sagen: Zum Shabbat kommt mich mein Bruder besuchen, oder – mein Bruder und seine Kinder besuchen mich zu den Ferien. Die Familie meines verstorbenen Mannes war zu meiner eigenen Familie geworden."

Ab er vor kurzem geschah ein großes Wunder: Shoshana fand heraus, dass ihr Bruder, Benny, am Leben war und es ihm gut ging. Er wohnt in Kiryat Tivon (bei Haifa). Vor kurzem trafen sie sich zum ersten Mal wieder in der Wohnung von Rachel Zilberberg, Shoshanas Tochter. "Ich habe einen Bruder, ich habe eine eigene Familie", sagte Shoshana stolz, und sie konnte einfach nicht aufhören, Benny zu umarmen und zu streicheln.

Nachdem sie sich umarmt und geküsst hatten und nachdem sich alle Anwesenden bei dem Wiedersehen ihre Tränen getrocknet hatten, nahmen die beiden Geschwister Platz, um ihre Erinnerungen auszutauschen. Sie mussten die Daten und die Zeitabläufe sorgfältig einordnen und auch die Erinnerungen, denn diese 5 Jahre alte Schwester rund ihr 11 Jahre alter Bruder waren vor so vielen Jahren getrennt worden.

Ihre Eltern, Jacob und Batya Shalmovitz, hatten vier Kinder: Shalmak war der älteste; danach folgte Benjamin (Benny) und darauf Shamek. Shoshana, die jüngste, wurde im Jahre 1930 geboren. Die Familie lebte in Warschau, Polen. Benny erinnerte sich daran, dass seine Eltern, deren wirtschaftliche Verhältnisse gut gewesen waren, ihr ganzes Hab und Gut in der wirtschaftlichen Krise der 30 Jahre verloren hatten.

Ihr Vater Jacob verließ die Familie und reiste nach England, während ihre Mutter Batya alleine mit den vier kleinen Kindern zurückblieb. "Wir wurden sehr arm", erinnerte sich Benny. Im Jahre 1936 wurden die Kinder, angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse zuhause, in verschiedene Kinderheime in ganz Polen verteilt. Shoshana, erinnerte er sich, wurde in das Waisenhaus von Janus Korchak in Warschau untergebracht. Seine jüngere Schwester war davon ganz überrascht: sie wusste nicht einmal, dass sie ihre Kindheit in dem Waisenhaus verbracht hatte, das von dem berühmten Erzieher geleitet worden war.

Zwei Jahre nachdem sie in der Kinderheim geschickt worden war, kam Benny, um seine jüngere Schwester zu besuchen. "Ich war damals 11 Jahre alt", erzählt er. "Rositchka – so nannten wir sie – wollte mich küssen. Aber ich wehrte mich dagegen – es machte mich verlegen, von meiner kleinen Schwester geküsst zu werden. In all den Jahren, die seitdem vergangen sind, tut es mir leid, dass wir uns nicht mit einem Kuss verabschiedet hatten. Jedes Jahr, am Gedenktag für die Märtyrer und Helden des Holocaust, dachte ich an meine tote kleine Schwester und an den Kuss, den wir nie austauschen konnten."

Be idem Zusammentreffen machte er das alles wieder gut und küsste seine kleine Schwester immer wieder, während er seine Lebensgeschichte erzählte. Er war in die Rote Armee eingezogen worden, wo er bis Ende des 2. Weltkrieges diente. Jeder Kontakt zu den Mitgliedern seiner Familie war unterbrochen worden.

Ich kämpfte um das Überleben

Shoshana konnte sich an die Geschichte mit dem Kuss nicht erinnern. "Ich war wirklich sehr jung", sagte sie entschuldigend. Sie erinnerte sich an die Jahre vor dem Krieg; sie erzählte, wie sie zu verschiedenen Arbeitslagern gebracht wurde, bis sie in Auschwitz ankam. "Ich kämpfte um das Überleben", erinnerte sie sich als sie den Ärmel ihrer Bluse hoch rollte und die Nummer zeigte, die auf ihrem Arm eingeprägt worden war.

Sie erinnerte sich an die Frau, die ihr das Leben rettete als sie Seite an Seite bei der "Selektion" standen, in der Reihe jener, die für die Gaskammern bestimmt waren. "Die Frau in meiner Nähe in der Reihe schaute mich an und sagte: "Du bist jung, du hast deine Zukunft noch vor dir. Geh in die andere Reihe." Sie stieß mich in die andere Reihe und damit rettete sie mir mein Leben."

Für Benny war es schwer seine Empfindungen zu verbergen: "Als Soldat in der Roten Armee war ich unter den Einheiten, die Auschwitz befreiten. Ich dachte nie im Traum daran, dass sich meine Schwester Rositchka hier befand. Ich erinnere mich an die großen Öfen, die wir sahen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine kleine Schwester sich in diesem Lager befunden hatte."

Aber Shoshana hatte sich dort befunden. Sie überlebte den Todesmarsch und blieb am Leben. Beide, Bruder und Schwester, waren sie nahe beieinander gewesen ohne es zu wissen, aber das Schicksal brachte sie nicht zusammen.

Bist Du es, Rositchka?

Im Jahre 1948 wanderte Shoshana alleine nach Israel aus. Sie heiratete und brachte zwei Töchter zur Welt - Rachel und Batya. Heute hat sie auch fünf Enkelkinder.

Benny machte im Jahre 1957 Aliyah. Er heiratete Na'ama und sie haben insgesamt drei Kinder und sechs Enkelkinder. "Als ich in Russland war, habe ich versucht, meine Geschwister zu finden", erzählte er. "Aber ich war sicher, dass Shoshana den Holocaust nicht überlebt hatte. Ich war seit meiner Jugend alleine gewesen. Ich habe nie gewusst, was es heißt, eine eigene warme Familie zu haben, bis ich heiratete und meine eigenen Kinder hatte."

Bruder und Schwester wären nie wiedervereint worden, wenn es nicht einen Verwandten aus den Vereinigten Staaten gegeben hätte, der eines Tages Shoshana besuchte. Sie reisten zusammen zur Yad Vaschem Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. "Ich unterbreitete alle meine Einzelheiten in der Suchabteilung für Verwandte", erzählte Shoshana. "Ich hatte jahrelang gesucht, bis ich endlich davon überzeugt gewesen war, dass die Chance, dass irgendjemand meiner Familie überlebt hatte, gleich Null war. Plötzlich jedoch wurde mir gesagt: "Jemand sucht nach Ihnen – Ihr Bruder."

Völlig aufgewühlt verließ Shoshana Yad Vaschem und hielt eine Notiz in der Hand, auf der ihr Bruders Name und seine Telefonnummer verzeichnet waren. "Ich kehrte nach Hause zurück", erzählte sie, "und gab die Nummer meinen Enkelsohn Nir, der für mich die Nummer wählen sollte."

"Ich rief ihn an und sagte: Sie haben eine Schwester, die Shoshana heißt und sie will mit ihnen sprechen. Er fragte: Bist du es, Rositchka? Und ich fühlte sofort in seiner Stimme, dass es mein Bruder war, Benny. Wir sprachen sofort in Polnisch. Wir sprachen über unsere Mutter und unseren Vater und über unsere beiden Brüder." Nach unserem gefühlsbeladenen Gespräch verabredeten wir, uns am Shabbat bei einem Familien-Essen zu treffen.

"Als meine Mutter mir sagte, dass sie ihren Bruder wieder gefunden hatte, war ich sehr skeptisch", sagte ihre Tochter Rachel. "Ich befürchtete, dass meine Mutter zu gefühlsbetont werden könnte. Aber von dem Augenblick an, an dem wir unseren Onkel wieder fanden, war unser Haus voller Erregung auf Freude. Bis zum letzten Moment hatten wir befürchtet, dass sich alles als Irrtum erweisen würde und wir alle eine schreckliche Enttäuschung erleiden würden."

Ich kann es immer noch nicht glauben

Aber es war keine Enttäuschung als Benny in Begleitung seiner Frau und eines seiner Kinder endlich an der Tür klopfte. "Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er aussah", erzählte Shoshana. "Ich erinnerte mich daran, dass er sich immer als hübsches Kind bezeichnet hatte." Benny: Du warst die hübsche gewesen und das bist du auch geblieben. Ich wusste sofort, dass du meine Schwester bist."

Die beiden Geschwister, die sich seit 67 Jahren nicht mehr gesehen hatten, hatten Mühe, sich voneinander zu verabschieden. "Wir haben viel nachzuholen", sagten sie. "Ich kann es immer noch nicht glauben", sagte Shoshana. "Obwohl er hier neben mir ist und ich zu ihm spreche und ihn berühre, kann ich es nicht glauben, dass ich einen Bruder habe. Es ist ein Traum. Es ist wirklich ein Wunder."

Jetzt wo sie sich gefunden haben, beginnen sie daran zu glauben, dass alles möglich ist – dass einer ihrer Brüder vielleicht noch am Leben sein könnte, dass er vielleicht sogar hier in Israel lebt. Shoshana nimmt ein Fotoalbum heraus. "Du bist immer noch das gleiche hübsche Mädchen wie auf den Fotos", sagt Benny voller Liebe. "Ich habe mich immer um dich gesorgt und an dich gedacht." Umgeben von ihren Kindern und Enkelkindern planen sie bereits ein Wiedersehen mit ihrer gesamten umfangreichen Familie. Nach 67 Jahren haben sie endlich eine große und umfangreiche Familie.

Keren Hayesod 04-04-2004

übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem